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Akteure & Konzepte

Gespräche

ECKARD MINX, Zukunftsforscher und Vorstandsvorsitzender der Daimler und Benz Stiftung

Das Spannende an einer Stiftung - so Eckhard Minx - ist die Wechselwirkung zwischen historischem Auftrag und der konkreten Umsetzung, die von der Generation der Verantwortlichen jeweils neu definiert werde. Im Verhältnis zwischen einem Unternehmen als Stifter - wie die Daimler AG - und Stiftung - wie die Daimler und Benz Stiftung - hält er es für wichtig, dass beide im Gepräch bleiben.

Interview in S&S 2/2011 - Foto: nyul/Fotolia

S&S: Am 29.1.1886 meldete Carl Friedrich Benz sein dreirädriges „Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb” zum Patent an – das Auto und damit auch die Daimler AG feiern ihr 125-jähriges Jubiläum. Autos sind ein Symbol für Fortschritt und Dynamik. Dagegen gelten Stiftungen, auch wenn sie mitunter als Innovationsagenturen gefeiert werden, wegen ihrer Rückbindung an den historischen Stifterwillen und ihrer Bestandserhaltungsaufgabe als eher statische Gebilde, langsam und vorsichtig. Was sind Ihre Erfahrungen?

Minx: Ebenso wenig wie es einen immerwährenden linearen Fortschritt und eine kontinuierliche Dynamik geben kann, kann es ein unendlich geltendes Symbol für den Wandel geben. Genauso wenig kann eine Stiftung ad infinitum die Aufgabe erfüllen, Innovationen zu kreieren. Was Fortschritt, was Dynamik und was Innovation ist, gilt es immer wieder neu zu interpretieren. Darauf sind Stiftungen nur beschränkt ausgerichtet, da Sie langfristig bestimmte Zwecke zu erfüllen haben. Wie sie dies tun, wird primär durch die Satzung vorgegeben, konkret jedoch von jeder Generation der Verantwortlichen in den Stiftungen neu definiert. Diese Wechselwirkung zwischen historischem Auftrag und aktueller Umsetzung ist aber gerade das Spannende an einer Stiftung. In diesem Zusammenhang nehme ich viele Stiftungen seit Jahren alles andere als langsam, statisch oder vorsichtig wahr.

S&S: Stéphane Hessel, der 93-jährige ehemalige französische Widerstandskämpfer und Botschafter, scheint mit seiner Streitschrift „Empört euch!“, in der er die herrschenden Verhältnisse kritisiert und zum friedlichen Aufstand gegen sie aufruft, den Zeitgeist getroffen zu haben. Proteste couragierter Bürger zeigen weltweit Wirkung und irritieren auch hierzulande die politische Klasse. Sind Stiftungen als entschlossene Agenturen des Widerstandes vorstellbar? Oder sind sie zu eingeschränkt und zu eng in ihren vielfältigen Bindungen?

Minx: Empörung kann sich immer nur auf bestimmte Zustände beziehen, wie wir es gerade in der arabischen Welt erleben. Ansonsten würde sie zu einer pathetischen Pose verkommen. Auch Stéphane Hessel wendet sich gegen konkrete Zustände, unabhängig davon, wie man zu seinen Positionen im Einzelnen stehen mag. Sein wichtiger Beitrag in der aktuellen Periode ist der Aufruf, sich ungeachtet kultureller, sozialer oder biologischer Barrieren mit den bestehenden Zuständen zu befassen und auf sie einzuwirken. So wie Martin Luther angesichts des Weltunterganges ein Apfelbäumchen gepflanzt hätte, lässt sich Hessel durch das nahe Lebensende nicht davon abbringen, seine Ziele zu artikulieren. Wenn Stiftungen solche Werte fördern und ihre Umsetzung stärken, kann das unter bestimmten historischen Umständen einem Widerstand gegen untragbare oder unhaltbare Zustände nutzen. Als organisatorische Agenturen von Widerstand sind Stiftungen aus meiner Sicht allerdings kaum vorstellbar.

