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Akteure & Konzepte

Gespräche

Adolf Werner

Bruderschaftsmeister der Bruderschaft St. Christoph

Die Bruderschaft St. Christoph gilt als die älteste wohltätige Einrichtung weltweit. Im Jahr 1386 gegründet, sammelte sie Mittel für den Bau eines Hopizes am Arlberg für in Not geratenen Reisende. Bereits im Mittelalter führte das Werk Sammlungen in ganz Europa durch. Heute ist Bruderschaftsmeister Adolf Werner verantwortlich für die Mittelverteilung - ca. 750.000 € p.a.

Gespräch in S&S 5/2010

S&S: Herr Werner, Sie sind seit 1964 Bruderschaftsmeister der Bruderschaft St. Christoph, die damals 126 Mitglieder hatte. Sie gilt als die älteste wohltätige Vereinigung christlicher Nächstenliebe weltweit. Stimmt diese Aussage?

Werner: Sicher, wenn man mitdenkt, dass die Bruderschaft St. Christoph immer am selben Platz bestand, auf der Passhöhe des Arlberg. Die alten Ritterorden, die Johanniter [vgl. Gespräch mit Oskar Prinz v. Preußen, S&S 5/2008, S. 6 ff.] oder Malteser etwa, sind natürlich schon vor den ersten Kreuzzügen gegründet worden, aber schon viele Jahrhunderte aus Palästina vertrieben. Wir hatten Angebote, Filialen zu gründen oder gar den Sitz zu verlegen, aus Augsburg etwa. Aber das geht vielleicht noch gut mit den Menschen, die ein solches Angebot machen. Doch deren Nachfolger zerfleddern dann die Organisation. Daher haben wir auf eine solche Expansion verzichtet.

S&S: Das bedeutet dann schon, dass der Ort St. Christoph auch eine besondere Kraft entfaltet?

Werner: Das gilt gegenseitig. Der Ort entfaltet Kraft für die Bruderschaft, und die Bruderschaft entfaltet Kraft für den Ort.

S&S: Wann und wie ist denn die Bruderschaft entstanden?

Werner: Im Jahre 1386 wurde die Bruderschaft von Heinrich Findelkind und seinen Helfern gegründet. Findelkind hatte als Schweinehirt und Knecht auf dem Arlberg, dem Pass zwischen den heutigen österreichischen Bundesländern Vorarlberg und Tirol, zahlreiche Menschen gesehen, die beim Versuch der Überquerung umgekommen sind. Denen hatten die Vögel, wie er schreibt, „die Augen aus- und die Kehlen abgefressen“. Dies erbarmte ihn sehr und so sammelte die Bruderschaft Mittel für den Bau und die Unterhaltung eines an dieser Passhöhe gelegenen Schutzhauses für in Not geratene Reisende. Diese Notunterkunft – das Hospiz – mit angegliederter kleiner Kapelle rettete zahlreichen Menschen, die sonst im Schnee erfroren wären, das Leben.

S&S: Was weiß man über die Person Heinrich Findelkind und seine Hintergründe?

Werner: Einiges, denn von ihm liegt eine eigenhändig verfasste Beschreibung seines Lebens und Wollens vor, die in zwei Ausfertigungen erhalten ist. Aufgewachsen in der Familie eines Mayr von Kempten, verdingte er sich schon als Knabe beim Jakob Überrhein auf der Burg Arlen zunächst als Schweinehirt, später als Schwertträger. Er entwickelte nach einer Erscheinung des Heiligen Christopherus die Idee von einer Arlbergherberge, trug sie dem Landesherrn Leopold III. vor und bekam ein Stück Land zum Bau von Hospiz und Kapelle übertragen. Bereits in den ersten sieben Wintern konnten er und seine Gefährten über 50 Reisenden das Leben retten. Finanzielle Unterstützung erhielt das Werk durch Sammlungen in ganz Europa.

S&S: Eine Art mittelalterliches Fundraising?

Werner: Tatsächlich praktizierte Heinrich eine sehr moderne Methode. Um Mitglieder für die Bruderschaft zu gewinnen, zogen er und seine Boten vom Frühling bis Herbst über Land. Sie trugen Bücher bei sich, die sog. Botenbücher. Wer sich „brüderte“, wurde mit Wappen, Stand, Name und Höhe der Spende eingetragen. Mit diesen Sammlungen in der Hand fanden die Brüder Zugang, höchste geistliche und weltliche Herrschaften wollten dabei sein, wenn sie sahen, wer schon dabei war. Man war teilweise verwandt, kannte einander und beteiligte sich. Die gute Tat musste nicht anonym sein. Später setzte sich sogar eine dauerhafte Bindung an die Herbergsidee durch. Man „brüderte“ sich fürs Leben, ja durch Vermächtnisse über den Tod hinaus. Der Inhalt der Botenbücher und Notizen wurden im Winter in Hauptbücher übertragen, die heute zu den bedeutendsten heraldischen Sammlungen dieser Zeit gehören.

