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Ulrike Kostka

Wie kann die Flüchtlingskrise bewältigt werden? Im Interview spricht Ulrike Kostka über aktuelle Herausforderungen, alte Fehler – die nicht wiederholt werden dürfen – und Chancen, die sich – nicht nur für die Geflüchteten – ergeben, sondern für die gesamte Gesellschaft.

Direktorin des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin

S&S: Frau Kostka, das Flüchtlingsthema beschäftigt seit Monaten die gesellschaftliche Diskussion in Deutschland wie kaum ein anderes. 2015 kamen in Deutschland fast 1,1 Millionen Geflüchtete an. Und der Zustrom hält an. Die Rede ist längst von der Flüchtlingskrise. Wie würden Sie aktuell die Lage beschreiben?

Kostka: Deutschland hat in den letzten Monaten einen sehr starken Anstieg der Flüchtlingszahlen erlebt. Nach einer großen Welle der Hilfsbereitschaft und vielleicht auch der Euphorie wird jetzt vielen klar, dass wir alle einen langen Atem brauchen werden für die notwendige Integration. Viele ahnen, dass noch mehr Flüchtlinge kommen werden, weil sich die Situation in den Krisenregionen nicht verbessert hat.

S&S: Der Umgang mit der Flüchtlingsfrage scheint gesellschaftsspaltende Kraft zu entfalten. Offenbar entwickeln sich in der öffentlichen Wahrnehmung Gefühle zunehmender Verunsicherung, ja Bedrohung der eigenen Lebenswelt. Und auch die Zivilgesellschaft zeigt mit Pegida & Co. ihre „schmutzige Seite“. Wie kann dieser Entwicklung begegnet werden?

Kostka: Die Bürgerinnen und Bürger müssen erleben, wie Integration gelingen und zur Bereicherung unseres Gemeinwesens führen kann und, dass Politik und Staat einen Plan haben. Ein diffuses Gefühl, dass Chaos entsteht aus Überforderung oder mangelnder Planung, schürt Ängste und Verunsicherung.

S&S: Müssen wir um ein friedliches Miteinander bangen?

Kostka: Die schlimmen Ereignisse der Silvesternacht in Köln haben viele Bürger hierzulande zutiefst verschreckt. Es kann nicht sein, dass Grundrechte verletzt werden. Alle – ob nun geflüchtete Menschen oder Einheimische – müssen sich an die Spielregeln des Zusammenlebens halten. Und diese Regeln müssen allen vermittelt werden. Dazu reichen aber nicht nur die Unterschrift unter ein Papier, dass die Grundwerte und Gesetze beachtet werden, sondern v.a. gemeinsame Begegnungen, Dialog und Integration.

S&S: Die unkontrollierte Einreise hunderttausender Flüchtlinge, die Übergriffe gegenüber Frauen in Köln und anderen Städten, eine überaus niedrige Abschiebequote, die überbordende und gleichzeitig überforderte Bürokratie oder die Erkenntnisse über den islamistischen Attentäter von Paris, der in Deutschland unter mindestens sieben Identitäten registriert war, werden als Ausdruck von Staatsversagen, oder – so gerade das Nachrichtemagazin DER SPIEGEL – Staatsohnmacht – verstanden. Immer häufiger wird vor diesem Hintergrund die Forderung nach Handlungsentscheidungen von Politik und Behörden erhoben. Welche Notwendigkeiten sehen Sie hier?

Kostka: Zunächst müssen alle, die nach Deutschland kommen, registriert werden. Es kann nicht sein, dass wir nicht wissen, wer sich in unserem Land aufhält. Aber dass dies nicht überall funktioniert hat, war oftmals nicht der Fehler der geflüchteten Menschen, sondern Ausdruck behördlicher Überforderung. Abschotten ist keine Lösung, denn viele Menschen fliehen aus Krisenregionen, wo ihr Leben gefährdet ist. Sie brauchen unsere Hilfe.

