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Akteure & Konzepte

Gespräche

Michael Otto, Unternehmer und Stifter

Nachhaltigkeit ist für Internehmer und Stifter Michael Otto gelichbedeutend mit Zukunftsfähigkeit und erfordert, gleichzeitig ökonomisch erfolgreich und gesellschaftlich vernatwortungsvoll zu handeln. Die gilt zum einen für sein Unternehmen, bei dem er den Umweltschutz bereits 1986 zum Unternehmensziel erklärt hat und das seit 1995 in einem Verhaltenskodex soziale Standards gesetzt hat, auf den sich seine Lieferanten weltweit verplichten. Aber auch in seiner Stiftungsarbeit wird dieses Prinzip deutlich, etwa in der "Aid by Trade Foundation", die den nachhaltigen Angau land- und forstwirtschaftlicher Produkte in Entwicklungsländern fördert.

Interview in S&S Ausgabe 6 / 2008

S&S: Lieber Herr Dr. Otto, im Rahmen seiner diesjährigen Jubiläumstagung hat Ihnen der Bundesverband Deutscher Stiftungen die Medaille für Verdienste um das Stiftungswesen verliehen. In seiner Laudatio hat Sie der Bundespräsident als verantwortungsvollen und gemeinwohlorientierten Anstifter und damit als Vorbild für die Öffentlichkeit gewürdigt. Was sind die Hauptziele Ihres Engagements?

Otto: Mir ist wichtig, im Rahmen der Stiftungen nicht nur „Gutes“ zu tun. Ich möchte neben der Umsetzung einzelner Projekte auch die Sensibilität der Menschen für bestimmte Themen wecken, Ideen anstoßen und etwas ins Rollen bringen, das von anderen aufgegriffen und weiter entwickelt werden kann.

S&S: Sie betonen immer wieder, dass nachhaltiges Handeln wichtig ist. Was beinhaltet für Sie „Nachhaltigkeit“?

Otto: Nachhaltigkeit ist für mich Zukunftsfähigkeit und Zukunftssicherung. Jeder Einzelne muss seinen Beitrag leisten, um die Umwelt für nachfolgende Generationen lebenswert zu erhalten. Das erfordert ein klares Bekenntnis zur Generationengerechtigkeit und das Bewusstsein für einen verantwortlichen Umgang mit den natürlichen Ressourcen. Für mich als Unternehmer bedeutet Nachhaltigkeit, eine Balance zu schaffen zwischen Ökonomie, Ökologie und sozialverantwortlicher Wirtschaftstätigkeit. Dazu gehören erstens die sozialverträgliche Unternehmensentwicklung im globalen Zusammenhang, zweitens Leistungen zum Schutz der natürlichen Ressourcen weltweit und drittens das Engagement für das Allgemeinwohl.

S&S: Schon früh bezogen Sie ökologische und soziale Aspekte in Ihre Unternehmensführung ein. Was hat Sie dazu bewogen?

Otto: Ich meine, nur die Unternehmen sind solide für die Zukunft aufgestellt, die ökonomisch erfolgreich agieren und zugleich gesellschaftspolitisch verantwortungsbewusst handeln. Deshalb habe ich bei Otto bereits 1986 den Umweltschutz zum Unternehmensziel erklärt. Seit 1995 hat Otto einen eigenen Code of Conduct, einen Verhaltenskodex, der soziale Standards regelt und auf den sich unsere Lieferanten weltweit verpflichten. Ziel unseres Engagements ist es langfristig, Nachhaltigkeit konsequent zu einem wichtigen Faktor im Wechselspiel von Angebot und Nachfrage zu machen.

S&S: Sicher gab es auch Kritiker gegen diesen Kurs. Wie sind Sie damit umgegangen?

Otto: Ich habe zu meinen Überzeugungen gestanden und diese entsprechend gelebt. Das hat mit der Zeit auch motivierende Wirkung auf andere gehabt.

S&S: Nicht zuletzt Ihr unternehmerischer Erfolg hat Ihnen Recht gegeben, denn Sie gelten als der drittreichste Deutsche. „Eigentum verpflichtet“ heißt es im Grundgesetz. Steht dieser Appell hinter Ihrem stifterischen und mäzenatischen Wirken oder wo liegt die Motivation für Ihre stifterischen Initiativen?

Otto: Jeder von uns sollte im Rahmen seiner Möglichkeiten einen Beitrag zur Gesellschaft leisten. Nur dann ist sie vital und lebensfähig. Eigentum verpflichtet da in besonderem Maße. Und Dankbarkeit dafür, dass die Gesellschaft einem die Möglichkeit zu einer erfolgreichen Entwicklung gegeben hat.