S&S: Wie kommt die Bruderschaft heute an ihre Mittel?

Werner: Der Anfang war sehr schwer. Dazu muss man wissen, dass die Bruderschaft 1784 durch ein Dekret von Kaiser Josef II. aufgehoben wurde. Das Hospiz fiel an den Staat, der es an einen privaten Gastwirt weiterverkaufte. Viele Eigentümerwechsel und ein wirtschaftlicher Niedergang folgten. Erst mit dem aufkommenden Skisport ging es wieder aufwärts. Im Hospiz wurde 1901 als einer der ersten der Skiclub Arlberg gegründet. 1955 kaufte mein Schwiegervater, Arnold Ganahl, das recht heruntergekommene Hospiz. Anfang 1957 kam es zu einem verheerenden Brand, Hospiz und Kapelle lagen in Schutt und Asche. Mit dem Wiederaufbau wurde auch die Idee der Bruderschaft wiederbelebt, besiegelt durch ein Dekret des Bischofs von Tirol. Aber zunächst blieben die Mitglieder aus. Erst als die Landeshauptmänner von Vorarlberg und Tirol, in Deutschland würde man von Ministerpräsidenten sprechen, die Unterstützung zusagten, entstand Dynamik. Beide Bundesländer helfen seitdem finanziell bei der Finanzierung des alljährlich stattfindenden Bruderschaftstages mit, der eigentlich eine gemeinsame Landesfeier ist. Abwechselnd sind die jeweiligen Regierungen und Bischöfe vertreten. Und dann haben wir Mitglieder des europäischen Hochadels für die Mitgliedschaft gewonnen, mit denen viele gerne auf „Du und Du“ stehen. Die Mitgliederzahlen wachsen stetig, insbesondere auch, nachdem die Bruderschaft Patenschaften für 64 Halbwaisenkinder übernahm, deren Väter beim Bau des Arlbergtunnels verunglückten. Derzeit haben wir über 18.000 Mitglieder in 38 Ländern. Und die zahlen Mitgliedsbeiträge und Spenden. Die Deutschen geben noch großzügiger, seit heuer auch Spenden ins europäische Ausland steuerlich absetzbar sind.

S&S: Und was unternehmen Sie noch zur Mittelbeschaffung?

Werner: Wir veranstalten Benefizveranstaltungen, der Bruderschaftstag bringt einen Überschuss. Es gibt allerlei Bruderschaftsartikel zum Kauf. Es gibt Spendenaufrufe aus Anlass eines runden Geburtstages oder einer goldenen Hochzeit. Und wer sein Bruderschaftsabzeichen nicht trägt und von einem Bruder oder einer Schwester darauf angesprochen wird, darf 10 € Buße zahlen. Jede Woche kommen allein daraus 200-300 € zusammen.

S&S: Was ist denn heute das Anliegen der Gemeinschaft?

Werner: Wir sind eine Gesinnungsgemeinschaft, die christliche Nächstenliebe auf ihre Fahnen geschrieben hat. Neben dem Lamm des Bistums Brixen und dem Kreuz des Bistums Konstanz zieren die christlichen Tugenden Glaube, Hoffnung, Liebe unser Zeichen. Die Bruderschaft zielt vor allem auf die rasche Hilfe für in Not geratene Familien mit mehreren Kindern, und zwar auf direktem Wege. So viel Geld, um alle Not zu lindern, haben wir nicht. Daher diese Einschränkung. In regionaler Hinsicht fördern wir in konzentrischen Kreisen rund um den Arlberg, im deutschsprachigen Alpenraum. Institutionen fördern wir nicht, weil uns dort die Kontrolle fehlt, wo die Mittel hingehen. Diese weltweit tätigen Hilfskonzerne sind auf unsere Gelder auch nicht angewiesen.

S&S: Was sind Ihre Aufgaben als Bruderschaftsmeister?

Werner: Ich bin eine Art Geschäftsführer und verteile die Gelder, ungefähr 750.000 € im Jahr. Wenn eine Anfrage hineinkommt, mache ich gleich eine Kopie, schaue in den Computer, welcher Bruder oder welche Schwester in der Nähe lebt und bitte sie zu klären, ob wirklich eine Unterstützung gebraucht wird. Auch bei den Sozialämtern erkundigen wir uns. Es gibt einfach zu viele Leute, die ohne wirkliche Not Hilfswerke anschreiben oder nicht angeben, dass sie bereits unterstützt werden.

S&S: Wie viele Anträge erhalten Sie? Und wie viele können Sie fördern?

