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Zivilgesellschaft in Zahlen: Die Deutschen lieben ihren Verein

17,5 Millionen Bürger engagieren sich in mehr als 600.000 Organisationen. Das sind 50.000 Organisationen mehr als noch vor 20 Jahren. Das Rückgrat des zivilgesellschaftlichen Lebens ist nach wie vor der Verein. Er sollte von der Politik stärker gefördert werden. Das ist ein Ergebnis der Studie Zivilgesellschaft in Zahlen (ZiviZ), erstmals erstellt von Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, Bertelsmann Stiftung und Fritz Thyssen Stiftung.

Ob als Übungsleiter im Sportverein, als Umweltaktivist oder als Mitglied der Studentenbewegung: Millionen Deutsche mischen sich ein und am Liebsten machen sie das in einem Verein. 97 Prozent der mehr als 600.000 zivilgesellschaftlichen Organisationen sind Vereine. Das ist ein Ergebnis des ZiviZ-Survey, einem Projekt des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft zusammen mit der Bertelsmann Stiftung und der Fritz Thyssen Stiftung.

Die Autoren des ZiviZ-Surveys haben erstmals genau hingeschaut, und die gesamte organisierte Zivilgesellschaft statistisch erfasst. Denn zivilgesellschaftliches Leben ist nicht nur der Sportverein um die Ecke. Zivilgesellschaftliches Leben ist auch die Musikschule im Ort, das nächste Krankenhaus oder der Kindergarten der Stadt. Das bedeutet, eine lebendige Demokratie kann es ohne Zivilgesellschaft nicht geben.

“Die Studienergebnisse liefern wertvolle Orientierungen und Ansatzpunkte für eine zukunftsorientierte Zivilgesellschaftspolitik. Jetzt liegt es an den Kommunen und Ländern und insbesondere an der neuen Bundesregierung, diese aufzugreifen und den Dialog von Forschung und Förderung weiter auszubauen”, erklärt Andreas Schlüter, Generalsekretär des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft.

Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung: “Wenn bisher von der Zivilgesellschaft in unserem Land geredet wurde, dann war dies immer ein verschwommener Begriff ohne konkrete Fakten. Ich freue mich deshalb sehr, dass wir mit der ZiviZ-Studie der künftigen Bundesregierung und allen Entscheidern eine fundierte Basis geliefert haben, die Zivilgesellschaft besser zu verstehen. 17,5 Millionen Ehrenamtliche in fast 600.000 Vereinen – das ist ein überaus komplexes Gebilde – und je nach Bundesland mit unterschiedlich gefestigtem Fundament was die Zahl der engagierten, die Masse der Vereine oder die vorhandenen Mittel angeht.”

Das Ergebnis des ZiviZ-Survey: Das freiwillige Engagement im Verein ist kein Auslaufmodell sondern der Regelfall. Allerdings nimmt die Bedeutung von Stiftungen, gemeinnützigen GmbHs und Genossenschaften in den letzten Jahren immer mehr zu.

Das heißt, die typische zivilgesellschaftliche Organisation gibt es nicht. Im Bereich Sport zum Beispiel gibt es 99 Prozent Vereine und nur 1 Prozent Stiftungen. Bei Bildung und Erziehung gibt es dagegen mit 25 Prozent deutlich mehr Stiftungen und gemeinnützige GmbHs.

Fast zwei Drittel der Vereine sind in den Bereichen Sport, Kultur und Freizeit zu finden. Gefolgt von den Bereichen Bildung und Erziehung, wie freie Schulen, Kindergärten oder Fördervereinen. Einen Gründungsboom gab es allerdings in den letzten Jahren vor allem bei den sozialen Diensten und im Bereich Gesundheitswesen. Hier wurde seit dem Jahr 2000 fast jeder zweite Verein gegründet.

Regional ist die Vereinsdichte sehr unterschiedlich. Vor allem im Süden der alten Republik und in den neuen Bundesländern gibt es die meisten Vereine. Spitzenreiter ist Thüringen. Hier kommen neun Vereine auf 1.000 Einwohner. Schleswig-Holstein und die Stadtstaaten bilden das Schlusslicht.

Die Autoren des ZiviZ-Survey stellen fest: Je kleiner der Verein, desto größer sind die Probleme bei der Nachwuchsgewinnung. Der Bund hat zwar durch den Ausbau und die Weiterentwicklung von Freiwilligenagenturen, Mehrgenerationenhäusern, Senioren- und Familienbüros versucht, Vereine, Initiativen und andere Vereinigungen in ihren Aktivitäten zu unterstützen. Offenbar aber mit wenig Erfolg. Viele Aktivitäten gehen an den Betroffenen, an den kleinen Vereinen vorbei.

Die kleinen, rein ehrenamtlichen Aktiven, das sind über die Hälfte der Organisationen, erhalten außerdem keine öffentlichen Gelder. Für sie spielt die materielle Förderung durch Dritte eine wesentliche Rolle. Die Bereitstellung von Personal oder Serviceleistungen, von Sachmitteln oder von Infrastrukturen wie Räumen für die Vereinsnutzung oder Sportstätten sind wichtige Bestandteile im Ressourcenmix. Um diese Förderung systematisch aufzubauen und verlässlich zu gestalten, sollten Plattformen, zum Beispiel Tauschringe oder -börsen, entwickelt werden.

Nur ein Drittel der zivilgesellschaftlichen Organisationen finanzieren sich auch über öffentliche Mittel. Den größten Anteil bekommen Organisationen in den sozialstaatsnahen Bereichen Soziale Dienste, Gesundheit sowie Bildung und Erziehung. Um diese Bereiche auch nachhaltig finanziell zu unterstützen, empfehlen die Autoren der Studie ZiviZ-Survey, dass öffentliche Mittel langfristiger bewilligt und breiter gestreut werden müssen.

Grafiken: ZiviZ-Survey 2012

(29.11.2013 | Quelle: Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft)

Studie online lesen

Website zum Projekt "Zivilgesellschaft in Zahlen"

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