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Organisation & Kommunikation

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Ist Unicef fast überall

Lehren aus einer Spendenaffaire

von Christoph Müllerleile, Oberursel

Hinterher ist man immer schlauer. Das gilt insbesondere für die Vorgänge um das Deutsche Komitee für UNICEF, die sich seit Ende November 2007 in einer allmählich anschwellenden Medienlawine und zunehmender Verunsicherung und Kritik der Öffentlichkeit an der Mittelbeschaffungspraxis gemeinnütziger Organisationen niedergeschlagen haben. Bei den Verantwortlichen des Nonprofit-Sektors wird selbstkritisch über eigene Versäumnisse und die Konsequenzen daraus nachgedacht.

SCHLEICHENDER DILETANTISMUS

Im Fall „UNICEF” ging es um die lockere Handhabung von Finanzen und Geschäftsabläufen einer Geschäftsführung, deren Kontrolle durch zum Teil desinteressierte, zum Teil auch unkundige ehrenamtliche Vorstands- und Beiratsmitglieder unzulänglich wahrgenommen wurde. Es ging um eine politikerfahrene Vorsitzende, die das Unheil wohl kommen sah, aber gegen die Wir-haben-das-immer-so-gemacht- oder Lasst-uns-doch-mit-Details-in-Ruhe-Haltung der meisten übrigen Verantwortlichen nicht ankommen konnte und dann die Flucht in die Öffentlichkeit antrat, um sich durchzusetzen. Und es ging um Transparenzdefizite einer international renommierten Hilfsorganisation nach innen und außen.

NICHTS BLEIBT GEHEIM

Die Affäre begann am 24. Mai vergangenen Jahres, als sich ein anonymer Briefschreiber an die Vorsitzende Heide Simonis, die frühere Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, wandte. „In unserem Haus”, so hieß es, würden in letzter Zeit Gelder in seltsamer Höhe ausgegeben. Von einer „unglaublichen Summe” für den Umbau der Geschäftsstelle war die Rede, von einem Gerücht, dass der Geschäftsführer sich beim Bau seines Privathauses Vorteile verschaffe, von äußerst lukrativen Berater-verträgen, Geldgeschenken für Gegenleistungen, „die für uns im Verborgenen liegen”.
Simonis übergab eine Kopie des Briefes an den Geschäftsführer, Dietrich Garlichs. Am 18. Juni setzte sich der geschäftsführende Vorstand im Beisein seines Mitgliedes Garlichs dann erstmals detailliert mit den Vorwürfen auseinander.

FLEXIBLE GESCHÄFTSABLÄUFE

Bei dieser Gelegenheit verlangte die Vorsitzende von der Geschäftsführung Unterlagen, die in einer öffentlichen Verwaltung in der Regel greifbar gewesen wären, bei UNICEF aber nicht, da „wir nicht nach den Regeln des öffentlichen Dienstes” arbeiten, wie Garlichs erläuterte. Alle Aktivitäten des
Komitees seien in der Jahresfinanzplanung enthalten, die vom Vorstand diskutiert und genehmigt worden sei. Die Aktivitäten- und Finanzplanung sei eine zielgerichtete Ergebnisplanung, die laufend daraufhin überprüft werde, dass möglichst viele Mittel für UNICEF-Projekte erreicht würden, und zwar „unter Einhaltung einer bestimmten Gesamtkostenquote, einer Spendenkostenquote und einer Kostenquote für den Grußkartenbereich”. Mit diesem flexiblen Aktivitäten- und Finanzplanungssystem habe UNICEF in den letzten achtzehn Jahren deutlich bessere Ergebnisse als vergleichbare Organisationen erzielt. Am Ende gaben sich die UNICEF-Verantwortlichen offenbar mit den Erläuterungen zufrieden.

REGELVERSTÖSSE

Am 28. November war der „Arger bei UNICEF” zum ersten Mal Aufmacher der „Frankfurter Rundschau”, mit Details, die den Beginn eines schweren Zerwürfnisses zwischen der Vorsitzenden einerseits und dem Geschäftsführer mit dem Rest des geschäftsführenden Vorstands andererseits einleiteten. Im Laufe ihrer Berichterstattung enthüllte die „Frankfurter Rundschau” dass UNICEF Deutschland

• einen früheren Bereichsleiter als „freien Mitarbeiter” für die Beratung des Grußkartengeschäfts und die Erweiterung der Geschäftsstelle zwei Jahre lang mit Honoraren versorgte, die sich monatlich auf etwa 16.000 € akkumulierten;
• einen weiteren ehemaligen Mitarbeiter für die Beschaffung von Spenden in der „UNICEF-Kinderstadt” Heilbronn mit mehr als 190.000 € proportional am Spendenerfolg beteiligte, ohne die Spender zu informieren;
• den ehemaligen Mitarbeiter auch für Spenden — eine Zuwendung der Firma Lidl in Höhe von 500.000 € — verprovisionierte, die er offenbar gar nicht beschafft hatte, wobei das Geld von der UNICEF-Stiftung vereinnahmt wurde und dem Heilbronner Kinderstadtprojekt, für das Provisionen gezahlt wurden, noch nicht einmal zufloss.
• zwei vom Verein formal unabhängige Stiftungen unterhält, in denen wenige UNICEF-Funktionäre das Sagen haben und von denen die eine 89,4 Mio. € Stiftungskapital angesammelt hat, die andere 1,6 Mio. €, und in denen die Entscheidungswege, welche Mittel in die Soforthilfe fließen und welche bei den Stiftungen angespart werden, nicht transparent sind.