S&S: Könnte es nützlich sein, die Rechtsaufsicht von staatlichen Behörden auf eine selbst organisierte und finanzierte Stiftungskammer zu übertragen?

Minx: Es ist immer sinnvoll zu prüfen, ob bestimmte Aufgaben vom Staat auf gesellschaftliche Institutionen übergehen können. Unbedingt müsste jedoch der Eindruck vermieden werden, dass die zu Kontrollierenden – also die Stiftungen – sich selbst kontrollieren. Aus der Erfahrung der Daimler und Benz Stiftung mit der Stiftungsaufsicht heraus lässt sich keine unmittelbare Notwendigkeit für deren Substitution erkennen.

S&S: Sie sind Vorstandsvorsitzender der Daimler und Benz Stiftung. Sie wurde zum 100-jährigen Jubiläum des Unternehmens im Jahr 1986 errichtet. Was ist Aufgabe dieser Stiftung?

Minx: Die Stiftung fördert die interdisziplinäre Erforschung der Wechselbeziehungen zwischen Mensch, Umwelt und Technik [vgl. in diesem Heft S. 12-13]. Eingedenk der Umwälzungen, die durch die Erfindungen der Unternehmensgründer Gottlieb Daimler und Carl Benz ausgelöst wurden, soll die Stiftung mit einem kontinuierlichen Diskurs und mit Forschungsprojekten die zukünftige Entwicklung unserer Gesellschaft wissenschaftlich begleiten. Hierzu fördert die Stiftung interdisziplinäre Forschungsgruppen und wissenschaftliche Diskussionen, vergibt einen Preis für herausragende Promotionen von Ingenieurinnen und unterstützt die internationale Kooperation in den Wissenschaften.

S&S: Kürzlich hat Dieter Zetsche, Vorsitzender des Vorstands der Daimler AG und Leiter von Mercedes-Benz Cars, eine Zustiftung von mehr als 80 Mio € bekannt gegeben. Was wollte das Unternehmen damit erreichen?

Minx: Anlass für diese gewaltige Zustiftung ist das 125-jährige Jubiläum der Erfindung des Automobils, so wie vor 25 Jahren das damalige Jubiläum Anlass für die Gründung der Stiftung war. Durch die Zustiftung besteht das Stiftungskapital aus der symbolträchtigen Summe von 125 Mio. €. Und es hilft der Stiftung gerade jetzt aus einer prekären Situation, denn infolge der globalen Finanzkrise sind die Erträge aus dem früheren Kapital stark zurückgegangen. Das Unternehmen hat also ein Zeichen gesetzt, dass es seiner Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft gerecht wird. Es würdigt die bisherige Arbeit und stärkt die zukünftige Bedeutung der Stiftung. Geplant ist u.a. ein Technik-Kolleg, zu dem die besten Köpfe aus verschiedenen Disziplinen eingeladen werden sollen. Wie dieses Konzept im Einzelnen umgesetzt werden soll, werden die Stiftungsgremien und das Unternehmen in den nächsten Monaten klären.

S&S: Eine Entscheidung von Stiftung und Unternehmen … Gibt es eigentlich Schwierigkeiten in der Kommunikation zwischen wissenschaftsfördernden Stiftungen und wissenschaftsgetriebenen Unternehmen? Was haben Sie hier für Erfahrungen gemacht?

Minx: Die größten Schwierigkeiten gibt es immer dann, wenn Missverständnisse über die unterschiedlichen Aufgaben und damit die Ziele der Kommunikationspartner vorherrschen. Diese Situation hat es in der bisherigen Kommunikation zwischen Daimler und der Stiftung nicht gegeben. Das Unternehmen hatte der Stiftung von Beginn ihrer Existenz an eine große Unabhängigkeit zugestanden, um den Eindruck zu vermeiden, dass von der Stiftung geförderte Wissenschaftler letztlich für den Konzern arbeiten. Trotzdem hat Daimler die Entwicklung der Stiftung stets begleitet und war durch Vorstandsmitglieder im Kuratorium der Stiftung vertreten. So, wie ich unseren Kuratoriumsvorsitzenden, den Daimler Forschungs- und Entwicklungsvorstand Thomas Weber, verstanden habe, will er die Sichtbarkeit der Stiftung in der Unternehmenskultur ausbauen. Der große Vorteil bestand immer darin, dass Stiftung und Stifterin im Gespräch geblieben sind und so das gegenseitige Verständnis für die unterschiedlichen Arbeitsstile und Motive aufgebracht wurde. Auf der Ebene der Institutionen hat es bisher keine Probleme gegeben. Es hat sich zudem gezeigt, dass Mitarbeiter des Konzerns eine große Neugier auf die Arbeit der Stiftung haben. Dies hat beispielsweise dazu geführt, dass bei Stiftungstagungen der Daimler-Chefdesigner über die Schönheit von Autos nachdenkt oder Daimler-Forscher über ihre Erkenntnisse zum Sekundenschlaf berichten.

