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Quartier hat Zukunft

Den demographischen Wandel als Chance begreifen

von Markus Nachbaur, Meckenbeuren-Liebenau

Der vieldiskutierte demographische Wandel ist längst in vollem Gange und er wird im unmittelbaren Lebensumfeld der Menschen zunehmend spürbar. Die Hilfe- und Versorgungssysteme für ältere, hilfsbedürftige Menschen müssen daher in Zukunft stärker lokal verankert und koordiniert werden. Notwendig sind gemeinwesenorientierte, vernetzte Angebote im Quartier, die die Eigeninitiative und Solidarität der Menschen vor Ort stärken. Darauf muss und darf sich die Wohlfahrtsbranche einstellen.

Wie könnte ein lebenswertes Zuhause für Menschen mit Hilfebedarf in Zukunft aussehen? Was ist unter nachhaltiger Altenhilfe zu verstehen? Welche vielfältigen Veränderungsprozesse sind damit für gemeinnützige Dienstleister verbunden? Was können Träger, Politik und Kommunen in dieser Hinsicht leisten? Wie müssen die politischen Weichen gestellt werden? Antworten auf diese Fragen sucht und findet das Netzwerk „Soziales neu gestalten” (SONG), ein Zusammenschluss namhafter sozialer Akteure, darunter auch die Stiftung Liebenau.

SELBSTBESTIMMUNG UND TEILHABE IM MITTELPUNKT

Die Rahmenbedingungen für die Altenhilfe haben sich geändert; sich ändernde Familienstrukturen oder heterogene Lebenslagen von Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, stellen sie vor neue Herausforderungen. Die künftige soziale Infrastruktur für die Einbindung, Teilhabe und Versorgung hilfsbedürftiger Menschen muss lokal verortet werden und darf nicht zum Spielball spekulativer Investitionsinteressen verkommen. Für eine bedarfsgerechte Versorgung sollten die ambulante Pflege, teilstationäre Angebote, betreute Pflegewohngruppen, aber auch stationäre Einrichtungen wohnortnah organisiert sein und vernetzt arbeiten. Für die Entwicklung von Wohnangeboten ist eine enge Kooperation zwischen Wohlfahrtspflege, Wohnungsunternehmen, Kommunen und lokalen Initiativen erforderlich.
Untersuchungen zeigen, dass ältere Menschen verständlicherweise den Wunsch haben, ihr Leben im Fall von Hilfebedürftigkeit möglichst unabhängig und selbstbestimmt in der vertrauten Umgebung verbringen zu können. Daher müssen sich soziale Leistungen noch mehr an den Kriterien Solidarität, Subsidiarität und am Sozialraum orientieren, um eine möglichst hohe Lebensqualität zu gewährleisten. Selbstbestimmung und Teilhabe für die hilfsbedürftigen Menschen werden vor allem dann realisierbar, wenn unter den Hilfsangeboten möglichst viel Wahlfreiheit besteht und die Möglichkeit zur Mitgestaltung individueller Hilfearrangements gegeben ist. Gefragt ist daher ein kreativer Welfare-Mix aus professionellen und freiwilligen Angeboten. Die operativ tätigen SONG-Netzwerkpartner haben bereits quartiersbezogene Wohnkonzepte mit kleinräumig vernetzten Wohn- und Betreuungsangeboten umgesetzt, die nachweislich die Eigenständigkeit, das selbstständige Wohnen, die niederschwellige Pflege im Wohnviertel und die Bildung sozialer Netze fördern. Um aus diesen praktischen Erfahrungen zentrale Standards für ein zukunftsfähiges gemeinwesenorientiertes Wohnprojekt zu gewinnen und Faktoren zu ermitteln, wie die Standards erfolgreich umgesetzt werden können, wurden die Projekte einer externen Stärken-Schwächen-Analyse unterzogen.

LEBENSRÄUME FÜR JUNG UND ALT

Die Stiftung Liebenau selbst bietet in ihren quartiersbezogenen Angeboten vielfältige Hilfen an. So gibt sie mit ihrem generationenübergreifenden Wohnkonzept „Lebensräume für Jung und Alt” seit 1994 rund 1.250 Menschen an 24 Standorten in Deutschland und Österreich ein Zuhause. Damit ist sie in Deutschland der Marktführer auf dem Gebiet des Mehrgenerationenwohnens. Die Philosophie der geteilten Verantwortung wurde in ein interessantes Finanzierungsmodell übertragen:

Gebraucht zu werden, eine Aufgabe zu haben und Verantwortung zu übernehmen – all das führt nachweislich dazu, dass Menschen oftmals erst später oder gar nicht pflegebedürftig werden. Entsprechende Wohnkonzepte erlauben auch Menschen mit Behinderung eine Teilhabe am Leben im Quartier. Volkswirtschaftlich betrachtet hat dies eine enorme Bedeutung. Darum ermittelt das Netzwerk SONG in Zusammenarbeit mit dem ZEW (Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung) in Mannheim derzeit den sozialen und ökonomischen Mehrwert seiner generationenübergreifenden Wohnprojekte nach dem innovativen Social-Return-On-Investment-Ansatz.

