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Strategische Philanthropie in transatlantischer Perspektive

Strategische Philanthropie im Jahr 2015 erfordert zweifellos das Geschick und die Kompetenz, Fahrpläne antizipierend zu lesen und situativ flexibel zu reagieren; aber auch den Mut und die Entschlossenheit, das Ziel zu erreichen, sowie nicht zuletzt die Bereitschaft, sich an den jeweiligen Ergebnissen messen zu lassen.

Stiftungen strategisch zu leiten – so arglos konnte es Anfang März noch formuliert werden – sei vergleichbar mit dem Job eines Piloten: Ein klares Ziel und der Flugplan sind vorgegeben, Flughöhe und -routen lassen sich nach den sich ändernden Umständen variieren. Aber der Pilot hat immer das Ziel vor Augen und führt am Ende alle sicher dorthin.

Dieses Bild stand am 6. März 2015 am Beginn eines mit 30 Teilnehmern hochkarätig besetzten internationalen Workshops über “Strategic Philanthropy: Comparative Perspectives on the Way forward”, zu dem Helmut Anheier, Paul Brest und Bernhard Lorentz Wissenschaftler und Praktiker aus einer Reihe von Stiftungen in das Center on Philanthropy and Civil Society in Stanford eingeladen hatten. Ausgangspunkt war die Frage nach den Erfahrungen und dem Stand der Diskussion über strategische Philanthropie in den USA und Deutschland (mit einigen Blicken auf Europa) in vergleichender Perspektive. Strategische Philanthropie wurde hier v.a. als Stiftungswirken mit expliziten Zielen, auf diese Ziele hin ausgerichtete wirkungsorientierte Strategien und transparente Monitoring- und Evaluationsprozesse verstanden.

A concept formerly known as strategy

Grundlage der Diskussion der etwa 30 Teilnehmer waren Thesenpapiere von Paul Brest und Bernhard Lorentz mit Perspektiven auf den Diskussionsstand. Die Erfahrungen der vergangenen zehn Jahre machen vor allem Unterschiede in der Rolle der Wissenschaft als Legitimationsressource strategischer Philanthropie deutlich. Daraus ergibt sich die Frage, wie exzellente und ergebnisoffene Wissenschaftsförderung und zugleich inhaltlich-strategische Ziele von einer Stiftung verfolgt werden können. Dass strategische Philanthropie in Deutschland so wenig aufgenommen worden sei, könne nach Helmut Anheier an spezifisch amerikanischen Elementen des Konzepts liegen, also etwa einer typisch amerikanischen “can-do”-Mentalität und institutionellen Entschlossenheit. Wilhelm Krull betonte unterschiedliche Traditionen und Verständnisse der Begriffe “Strategie” und “Ziel” in den beiden Ländern. Auf beiden Seiten des Atlantiks lässt sich indes festhalten, dass strategische Philanthropie insgesamt ein Versuch ist, bei allen Unterschieden eine neue Rolle in sich rasch wandelnden bürgerlichen Demokratien zu finden. Die neuen Schnittstellen zwischen den Systemen Politik und Stiftungen spielen hier eine zentrale Rolle.

Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen als Fall strategischer Philanthropie

Konkrete Fälle machen strategische Philanthropie anschaulich: Eine Case Study aus Deutschland ist der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration, bei der sich acht Stiftungen mit unterschiedlichen Zielen zu einer strategischen Initiative verbinden, die den Diskurs um das Einwanderungsland Deutschland fundierter gestalten sollte. Dabei bedürfe, so Mark Speich, das Spannungsverhältnis von anhaltendem Ringen um und Ausloten von wissenschaftlichen Qualitäten auf der einen Seite und die notwendige Policy Advocacy auf der anderen Seite ebenso einer kritischen Reflektion wie die rein wissenschaftliche Legitimationsressource des Rates, dem es an tiefer Verankerung in den beiden anderen wichtigen Stakeholdergruppen – migrantische communities und Politik – immer noch mangele. Deutsche Stiftungen seien leider ohnehin wenig vorbereitet, in wichtigen gesellschaftlichen Kontroversen Wirkung zu erzielen. Das Panel argumentierte, dass bei allen unbestreitbaren Erfolgen hierin vor allem die Begründung dafür gesehen werden könne, dass der Rat den “religious turn” in der integrationspolitischen Debatte der vergangenen zwei Jahre bislang nur unzureichend
aufgenommen habe.



