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Akteure & Konzepte

Gespräche

Ulrich Radtke, Rektor der Universität Duisburg-Essen

Ulrich Radtke, Hochschulmanager des Jahres 2015 und Fundraiser des Jahres 2012 berichtet im Gespräch über seine Erfahrungen mit Hochschul-Fundraising und einer Hochschulstiftung.

Ulrich Radtke

S&S: Herr Radtke, Sie wurden im November 2015 als „Hochschulmanager des Jahres“ ausgezeichnet – eine Auszeichnung, die DIE ZEIT gemeinsam mit dem Centrum für Hochschulentwicklung vergibt. In welchen Bereichen haben Sie
als Rektor in der strategischen Entwicklung der UDE die Schwerpunkte gesetzt?

Radtke: Die Universität Duisburg-Essen ist die jüngste, aber auch eine der zehn größten Universitäten bundesweit. Sie muss sich wie jede Universität in Deutschland den gesellschaftlichen Herausforderungen der Zeit stellen. Dazu gehört, dass wir unsere Stärke in Forschung und Lehre kontinuierlich ausbauen. Das Vorgängerrektorat hat den Grundstein für unseren Erfolg gelegt, indem es die vorherigen Universitäten Duisburg und Essen zu einer fusionierten, wettbewerbsfähigeren Einheit verbunden hat. Seit 2008 bemühen sich nun meine Rektoratskollegen / -innen und ich, diese Entwicklung stetig voranzutreiben. Mit Erfolg: 42 Plätze übersprang die UDE 2016 im Times Higher Education Ranking der 150 weltbesten Universitäten, die noch keine 50 Jahre alt sind. 2015 rangierte sie noch auf Platz 59, nun belegt sie international den 17. Rang. Ausgezeichnet werden dabei die Universitäten, die sich rasch und erfolgreich
entwickelt haben und als „rising stars“ der Hochschullandschaft gelten. Dieser Erfolg weist die hohe Leistungsfähigkeit der UDE-Wissenschaftler / -innen im internationalen Vergleich aus. Weltweit zählt die UDE jetzt zu den stärksten jungen Spitzenuniversitäten. Das ist umso wichtiger, als sich die besten Köpfe in Forschung und Lehre immer mehr an solchen Rankings orientieren. Die Dynamik der Wissenschaft lebt ohnehin zu einem beträchtlichen Teil von der Kreativität, Begeisterung und Leidenschaft junger Wissenschaftler / -innen. In meiner bisherigen, achtjährigen Amtszeit habe ich mehr als 350 Berufungsverfahren geführt und dabei stets darauf geachtet, nur die besten Köpfe für uns zu gewinnen und mich für faire Perspektiven für den akademischen Nachwuchs einzusetzen.

S&S: Im Jahr 2012 erhielten Sie vom Deutschen Fundraising Verband die Auszeichnung als „Fundraiser des Jahres“. Sie bekamen den Preis, der erstmalig an den Rektor einer Universität verliehen wurde, für Ihre intensiven Bemühungen um das Deutschlandstipendium, bei dem Bund und private Förderer gemeinsam leistungsstarke Studierende unterstützen. Was waren und sind
Ihre Erfolgsfaktoren beim Einwerben privater Fördermittel?

Radtke: Über die Auszeichnung habe ich mich damals sehr gefreut – und das Preisgeld direkt in ein Deutschlandstipendium investiert. Das Stipendienprogramm ist nach wie vor eine Herzensangelegenheit für mich, denn erstens ist es ein wichtiger Baustein, um die Bildungsgerechtigkeit
und den Leistungsgedanken zu fördern. Zweitens können enge Kontakte zu Unternehmen, Stiftungen und Privatpersonen geknüpft werden. Zudem habe ich schlichtweg ein gutes „Faustpfand“, nämlich unsere Universität und ihre zahlreichen talentierten Studierenden. Da fällt es nicht schwer, Förderer anzusprechen und sie für die gute Sache zu gewinnen.

S&S: Ist der Rektor gleichzeitig der Chef-Fundraiser? Wie ist die UDE in diesem Bereich aufgestellt?

Radtke: Jede Fakultät, letztlich jede Professorin und jeder Professor haben eigene Kontakte zur Wirtschaft und werben für ihre Bereiche neben Forschungsmitteln auch Stipendien ein. Darüber hinaus haben wir eine
Stipendienkoordinatorin, die mich und die Fakultäten bei der Einwerbung
unterstützt.

S&S: In Deutschland ist die private Hochschulförderung, vor allem mit Blick gen USA, noch immer unterentwickelt. Die Universität Duisburg-Essen war – im Vergleich mit anderen Hochschulen in Deutschland – schon früh im
Fundraising aktiv. Was haben Sie sich davon versprochen, und wie sind Ihre Erfahrungen?

Radtke: US-amerikanische Universitäten sind privatwirtschaftlich organisiert, die Studierenden zahlen hohe Studienbeiträge, und es ist üblich, dass sich Alumni in einem ganz anderen Maße für ihre Alma Mater engagieren als bei uns in
Deutschland. Das sind natürlich nur pauschal genannte Eckpunkte, die
Unterschiede sind noch deutlich weitreichender.Jedenfalls wollen und können wir uns mit den USA nicht vergleichen. Was wir jedoch können, ist Freunde und Unterstützer zu gewinnen, die das Potenzial unserer Universität erkennen und bereit sind, uns finanziell – oder noch wichtiger – ideell zu fördern. Das Ruhrgebiet ist eine spannende und dynamische Region, mit weltweit agierenden Großunternehmen, gut situierten Mittelständlern, erfolgreichen und kreativen Klein-Unternehmen und Start-ups. Wir versuchen, jedem
Unternehmen aufzuzeigen, dass es sich lohnt, in Bildung als Zukunft unserer Region zu investieren. Von der Förderung kluger Köpfe profitieren letztlich alle: Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Apropos: Überrascht waren wir, dass sich auch viele private Spender für die UDE engagieren. Privatpersonen, etwa Alumni, möchten oft etwas „zurückgeben“ und den Kontakt zur Universität halten.