In der Folgezeit kam es zu fast täglich neuen „Enthüllungen” der „Frankfurter Rundschau” und einem hässlichen, offen ausgetragenen Streit In der Führung. Simonis legte Garlichs zwar öffentlich nahe, seine Ämter ruhen zu lassen, setzte sich damit jedoch nicht durch. Schließlich beauftragte der Vorstand die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, die durch das anonyme Schreiben und durch die Berichterstattung erhobenen Vorwürfe gegen die Geschäftsführung zu prüfen. Am 14. Januar dieses Jahres legten die Wirtschaftsprüfer die Ergebnisse ihrer Sonderuntersuchung vor. Es hätten sich in keinem der untersuchten Sachverhalte Hinweise auf persönliche Bereicherungen oder Vorteilsnamen der handelnden Personen ergeben. Den in Rechnung gestellten und gezahlten Beträgen stünden entsprechende Gegenleistungen für UNICEF gegenüber und diese entsprächen den geschlossenen Vereinbarungen. Die Vergabe von Aufträgen sei unter nachvollziehbaren betrieblichen Rahmenbedingungen erfolgt. Allerdings seien in vier der fünf untersuchten Sachverhalte Verstöße gegen bestehende Regeln der Vergabe, Durchführung und Kontrolle von Transaktionen festgestellt worden, die „dem Bereich der Ordnungsmäßigkeit zuzuordnen sind”. Die Staatsanwaltschaft stellte ihre Ermittlungen ein.

KEIN FALL FÜR DEN STAATSANWALT

Nach einer Sondersitzung des Vorstands am 2. Februar trat Simonis zurück. Sie wolle UNICEF „vor weiterem Schaden bewahren und einen Neuanfang ermöglichen”. Am B. Februar wich auch Garlichs dem wachsenden Druck und bot dem Vorstand seinen Rücktritt an, den Simonis-Nachfolger und Vorgänger Reinhard Schlagintweit zögerlich annahm. Bis dahin hatte UNICEF nach eigenen Angaben bereits 20.000 Stammspender verloren. In den Reihen der 8.000 ehrenamtlichen Mitarbeiter grummelte es heftig. Große Publizität erlangte dann der am 20. Februar verkündete Entzug des Spenden-Siegels durch das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI). Begründung: UNICEF Deutschland habe bei den jährlichen Spenden-SiegelPrüfungen seit 2005 wahrheitswidrig behauptet, keine Provisionen für die Vermittlung von Spenden zu bezahlen.

DZI UND TRANSPARENZ

Das DZI war mit dem Entzug des Spendensiegels massiver Kritik begegnet, die renommierte Organisation verschonen zu wollen. Auch beim DZI bahnt sich jetzt ein Umdenken in Richtung Transparenz an. Nachdem bisher nur das Prinzip der Transparenz gegenüber den Prüfern des DZI galt, kündigte das DZI jetzt auch die Einführung detaillierter Vorgaben für die Transparenz nach außen an, was die Veröffentlichung von Jahresberichten, des Jahresabschlusses, Informationen zur Vergütung hauptamtlicher Mitarbeiter und externer Berater, zu Aufwandsentschädigungen Ehrenamtlicher sowie zur Zahlung von Provisionen und zur Veröffentlichung des Werbe- und Verwaltungskostenanteils nach DZI-Standard einschließt.

GEFÄHRLICHES INTERESSE DES GESETZGEBERS

Inzwischen werden Forderungen nach einer Regelung des Spendenwesens durch den Gesetzgeber lauter. Die Begründung dafür liefern die jüngsten Fortschritte bei der steuerlichen Begünstigung gemeinnützigen Wirkens. Die gemeinnützigen Organisationen versuchen, dem durch gemeinsame Anstrengungen zur Selbstreflexion und -regulierung zu begegnen. Noch gibt es eine Menge Verantwortlicher wohltätiger Einrichtungen, die offensichtlich nicht verstehen, warum alle guten Taten von einem Tag auf den anderen kein Gewicht mehr haben, wenn die Menschen enttäuscht werden. So berechtigt es einerseits ist, wenn Medien gute Werke nicht zerstören wollen, so wichtig ist aber doch ihre Rolle, Kontrolle in der Grauzone zwischen dem rechtlich zwar Erlaubten, aber ethisch Verwerflichen auszuüben.

KURZ&KNAPP
Die Lehren der Nonprofits aus der „UNICEF-Affäre” sind:
• Optimierung der Führungsstruktur durch klare Trennung des durch einen hauptamtlichen Geschäftsführer verantworteten operativen Bereichs von den durch ehrenamtliche Vorstände wahrgenommenen Aufsichtsfunktionen;
• Integrität des Geschäftsgebarens (kein Widerspruch zwischen Schein und Sein) und Transparenz nach einheitlichen Kriterien, die einen Vergleich erlauben,
• Offenlegung der Beziehung zur gemeinnützigen Organisation in der Spendenwerbung und Unterbindung von Scheinidentitäten durch externe Dienstfeister,
• Balance zwischen Idealismus und Marktüblichkeit bei der Festlegung von Vergütungen;
• Einheitliche Betrachtung von Nonprofits, auch wenn diese rechtliche oder funktionale Aufteilungen vorgenommen haben,
• Qualitätssicherung durch Zertifizierung aufgrund tatsächlicher Prüfung,
• Konsequentes Benchmarking durch Qualitätsvergleich,
• Einüben professionellen Krisenmanagements der Medienbeauftragten,
• Kritische Solidarität im Dritten Sektor,
• Einschränkung von Provisionszahlungen für Spendenwerbung,
• Ausbau des Deutschen Spendenrats zu einer repräsentativen
Interessenvertretung deutscher spendenabhängiger Organisa
tionen mit Selbstverpflichtung. (Erschienen in S&S 2/2008)

Der Autor: Dr Chrisoph Müllerleile ist selbständiger Fundraisingberater

www.fundraising-buero.de

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