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Pakistan, erstes Opfer des Fundraisings?

Mögliche Gründe für die nachlassende Spendenbereitschaft

Von Alexander Glück

Manch einer fragt sich noch, was aus der Katastrophenhilfe auf Haiti und aus seiner Spende geworden ist, da überschlagen sich die Entwicklungen und treffen neue Nachrichten über schwere Katastrophen ein. Just ein paar Tage, nachdem die Vereinten Nationen das Recht auf Wasser zum Menschenrecht erhoben haben, versank Pakistan in gewaltigen Fluten, die wochenlang kein Ende nahmen und möglicherweise erst der Anfang eines Jahrhundertunglücks sind.

Schon konstatieren auch seriöse Fernsehsender, dass die Spendenbereitschaft diesmal zu wünschen übrig lässt. Zu reichweitenstarker Sendezeit verbreitet etwa die ARD den halb vorwurfsvollen, halb an die Menschenliebe gerichteten Aufruf, man müsse daran denken, dass es auch in Pakistan um Menschenschicksale geht, verbunden mit dem dringenden Hinweis auf das Spendenkonto 51 51, das der Moderator Wolfgang Kenntemich in seinem Überzeugungseifer nicht einmal richtig vorlesen konnte: Bei ihm wurde daraus “fünfzehn fünfzehn”.

Angesichts solcher Lässlichkeiten mag man sich fragen, wie die Medien den Spagat zwischen ihrer Katastrophenroutine einerseits und dem “Jetzt zählt es aber wirklich!” andererseits schaffen wollen. Kenntemich rechnete vor, dass die Deutschen für drei Millionen Haitianer rund 200 Mio. € spendeten (6,67 € pro Kopf), nun aber für 20 Millionen Pakistani in zwei Wochen erst zwei Mio. € (10 Cent pro Kopf). Dringlicher als diesbezügliche Ursachenforschung erscheint der ARD wie auch anderen Medien der drängende Aufruf, in diesem Fall untermalt mit bedrohlicher Musik und den üblichen Bildern von großen Kinderaugen, heulenden Müttern und weggeschwommenen Häusern.

Was Moderatoren wie Wolfgang Kenntemich und einige seiner Gesprächspartner als eine der Ursachen für die aktuelle Spendenmüdigkeit ausmachen, ist sicher der Einfluß der Taliban, die bereits Morgenluft wittern und deren soziales Engagement im Katastrophengebiet deshalb in unseren Medien durchgehend als die schlechte Art der Hilfe gebrandmarkt wird. Das ist paradox, denn gleichzeitig wird dauernd bekräftigt, dass es jetzt vor allem um die Menschen geht, nicht um die Ideologien. Nun wird hier niemand zögern, einem pakistanischen Kind helfen zu wollen, auch wenn es eine Koranschule besucht. Der Hemmschuh ist nach offizieller Lesart, dass die Taliban vielleicht dafür sorgen, dass die Spenden gar nicht erst am Ziel ankommen — und da beißt sich dieselbe Katze gleich nochmal in den Schwanz, denn die bösen Taliban sind bereits mitten drin in der Katastrophenhilfe. Und so berichten Mitarbeiter von Hilfsorganisationen davon, dass es mit den Taliban nicht zu Konflikten kommt, auch wenn sie ihre Ressentiments gegenüber den gewaltbereiten Islamisten deutlich durchschimmern lassen.

Pakistan braucht Hilfe, soviel ist klar. Offensichtlich lassen sich “die” Spender aber jetzt nicht mehr zum Geldgeben hinreißen. Wenn man sich mit der Mechanik von Steuerung und Verantwortungsverschiebung im Spendenwesen beschäftigt und die Situation auf der Basis der Thesen betrachtet, die in meinem Buch “Die verkaufte Verantwortung. Das stille Einvernehmen im Fundraising” (Essen 2009) Punkt für Punkt zusammengestellt sind, ist die jetzt eingetretene Situation plausibel und erklärbar. Mit dem Fiasko der Pakistanhilfe tritt nun auf traurige Weise ein, was in diesem Buch prognostiziert wurde: einerseits die unmittelbare Konkurrenz zwischen Spendenzielen und der Ernährung von Fundraisern, andererseits der Kollaps im Spendenertrag, weil das ganze System implodiert. Zusammenfassend lassen sich fünf zentrale Punkte ausmachen, die zusammen die Ursachen dafür bilden, dass unsere Spendenkultur diesmal frühzeitig schlapp macht.

Erstens: Die Superlative gehen aus.

