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Unser schiefes Haiti-Bild

Wie Vorurteile und Ressentiment echten Wiederaufbau behindern
Von Alexander Glück

Vielleicht hat es Methode, vielleicht geschieht es aber nur aus Dummheit: Die Art und Weise, wie man in den reichen Ländern über die Katastrophe Haitis, ihre Ursachen und Folgen denkt, behindert den Wunsch, dieses Land zu befähigen, sich in Zukunft selbst zu helfen. Die Hilfestellung wird somit nicht überflüssig, wie es Sinn und Zweck jeder Hilfe sein sollte, im Gegenteil: Sie macht sich breit und unverzichtbar, finanziert dabei den eigenen Apparat und unterwirft Haiti auf Jahrzehnte der Führung durch andere.

Zunächst einmal handelt es sich bei dem Erdbeben in Haiti zwar um ein außergewöhnliches Naturereignis, aber nicht um eine singuläre Katastrophe, die sich mit Sintflut, Großkometeneinschlag oder ähnlichem vergleichen ließe. Daß ihr so viele Menschen zum Opfer gefallen sind, hatte eine von mehreren Ursachen auch in einer falschen Politik der internationalen Staatengemeinschaft. Deren Entwicklungshilfe bestand fast ausschließlich in der Schaffung öffentlicher Sicherheit und humanitärer Langzeithilfe. Mit Nahrungsmitteln und Kleiderpaketen, so wichtig sie für die Empfänger immer sind, lassen sich keine Strukturen aufbauen, Frühwarnsysteme schon gar nicht. Die Industrienationen haben es zu verantworten, daß die Haitianer nicht in der Lage waren, einer Katastrophe auch dieses Ausmaßes vorzubeugen. Schon um 15 % höhere Baukosten hätten die Häuser erdbebensicher(er) gemacht. Nun muß ungleich mehr Geld für den Wiederaufbau aufgebracht werden, d. h., die internationale Spenderlandschaft muß nun, getrieben von moralischem Druck, für die Versäumnisse der letzten Jahrzehnte bezahlen. Bezahlen müssen somit aber auch unzählige andere Initiativen, die mit Haiti nichts zu tun haben.

Und was in den letzten Jahren wirklich schon erreicht wurde, beispielsweise die Zivilschutzorganisation sowie die Verwaltung von Trinkwasser und Abwasserentsorgung, das wird in der Berichterstattung fast völlig ignoriert und von den wackeren Helfern “vor Ort“ in die Hilfsmaßnahmen kaum integriert. Die Haitianer werden uns entweder als ausgetrocknete Langzeit-Verschüttete oder als gewaltbereite, uneinsichtige Rempler bei den Verteilungsstellen von Lebensmitteln vorgeführt, bestenfalls noch als völlig ratloses Staatsoberhaupt. Kein einziger Haitianer, so suggerieren diese Bilder, ist in der Lage, das Geschick seiner Landsleute selbst in die Hand zu nehmen, und gekrönt wird diese Suggestion von den befremdlichen Bildern, auf denen Haitianer mit ihren Kindern zu sehen sind, die scheinbar seelenruhig und abgestumpft an Leichen vorübergehen. Das alte koloniale Klischee von den Wilden in der Südsee greift wieder Raum.

Diese Klischees und die Exklusion der wenigen vorhandenen Strukturen machen Selbsthilfe fast unmöglich und stellen die Schicksalsgemeinschaft der Haitianer unter das Kuratel der Profis aus den Industrienationen. Mit dieser Form der Fremdbestimmung gehen Aktivismus und Interessenpolitik einher; nicht jeder, der jetzt in Haiti tätig ist, verfolgt damit wirklich humanitäre Zwecke, wie unter anderem das reihenweise Verschwinden von Kindern zeigt. Und diejenigen, die zum humanitären Helfen eingeflogen werden, sollte man unter genauer kritischer Beobachtung behalten, nicht erst seit die systematische sexuelle Ausbeutung von Kindern durch “Helfer“ in einer Studie untersucht wurde (abrufbar auf der Internetseite http://www.savethechildren.org.uk/en/54_5706.htm).

Die gesamte Hilfsarbeit wird dadurch immer weiter in die Ostentation gebracht; man setzt sich nicht dort ein, wo’s am wichtigsten wäre, sondern da, wo man die Hilfe selbst am sichtbarsten betreiben kann. Ostentativer Aktivismus ist ein Markenzeichen all jener, die Hilfsaktionen vor allem für die Selbstdarstellung nutzen.

