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Jürgen Kocka, Permanent Fellow am Internationalen Geisteswissenschaftlichen Kolleg „Arbeit und Lebenslauf in globalgeschichtlicher Perspektive“, Humboldt-Universität zu Berlin

Wie beeinflusst sich Kapitalismus und Zivilgesellschaft gegenseitig – im Positiven wie im Negativen? Und wie können sich Unternehmen dabei verantwortungsvoll verorten? Hierüber spricht Prof. Dr. Jürgen Kocka mit der S&S-Redaktion.

Jürgen Kocka, Sozialhistoriker

S&S: Herr Professor Kocka, im Lauf der Geschichte sind immer wieder Unternehmer, wie etwa Kurt A. Körber, Berthold Beitz oder Reinhard Mohn, als großzügige Mäzene in Erscheinung getreten. In der Gesamtschau muss jedoch
konstatiert werden, dass sich nur ein Bruchteil der erfolgreichen Kaufleute, Bankiers und Industriellen zivilgesellschaftlich engagierte bzw. engagiert. Woran liegt das?

Kocka: Das Hauptziel der meisten Unternehmer ist der wirtschaftliche Erfolg ihres Unternehmens. Zivilgesellschaftliches Engagement ist dafür nicht unbedingt notwendig, es kann sogar – durch die Beanspruchung von Ressourcen wie Geld und Zeit für nicht-ökonomische Zwecke – betriebswirtschaftlich abträglich sein. Die meisten teilen überdies die Überzeugung, dass kommunale und staatliche Instanzen mit Steuermitteln für die allgemeinen Dinge Sorge tragen, während Kapitalisten, Unternehmer und Manager sich um die Wirtschaft, ihr Unternehmen, dessen Beschäftigte und um private Interessen zu kümmern haben. Um mäzenatisch tätig zu werden, zu stiften oder zivilgesellschaftliches Engagement in anderen Formen
zu entwickeln, braucht es zusätzliche Motive und entsprechende Ressourcen.

S&S: Welche waren bzw. sind die vorrangigen Gründe von Unternehmern, sich für die Allgemeinheit zu engagieren?

Kocka: Vor allem: Gestaltungswille, soziale Verantwortungsbereitschaft, Selbstdarstellungsbedarf und das Streben nach öffentlicher Anerkennung. Bei Stiftern kommt oft der mächtige Wunsch hinzu, nach dem eigenen Tod erinnert zu
werden und insofern weiterzuleben, besonders wenn eigene Kinder fehlen. Religiöse Motive waren vor allem in der Frühzeit des Industriekapitalismus stark, auch heute fehlen sie nicht. Dazu kamen und kommen Loyalität zur eigenen gesellschaftlichen Gruppe und die Identifikation mit dem eigenen Gemeinwesen, oft auch in der Hoffnung, die eigene Stadt oder das eigene Land zu beeinflussen, durch Hilfen und Institutionen, Deutungsangebote oder Weichenstellungen. Der Einsatz erworbenen Reichtums für allgemeine Belange
gibt der wirtschaftlichen Anstrengung nachträglich zusätzlichen Sinn. Aber auch geschäftliche Interessen fallen ins Gewicht. Man mag auf geschäftliche Vorteile durch öffentliche Anerkennung der geleisteten Schenkungen hoffen,
man stiftet in der Erwartung von Steuererleichterungen und vielleicht auch, um ein Nachfolgeproblem zu lösen oder die Zukunft der Firma gegen die Ansprüche potenzieller Erben abzusichern.

S&S: War bzw. ist unternehmerisches Engagement uneigennützig oder eher von partikularen Interessen getrieben?

Kocka: Das sind keine Gegensätze. Gewisse Eigeninteressen sind meistens dabei, persönlicher Art oder solche des Unternehmens. Entscheidend ist, dass sie sich mit Zielen verbinden und zu Entscheidungen führen, die über die partikularen Interessen hinausführen, in Kategorien des allgemeinen Interesses begründet werden können und im gesellschaftlichen Umfeld entsprechend anerkannt werden. Zivilgesellschaftliches Engagement von Unternehmern und Firmen – durch Spenden und Philanthropie, in Form von Stiftungen und Schenkungen, in gemeinnützigen Vereinen wie „Aktive Bürgerschaft“, durch Unterstützung von gesellschaftlichen und kulturellen Initiativen unterschiedlicher Art – muss zwar über die interessengeleitete Öffentlichkeitsarbeit der jeweiligen Firma oder die Verwirklichung eines Steckenpferds des reich gewordenen Wirtschaftsbürgers deutlich hinausgehen, um den Namen zu verdienen. Es muss aber nicht „uneigennützig“ sein und ist es in der Regel auch nicht.