S&S: Wo sehen Sie ganz allgemein die Chancen und Risiken von unternehmensnahen Stiftungen?

Minx: Wie bereits angedeutet, standen unternehmensnahe Stiftungen in den 80er und frühen 90er Jahren eher unter dem Generalverdacht, in verschleierter Form Unternehmensinteressen zu verfolgen. Dies hat sich aus verschiedenen Gründen geändert: Einerseits gibt es mittlerweile eine klare Erwartung der Öffentlichkeit an Unternehmen, soziale Verantwortung wahrzunehmen. Und andererseits greifen immer mehr Unternehmen diese Ansprüche auf und entwickeln Leitlinien für das eigene gemeinnützige Engagement. Stiftungen spielen dabei nur eine Rolle unter vielen anderen Möglichkeiten, die Unternehmen gefunden haben, ihrer sozialen Verantwortung gerecht zu werden. Unternehmensnahe Stiftungen haben eine Riesenchance, ihre Ziele zu erreichen, wenn sie als autonome Organisationen in der Öffentlichkeit agieren und zugleich in der jeweiligen Kultur der Unternehmen eine Verankerung erfahren. Riskant wird es, wenn diese Balance verloren gehen sollte. Ohne den Rückhalt des Unternehmens stünden Stiftungen bald auf verlorenem Posten. Ohne Wahrnehmung in der Öffentlichkeit verlieren sie für die Unternehmen wie auch die Gesellschaft an Bedeutung.

S&S: Mit einem Stiftungsvermögen von 125 Mio. € zählt die Daimler und Benz Stiftung nun zu den größten Stiftungen in Deutschland, die von Publikumsgesellschaften gegründet wurden. Wie wird sich die finanziell gestärkte Stiftung weiter entwickeln?

Minx: Auf diese Frage werde ich Ihnen in einigen Monaten besser antworten können. Wie schon gesagt, sind wir – die Daimler AG und die Stiftung – aktuell dabei, das weitere Förderprogramm neu zu entwickeln. Und außerdem können wir bekanntlich erst in einem Jahr auf die dann hoffentlich starken Erträge aus dem erhöhten Kapital zurückgreifen.

S&S: Auch größeren Stiftungen stehen meist nur vergleichsweise geringe Mittel zur Verfügung. Werden sie, um die anstehenden Aufgaben bewältigen zu können, zunehmend Kooperationen eingehen?

Minx: In der Regel schafft die Bündelung von Ressourcen und damit die Erhöhung der zur Verfügung stehenden Mittel die Voraussetzung, Projekte schneller und effizienter umzusetzen. Dies zeigt sich nicht nur in der deutschen Stiftungslandschaft. So hat die Daimler und Benz Stiftung bereits in der Vergangenheit mit wissenschaftlichen Institutionen wie der DFG und dem DAAD, aber auch mit anderen Stiftungen kooperiert. Erklärtes Ziel unserer Stiftung ist es, die Zusammenarbeit mit anderen wissenschaftsfördernden Einrichtungen, Stiftungen, Universitäten, aber auch der Industrie, auszubauen.

S&S: Stiftungen und andere Nonprofits müssen sich nicht existenziell im Wettbewerb behaupten. Werden sie dennoch ihre Strukturen professionalisieren?