Paul Brest fasste dazu seine Erfahrung aus zwölf Jahren als Chef der Hewlett Foundation in der Feststellung zusammen, dass er mit klassischer Wissenschaftsförderung begonnen habe, aber im Laufe der Lernprozesse immer mehr auf die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik gezielt habe, um tatsächlich Wirkung zu erreichen. Der Fall des Sachverständigenrates fand viel Anerkennung und die durch ihn im deutschen Stiftungssektor ausgelösten Lernprozesse auch im Kooperationsverhalten und in der Arbeit an der Science-Policy-Schnittstelle zeichneten ein doch ermutigendes Bild vom Stand strategischer Philanthropie in Deutschland.

Case study Climate Foundation

Das Beispiel des weltweit größten globalen Kooperationsprojektes im Bereich des Klimawandels “Climate Works” mit dem europäischen Ableger European Climate Foundation warf Licht und Schatten auf das zuvor gezeichnete Bild. Mehr als 1,3 Mrd. US-$ standen Climate Works als von der Hewlett und der Packard Foundation errichtete eigenständige Stiftung zwischen 2006 und 2012 als Fördermittel zur Verfügung; 80 Prozent davon wurden an Partner vergeben. Der Versuch, das weltumspannende Problem des durch den Menschen verursachten Klimawandels in einer einmaligen Stiftungskoalition anzugehen, war indes von Beginn an ein sehr risikobehaftetes Vorhaben gewesen. Die von Hal Harvey entwickelte Strategie, sich konsequent auf die größten Kohlendioxid-Treiber zu konzentrieren, dabei bewusst mit hohen Ausfallrisiken zu arbeiten, wenn die erwartbare Wirkung überzeugte, und dafür regional Partner einzuwerben, fand jedenfalls in Deutschland wenig Unterstützung. Wilhelm Krull betonte in der Diskussion überzeugend, dass viele deutsche Stiftungen beim Klimawandel seit langem mit anderen Strategien engagiert seien. Warum die in Europa sonst so erfolgreiche Fundraising-Kampagne der European Climate Foundation in Deutschland so wenig aufgenommen wurde, blieb allerdings offen.

Strategisches Stiftungsmanagement zwischen Flugplan und Eisenbahn

Die eingangs verwendete Metapher des Flugplans wurde im Laufe der Debatte immer wieder herausgefordert. Woody Powell ordnete Stiftungen, die konsequent strategisch arbeiteten, organisationstheoretisch ein und prägte dabei die Formulierung: “Organizations formerly known as foundations”. Er spielte damit auf die veränderte Rolle von Stiftungen im Verhältnis zum Staat und in der Gesellschaft an. Es war Volker Then, der vorschlug, die Pilotenmetapher um eine alte europäische, scheinbar langsamer zum Ziel führende Tradition zu ergänzen: das Bahnfahren. Auch dort habe man das Ziel immer vor Augen, würde aber Züge je nach Bedarf und Fahrplanänderung immer wieder flexibel wechseln und auf viele Unwägbarkeiten reagieren müssen.

Dieser Beitrag erschien in Stiftung&Sponsoring 2/2015.

Die Stanford Social Innovation Review hat ein Online-Special zur Tagung herausgebracht: Strategic Philanthropy and Its Discontents.

Zum Online-Special

Debattenbeitrag von Bernhard Lorentz



Die Autoren

Prof. Dr. Wilhelm Krull ist Generalsekretär der VolkswagenStiftung.

Prof. Dr. Bernhard Lorentz ist seit 2014 Visiting Scholar am Stanford Center on Philanthropy and Civil Society sowie Honorarprofessor an der Freien Universität Berlin.

Beitrag in Stiftung&Sponsoring 2/2015 (PDF)

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