S&S: Wie engagierten sich Unternehmer in der Vergangenheit? Lassen sich Wandlungen in den Präferenzen und Strategien feststellen?

Kocka: Die Unternehmer der Industriellen Revolution, die Henckels, Harkorts, Krupps oder Siemens, waren harte, profitorientierte Geschäftsleute und Fabrikanten, aber sie führten auch ein Leben außerhalb ihres Geschäfts. Dadurch gaben sie ihren wirtschaftlichen Kämpfen und Erfolgen zusätzlichen Sinn. Neben dem Einsatz für ihre Familien gehörte dazu das bürgerschaftliche
Engagement in Kirchen, Vereinen und in der Selbstverwaltung ihrer Gemeinden. Sie spendeten für soziale Einrichtungen und lokale Infrastruktur, sie arbeiteten
persönlich in städtischen Vereinen mit. Später war dann das Kaiserreich eine Hoch-Zeit des zivilgesellschaftlichen Engagements und des großbürgerlichen
Mäzenatentums. Der Löwenanteil mäzenatischer Mittel wurde weiterhin sozialen Zwecken zugeführt und vor allem zur Entschärfung der „Arbeiterfrage“ eingesetzt, deren Brisanz kräftig zugenommen hatte. Die von Ernst Karl Abbe gegründete Stiftung für die Arbeiter des Carl Zeiss-Werks in Jena von 1889 und Wilhelm Mertons Frankfurter „Institut für Gemeinwohl“ von 1890 sind imponierende Beispiele hierfür. Daneben wandte sich das wirtschaftsbürgerliche
Engagement aber nun auch der Förderung von Kunst und Wissenschaft zu. Ohne die millionenschweren Zuwendungen herausragender Kunstmäzene wie James Simon oder Eduard Arnhold wäre die Berliner Museumslandschaft im wilhelminischen Reich viel provinzieller geblieben. Die Gründung der Frankfurter Universität kurz vor dem Ersten Weltkrieg ging aus bürgerschaftlichem Engagement hervor. Unternehmer waren maßgeblich an der Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft für die Förderung der Wissenschaften (heute Max-Planck-Gesellschaft) 1911 beteiligt. Mäzenatentum reichte nun häufig über den lokalen Bereich hinaus. Die Politiker des Kaiserreichs bis hinauf zum Kaiser regten es entschieden an, vor allem durch demonstrative Gewährung öffentlicher Anerkennung. Juden waren unter den wirtschaftsbürgerlichen Mäzenen besonders stark vertreten: aufgrund der starken Tradition sozialer Gesinnung in dieser Minderheit, weil ihnen andere Formen öffentlicher Anerkennung oft versperrt waren, weil sie so ihre bisweilen in Frage gestellte volle
Zugehörigkeit zum Gemeinwesen dokumentieren konnten, und als Ausdruck von Stolz auf Erreichtes.

S&S: Was änderte sich im 20. Jahrhundert? Und wie unterscheidet sich die Bundesrepublik von dieser langen Tradition zivilgesellschaftlichen Engagements im Wirtschaftsbürgertum?

Kocka: In der Ära der Weltkriege kam es zur Schwächung des philanthropischen und mäzenatischen Engagements. Viele große Vermögen litten in Krieg, Inflation und Krise, aber auch die neue Distanz zwischen der Bourgeoisie und dem Weimarer demokratischen Staat fiel ins Gewicht. Oft
wurde nun als städtische Aufgabe wahrgenommen, was früher freiwilligem
Engagement der Bürger überlassen worden war; soziale Einrichtungen und der Betrieb der Museen können als Beispiele dienen. Es hätte den Prinzipien der nationalsozialistischen Diktatur wie auch den Prinzipien der späteren SED-Diktatur widersprochen, Spielräume für selbständiges bürgerschaftliches Engagement zu pflegen. Vielmehr gehörte die selbstorganisierte Zivilgesellschaft zu den Opfern der Diktaturen. Die Ausraubung, Vertreibung und Ermordung der Juden vernichtete eine wichtige soziale Basis wirtschaftsbürgerlichen Mäzenatentums. Der Wiederaufstieg des wirtschaftsbürgerlichen Engagements in der Bundesrepublik kam vor allem durch Neubelebung, Ausweitung und Neugründung von Stiftungen zustande. Stiftungen konnten als eine Art Kompromiss zwischen Staats- und Privateigentum angesehen werden, so im Fall der 1961 entstandenen VW-Stiftung anlässlich der Privatisierung des Volkswagen-Werks. Große neue unternehmensnahe Stiftungen wie die Thyssen-Stiftung und die Krupp-Stiftung entstanden, zum Teil nach amerikanischem Vorbild, zum Teil auf staatliche Anregung hin. Während in den 1950er- und 60er-Jahren 36 bzw. 55 Stiftungen pro Jahr neu gegründet wurden, betrug die Zahl der Neugründungen pro Jahr in den 90er-Jahren 347 und nach 2001 mehr als 1.000. Der Aufstieg des Sozialstaats hat die Situation verändert: In vielen Fällen führte er zu engsten Verbindungen zwischen privaten Stiftungen und städtischen oder staatlichen Behörden. Zwar dienen die meisten Stiftungen weiterhin sozialen und karitativen Zecken. Es lässt sich aber eine gewisse Verschiebung hin zu den Bereichen Bildung, Forschung und Kultur beobachten. Insgesamt nimmt die Zahl der direkt vom Stifter und seinen engsten Mitarbeitern geführten Stiftungen anteilsmäßig ab, professionelle Stiftungsverwaltung ist auf dem Vormarsch.

