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Guidestar Deutschland

Online für mehr Transparenz im Dritten Sektor

von Martin Vogelsang, Berlin

Aus Anlass der Liechtensteiner Steueraffäre ging der Bundesverband Deutscher Stiftungen Ende Februar 2008 in die Offensive. In einer Pressemitteilung betonte die Dachorganisation, dass deutsche Stiftungen eine Transparenzpflicht gegenüber staatlichen Stellen hät¬ten. „Die 15.500 rechtsfähigen Stiftungen bürgerlichen Rechts in Deutschland berichten regelmäßig gegenüber den staatlichen Stiftungsbehörden," so der Bundesverband in seinem Statement, „sie werden beaufsichtigt und kontrolliert. Zudem prüfen Finanzämter bei deutschen Stiftungen regelmäßig, ob der Status der Gemeinnützigkeit erfüllt ist."

VORBILDHAFTE TRANSPARENZ IN EINZELFÄLLEN

Fast zeitgleich mit dem Fall „Liechtenstein” stürzte der UNICEF-Skandal den von Spenden abhängigen Bereich der Hilfsorganisationen in Aufruhr. Viele von ihnen reagierten auf den wachsenden Nachfragedruck der Öffentlichkeit schnell und professionell: Durch mehr und bessere Information. So kann man zum Beispiel auf den Websites von „SOS Kinderdörfer” oder „Brot für die Welt” mit geringem Rechercheaufwand erfahren, wie viel Spenden eingenommen wurden, in welche Projekte das Geld floss und welcher Anteil der anvertrauten Spendengelder für Verwaltung und Werbung ausgegeben wurde. Von den zehn größten deutschen Hilfswerken geben laut der Zeitschrift „Wohlfahrt Intern” acht Auskunft über ihre Finanzen.
Transparenz, so scheint es, steht derzeit ganz oben auf der Agenda des dritten Sektors. Anfang April haben mehrere deutsche Hilfsorganisationen auf Initiative der „Kindernothilfe” und der „Welthungerhilfe” einen Neun-Punkte-Plan für Transparenz, Qualität und Kontrolle veröffentlicht. Zudem soll unter der Federführung des Verbandes Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen (VENRO) und mit Unterstützung des Deutschen Zentralinstitutes für soziale Fragen (DZI) ein Verhaltenskodex erarbeitet werden.

TRANSPARENZINITIATIVE GUIDESTAR

Neben „einheitlichen Standards, stärkerer Kontrolle und nachweisbarer Professionalität” wird auch die Unterstützung von Transparenzinitiativen wie GuideStar Deutschland postuliert, einem Projekt in der Trägerschaft des DZI. Es handelt sich dabei um eine Online-Datenbank für den gemeinnützigen Sektor, die voraussichtlich Anfang 2009 in einer ersten Pilotphase für die Öffentlichkeit freigeschaltet wird. Von der EU-Kommission im Rahmen ihres eTEN-Programmes (http://ec.europa.eu/ information_society/activities/eten/index_en.htm) gefördert, wendet sich GuideStar Deutschland an alle rund 600.000 eingetragenen Vereine und 15.500 nicht-kirchlichen Stiftungen. Die Datenbank wird für Nutzer frei zugänglich und auch für die berichtenden Organisationen kostenfrei sein.

Mit der Umsetzung dieser Initiative würde zum ersten Mal für den gemeinnützigen Sektor ein einheitlicher Berichtsstandard geschaffen. Allerdings beruhen die veröffentlichten Informationen auf der freiwilligen Dateneingabe durch die Organisationen selbst. Der Grund: Es fehlt in Deutschland — anders als etwa in den USA, wo GuideStar seit vielen Jahren erfolgreich arbeitet — an rechtlich verbindlichen Normen für die Bericht-erstattung als auch an der Publizität steuerrelevanter Daten für den Dritten Sektor. So hängt der Erfolg des Onlineportals in erster Linie davon ab, dass die gemeinnützigen Organisationen und die Nutzer der Informationsinhalte den Sinn von mehr Transparenz erkennen. Dann könnte GuideStar zu der zentralen Plattform werden, auf der Stiftungen und Vereine ihre Arbeit präsentieren, freiwillig Rechenschaft ablegen und ihre Werbung um Zeitspenden (Freiwillige), Sach- und Geldspenden optimieren.
Im Idealfall würde dies für einen „Schneeballeffekt” sorgen, der sowohl den Datenbestand als auch die Besucherzahl stetig wachsen ließe. Die Strategie des Projektträgers sieht vor, entweder ausgehend von einem geographisch begrenzten Pilotprojekt sukzessive die Bundesländer und kommunale Behörden für die Teilnahme an dem Portal zu gewinnen oder auf bestimmte Segmente von Organisationen zu fokussieren.