S&S: Unhaltbare Zustände vor der zentralen Registrierungsstelle für Asylbewerber in Berlin, dem LAGeSo, sind zum Symbol für die Überforderung der Strukturen geworden. Die Caritas ist seit Ende August 2015 vor Ort mit der Betreuung von Härtefällen beauftragt. Wie ist derzeit die Lage; wie kann Berlin die große Anzahl an Flüchtlingen bewältigen?

Kostka: Die Lage vor dem LAGeSo war in den letzten Monaten teilweise sehr schlimm. Aber es gibt schrittweise Verbesserung – auch dank der Caritas und der vielen Ehrenamtlichen. Aber die Lage ist immer noch sehr schwierig, weil es immer noch zu wenige Bearbeitungskapazitäten gibt und die Menschen tagelang oder noch länger auf die Leistungen warten müssen. Außerdem leben zig tausend Menschen in Massenunterkünften, die eigentlich nur für die Unterbringung auf ein paar Tage gedacht sind. Ein Bett allein ist noch kein Zuhause und ermöglicht keine Integration. Berlin braucht dringend effizientere behördliche Strukturen, das notwendige Personal, eine effektivere Steuerung und mehr Planung.

S&S: Die meisten Geflüchteten warten seit Monaten auf die Stellung bzw. Bearbeitung ihrer Asylanträge – sie sind zur Untätigkeit verdammt. Gefühle von Ohnmacht und Frustration sind die naheliegende Folge. Was muss geschehen, um die Situation zu verbessern?

Kostka: Ich wünsche mir ein Beschäftigungs- und Qualifizierungsprogramm für jeden. Auch wenn Menschen vielleicht nach mehreren Monaten in ihre Heimatländer zurückkehren, macht das Sinn. Zeit auf der Flucht ist Lebenszeit. Der Erwerb von Sprache und Qualifizierung sind eine Investition für die Integration, aber auch für die Rückkehr in die Heimat.

S&S: Die Problematik des Umgangs mit Migranten ist hierzulande nicht neu. Über Jahrzehnte wurden Erfahrungen mit der Integration gesammelt, die nicht immer ermutigend verlaufen ist. Was können wir daraus lernen und für die Bewältigung der derzeitigen Situation nutzen?

Kostka: Entscheidend sind Perspektiven für die Betroffenen. Sie dürfen nicht zur Unselbstständigkeit gezwungen werden. Die Menschen müssen frühzeitig in die Selbstverantwortung kommen. Sonst entstehen Resignation, Parallelgesellschaften und mangelndes Selbstbewusstsein.

S&S: Wie also kann Integration gelingen? Wo können wir ansetzen, welche Reformen, welches Umdenken in der Gesellschaft sind erforderlich, um eine gelungene Integration zu befördern?

Kostka: Integration gelingt zum einen dann, wenn Unterkünfte nicht zu „Erwachsenen-Kitas“ werden. Die Menschen müssen möglichst schnell raus aus den Unterkünften, am täglichen Leben teilnehmen und Beschäftigung und Qualifizierung erhalten. Nicht umsonst klappt Integration so gut bei Kindern. Sprache ist elementar. Das sollte mit Qualifizierung verbunden werden. Wir werden als Caritas im Erzbistum Berlin solche Projekte entwickeln und umsetzen – insbesondere im Pflegebereich und in anderen Gesundheits- und
Sozialberufen.

S&S: Wie erfolgreich sind Ansätze, die Migranten selbst stärker in Verantwortung zu nehmen, etwa auch durch die Übernahme von Aufgaben in den Flüchtlingsheimen? Wie man hört, scheitern solche Überlegungen an Vorschriften zur Schwarzarbeit oder zum Mindestlohn.

Kostka: Das ist grundsätzlich eine gute Idee, aber die notwendigen Voraussetzungen für die Betreiber sind in der Regel sehr hoch. Wichtiger ist, dass die Leute aus den Unterkünften herauskommen und frühzeitig in Qua-
lifizierungs- und Arbeitsmaßnahmen die Grundlagen für ihre Selbstständigkeit legen können. Flüchtlingen sollte es auch viel öfter ermöglicht werden, sich selbst als Ehrenamtliche zu engagieren. So könnten sie sich gesellschaftlich einbringen und sich zugleichTüren für die Integration öffnen.