Minx: Auf jeden Fall, geht es doch darum, die zur Verfügung stehenden Mittel zuvorderst für die Fördermaßnahmen zu nutzen. Nicht umsonst wurde in die Empfehlungen des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen aufgenommen, dass das Förderhandeln der Unternehmensstiftungen in besonderer Weise auch von unternehmerischem Denken getragen werden sollte.

S&S: Die Zahl der Stiftungen steigt seit Jahren. Die Neuerrichtungen rechtsfähiger Stiftungen allerdings stagnieren und gehen seit 2007 stetig zurück, wenn auch auf hohem Niveau. Für 2010 wurde mit 824 neuen Stiftungen der niedrigste Wert seit 2003 gemessen. Wie sehen Sie die weitere Entwicklung?

Minx: Die Gründung von Stiftungen hängt von vielen Faktoren ab: den gesetzlichen Rahmenbedingungen, der gesellschaftlichen Akzeptanz und vor allem von Privatpersonen oder Unternehmen, die über entsprechende finanzielle Möglichkeiten verfügen. Somit könnte ich mir vorstellen, dass mit der Überwindung der Finanzkrise und einer erstarkenden Wirtschaft auch wieder mehr Personen und Unternehmen die Einrichtung einer Stiftung in Erwägung ziehen werden.

S&S: Werden Verbrauchs-, Gemeinschafts-, Bürger- und Treuhandstiftungen, deren Existenz weniger ausgeprägt in Marmor gemeißelt ist und deren Vermögensausstattung meist weniger üppig ausfällt, der Gründung von Stiftungen mit eigener Rechtspersönlichkeit und staatlicher Aufsicht nach herkömmlichem Muster den Rang ablaufen?

Minx: Diese Gefahr sehe ich nicht. Die Stiftungswelt ist bunt, sowohl hinsichtlich ihrer Zwecke als auch Rechtsformen. Es ist jeweils im Einzelfall zu überlegen, mit was für einer Stiftungsform dem Stifterwillen möglichst umfassend Rechnung getragen werden kann. Durch die große Heterogenität im deutschen Stiftungswesen besteht die Möglichkeit, dass sich ständig wechselnde neue Allianzen ergeben – im Interesse der Allgemeinheit.

S&S: Waren eigentlich Gottlieb Daimler und Karl Benz, die sich ja nie begegnet sind, zu ihrer Zeit mäzenatisch tätig?

Minx: Meines Wissens nach waren sie das nicht.

S&S: Und wie sieht es bei Ihnen aus?

Minx: Zusammen mit meiner Frau und den Kindern fördern wir seit einigen Jahren soziale Projekte in Südafrika und Berlin. Allerdings nicht auf der Grundlage einer eigenen Stiftung, sondern im Zusammenspiel mit Fördervereinen.

S&S: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Zum Interview

Zur Person

Prof. Dr. Eckard Minx, geboren am 8.5.1949 in Berlin, verheiratet, zwei erwachsene Kinder, war nach seinem Studium der Wirtschafts- und Rechtswissenschaft an der Freien Universität Berlin von 1974 bis 1979 als Assistent am dortigen Institut für Volks- und Weltwirtschaft und anschließend in der Forschungsgruppe „Gesellschaft und Technik“ der Daimler-Benz AG mit Standorten in Berlin, Kyoto und Palo Alto/Kalifornien tätig, deren Leitung er von 1992 bis 2009 innehatte. Eckard Minx wurde 2008 zum Vorsitzenden des Vorstandes der Gottlieb Daimlerund Karl Benz-Stiftung ernannt, dem er seit Frühjahr 2007 angehört. Er ist ein international angesehener Zukunftsforscher und lehrt als Honorarprofessor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin und am Institut für Mobilitätsdesign an der Hochschule der Künste in Braunschweig. Minx ist Mitgründer und Partner der Beratungsgesellschaft „Die Denkbank – Mutius Engelke Minx & Partner“ [vgl. S&S 1/2010, S. 14-15] sowie Mitglied in weiteren Gremien wie dem Kuratorium der Stiftung Einstein Forum oder dem Stiftungsrat der Stiftung Wissenschaft und Politik.

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