Werner: Pro Tag erhalten wir zwischen 6 und 10 Anträge. Also werden es etwa 1.500 im Jahr sein. Ein Drittel scheidet aus, weil die Anliegen unwürdig sind; manche Arbeitslose melden sich etwa, sie kämen mit der öffentlichen Unterstützung nicht aus; mitunter schreibe ich denen, sie könnten hier im Hotel als Hausmeister anfangen; von denen höre ich nie wieder etwas. Und von den 1.000 übriggebliebenen Anträgen fördern wir ungefähr die Hälfte. Und natürlich schreiben auch viele Bürgermeister um Hilfe in Notfällen. Bei denen wollen wir aber zunächst einen finanziellen Einsatz der Gemeinde sehen, den wir dann verdoppeln. Die wollen natürlich ihre Sozialbudgets entlasten. Aber die sehen auch viel versteckte Not oder Fälle, wo sie wegen des komplizierten Reglements nichts tun können.

S&S: Sie vergeben in Einzelfällen durchaus große Summen?

Werner: Ja, beim Alpenhochwasser 2005 haben wir im Paznauntal den Wiederaufbau eines weggeschwemmten Hauses mit 200.000 € unterstützt. Die Familie hatte buchstäblich kein Dach mehr über dem Kopf. Mit unserer Förderung, einem gleich hohen Zuschuss aus dem Katastrophenfonds, einer Hilfe der Gemeinde, einem Kredit und viel Eigenarbeit konnte das Heim wieder entstehen.

S&S: Was war ihr bewegendstes Erlebnis bei der Bruderschaft?

Werner: Die Übergabe des Schecks war schon bewegend. Aber überwältigend war auch die 600-Jahr-Feier. Da waren bei prächtigem Wetter an die 10.000 Menschen hier beim Hospiz. Menschen, so weit das Auge reicht. Unglaublich, dieser Andrang. Am 9.7.2011 wird das 625-jährige Jubiläum gefeiert. Wir werden gekrönte Häupter, Staatsmänner und Sportskanonen sehen – Aushängeschilder für ein großes Benefizereignis. Und die traditionelle Fahrzeugsegnung findet dann nach dem Festgottesdienst am Folgetag statt.

S&S: Heute ist der Sitz der Bruderschaft das Arlberg Hospiz Hotel, ein 5-Sterne-Haus. Sie sind dort Seniorchef, Ihr Sohn Florian Werner der Geschäftsführer. Wie passt es zusammen, dass das frühere, christlich motivierte Schutzhaus für Reisende heute ein Luxushotel ist?

Werner: Das Hotel gewinnt natürlich durch die Bruderschaft viele positive PR-Effekte. Ganz klar. Dafür verwaltet das Hospiz Hotel die Bruderschaft kostenlos. Meine Frau Gerda ist die Schatzmeisterin und kümmert sich um die Mitglieder. Wenn wir das normal berechnen würden, kämen wir sicher auf 50.000 € an reinen Verwaltungskosten im Jahr. In 46 Jahren wurde für Verwaltung von der Bruderschaft kein einziger Euro ausgegeben. Wir haben aber in dieser Zeit 11 Mio. € Spenden zusammengebracht.

S&S: Und wie ist die Bruderschaft organisiert?

Werner: Vereinsmeierei findet jedenfalls nicht statt, aber es gibt dennoch jede Menge Gremien, einen Vorstand, eine Generalversammlung, Rechnungsprüfer und Schiedsgericht. Der Präsident ist der Bischof von Tirol. Er hat mit der täglichen Arbeit nichts zu tun, hat aber eine wichtige Funktion als Aushängeschild der Gemeinschaft. Im Bruderschaftsrat, dem eigentlichen Leitungsorgan, kommen zweimal im Jahr die amtierenden Bürgermeister der Arlberggemeinden, freiwillige Freunde und ehemalige Landeshauptleute auf einen halben Tag zusammen.

S&S: Wie wird man Bruder oder Schwester?

Werner: Nun, das Mitglied muss sich zu den Zielen der Bruderschaft, also zur Verwirklichung von Werken der christlichen Nächstenliebe bekennen und die empfohlene Beitrittsspende und jährliche Spenden zahlen. Das Ansuchen auf Mitgliedschaft wird von einem Bruder oder einer Schwester als Bürgen mitgefertigt. Und dann muss noch ein Aufnahmeritual durchlaufen werden, dessen Höhepunkt der traditionelle Schwertschlag ist mit der Formel „Im Geiste von Heinrich Findelkind, nach alter Bruderschaftssitte, gehörst Du mit diesem Schlag in unsere Mitte!“. In der Saison treffen wir uns dazu immer am Donnerstag um 18 Uhr. Und für langjährige treue Mitgliedschaft gibt es verschiedene Stufen von Ehrenzeichen. Die werden zunehmend verliehen, denn wie heißt es so schön in der Bibel: „Seht wie gut und erfreulich es ist, einträchtig unter Brüdern zu weilen“.

S&S: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Zum Interview

Zur Person

Bruderschaftsmeister Adolf Werner, geboren am 11.3.1936 in Wien, aufgewachsen in
Salzburg, verheiratet, vier Söhne, eine Tochter. Im Jahr 1964 übernahm er gemeinsam mit seiner Ehefrau Gerda die Leitung des 5-Sterne-Hotels Hospiz St. Christoph.

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