S&S: Unterscheidet sich das Engagement je nach Größe des Unternehmens?

Kocka: Zivilgesellschaftliches Engagement scheint in der komplexen Struktur eines großen, börsengehandelten Manager-Unternehmens mit entschiedener
Shareholder-Value-Orientierung schwerer zu verwirklichen zu sein als in kleineren, inhabergeführten Eigentümer-Unternehmen. Die Spielräume der Vorstände sind begrenzt. Die bis ins Einzelne durchgesetzte kapitalistische Logik der Unternehmen begrenzt und bremst ihr zivilgesellschaftliches Engagement.
Eine Folge ist, dass erfolgreiche Unternehmer – Bill Gates als Beispiel – ihre mäzenatischen Ziele getrennt von den Unternehmen durchführen, denen sie ihren Reichtum verdanken – ganz anders etwa als Kurt Körber oder Werner Reimers, die
ihre Stiftungen aufs Engste mit ihren Unternehmen verzahnten. Andererseits liegt es im breit verstandenen geschäftlichen Interesse auch größter Firmen, auf Präferenzen und Erwartungen ihrer Umwelt einzugehen. Wenn diese – die
Öffentlichkeit, die Kunden, das politische Umfeld – zivilgesellschaftliche Grundsätze hochschätzt und propagiert, bewegt sich auch das kapitalistische Unternehmen ein Stück weit in diese Richtung. Große Unternehmen haben ihre darauf spezialisierten, professionell arbeitenden Abteilungen – man spricht von „Corporate Social Responsibility“.

S&S: Kapitalismus und Zivilgesellschaft sind Handlungsbereiche, die konträren Logiken und Regeln folgen. Dennoch schließen sie sich, wie erfolgreiches, unternehmerisches Engagement für das Gemeinwohl zeigt, nicht partout aus. Wie beeinflusst sich Kapitalismus und Zivilgesellschaft gegenseitig – im Positiven wie im Negativen?

Kocka: Kapitalismus und Zivilgesellschaft stehen oft in Spannung zueinander. Man sieht dies schon daran, dass viele kapitalistische Unternehmen und die in ihnen Arbei-tenden kein zivilgesellschaftliches Engagement praktizieren, während es viele Aktivisten des zivilgesellschaftlichen Engagements gibt, die sich in ausgeprägter Distanz zu kapitalistischen Märkten und Logiken verstehen. Wenn es hart auf hart kommt – beispielsweise in wirtschaftlichen Krisen –, beenden Unternehmen aus Kostengründen ihr zivilgesellschaftliches Engagement. In anderen Fällen werden unternehmenseigene oder unternehmensnahe Stiftungen zu reinen PR-Agenturen verkürzt und im geschäftlichen Interesse instrumentiert. Zwänge des Marktes können die zivilgesellschaftliche Substanz unterminieren. Aber Kapitalismus und Zivilgesellschaft sind auch kompatibel und in der Lage, sich gegenseitig zu unterstützen. Zivilgesellschaftliches Engagement kann den Geschäftserfolg von Unternehmen befördern, unter anderem durch den Aufbau von Netzwerken und durch die Akkumulation von Reputation. Überdies ist zivilgesellschaftliches Engagement des Unternehmers und Kapitalisten eine wichtige Klammer, um seine Anstrengungen sozial und kulturell „einzubetten“, in Proportionen zu rücken, mit zusätzlichem Sinn zu erfüllen und gegebenenfalls auch zu bremsen, wenn sie drohen, verabsolutiert und zur Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu werden. Zu den Problemen des heutigen Finanzmarktkapitalismus gehört, dass viele seiner Hauptakteure nicht oder kaum über solche zivilgesellschaftlichen Widerlager verfügen, jedenfalls nicht so, dass kapitalistische Dynamik im Unternehmen und zivilgesellschaftliches Engagement eng miteinander verbunden sind. Umgekehrt gilt, dass die Zivilgesellschaft am ehesten in Verbindung mit Marktwirtschaft floriert, nicht aber in Systemen mit zentraler Verwaltungswirtschaft oder diktatorischer Wirtschaftslenkung. Vor allem bringt das erfolgreiche kapitalistische Wirtschaften Vermögen hervor, die, wenn sie der Zivilgesellschaft zugeführt werden, deren Funktionsfähigkeit und Durchschlagskraft befördern. Ohne solche Zufuhr von Ressourcen und Energien bliebe die Zivilgesellschaft ein blut-
leeres Schattenreich, das gegenüber der Macht des Staates und den dynamischen Zwängen der Märkte hoffnungslos ins Hintertreffen geriete.

