Akteure & Konzepte

Literaturtipps

Frankfurter Bankiers, Kaufleute und Industrielle

Wörner, Birgit: Frankfurter Bankiers, Kaufleute und Industrielle. Werte, Lebensstil und Lebenspraxis 1870 – 1930 (Mäzene, Stifter, Stadtkultur 9). Frankfurt am Main (Frankfurter Bürgerstiftung) 2011 (383 S.) 19,90 € (ISBN 978-386539-670-9)

Alle Bände der Schriftenreihe der Frankfurter Bürgerstiftung im Holzhausenschlösschen und Ernst Max von Grunelius-Stiftung, herausgegeben von Clemens Greve [vgl. zur Reihe S&S 2/2010, S. 54; S&S 6/2010, S. 54] geben Zeugnis von dem ausgeprägten, mental tief verankerten bürgerlichen Selbstbewusstsein und Selbstverständnis der Frankfurter Oberschicht. Der jüngste, neunte Band befasst sich mit fünf bürgerlichen Frankfurter Familien in historischer Perspektive, den Bethmanns, Haucks, Mertons, Metzlers und Mumms v. Schwarzenstein. Die Historikerin Birgit Wörner beschreibt in dieser Dissertation, die am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Goethe-Universität Frankfurt am Main bei Professor Plumpe entstanden ist, deren Lebensstil zum Ende des 19. Jahrhunderts, den sie für durchaus repräsentativ hält. Sie fragt zu Anfang ihres Werkes, ob der Wertekanon der Frankfurter Wirtschaftsbürger deren Lebenspraxis entsprach und ob über die Jahrhundertwende von einer Kontinuität der Bürgerlichkeit gesprochen werden kann oder ein Formwandel oder Niedergang vonstatten ging. Sehr gut aus den Quellen recherchiert und aus Gesprächen mit Familienmitgliedern angereichert stellt die Autorin wie in einem Theaterstück detailliert die „Akteure: Frankfurter Bankiers-, Kaufmanns- und Industriellenfamilien“ (S. 23-48), die „Bühne: Wohnen, Konsum und Geselligkeit“ (S. 49-140) und die „Handlung: Familienleben und Erziehung zwischen Tradition und Aufbruch“ (S. 141-300) dar. In der Schlussbetrachtung (S. 301-304) wird die Antwort auf die Leitfragen der Arbeit gegeben. Danach lassen sich Ordnungsliebe, Fleiß, Leistungsbereitschaft, Sparsamkeit und ökonomische Zeiteinteilung als bürgerliche Grundtugenden in der Lebenspraxis wiederfinden. Auch Geselligkeit, Familie, Bildung und Sport wurde eine hohe Bedeutung beigemessen. Trotz der Krisen des beginnenden 20. Jahrhunderts wurde dieser Lebensstil und dessen Voraussetzungen – hohes Einkommen, Personal und Freistellung der Frauen von der Erwerbsarbeit – im Grundsatz aufrecht erhalten, wenn auch die gesellschaftlichen Diskurse Veränderungen auslösten. Auch wenn dem philanthropischen Handeln der Familien keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird, ist der Band verdienstvoll, um die Näheres zu den Bedingungen des Frankfurter Mäzenatentums zu erhalten [vgl. zur Stiftungskultur S&S RS 2/2010]. Nicht zuletzt wegen des anschaulichen Stils und der üppigen Bebilderung ist dieser gut editierte Band unbedingt empfehlenswert.
Junge Stifter – bürgerschaftliches Engagement der Zukunft: Eine gemeinsame Veranstaltung der Stiftung Stifter für Stifter und der Frankfurter Bürgerstiftung

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