S&S: Sie haben zwei Stiftungen selbst gegründet und unterstützen weitere. Ihre Stiftungen sind mit vergleichsweise geringem Grundkapital ausgestattet. Sie haben in diesem Zusammenhang betont, Sie wollten durch Ihren persönlichen Einsatz den Stiftungszielen zum Durchbruch verhelfen. Wie funktioniert das in der Praxis?

Otto: Dies gelingt, indem ich Stiftungsprojekte aktiv begleite, Termine vor Ort wahrnehme, zum Beispiel bei den Hamburger Gesprächen für Naturschutz anwesend bin und aktiv zum Tagungsprogramm beitrage. Das Grundkapital ist im Übrigen für mich nicht so entscheidend, sondern vielmehr die jährlichen Mittel, die der Stiftung zufließen.

S&S: Sie haben eine große Zahl von Ämtern inne. Wie sehr können Sie sich dann noch für die Belange Ihrer Stiftungen einsetzen?

Otto: Natürlich richtet sich mein für die Stiftungen verfügbares Zeitbudget vor allem nach den Bedürfnissen meines Unternehmens. Diese Tätigkeit bereichert mich aber sehr, so dass ich die hierfür erforderliche Zeit gerne einbringe. Dies fällt mir zudem leichter, seit ich im vergangenen Jahr den Vorsitz im Aufsichtsrat übernommen und mich aus dem aktiven Geschäft der Otto Group zurückgezogen habe.

S&S: 1993 gründeten Sie zunächst die Michael Otto Stiftung für Umweltschutz. Diese widmet sich dem Schutz der Lebensgrundlage Wasser. Was waren Ihre Beweggründe für diese Gründung?

Otto: Die Michael Otto Stiftung für Umweltschutz hat den Zweck, den Schutz und Erhalt der immer knapper werdenden Lebensgrundlage Wasser zu unterstützen. Die Bedürfnisse von Mensch und Natur treffen sich bei diesem Thema gleichermaßen. Besonders eindrucksvoll habe ich diese Tatsache bei einer Reise in Afrika erlebt. Die Gnus, die bei der Migration zu Tausenden die Savanne bevölkern, können den Zeitpunkt ihrer Niederkunft verzögern und warten, bis der Regen da ist. Wenn dann die Savanne ergrünt, wird sie zeitgleich von Tausenden Gnu-Kälbern bevölkert: ein beeindruckendes Bild mit großer Symbolkraft: Wasser ist Leben!

S&S: Was genau verbirgt sich hinter den „Flussprojekten“ der Stiftung?

Otto: Die Flussprojekte dienen dem Schutz von Fließgewässern und dem nachhaltigen Umgang mit Flusslandschaften. Seit 2002 setzt sich die Stiftung für die Renaturierung der Lenzener Elbtalaue an der unteren Mittelelbe ein. Einst charakterisierten ausgedehnte Auwälder die Region, die eine natürliche Funktion für den Hochwasserschutz und vielfältigen Lebensraum für Flora und Fauna boten. Durch Rodungen und den Bau von Deichen wurden Fluss und Aue voneinander getrennt und die ursprünglichen Auwälder zerstört. Ziel des Projektes ist die Rückverlegung des Elbdeichs und die Wiederherstellung des bedrohten Auwaldes. Außerdem fördert die Stiftung den NABU bei seinem Vorhaben, den gestörten Wasserhaushalt der Unteren Havel zu verbessern. Die Havel ist für die Binnenschifffahrt mit verheerenden Folgen für viele Pflanzen- und Tierarten verändert worden. Ziel ist es, die Untere Havel zu einem naturnahen und intakten Flussgebiet für Mensch und Natur zu entwickeln. Dies ist eines der größten Renaturierungsprojekte an einem europäischen Fluss und wird gemeinsam mit dem Bund sowie den Ländern Brandenburg und Sachsen-Anhalt durchgeführt.

S&S: Ihre Stiftung gibt als weiteres Aktionsfeld „Förderung, Bildung und Dialog“ an. Was genau kann man darunter verstehen?

Otto: Die Aktivitäten der Stiftung sollen Anreize schaffen, zum Nachdenken anregen und eine Initialwirkung auslösen. Deshalb gibt es die drei von Ihnen genannten Aktionssäulen. Die Stiftung fördert Projekte, die unmittelbar dem Wasser bzw. den betroffenen Lebensräumen zugute kommen. Sie engagiert sich im Bildungsbereich durch Einrichtung von Stiftungsprofessuren und finanzielle Unterstützung von Forschungs- und Bildungszentren. Außerdem ist die Stiftung Moderatorin zwischen gesellschaftlichen Interessengruppen. Sie initiiert Gespräche und bietet eine Plattform für Dialogveranstaltungen. Im Rahmen der „Hamburger Gespräche für Naturschutz“ oder die „Berliner Klima-Diskurse“ kommen Vertreter von Wirtschaft, Naturschutz, Politik und Wissenschaft zusammen, um pragmatische Lösungen für aktuelle umweltpolitische Fragen zu erarbeiten.

S&S: Mit den „Aqua-Projekten“ versuchen Sie, Jugendliche in die Arbeit der Stiftung einzubeziehen. Wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach, Kinder und Jugendliche für solche Themen zu sensibilisieren?

Otto: Junge Menschen sind die Entscheider von morgen. Ihre Sensibilisierung verdient unser besonderes Augenmerk. Diese Projekte dienen dem Schutz der Ressource Wasser. Ziel ist es, die Eigeninitiative von Schülern und Jugendlichen im Bereich Naturschutz zu steigern, ihre Mitmachbereitschaft zu erhöhen und sie zu Verhaltensänderungen zu motivieren. Mit unserem neuen Bildungsprojekt „Aqua-Agenten“ wollen wir Hamburger Grundschüler für diese Ressource begeistern und ihnen an attraktiven Orten die Bedeutung des Wassers für ökologische, wirtschaftliche und soziale Zusammenhänge anschaulich vermitteln. Die Kinder erhalten so die Möglichkeit, sich alltagsnah mit relevanten Wasserthemen auseinander zu setzen.

S&S: Im Jahre 2005 gründeten Sie eine neue Stiftung, die heutige „Aid by Trade Foundation“. Was genau sind deren Ziele und was waren hier Ihre Beweggründe?

Otto: Die Stiftung fördert den nachhaltigen Anbau landund forstwirtschaftlicher Produkte in Entwicklungsländern, die bisher auf dem Weltmarkt noch keinen Absatz gefunden haben. Die Projekte der Stiftung sollen die ökologischen, sozialen, technischen, politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen schaffen, die zur Erzeugung, Verarbeitung und zum Verkauf dieser Produkte nötig sind. Ihre Philosophie lautet: „Handel kann zur Armutsbekämpfung beitragen.“ Sie hat außerdem die Aufgabe, die Nachfrage der Industrieländer nach nachhaltigen Produkten aus Entwicklungsländern zu bündeln. Handelsunternehmen sollen so gemeinsam mit Konsumenten und Herstellern durch eine gezielte Nachfrageallianz dauerhaft wirksame Verbesserungsimpulse auslösen. Dieser innovative Ansatz orientiert sich am Markt und soll sich langfristig finanziell selbst tragen.

S&S: Das Projekt „Cotton made in Africa“ ist derzeit eines der größten Public-Private-Partnership-Projekte der deutschen Entwicklungszusammenarbeit und wird von Ihrer Stiftung getragen. Was ist das Ziel des Projekts? Wie kommt es, dass Sie sich speziell in Afrika engagieren?

Otto: In Afrika leben über 20 Millionen Menschen vom Baumwollanbau. Doch nur für wenige bietet er ein gesichertes Einkommen. Die Mehrzahl der Produzenten und ihre Familien leben am Rande des Existenzminimums, denn trotz guter Qualität der Rohware sind die erzielbaren Erlöse für die Erzeuger gering. Grund: Vor allem die USA zahlen ihren Baumwollbauern hohe Subventionen und senken damit den Weltmarktpreis für Baumwolle. Die Stiftung „Aid by Trade Foundation“ will gemeinsam mit Wirtschaft, NGOs und Bundesregierung der afrikanischen Baumwolle bessere und verlässlichere Absatzchancen in Europa verschaffen und durch eine gezielte Nachfrage die Armut in den Baumwollregionen Afrikas bekämpfen. Ein weiterer Schwerpunkt des Projekts liegt auf dem Natur- und Umweltschutz. Rund 90.000 Baumwoll-Kleinbauern werden aktuell darin geschult, ihre Anbaumethoden und Erträge zu verbessern, damit bessere Einkünfte zu erzielen und Nachhaltigkeitsaspekte zu berücksichtigen. Insgesamt sollen in den kommenden Jahren rund 150.000 Bauern unterstützt werden.

S&S: Im Frühjahr 2008 beendete das Projekt die Pilotphase. Was gab es für Erkenntnisse und wie sieht die Zukunft des Projektes aus?