S&S: Was muss geschehen bzw. kann getan werden, um noch mehr Unternehmer zu motivieren, sich für das Gemeinwohl zu engagieren?

Kocka: Es muss dafür gesorgt werden, dass die staatlichen Gesetze und behördlichen Verordnungen die nötigen Freiräume sichern. Zivilgesellschaftliches Engagement setzt Freiheit voraus. Politik und Gesellschaft müssen deutlich machen, dass sie zivilgesellschaftliches Engagement – auch der Unternehmer und Unternehmen – brauchen und wollen. Das erfordert öffentliche Anerkennung, nicht stetes Misstrauen. Schließlich
scheint mir die historische Erfahrung seit dem 19. Jahrhundert zu zeigen, dass es
vor allem dort zum zivilgesellschaftlichen Engagement für soziale, kulturelle und wissenschaftliche Zwecke gekommen ist, wo Besitz und Bildung, wo Vermögen, Qualifikation und Kultur, wo Wirtschafts- und Bildungsbürgertum miteinander in engen Kontakt traten. Daraus vor allem entstanden Anstöße und Milieus, die zivilgesellschaftliches Engagement generierten. Sie sollte man
fördern.

S&S: Es gibt auch Kritik am mäzenatischen Engagement von Unternehmern. Was sagen Sie dazu?

Kocka: Zweifellos ist das Schenken, Stiften und zivilgesellschaftliche Intervenieren ein Bereich, in dem die Unternehmen – ähnlich den großen Stiftungen – auch ihre gesellschafts- und kulturpolitischen Präferenzen ins Spiel bringen können. Insofern übersetzen sie ökonomische Ressourcen in gesellschaftlichen Einfluss. Dies wird kritisiert. Aber: Solange dies im Plural, im Rahmen der Gesetze und öffentlichkeitstransparent geschieht, ist dagegen in einem Land wie dem unseren, in dem ohnehin sehr viel staatlicherseits initiiert, getragen und geregelt wird, nichts einzuwenden. Es ist vielmehr als Bereicherung
zu begrüßen.

S&S: Vielen Dank für das Gespräch!

Jürgen Kocka im Gespräch: Unternehmer im Spannungsfeld zwischen Kapitalismus und Zivilgesellschaft


Zur Person

Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Jürgen Kocka, geboren am 19.4.1941 in Haindorf (heute Hejnice, Tschechien) ist Historiker. 1973 bis 2009 war er Professor für Sozialgeschichte an der Universität Bielefeld und für Geschichte der industriellen Welt an der Freien Universität Berlin. Er nahm Lehr- und Forschungsaufenthalte in Paris, Oxford, Jerusalem, Princeton, Chicago, New York, Stanford und Los Angeles wahr. Kocka war Permanent Fellow des Berliner Wissenschaftskollegs, Direktor am Berliner Kolleg für Vergleichende Geschichte Europas, Präsident des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) und Vizepräsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Seit 2009 ist er Permanent Fellow am Internationalen Geisteswissenschaftlichen Kolleg „Arbeit und Lebenslauf in der Globalgeschichte“ der Berliner Humboldt-Universität und Senior Fellow am Zentrum für zeithistorische Forschung Potsdam. Kocka erhielt wichtige Wissenschaftspreise, ist Ehrendoktor verschiedener Universitäten und Träger des Verdienstkreuzes 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland.