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Studie: Auswanderung aus Deutschland überwiegend auf Zeit

Nur ein Drittel der Auswanderer will eher auf Dauer im Ausland bleiben, 41 Prozent gehen von einer Rückkehr aus, zeigt die gemeinsame Studie des SVR-Forschungsbereichs, des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) und der Universität Duisburg-Essen. Die Studie benennt Handlungsfelder, wie internationale Mobilität durch die Politik proaktiv gestaltet werden kann.

Seit Jahren wandern mehr deutsche Staatsangehörige aus als nach Deutschland zurückkehren. Zwischen 2009 und 2013 wurden rund 710.000 Fortzüge registriert, dem standen nur etwa 580.000 Zuzüge gegenüber. Somit verliert Deutschland jährlich im Durchschnitt rund 25.000 Personen mit deutscher Staatsbürgerschaft. Dies wirft angesichts des sich abzeichnenden demografisch bedingten Fachkräftemangels die Frage auf, welche Motive für eine Aus- und Rückwanderungsentscheidung leitend sind. Für die Studie „International Mobil. Motive, Rahmenbedingungen und Folgen der Aus- und Rückwanderung deutscher Staatsbürger“ konnten erstmals Aus- und Rückwanderer in größerem Umfang nach ihren Beweggründen befragt und ihre Sozialstruktur erhoben werden. Die gemeinsame Studie des SVR-Forschungsbereichs, des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) in Wiesbaden und der Universität Duisburg-Essen wurde von der Stiftung Mercator gefördert.

“Für die Entscheidung zur Auswanderung ist meist ein Bündel an Motiven ausschlaggebend”, sagte Dr. Cornelia Schu, Direktorin des SVR-Forschungsbereichs. “Am häufigsten wird neben beruflichen Gründen (66,9 Prozent) der Wunsch genannt, neue Erfahrungen zu machen (72,2 Prozent).” Immerhin 41,4 Prozent der Befragten nennen Unzufriedenheit mit dem Leben in Deutschland als Beweggrund für eine Auswanderung. Ein höheres Einkommen im Ausland erhoffen sich 46,9 Prozent der Befragten. Tatsächlich führt die Auswanderung für die meisten international mobilen Deutschen zu einer Erhöhung des Einkommens, und zwar unabhängig von Bildungsniveau oder Berufsqualifikation. Doch das hat seinen Preis. So gaben 43,5 Prozent an, dass sich die Auswanderung negativ auf ihren Freundes- und Bekanntenkreis ausgewirkt habe. “Auswanderung aus Deutschland hat ambivalente Folgen für die Wandernden: Sie erzielen oft ein höheres Einkommen und haben einen höheren Berufsstatus, aber sie erfahren vielfach auch eine Art sozialer Desintegration durch den Verlust von Freunden und Bekannten”, sagte Prof. Dr. Norbert F. Schneider, Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung.

Wissenschaftliche Untersuchungen über Auswanderer stehen vor der Herausforderung, eine weltweit verstreute und nicht zentral registrierte Gruppe zu erreichen. Die Studie hat Pilotcharakter, weil erstmals in großer Zahl Auswanderer und Rückwanderer angeschrieben und für eine Befragung erreicht werden konnten. Im Unterschied zu früheren Studien kann so die gesamte Bandbreite von international Mobilen erfasst werden. Die systematisch gezogene Stichprobe umfasste 3.000 Aus- und 4.500 Rückwanderer, die zur Teilnahme an der Umfrage eingeladen wurden. Für die Studie wurden Antworten von insgesamt 1.700 Personen ausgewertet, darunter knapp 800 Aus- und rund 900 Rückwanderer. Die Ergebnisse liefern aussagekräftige und belastbare neue Erkenntnisse zur Frage, wer auswandert und welche Motive dabei eine Rolle spielen. Sie sind aber nicht repräsentativ für die Gesamtheit der deutschen Aus- und Rückwanderer.

Die Studie gibt auch Aufschluss über die Sozialstruktur der international Mobilen: Die befragten Aus- und Rückwanderer sind deutlich jünger als die deutsche Wohnbevölkerung, überproportional viele stammen aus einem bildungsnahen Elternhaus und haben deutlich höhere Bildungsabschlüsse. Akademiker und Führungskräfte sind unter den Auswanderern stark überrepräsentiert. Bei den Auswanderern liegt der Anteil der Hochqualifizierten bei 70,0 Prozent. Aber auch bei den Rückwanderern ist ihr Anteil mit 64,1 Prozent sehr hoch. “Das weist darauf hin, dass es sich um zirkuläre Wanderungen vor allem jüngerer, qualifizierter Personen handelt”, sagte Prof. Dr. Marcel Erlinghagen, Inhaber des Lehrstuhls für Empirische Sozialstrukturanalyse der Universität Duisburg-Essen. Das zeige auch der hohe Anteil von Befragten, die eine Rückkehr beabsichtigen: Etwa 41 Prozent der im Ausland lebenden Deutschen geben an, dass sie nach Deutschland zurückkehren möchten. Rund ein Drittel möchte eher im Zielland bleiben. Unentschlossen ist ein Viertel der Befragten (26,0 Prozent).