S&S: Stichwort Ehrenamt: Gleichen die Organisationen der Zivilgesellschaft die staatlichen Defizite aus? Wo sehen sie hier besonderen Handlungsbedarf?

Kostka: Wir sind als Caritas mit den Ehrenamtsnetzwerken und anderen Organisationen in Berlin in den letzten Monaten oft da eingesprungen, wo der Staat an seine Grenzen gestoßen ist. Alle Organisationen – ob staatlich oder zivilgesellschaftlich – müssen ihre Strategien, Strukturen und Mitarbeiter darauf ausrichten, dass hohe Flüchtlingszahlen Normalität sind und Integration eine Daueraufgabe ist. Flucht ist kein Kurzzeitphänomen.

S&S: Welche Projekte haben Sie besonders beeindruckt?

Kostka: Die tolle Zusammenarbeit mit den vielen Ehrenamtlichen aus allen gesellschaftlichen Bereichen, die wir als Caritas in so kurzer Zeit erfahren haben. Einige von ihnen sind jetzt unsere Mitarbeiter geworden. Mancher von ihnen hat seine Berufung für soziale Themen entdeckt und wir haben gemeinsam in kürzester Zeit Ideen entwickelt und umgesetzt. Faszinierend sind auch Online-Instrumente, etwa das neue digitale Portal „zusammen-für-flüchtlinge.de“, das alle verbindet, die geflüchtete Menschen auf dem Weg in ein besseres Leben unterstützen wollen.

S&S: Die Caritas unterstützt bereits seit Jahren Migranten; seit letztem Jahr engagiert sie sich auch verstärkt in der Flüchtlingshilfe. Können Sie uns einen Einblick in diese Arbeit geben?

Kostka: Wir waren immer in der Flüchtlingsarbeit aktiv – insbesondere in Vorpommern und Brandenburg. Seit drei Jahren sind wir auch in Berlin sehr stark in der Flüchtlingsfrage engagiert. Wir haben viele Flüchtlinge aus dem berühmt gewordenen Protestcamp auf dem Oranienplatz in Berlin-
Kreuzberg untergebracht und begleitet. Damit standen wir unmittelbar im Mittelpunkt der politischen Auseinandersetzung und des öffentlichen Interesses. Zusammen mit der Diakonie habe ich einen Runden Tisch zu den humanitären Themen dieser Gruppe einberufen. Außerdem haben wir Unterkünfte für Flüchtlinge eröffnet, eine Beratungsstelle für Flüchtlinge und Ehrenamtliche eingerichtet und helfen beim LAGeSo, die humanitäre Lage zu verbessern. In Brandenburg betreuen wir über 250 Flüchtlinge in Wohnungen und leisten damit auch Stadtteilentwicklung in Kommunen. Daneben beraten wir staatliche Stellen.Ganz wichtig dabei ist unsere Zusammenarbeit mit den Pfarrgemeinden und mit unseren evangelischen Partnern.

S&S: International bekannt geworden ist der Begriff der „Willkommenskultur“, der zunächst den Empfang eintreffender Flüchtlingssonderzüge am Münchener Hauptbahnhof durch freiwillige Helfer beschrieben hat. Diese Haltung war ansteckend: Zahlreiche Menschen haben sich für Flüchtlinge engagiert und engagieren sich weiter. Wie sähe die Situation der Flüchtlinge ohne ehrenamtliches Engagement aus? Wäre die Situation ohne ehrenamtliche Helfer überhaupt zu bewältigen?

Kostka: Die Ehrenamtlichen haben zusammen mit den zivilgesellschaftlichen Organisationen und den staatlichen Stellen die Situation gemeistert. Ohne sie wäre es nicht gegangen und wird es nicht gehen. Sie und viele Mitarbeiter in den staatlichen Behörden, den Hilfsorganisationen und Wohlfahrtsverbänden sind für mich die Helden der letzten Monate.

S&S: Einige Organisationen verzeichneten einen Zuwachs an Freiwilligen um bis zu 70 %. Ist es bei dieser Bereitschaft zum Engagement geblieben?

Kostka: Viele Ehrenamtliche wollen langfristig weitermachen. Sie sind selbstbewusst und oft gut organisiert. Sie wollen ernstgenommen werden und sind sehr offen für Qualifizierung und Supervision, die wir anbieten. Unsere Kurse sind oft doppelt überbucht.

S&S: Vor fast einem Jahr meinten Sie, dass die Caritas Freiwillige zum Teil vertrösten müsse, weil noch nicht geklärt war, welche Hilfe tatsächlich benötigt werde. Gibt es solche Situationen noch immer? Und wo muss dringend geholfen werden?

Kostka: Es zeigt sich immer mehr, dass ein gutes Matching zwischen Bedarf und Interessen der Ehrenamtlichen stattfinden muss. Nicht jede Hilfe passt zu jedem Bedarf. Deshalb ist Ehrenamtskoordination so wichtig. Hilfe in vielfältiger Form können wir immer gebrauchen – von der Kleiderkammer bis zur Begleitung von Flüchtlingen zu Behörden. Wir schreiben aber auch Aktionen aus, wo Privatpersonen und Unternehmen kurzfristig mitmachen können.

S&S: Wie können Staat und Zivilgesellschaft zusammenwirken? Wie kann die Zusammenarbeit verbessert werden?

Kostka: Die letzten Monate waren ein geschenktes Labor. Wir haben unheimlich viel erprobt an Zusammenarbeit, weil es einfach laufen musste. Es ist jetzt völlig normal, dass auch manche Ehrenamtliche die Handynummer eines Staatssekretärs oder Senators haben und schon mal mit ihm Dinge direkt besprechen. Wir haben viel gelernt, z. B. welche Solidaritätspotenziale unsere Gesellschaft hat.Mich stimmt das optimistisch. Wir haben aber auch gesehen, dass es bei staatlichen Institutionen mitunter noch viel zu tun gibt.

S&S: Welche Chancen sehen Sie durch den Flüchtlingszustrom für Deutschland?

Kostka: Ich sehe die Chance, dass unsere Gesellschaft noch weltoffener wird und bei einer klugen Integration auch Regionen wieder eine Chance bekommen, die schon abgehängt waren. Ich sehe auch die Chance, dass wir noch mehr verstehen, dass die Welt eigentlich ein Dorf ist und uns deshalb die Situation in Afrika oder im Nahen Osten direkt betrifft. Wenn in der Welt Zukunftschancen nicht gerechter verteilt werden, kommen die Menschen zu uns!

S&S: Eine letzte Frage: Schaffen wir das?

Kostka: a, weil wir es schaffen können und müssen. Abschotten ist keine Perspektive für Europa, weil man Menschen ohne Zukunft nicht aufhalten kann.

S&S: Frau Kostka, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Integration braucht einen langen Atem


Zur Person

Prof. Dr. Ulrike Kostka, am 04.06.1971 in Celle geboren, ledig. Studium der
Katholischen Theologie in Münster und der Gesundheitswissenschaften in Bielefeld; 1999 Promotion sowie 2005 Habilitation im Fach Moraltheologie. Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Ethik im Gesundheitswesen am Institut für Wissenschaft und Ethik in Bonn. Von 2001 bis 2005 Forschungs- und Lehrtätigkeit zu Fragen der Medizinethik an der Universität Basel. Von 2003 bis 2005 Wissenschaftliche Assistentin des Präsidenten des Deutschen Caritasverbandes; von 2005 bis 2012 Leiterin der Abteilung „Theologische und verbandliche Grundlagen“ sowie des Präsidenten- und Vorstandsbüros des Deutschen Caritasverbandes in Freiburg. Seit März 2012 Direktorin des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin; im Sommer 2012 Ernennung zur außerordentlichen Professorin für Moraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster.


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