Schon bei Haiti wurden kraftvolle Bezeichnungen wie “Jahrhundertkatastrophe” oder “biblisch” verbraucht. Die jetzt eingetretene Katastrophe betrifft weitaus mehr Menschen und greift in die Lebens- und Wirtschaftsstrukturen des Landes wesentlich massiver ein als das für sich genommen schon schwerwiegende Erdbeben von Haiti. Beide Katastrophen sind vom Wohnzimmer aus überhaupt nicht zu erfassen. Durch Begriffe, Vergleiche und Beispiele bekommen sie Konturen. Nur: Wenn die Kraftbegriffe verbraucht sind, kann man nichts nachlegen. Und sie wurden verbraucht — im Rahmen einer geradezu ekstatischen Haiti-Spendenschlacht, bei der noch aus dem letzten falschen Ton ein Riesenevent herausgeprügelt wurde und in deren Verlauf sich die Spendenweltmeister unter dem Lärm medialer Einpeitscherei zu immer neuen Höchstleistungen hochschaukelten. Wesentlicher Bestandteil dieser Eigendynamik war eine tief verwurzelte Endzeitstimmung, in der die lokal begrenzte und zugegebenermaßen unheilvolle Arbeit tektonischer Platten zu so etwas wie dem Weltuntergang hochstilisiert wurde. Diese Stimmung wurde von Fundraisern absichtlich angeheizt und verstärkt, weil diese Form der Massenhysterie die größten Summen in die Kassen der Hilfswerke spült.

Um das jetzt zu steigern, müssen wieder totale Begriffe her, und diesmal bemüht man das Bild der Sintflut. Das hat einen delikaten Beigeschmack, weil laut biblischer Überlieferung die Sintflut die Sünder gestraft hat und Pakistan überwiegend von Moslems bewohnt wird. Und deren islamistische Religionsführer stoßen ins selbe Horn, nur noch lauter: Sie bezeichnen die Regenfälle als göttliche Strafe, weil das Volk vom rechten Weg abgekommen ist.

Zweitens: Pakistan hat kein gutes Image.

Dass auch in öffentlich-rechtlichen Medien unterschwellig signalisiert wird, dass man doch sozusagen trotzdem helfen müsse, auch wenn es das Land Pakistan ist, offenbart einiges von den Ressentiments, die bei Redakteuren und Meinungsmachern herrschen. Offenbar glaubt man, dass die Spender die Bevölkerung eines Landes, das vom Drogenhandel und anderen schmutzigen Geschäften lebt, eine unfähige Verwaltung und einen sinistren Regierungschef hat, für nicht unterstützenswert erachten. Tatsächlich fragen sich viele Spender, ob Hilfe in diesem Land zweckmäßig organisiert werden kann. Wenn selbst Indien ohne größere Vorbehalte bereit ist, seinen traditionellen Streitpartner in dieser Lage zu unterstützen, dann darf man sicher auch spendenbereiten Menschen aus Europa zutrauen, Politik und Menschenschicksale voneinander getrennt zu beurteilen. Gerade die äußerst negative Bewertung des Enagements der Taliban, die damit angeblich nur ihre bösen Absichten auf eine breitere Basis stellen wollen, trägt erheblich dazu bei, dass man nun den Menschen in Europa unterstellt, sie würden der Taliban wegen nichts oder nur wenig spenden. Dabei wird übersehen, dass auch die Taliban zahlreiche soziale und religiöse Gründe haben könnten, für Notleidende etwas zu tun.

Drittens: Die Spender sind bildermüde.

Elendsbilder werden schon seit längerer Zeit in ausufernder Weise für Plakate, Prospekte, Informationsbroschüren und viele weitere Werbemedien eingesetzt. Ungeachtet der Tatsache, dass dadurch Leid und Elend instrumentalisiert und ausgebeutet und die dargestellten Menschen in ihrer Würde verletzt werden, nutzt sich die Kraft dieser Reize alsbald ab. Viele Spender springen nicht mehr darauf an. Daher sehen sich auch seriöse Medien mehr und mehr in der Pflicht, noch bedrückendere und beklemmendere Bilder zu zeigen. Kreative Köpfe sorgen für die passende Untermalung düsterer Bilder mit ebenso düsteren Klängen. Immer wieder werden die Noch-nicht-Spender von großen Kinderaugen bedrängt. Was jetzt für Paskistan vermeintlich gesteigert werden muss, wird bei den nächsten Katastrophen in Exzesse münden, denn der inflationäre Gebrauch dieser Bilder führt mitnichten zu einer Sensibilisierung der Spender, sondern zu Abstumpfung, Empathielosigkeit und Reaktanz. Wer solche Bilder in diesem zügellosn Maße einsetzt, um noch irgendwo ein paar Euro herauszuquetschen, der nimmt eine schwere Hypothek auf die zukünftige Spendenkultur auf. Dass diese Mittel offenbar schon jetzt nicht mehr funktionieren, zeigt sich dieser Tage sehr plastisch.

Viertens: Die Etats privater Spender sind verbraucht.

