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Spendenweltmeister Deutschland? Misstrauen gegenüber Wohltätigkeitsorganisationen lässt Bereitschaft zum Geldgeben sinken

Verwaltung, Marketing, Werbung: Wie man erkennt, ob eine Organisation seriös mit Spendengeldern umgeht

Die Deutschen spenden gerne und viel. Selbst in der Wirtschaftskrise geben die Menschen bereitwillig einen Teil ihres Einkommens an Menschen, die gegen Hungersnöte und Naturkatastrophen kämpfen, an Tierheime und Kinderhilfsprojekte. Soweit die allgemeine Auffassung. Doch die Realität sieht anders aus: Eine Befragung des Deutschen Spendenrats e.V. hat ergeben, dass für mehr als 40 % der Menschen Spenden keinesfalls selbstverständlich ist. Was die Ursache für diese pessimistische Einstellung ist, zeigt eine andere Statistik.

Dr. Jens Uwe Böttcher, Dozent für Fundraising und Leiter im ForumPhilanthropie in Bremen. / Foto: Jens Uwe Böttcher

Drei Viertel der befragten Bundesbürger sagen, sie haben kein Vertrauen zu Wohltätigkeitsorganisationen, was die Verwendung der Gelder betrifft – zu viel gehe für die Verwaltung verloren. Unsicherheit verbreiten große Spendenskandale in der Vergangenheit und unseriöse Geldeintreiber, die auf der Straße und am Telefon die Menschen belästigen. Schlechte Presse, die großen Schaden bei jenen verursacht, die Gutes tun wollen. Wir haben uns bei Experten umgehört, wie man eine seriöse Organisation erkennt und was die im Hintergrund arbeitenden externen Dienstleister tatsächlich leisten.

Dr. Jens Uwe Böttcher ist Forscher für Menschenfreundlichkeit. Genauer gesagt ist er Leiter des ForumPhilanthropie an der Universität Bremen. Philanthropen sind Menschen, die an das Gute im Menschen glauben und Nächstenliebe als wichtiges Ziel im Leben sehen. Böttcher ist auch Dozent für Fundraising und damit Experte für Sozialmarketing – wie also gemeinnützige Organisationen Mittel beschaffen, um ihre Aufgaben erfüllen zu können. Wenn es um das Geldgeben für eine gute Sache geht, folgen die Menschen vor allem ihrem Gefühl, weiß Böttcher. Macht die Organisation sie hingegen skeptisch, lassen sie die Geldbörse zu.

„Spenden ist weniger Hirn-, sondern zunächst einmal Bauch- und Herzsache“, erklärt der Dozent. Sozialmarketing sei also dann am erfolgreichsten, wenn man langfristig das Vertrauen der Menschen gewinnt. Kritisch werden die Menschen vor allem, wenn sie nicht wissen, wo das Geld, das sie der Organisation geben, tatsächlich landet. Berichte über Spendenmissbrauch, über Korruption und Bereicherung von Vorständen haben sie vorsichtiger werden lassen. Die Folge: Auch die Organisationen selbst werden zurückhaltender, versuchen sogar, ihre laufenden Kosten vor der Öffentlichkeit unter Verschluss zu halten.

Aufwendungen von 30 Prozent für externe Dienstleister sind erlaubt

„Natürlich werben viele Organisationen damit, dass 100 Prozent der Spendengelder dem guten Zweck zufließen, aber in den seltensten Fällen stimmt das auch“, sagt Böttcher. Genauso wie Wirtschaftsunternehmen müssen auch gemeinnützige Organisationen in Verwaltung und externe Berater investieren, ebenso in Maßnahmen, die neue Kunden, also Spender, beschaffen – denn nur so können sie ihr Überleben sichern.

Um Organisationen bei solchen Maßnahmen zu unterstützen, wurde vor 17 Jahren der Deutsche Fundraisingverband (DFRV) gegründet. Seine Aufgabe besteht unter anderem darin, das Ansehen der Spendenwerbung in Deutschland zu fördern. „Austausch unter Profis“ ist außerdem eines der Hauptziele des Verbands. Er will vor allem verhindern, dass Spendengelder Menschen überlassen werden, die keine Ahnung vom Wesen der Gemeinnützigkeit haben. Er organisiert Fortbildungen von Hauptamtlichen und legt in Richtlinien fest, welchen Anteil ihrer Einnahmen Organisationen für Werbung und Mittelbeschaffung ausgeben dürfen.
Ein Drittel ist hier die Obergrenze. „Dabei kommt es natürlich immer auch auf die Struktur der einzelnen Organisation an“, erklärt Dr. Thomas Röhr, Mitglied im Vorstand des Verbands. Als Ausnahme gilt, wenn eine neue Kampagne startet und kurzfristig höhere Investitionen notwendig werden. „Das sollte sich aber mittel- bis langfristig wieder amortisieren.“

Ein Großteil der Organisationen engagieren externe Dienstleister, die auf professionelle Weise um neue Mitglieder und Förderer werben, indem sie etwa Briefe gestalten oder Informationsstände in der Stadt unterhalten. Für die gemeinnützigen Initiativen bedeuten diese im Hintergrund arbeitenden Agenturen eine große Hilfe und Arbeitserleichterung: Sie bauen Strukturen auf, planen Arbeitsabläufe und organisieren Veranstaltungen. Darüber hinaus veranstalten sie Schulungen für die Mitarbeiter und klären die Verbraucher auf.

Professionelle Fundraiser sind gut informiert und keinesfalls aufdringlich

Röhr kennt das Misstrauen in der Bevölkerung und die Probleme, mit denen die Branche zu kämpfen hat. Dabei sei es gar nicht so schwierig, einen seriösen Anbieter zu erkennen, sagt er. „Wenn man beispielsweise per Telefon oder in der Fußgängerzone angesprochen wird, geben professionelle Unternehmen immer Auskunft darüber, wer sie sind und für wen sie arbeiten.“ Transparenz sei ohnehin ausschlaggebend: „Vertrauenswürdige Organisationen erkennt man daran, ob sie Informationen weitergeben, ihre Jahresberichte veröffentlichen und ihre Internetseite ausführlich gestalten.“

Mit Vorsicht zu genießen seien hingegen Sammler, die Menschen bedrängen und sie unter Druck setzen. Personen, die hauptberuflich Spendenwerbung betreiben, treten zurückhaltend, freundlich und kompetent auf. Sie sind über die Organisation und die Projekte informiert und wissen genau, wo ihre Grenzen liegen. Ehrlichkeit sei eine wichtige Eigenschaft von Fundraisern. „Letztendlich müssen sie immer klar machen, dass es um Geld geht“, so Röhr. Laut ihm hängt Vieles mit der Vergütung zusammen. Gut ausgebildete und seriöse Spendensammler erhalten idealerweise immer ein Festgehalt mit Boni statt nach einem reinen Provisionssystem bezahlt zu werden, was den finanziellen Druck erheblich mindert.

„In der Regel kann man sich auf seinen gesunden Menschenverstand verlassen“, sagt Röhr. Wenn man den Eindruck hat, dass etwas nicht in Ordnung ist und die werbenden Personen auch keine zufrieden stellenden Auskünfte erteilen können, sollte man Abstand nehmen. Kann der Mitarbeiter aber detaillierte Auskünfte geben und ist er selbst bei einer ablehnenden Haltung weder aufdringlich noch unfreundlich, kann man ihm und dem guten Zweck, für den er sammelt, ruhig Vertrauen schenken. (27/08/10, Quelle: Pressebüro Gebhardt-Seele)

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