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Ein äthiopisches Dorf macht Schule

Gemäß Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte hat jeder Mensch das Recht auf Bildung. Die Realität sieht jedoch anders aus: Etwa 100 Mio. Kinder weltweit besuchen keine Schule. Auch in Äthiopien ist die Lage prekär. Zwar hat die Regierung in den letzten Jahren mit Hilfe internationaler Geber wichtige Schritte unternommen, um den Bildungsnotstand im Land zu lindern, doch gerade in den ländlichen Gebieten lernen die Kinder oft unter unerträglichen Bedingungen. So auch im Heimatdorf von Erdaw Miko. Durch sein Engagement konnte die Situation der Schüler dort erheblich verbessert werden.

Erdaw Miko

Eine gute Ausbildung war auch das Motiv für Erdaw Miko, 1981 Äthiopien in Richtung DDR zu verlassen. Zwischen den beiden Ländern bestand ein reger Studentenaustausch, die DDR gehörte zu den wichtigsten Unterstützern der sozialistischen Militärregierung des afrikanischen Staates. In Leipzig und Magdeburg studierte Erdaw Maschinenbau und gelangte 1983 über Westberlin nach Köln, von wo aus er in den USA Asyl beantragte und 1984 nach Dallas ausreiste. Um seine Familie zu unterstützen, arbeitete er tagsüber in einem Warenhaus und setzte sein Studium zunächst in Abendlehrgängen fort, unterbrach es dann jedoch, um sich ganz der Finanzierung der Ausbildung seiner Geschwister widmen zu können.


„Der Kopf ist zu schade, um nur das Haar zu tragen.“
1987 ging Erdaw Miko zurück nach Köln, wo er bei Ford eine Ausbildung als Werkzeugmacher absolvierte und heute als Modelbauer in der Autoindustrie arbeitet. 1992, ein Jahr nach der Sturz der äthiopischen Regierung, reiste er zum ersten Mal nach elf Jahren wieder in seine Heimat. Schockiert über die Armut und die unsäglichen Lebensbedingungen, die er dort vorfand, unterstützte er weiterhin die Familie. Alle Geschwister sollten die Schule besuchen. Damit die ältesten das Abitur machen konnten, kaufte Erdaw ihnen ein Haus in Addis Abeba, wo das Schulangebot wesentlich besser war als auf dem Land. Die Situation der Menschen in seinem Dorf ließ ihn jedoch nicht los. Er erklärte seinen Geschwistern, dass sie für ihr Weiterkommen nun selbst aktiv werden müssten. Hilfe im privaten Bereich war ihm wichtig – aber nicht genug.

Eine Schule für Menjikso Tade
Als Kind hatte Erdaw lange Wege zur Schule zurücklegen müssen. Dies wollte er den Kindern seines Dorfes Menjikso Tade ersparen. Zwar gab es eine Dorfschule, jedoch keine Sitz- und Schreibmöglichkeiten. Die Schüler waren nicht nach Alter oder Leistungsstand getrennt, für 200 Kinder gab es zwei Lehrkräfte, sanitäre Anlagen waren nicht vorhanden. Eine neue Schule für Menjikso Tade wurde Erdaws Ziel und er nutzte jede Gelegenheit, darüber zu berichten. Im Freundes- und Kollegenkreis kamen so die ersten 880 € zusammen, der Grundstock für das Projekt. 2007 lernte er Marcella Müller, Projekt-
assistentin bei der Stiftung Partner für Schule NRW, kennen. Überzeugt von seinem Vorhaben unterstützte sie ihn fortan und noch im selben Jahr wurden mit Hilfe von Freunden 60 Schulbänke angefertigt, 2008 konnte Erdaw Miko mit rund 7.000 € nach Äthiopien reisen und mit dem Bau des neuen Schulgebäudes beginnen. Unterstützt vom örtlichen Bezirksleiter wurden Baupläne erstellt, Unternehmer verpflichtet und Material gekauft. Über Schotterpisten erreichten neun LKW- und viele Esel-Ladungen Sand, Betonblöcke und Holz das Dorf, der Grundstein für die Schule konnte gelegt werden. Ende 2009, inzwischen war „Die Sonnenblume – der Förderverein zur Hilfe äthiopischer Kinder“ gegründet, konnten die Initiatoren mit weiteren Spenden in Höhe von rund 9.200 € vor Ort die Fertigstellung der Schule finanzieren.

Probesitzen auf den neuen Schulbänken

„Ihr müsst Euch weiter bewegen!“
Wie einst seine Geschwister, gelang es Erdaw Miko, auch die Dorfbewohner von der Notwendigkeit der Eigeninitiative zu überzeugen. Die Eltern der Kinder entscheiden nun selbst über Verwendung der Spenden, wollen die Schule erweitern – und wurden bereits selbst aktiv: Erlöse aus Versteigerungen von Vieh und Marktstandgebühren fließen in das Projekt. Die Bezirksregierung unterstützt „Eine Schule für Menjikso Tade“, drei weitere Lehrer wurden zugesagt.


Erdaw Miko hofft auf weiter reichende Veränderungen in der Dorfgemeinschaft. Obwohl gesetzlich verboten, ist die Beschneidung von Mädchen noch immer an der Tagesordnung. Die Aufklärung über die Folgen des furchtbaren Rituals sollen in der neuen Schule vermittelt, den Mädchen eine Stimme gegeben werden, sich gegen eine frühe Verheiratung zur Wehr setzten zu können. Nach wie vor sind die Lebensbedingungen in Menjikso Tade katastrophal:, kein fließendes Wasser, schlechte Straßen, große Armut. Inzwischen wurde die Deutsche Welthungerhilfe auf Erdaw Mikos Projekt aufmerksam und hat nach einer Bestandsaufnahme vor Ort Vorschläge zur Verbesserung der allgemeinen Lage gemacht, wie Tiefenbohrungen oder eine solarbetriebenen Wasserpumpe – die nächsten Projekte, für die sich Erdaw Miko und seine Mitstreiter einsetzen werden. (Ulrike Molitor, Berlin)

www.sonnenblume-ev.de

Marcella Müller: Reisetagebuch Dezember 2009

Der Artikel ist erschienen in Stiftung&Sponsoring Ausgabe 4/2010 mit dem Schwerpunkt “Eine Welt? Entwicklungszusammenarbeit als Förderzweck”

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