Die mediale Darstellung der Katastrophe und ihrer Opfer bringt Spender massenweise zu der Vorstellung, daß ihre Hilfe punktgenau bei den Opfern ankommen soll. Kaum wird eine Kamera auf ein aus den Schuttbergen gerettetes Kind gehalten, geht eine Flut von Adoptionsanfragen auf (auch gewinnorientierte) Vermittlungsvereine und Behörden nieder. In vielen Fällen sind diese Hilfsangebote zunächst der Besserstellung des Anbieters geschuldet, in diesem Fall der Behebung eines unerfüllten Kinderwunsches. Ähnliches läuft ab, wenn Spender von ihrem Geld erwarten, daß es dieser oder jener Familie, diesem oder jenem Schicksal hilft. Tatsächlich gehen die meisten Beträge aber in die Hilfe im Ganzen, und es wird sich kaum nachvollziehen lassen, mit welchem Euro nun welche Mullbinde finanziert wurde.

Daß die Initiativen für die Akuthilfe der ersten Wochen keine Spendengelder einzusetzen brauchen, liegt in der Natur der Sache. Dem Spender aber ist nicht klar, daß sein Geld in den Aufbau effektiver Strukturen fließt, durch die professionelles Helfen ermöglicht bzw. gefördert wird. Neben dem durchaus schädlichen Hyperaktivismus kleiner Unprofessioneller gibt es freilich sehr viele Initiativen, die bestimmte Projekte langfristig und durchaus erfolgreich begleiten — sie betätigen sich aber meistens nicht in der Katastrophenhilfe. Weiters ist vielen Spendern unklar, wieviel Geld in die Strukturen der Hilfswerke selbst fließen und für wieviele Mitarbeiter, Funktionäre, Dienstleister und Berater das Haiti-Thema auf diese Weise zum eigenen Lebensunterhalt gereicht. Hier zwischen sinnvoller und notwendiger Bürokratie einerseits und der Selbstalimentierung feister Apparatschiks in graublauen Uniformen zu unterscheiden, ist eine der besonderen Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Dritten Sektor.

Dies alles sind Aspekte einer von medialem Geschwätz zur Riesenblase aufgepumpten Selbsttäuschungsmaschinerie, deren Hauptbotschaft wohl sein soll, daß wir Spender trotz allem, was uns zwischen Finanz- und Wirtschaftskrise durch den täglich saurer werdenden Arbeitsalltag beutelt, noch immer so solidarisch denken, daß wir Millionenbeträge aufzustellen in der Lage sind. Diese zur Schau getragene Solidarität ist jedoch nur ein Schein, der sofort in sich zusammenfallen wird, sobald die Kamerateams ein neues großes Thema entdeckt haben werden. Danach wird den meisten von uns Haiti wieder so gleichgültig sein wie immer schon. Befördert wird diese Disposition gerade durch das ruckartige, emotionale Auspressen von Spendenzahlungen, die für den Spender letztlich keine andere Funktion haben als die Ruhigstellung ihrer kognitiven Dissonanz. Nicht viele werden es sein, die sich für eine grundlegend neue Art der Zusammenarbeit mit Haiti einsetzen werden. Genau dies wäre aber nötig, um dort langfristig tragfähige gesellschaftliche, soziale und politische Strukturen zu fördern. Stattdessen wird man sich weiterhin mit der Bekämpfung von Symptomen zufriedengeben, und allein dafür die gespendeten Geldberge einzusetzen, ist nicht nur sehr ineffizient, sondern letztlich auch zynisch.

Alexander Glück
Die verkaufte Verantwortung - Das stille Einvernehmen mit dem Fundraising

• Fundraising ist überwiegend Selbstzweck.
• Die Spenden dienen zu erheblichen Teilen der Eigenfinanzierung des jeweiligen Hilfswerks
• Fundraising zielt auf die Entmündigung und emotionale Ausbeutung der Geber.
• Fundraiser machen sich bewusst die Affekte des Spenders dienstbar und nutzen dabei alle Werkzeuge des Marketings. Spenden wird so zur Form des Massenkonsums.

Dies sind nur einige der provokanten Kernthesen des neuen Buches von Alexander Glück. Der Autor, dessen scharf formulierte Kritik an der vorherrschenden Spendenkultur bereits Thema seines vielbeachteten Buches „Der Spendenkomplex“ und zahlreicher Veröffentlichungen u.a. im „Stern“, der „Frankfurter Rundschau“, dem „Standard“ und der „Presse“ war, zeigt die fatale Mechanik der Verantwortungsübertragung im Spendenvorgang auf:
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