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Literaturtipps

Die Mitleidsindustrie. Hinter den Kulissen internationaler Hilfsorganisationen.

Polman, Linda: Die Mitleidsindustrie. Hinter den Kulissen internationaler Hilfsorganisationen. Frankfurt am Main (Campus) 2010 (267 S.) 19,90 € (ISBN 978-3-593-39233-2)

Seit mehr als 20 Jahren berichtet die niederländische Journalistin Linda Polman aus Krisenregionen weltweit, u.a. aus Haiti, Somalia, Ruanda, Sierra Leone, Kongo und Afghanistan. Dabei nimmt sie zunehmend die internationalen Hilfsorganisationen in den Blick. In ihrem vierten Buch schildert sie anschaulich die Mechanismen der humanitären Hilfe [vgl. Schwerpunktthema in S&S 4/2010].

Sie abstrahiert dabei weitgehend von den ethisch-moralischen Prinzipien der Nothilfe wie Neutralität, Unabhängigkeit und Unparteilichkeit. Vielmehr fragt sie nach den Konsequenzen und stellt dabei fest, wie Hilfe von den Kombattanten instrumentalisiert wird, wie die Hilfsorganisationen zu unfreiwilligen Kollaborateuren werden. Da diese zersplittert auftreten, korrumpiert sind und zueinander im scharfen Wettbewerb etwa um Spendengelder stehen und Geberverträge stehen, also auch aus Eigennutz handeln [vgl. dazu Alexander Glück: Die verkaufte Verantwortung, 2010)], fehlt es an einem konzertierten Vorgehen gegen den Missbrauch der Hilfe. Auch die Politik ist uninteressiert, auch wenn Milliarden Euro offensichtlich mehr Böses als Gutes anrichten. Und so bleiben Hilfsgelder in manchen Kriegsgebieten das entscheidenden Material, der Handel mit Hilfsgütern der wichtigste Wirtschaftsfaktor.

Wie in einem Brennglas scheint die Kritik in dem ausführlichen Glossar „Aid Speak“ noch einmal auf. Von „Absorptionskapazität“ (= „Der maximale Betrag an Hilfsgeld, das in einem Krisengebiet sinnvoll ausgegeben werden kann“, S. 198) bis zu „White Land Cruiser Crowd“ (= „Humanitäre Helfer, die, so schnell sie können, in großen weißen four wheel-drives mit gefährlich peitschenden Antennen auf den Dächern durch die Katastrophengebiete dieser Welt rasen, entweder auf dem Weg zu einem Entwicklungshilfeprojekt oder zur Dorfkneipe“, S. 245) wird die teilweise zynische Begrifflichkeit der internationalen Nothilfe referiert und anhand von Beispielen weiter illustriert. Der Begriff „MONGO“ fehlt, wird aber im 4. Kapitel ausführlich dargestellt. Es handelt sich dabei um „My own NGO“, individuelle Projekte, Fonds, Stiftungen oder Vereine, die aus privater Initiative entstehen, nach Bill Clinton Ausdruck einer noch nie dagewesener Demokratisierung der Wohltätigkeit, nach Polman eine ineffiziente und oft wenig hilfreiche “Do-it-yourself-Hilfe“.

Im Mittelpunkt des Buches steht die Frage, wo die Verantwortung der Hilfsorganisationen beginnt und wo sie endet. Eine Antwort gibt Polman nicht. Aber sie regt an, das Tabu zu brechen, etwas zu tun, auch wenn das die Lage nicht bessert. Sie plädiert dafür, den humanitären Helfern Fragen zu stellen, danach, wem genau mit den Spenden geholfen wird, den unschuldigen Opfern, den Warlords oder beiden, wie viel die Helfer und Berater verdienen und wie die Spesenregelung aussieht, ob die Organisationen ihre lokalen Beschäftigten schützen und ob sie selbst bestimmen dürfen, wer die Hilfe bekommt.

Insgesamt eine desillusionierende, schonungslose und ehrliche Abrechnung mit der Praxis der Entwicklungszusammenarbeit. Der Band zeigt, wie sehr es einer Reflektion und Renovierung dieses Bereichs bedarf.

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