Otto: Das Projekt verbindet die Idee der nachhaltigen Wirtschaftstätigkeit mit dem Massenmarkt. Um die Marktkräfte zu aktivieren, müssen Preisneutralität und Qualität gewährleistet sein. Mit unseren Schulungs- und Qualifizierungsmaßnahmen vor Ort konnten wir bereits während der Pilotphase eine Ertragssteigerung von 50-150 % und deutliche Qualitätsverbesserungen der Baumwolle erreichen. Das Projekt erfährt deshalb großen Zuspruch von internationalen Einzelhändlern. Beim Aufbau der Nachfrageallianz haben wir nach Europa nun den US-Markt im Visier.

S&S: Sie machten den Otto Versand zum größten und profitabelsten Versandhandel der Welt. Eines der Hauptfelder ist dabei der Textilhandel. Sehen Sie sich kritischen Stimmen insofern ausgesetzt, als die Aktivitäten der Stiftung Ihnen Vorteile auf diesem Markt verschaffen können?

Otto: Nein, überhaupt nicht, denn die Arbeit der Stiftung zielt darauf ab, eine Nachfrageallianz von Einzelhändlern nach afrikanischer Baumwolle zu erzeugen. Das ist gut gelungen. Viele namhafte Firmen wie Tom Tailor, Tchibo, Peek & Cloppenburg, Puma und andere nehmen an dem Projekt teil. Die Stiftung agiert als neutrale Instanz und Mittler zwischen den Produzenten in Afrika und den Textilunternehmen hier. Otto entsteht dadurch kein besonderer Vorteil.

S&S: Auch auf den Gebieten der Kultur treten Sie immer wieder fördernd auf. So unterstützten Sie den Bau der Jugendmusikschule Hamburg und die Stiftung Elbphilharmonie mit Spenden. Warum ist die Unterstützung Privater auf diesem Feld so bedeutend?

Otto: Die Förderung von Kunst und Kultur steht häufig nicht im Vordergrund der öffentlichen Haushalte. Deshalb ist die private Hilfsbereitschaft derer, die es sich finanziell leisten können, hier besonders wichtig. Ich unterstütze besonders gerne Projekte im Rahmen der musikalischen Bildung, denn die verbindende Kraft der Musik dient nicht nur der Persönlichkeitsbildung, sondern fördert auch Kreativität und das soziale Miteinander.

S&S: Welche Rolle spielt stifterisches und mäzenatisches Wirken bei anderen Mitgliedern Ihrer Familie?

Otto: Eine große. Mein Vater, Werner Otto, hat uns dieses Wirken vorgelebt. Die Werner Otto Stiftung beispielsweise fördert die medizinische Forschung an Hamburger Krankenhäusern. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem Engagement für kranke oder behinderte Kinder.

S&S: Sie haben im Laufe der Jahre viele wichtige Preise vor allem auf den Gebieten des Managements und des Umweltschutzes erhalten. Wie wichtig ist das für Sie persönlich? Wie entscheidend ist das für Ihre Arbeit?

Otto: Die Preise empfinde ich als Anerkennung meines Engagements und als Ehre. Sie sind zusätzlicher Ansporn für etwas, was ich aber ohnehin täte.

S&S: Herr Dr. Otto, herzlichen Dank für das Gespräch.

Zum Interview

Zur Person

Dr. oec. publ. Michael Otto, am 12.4.1943 in Kulm geboren, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Nach Banklehre und Studium der Volkswirtschaftslehre mit anschließender Promotion trat er als Vorstandsmitglied in das väterliche Unternehmen Otto Versand ein. Nach jahrelanger Führung des Unternehmens als Vorstandsvorsitzender ist er seit Oktober 2007 Vorsitzender des Aufsichtsrates. 1993 errichtete er die Michael Otto Stiftung für Umweltschutz und im Jahre 2005 die Foundation for Sustainable Agriculture and Forestry (seit 2007 Aid by Trade Foundation). Außerdem ist er u.a. Mitbegründer der 1993 errichteten Deutschen Nationalstiftung, Vorsitzender des Stiftungsrates der Umweltstiftung WWF Deutschland und Vorsitzender des Kuratoriums der Werner Otto Stiftung für medizinische Forschung. Er ist Träger des Bundesverdienstkreuzes mit Stern und erhielt darüber hinaus zahlreiche Auszeichnungen, wie z.B. „Manager des Jahres“, „Mann des Jahres“, „Binding Preis für Natur und Umweltschutz“, „Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt“ und „International Corporate Conscience Award for Environmental Initiatives“ des „Council on Economic Priorities“ (New York).

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