Für eine Entscheidung zur Rückkehr nach Deutschland spielen ähnliche Motive eine Rolle wie bei der Abwanderung, es zeigen sich aber deutliche Unterschiede bei der Häufigkeit der Nennung: Auch für Rückkehrer spielen berufliche Gründe mit 56,5 Prozent eine zentrale Rolle. Am häufigsten werden aber partnerschaftsbezogene und familiäre Gründe genannt (63,9 Prozent). Insgesamt zeigt die Studie, dass sich das Wanderungsverhalten nach Geschlecht unterscheidet: Sowohl bei den Auswanderern als auch bei den Rückwanderern gaben Männer als Migrationsmotiv deutlich häufiger berufliche Gründe an, Frauen dagegen häufiger partnerschaftsbezogene und familiäre Gründe. “Eine Erklärung hierfür bietet das nach wie vor wirkungsstarke Modell des ‘männlichen Familienernährers’: Danach ist die Aus- und Rückwanderung von Männern eher beruflich bzw. wirtschaftlich motiviert, während Frauen eher aus familiären Gründen wandern“, stellte Prof. Dr. Norbert F. Schneider fest. Die Unzufriedenheit mit dem Leben im Ausland geben 40,4 Prozent an – ein Wert, der fast genauso hoch ist, wie der Wert der Unzufriedenheit mit dem Leben in Deutschland. Eine Rückwanderung führt für die meisten international mobilen Deutschen zu spiegelbildlichen Effekten der Auswanderung: Sie nehmen in der Regel eine deutliche Verbesserung der sozialen Lebensbedingungen wahr, müssen gegenüber dem Leben im Ausland jedoch finanzielle Einbußen hinnehmen. Insbesondere bei Personen mit geringeren Berufsqualifikationen wirkt sich eine Rückkehr im Durchschnitt deutlich negativer auf das Einkommen aus, während sich die Auslandserfahrung vor allem bei Hochqualifizierten auch finanziell auszahlt.

Das Fazit der Studie lässt sich auf die Formel “Brain Circulation statt Brain Drain” bringen. “Es gibt derzeit keine Anzeichen für einen dauerhaften Weggang Hochqualifizierter aus Deutschland. Ihre Abwanderung hat eher temporären Charakter”, stellte Prof. Dr. Marcel Erlinghagen fest. “Daher ist ein Perspektivenwechsel angebracht: Auswanderung sollte nicht einseitig als Verlust, sondern auch als Chance wahrgenommen werden. Denn international Mobile kehren mit neuen Erfahrungen, Fähigkeiten und Netzwerken zurück”, sagte Dr. Cornelia Schu. Darin liege auch eine Chance, den demografischen Wandel und den damit einhergehenden Fachkräftemangel besser zu bewältigen.

Internationale Mobilität ist Ausdruck dessen, dass sich nationale Gesellschaften – insbesondere innerhalb der EU – langfristig transnational öffnen. Als hochgradig mobil erweisen sich deutsche Staatsangehörige mit Migrationshintergrund. Sie stellen einen überdurchschnittlich hohen Anteil der Aus- und Rückwanderer: Ein Viertel der befragten Aus- und Rückwanderer hat einen direkten oder indirekten Migrationshintergrund. Sie wandern aber nicht zwangsläufig in das eigene Herkunftsland bzw. das ihrer Eltern, sondern sind generell mobiler.

Aus der Studie lassen sich folgende Handlungsoptionen vor allem für Politik und Wirtschaft ableiten. Da Migration das Ergebnis komplexer Motivlagen ist, spielen die allgemeinen Lebensbedingungen eines Landes und somit seine Attraktivität nicht nur für hochqualifizierte Zuwanderer, sondern auch für Auswanderer eine wesentliche Rolle. Daher sind gute Lebens- und Arbeitsbedingungen ein wichtiger Ansatzpunkt, da sie Migration auslösen oder hemmen. Aus- und Rückwanderung sollten zudem in politischen Gestaltungsprozessen wie dem Fachkräftekonzept oder bei der Fortentwicklung der Demografiestrategie der Bundesregierung berücksichtigt werden. Auch sollten Möglichkeiten der Rückkehrförderung geprüft werden: Während einzelne Bundesländer oder Organisationen der Wissenschaftsförderung bereits Rückkehrinitiativen gestartet haben, gibt es auf Bundesebene bislang noch keine derartigen Programme. Zudem sollten neue Ansätze zur transnationalen Vernetzung geprüft werden, die den Kontakt von Auswanderern zum Herkunftsland aufrechterhalten und pflegen. Hier kann auf die Erfahrungen anderer Staaten mit einer sog. Diaspora-Engagement-Politik zurückgegriffen werden.

Darüber hinaus sollte die Politik darauf hinwirken, die Chancen internationaler Mobilität möglichst allen gesellschaftlichen Gruppen und sozialen Schichten zu eröffnen. Sozial selektive Wanderungsmuster können tendenziell dazu beitragen, Bildungs- und damit mittelbar auch Einkommensungleichheit in Deutschland zu vergrößern. Mobilitätsbarrieren für bildungsbenachteiligte junge Menschen sollten durch geeignete Maßnahmen abgebaut werden.


Über den Forschungsbereich beim Sachverständigenrat

Der Forschungsbereich beim Sachverständigenrat führt eigenständige, anwendungsorientierte Forschungsprojekte zu den Themenbereichen Integration und Migration durch. Die projekt-basierten Studien widmen sich neu aufkommenden Entwicklungen und Fragestellungen. Ein Schwerpunkt der Forschungsvorhaben liegt auf dem Themenfeld Bildung. Der SVR-Forschungsbereich ergänzt die Arbeit des Sachverständigenrats. Die Grundfinanzierung wird von der Stiftung Mercator getragen.

Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration geht auf eine Initiative der Stiftung Mercator und der VolkswagenStiftung zurück. Ihr gehören weitere fünf Stiftungen an: Bertelsmann Stiftung, Freudenberg Stiftung, Robert Bosch Stiftung, Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und Vodafone Stiftung Deutschland. Der Sachverständigenrat ist ein unabhängiges und gemeinnütziges Beobachtungs-, Bewertungs- und Beratungsgremium, das zu integrations- und migrationspolitischen Themen Stellung bezieht und handlungsorientierte Politikberatung anbietet.

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