GUTE CHANCEN

In den letzten Jahren gab es mehrere Initiativen, die auf eine wachsende Bereitschaft des Sektors zu mehr Transparenz hindeuteten. So hat zum Beispiel der Bundesverband Deutscher Stiftungen im April 2006 „Grundsätze guter Stiftungspraxis” verabschiedet. Diese Selbstverpflichtung soll die Transparenz bei der Zweckverwirklichung und Effizienz der Mittelvergabe von Stiftungen verstärken. Eine qualitative Machbarkeitsstudie im Vorfeld des Projekts GuideStar kam zu dem Ergebnis, dass gut 90% der teilnehmenden Organisationen dazu bereit wären, Informationen wie Name, Kontaktadresse, Zweck, Aktivitäten und Personalstruktur bereitzustellen. Mehr als die Hälfte der Organisationen könnte sich vorstellen, auch Informationen zu Finanzdaten und satzungsgemäßer Mittelverwendung zu veröffentlichen.

AUSLÄNDISCHE VORBILDER

GuideStar-Datenbanken existieren bereits in den USA und Groß-britannien. Mit über 10 Mio. Besuchern und knapp 900.000 registrierten Nutzern hat sich GuideStar USA längst als die wichtigste Informationsdatenbank des Dritten Sektors etabliert. Das Portal liefert regelmäßig aktualisierte Informationen über die personelle und finanzielle Situation sowie über die Projekte von 1,5 Mio. wohltätigen Organisationen in den USA. Datenbasis sind die für die Öffentlichkeit bereitzustellenden Steuerformulare (IRS 990), die alle gemeinnützig tätigen Organisationen ab einem Jahreseinkommen von 25.000 US-$ ausfüllen müssen.

In Großbritannien ist seit Ende 2005 GuideStar UK online und bietet allen registrierten Charities aus England und Wales eine Präsenz im Internet; im Juli 2007 waren es 168.000. Datenbasis sind hier die an die Charity Commission gerichteten jährlichen Berichte (Rechnungslegung und Tätigkeitsbericht), die von GuideStar UK digitalisiert und veröffentlicht werden.

FREIWILLIGKEIT

Hinsichtlich der Qualität und der Quantität der abrufbaren Dateninhalte weicher die deutschen Standards von denen der USA und Großbritanniens ab. In der gegenwärtigen Testphase von GuideStar Deutschland kommt ein Berichtsrahmen mit rund 80 Datenfeldern zur Anwendung. Dessen Inhalt reicht von Kontaktdaten über Informationen zu Organisation, Vorstand bzw. Geschäftsführung, Arbeitsschwerpunkten bis hin zu Finanzen. Darüber hinaus sind freiwillige Angaben möglich sowie das Einstellen eigener Berichte und Dokumente. Die Einträge können durch das Logo der Organisation personalisiert werden. Technologiebasis ist die im Auftrag der in London ansässigen Charity GuideStar International erstellte Datenbank, die seit März 2006 als Testversion zur Verfügung steht.

Ausgehend von den oben beschriebenen Zielgruppen und deren Nutzen an einer Online-Datenbank für den dritten Sektor stellt sich die Frage, wer die institutionellen Träger eines solchen Projekts sein könnten. Wie eingangs bereits festgestellt, gibt es unter den großen Dach- und Netzwerkorganisationen des Sektors eine wachsende Bereitschaft, sich für mehr Transparenz zu engagieren. Hierfür spricht auch die Zusammensetzung des Beirates von GuideStar Deutschland. Der Bundesverband Deutscher Stiftungen, das Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Enga¬gement (BBE), Caritas und Diakonie, das Maecenata-Institut, der Deutsche Kulturrat, VENRO und der Deutsche Naturschutzring (DNR) stehen dem Projekt beratend zur Verfügung.
Das gewachsene Bewusstsein von Stiftungen und Vereinen kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es noch immer recht breit gefächerte Interessenlagen in Zusammenhang mit dem Thema „Transparenz” gibt. Entsprechend variiert auch das Maß an Engagement für mehr Transparenz innerhalb des Sektors und seiner Organisationen. Vor diesem Hintergrund können die zahlreichen kleinen und mittelgroßen Stiftungen und Vereine als die wichtigsten Sympathisanten gelten. Für viele von ihnen sind das Spendensammeln, das Marketing und die Kommunikation überlebensnotwendig. Eine neutrale Online-Plattform wie GuideStar könnte sich für sie als die ideale Möglichkeit erweisen, um ihre Themen und Bedarfe zu kommunizieren.

KURZ & KNAPP
Transparenzanforderungen und -bedürfnisse im Dritten Sektor wachsen. Seit einigen Jahren wird über die Online-Datenbank GuideStar nach amerikanischem Vorbild versucht, eine entsprechende Plattform aufzubauen. Mit Beginn der Testphase ab 2009 sollen Stiftungen und Vereine hier ihre Arbeit präsentieren und freiwillig Rechenschaft über Spendengelder und ihre Verwendung ablegen können. (Erschienen in S&S 3/2008)

Der Autor: Dr. Martin Vogelsang ist Leiter des Projekts Guidstar Deutschland im deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI)

www.guidestar-deutschland.de

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