UNTERSTÜTZENDE INFRASTRUKTUR

Die Pflegeversicherung ist nur deshalb finanziell vergleichsweise stabil, weil es in der Gesellschaft eine unerwartet hohe Pflegebereitschaft gibt. Zukünftig ist davon nicht in gleichem Maße auszugehen, da die Erwerbsbeteiligung von Frauen tendenziell höher und die Lebensarbeitszeit länger sein wird. Um auch weiterhin die Solidarität und die Wahrnehmung von Sorgeaufgaben zu fördern, ist zunächst eine infrastrukturelle Absicherung qualifizierter Unterstützung erforderlich. Auf diese Weise können Einzelpersonen, Familien, Nachbarschaften und zivilgesellschaftliche Assoziationen unterstützt werden. Aus der gerontologischen und sozialmedizinischen Forschung ist bekannt, dass etwa die Bereitschaft, längerfristig Pflegeaufgaben zu übernehmen, in hohem Maße mit dem Vorhandensein von Angeboten zur Entlastung, Beratung und Unterstützung korreliert. Case-Management-basierte Handlungsansätze haben sich hier bewährt. Die Impulse, die jetzt vom neuen Pflegeweiterentwicklungsgesetz ausgehen, weisen in die richtige Richtung, sie reichen aber noch nicht aus. Die Dominanz der Kostenträger steht kommunalen Lösungen häufig im Wege.

NEUE SOZIALRECHTLICHE STEUERUNG

Die Auswirkungen des demographischen Wandels werden sich maßgeblich im kommunalen Bereich abspielen. Nur wenn dort das Zusammenspiel mit Akteuren wie sozialen Dienstleistungsunternehmen, öffentlichen Leistungsträgern sowie den Bürgern funktioniert, hat das System des Quartiers eine Zukunft. Mit folgenden Instrumenten sollten die Kommunen den Prozess fördern:
• Eine integrierte Sozialraumanalyse mit Indikatoren für gemeinwesenorientiertes Handeln etablieren
• Ämter- und ressortübergreifende Kooperationen ermöglichen
• Entscheidungsbefugnisse der Akteure auf Quartiersebene gewährleisten
• Gemeinschaftsräume und Gemeinwesenarbeit in Quar-tiersprojekten bereitstellen und finanzieren
• Initiativen bei der Standortsuche unterstützen
• Kooperationen der Akteure durch Investitionen vor Ort fördern
• Runde Tische zu „Wohnen und Betreuung” einrichten
• Überregionalen Austausch zwischen projekterfahrenen Kommunen organisieren.

Für den Bund und die Länder sieht das Netzwerk SONG in drei Bereichen Veränderungsherausforderungen:

• Durch Gemeinwesenarbeit neue soziale Netzwerke unterstützen
• Aktivierendes und flexibles Leistungsrecht schaffen
• Ordnungsrechtlichen Rahmen flexibel gestalten.

Sozialrecht und Pflegesatzsystem sollten daher für alle neuen Versorgungsformen Kriterien berücksichtigen wie etwa Netzwerkkooperationen, Gemeinwesenorientierung oder die Einbeziehung Ehrenamtlicher.

KURZ & KNAPP

Unverbundene, rechtlich parzellierte Leistungsbereiche, Politiken, Planungen, Verwaltungsstrukturen und Budgets sowie unkoordinierte und nicht im Sozialraum vernetzte Aktivitäten der Anbieter lassen die Bedürfnislage der Senioren teils unberücksichtigt, schaffen keine Lebensräume, nutzen nicht das Sozialkapital — und sind letztlich volkswirtschaftlich unökonomisch. Bereits bestehende Unzulänglichkeiten verschärfen sich durch die demographische und ökonomische Entwicklung. Lebensräume für hilfsbedürftige Senioren erfordern vielmehr Veränderungen in den gemeinnützigen Organisationen, der Politik und den Verwaltungen, in den Systemen der sozialen Sicherung sowie zwischen diesen Akteuren. Das Netzwerk SONG hat daher umfangreiche wissenschaftliche Begleitforschungen zu gemeinwesenorientierten Wohnprojekten in lokalen Quartieren initiiert, die deren Potenziale, ihren sozioökonomischen Mehrwert und die notwendigen sozialrechtlichen Rahmenbedingungen beleuchten. (Erschienen in S&S Ausgabe 5/2008)

Der Autor: Dr. Markus Nachbaur ist Vorstand der Stiftung Liebenau und Mitglied der Steuerungsgruppe des Netzwerks SONG.

www.zukunft-quartier.de

www.stiftung-liebenau.de

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