Noch vor wenigen Wochen sah sich die Bevölkerung Europas mit der schwersten Wirtschaftskrise seit vielen Jahrzehnten konfrontiert. Trotzdem war man bereit, für Haiti nochmal richtig viel Geld zu spenden. Von dieser Katastrophe und dem Wiederaufbau der Strukturen, von der Verwendung der Mittel und aufkeimender neuer Hoffnung für die Menschen hört man heute in den Medien fast gar nichts mehr. Stattdessen kommen immer neue Katastrophen, die aus Sicht der Fundraiser jeweils das Zeug dazu haben, riesige Geldströme auszulösen. Das Problem ist nur, dass sie inzwischen viel zu oft eintreten. Die Mittel, aus denen gespendet wird, haben keine Gelegenheit mehr, sich wieder zu regenerieren. Was gestern gegeben wurde, kann heute nicht ein zweites Mal gegeben werden. Viele Menschen haben inzwischen ihren Arbeitsplatz verloren und stehen vor existentiellen Problemen, die zwar bei weitem nicht so gravierend sind wie die Nöte der Menschen in Pakistan, die aber eine sehr zurückhaltende Mittelverwendung nahelegen. Und dann entscheiden sich eben viele Menschen angesichts ihrer momentanen Lage und vor dem Hintergrund einer erst kürzlich gegebenen Spende, dass sie nun nicht schon wieder etwas geben. Soll man sie bedrängen, trotzdem wieder zu spenden? Wer das bejaht, kann noch lange nicht sagen, wann für ein Weilchen Ruhe sein wird mit der Katastrophenhilfe. Die Katastrophen kommen jetzt schneller, als die Bettelbriefe gedruckt werden können.

Fünftens: Die Soforthilfe hängt nicht von den Spenden ab.

Einige Medien und Hilfsorganisationen tun derzeit so, als könnten fertig beladene Transporte nicht losfahren oder abfliegen, weil nicht genügend Geld auf den Konten eingegangen ist. Das offenbart erstens das große Dilemma des Dritten Sektors, dass jede Hilfe natürlich irgendwie bezahlt werden muss. Man verschweigt, dass das Einschreiten professioneller und weniger professioneller Hilfsorganisationen von der mittleren Führungsebene aufwärts in der Regel sehr gut bezahlt wird. Zweitens ermöglicht diese Attitüde einen Einblick ins Kalkül zahlreicher Organisationen, dass die Katastrophe für sie der eigentliche Geldbringer ist. In nahezu jedem Handbuch zum Fundraising findet sich ein Hinweis darauf, dass die auf Spenden basierende Finanzierung von Hilfswerken von der medialen Aufbereitung einer Katastrophe in erheblichem Maße profitiert. Das bedeutet: Helfen könnten sie schon jetzt, die Hilfswerke. Die seriösen unter ihnen tun es auch schon, weil sie in Pakistan auf relativ gut funktionierende Strukturen zurückgreifen können und selbstverständlich über logistische und materielle Ressourcen verfügen, die eine kurzfristige Soforthilfe ermöglichen. Aber sie merken jetzt im Fall Pakistan, dass sie auch dann, wenn sie sich helfend in die Fluten schmeißen, von ihren Geldgebern im Regen stehengelassen werden können. Die Hilfsorganisationen erfüllen ihr selbsterteiltes Mandat, und hinten bricht die Finanzierung weg. Auch deshalb werden die Spendenaufrufe jetzt drängender und vorwurfsvoller.

Das Fazit kann nicht lauten, dass man nun nicht spenden sollte, im Gegenteil ist es jetzt so nötig wie schon lange nicht mehr. Dass es so kommen könnte, hat man bei den irren Haiti-Galas nicht bedacht. Die jetzt eingetretene Situation zeigt aber auf ganz dramatische Weise, dass sich das Spendenwesen in einem völlig instabilen Zustand befindet. Man hat dem Spender seine Verantwortung abgenommen und sie vereinnahmt, man hat den sozial engagierten und empathischen Menschen zum reinen Geldgeber gemacht, ihn mit üblen Bildreizen traktiert und permanent mit neuen Anliegen bombardiert — und wundert sich nun, dass er in Apathie verharrt.

Der Autor: Alexander Glück M. A. lebt in Hollabrunn und arbeitet als Journalist und Publizist. Seine Bücher “Der Spendenkomplex. Das kalte Geschäft mit heißen Gefühlen” (Berlin 2008) und “Die verkaufte Verantwortung. Das stille Einvernehmen im Fundraising” (Essen 2009) haben erstmals die unmoralischen Geschäftspraktiken im Spendenwesen und insbesondere im Fundraising offengelegt und ein breites Echo, unter anderem in allen namhaften Fachzeitschriften, ausgelöst.

Mehr Informationen:

Alexander Glück: “Die verkaufte Verantwortung. Das stille Einvernehmen im Fundraising”

www.glueck.eu.tt

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