S&S: Fundraising kann sehr erfüllend sein, aber auch sehr frustrierend. Wie gehen Sie mit Misserfolgen, mit Absagen potenzieller Förderer um?

Radtke: Die nehmen wir sportlich. Nicht jeder kann oder will uns unterstützen. Davon darf man sich nicht entmutigen lassen. Wir versuchen daher, dranzubleiben. Wer selbst nicht finanziell fördern kann oder will, kann vielleicht einen Kontakt zu einem anderen Förderer herstellen oder ist vielleicht trotzdem daran interessiert, sich im Rahmen eines Karrieretages an der Uni vorzustellen, eine Werksführung anzubieten etc. Uns ist vor allem am Austausch zwischen Universität und Wirtschaft gelegen und daran, mehr Menschen zu „Freunden“ der UDE zu machen.

S&S: Thema Hochschulstiftungen – hier war die UDE Vorreiter und hat 2007 als erste Universität in Deutschland eine Stiftung aus Studienbeiträgen errichtet, die vom Deutschen Stiftungszentrum im Stifterverband betreut wird. Ziel ist es, aus den erwirtschafteten Zinserträgen Förderstipendien an begabte, aber finanziell schwache Studierende auszuschütten, die nicht von anderer Seite unterstützt werden.

Radtke: Wie sinnvoll eine solche Stiftung ist, zeigt sich bereits an unserem ersten Stipendiaten, Breshanday Barlas. Der gebürtige Afghane kam mit 14 Jahren allein nach Deutschland, lernte in kürzester Zeit die deutsche Sprache
und bekam bald die besten Schulnoten seiner Jahrgangsstufe. Die UDE lernte er bereits als Schülerpraktikant kennen und schrieb sich dann 2008 in den Studiengang Elektro- und Informationstechnik ein. Möglich wurde dies aber erst dank der Unterstützung durch unsere Studien-Stiftung DEUS. Denn seine Eltern konnten ihn nicht fördern, und wegen seiner Herkunft bekam er auch kein BAföG. 2013 schloss Barlas sein Masterstudium erfolgreich ab und arbeitet nun als Service-Ingenieur bei Siemens in Hamburg, wo er für die Windkraftanlagen in der Wirtschaftsregion Europa, Naher Osten und Afrika zuständig ist.

S&S: Würden Sie auch anderen Hochschulen zur Gründung einer Stiftung raten?

Radtke: Ja. Eine Stiftung ist eine gute Möglichkeit, Menschen zu vereinen, die sich für eine Universität engagieren wollen. Und man kann, wie gerade aufgezeigt, jungen Talenten helfen.

S&S: Können Sie uns zur Veranschaulichung der Arbeit der UDE einige Zahlen nennen?

Radtke: Gern. Wir haben rund 42.000 Studierende, ca. 15 %
Studierende haben eine ausländische Hochschulzugangsberechtigung, übrigens kommen die meisten davon aus Asien. Wir beschäftigen – ohne die Uniklinik – an unseren elf Fakultäten rund 4.700 Mitarbeiter / -innen, davon sind knapp
470 Professoren / -innen. Unser Haushalt beläuft sich auf ca. 550 Mio. €.

S&S: Im Zusammenhang mit privaten Förderern werden immer wieder der Freiheitsverlust der Wissenschaft und der Ausverkauf der Hochschulen beschworen – der Stifterverband hat jüngst Empfehlungen für Transparenz-Standards bei Kooperationen von Hochschulen und Unternehmen formuliert. Wie gehen Sie mit diesem zugegebenermaßen heiklen Thema um?

Radtke: Selbstverständlich achten wir genau auf Transparenz und hohe Qualitätsstandards bei unseren Fundraising-Aktivitäten. In unserem Fall sehe ich da jedoch keine Schwierigkeiten. Es geht um Förderung von Studierenden,
die Unterstützung strategischer Universitätsprojekte oder Stiftungsprofessuren. Im Fall der Stiftungsprofessur stammen zwar die Finanzmittel (zum Teil) von einem externen Geldgeber, aber die Professur wird nach denselben Maßstäben wie jede andere an unserer Universität besetzt. Im Fall von Fundraising-Projekten, wie dem Stipendienprogramm, profitiert die Freiheit der Wissenschaft, denn unsere Studierenden können sich dank eines Stipendiums besser auf ihr Studium konzentrieren.

S&S: Als Rektor stehen Sie in Kontakt mit vielen Anspruchsgruppen – intern wie extern: Studierende, Dozent / -innen und weitere Mitarbeiter / -innen, Alumni, Unternehmen, Politiker / -innen, Förderer, Geförderte und viele andere mehr. Haben Sie ein „Rezept“ für den Umgang mit diesen verschiedenen Stakeholdern?

Radtke: Ich glaube, hierfür gilt wie überall im Leben: Respekt und Ehrlichkeit. Ich verspreche niemandem, was ich nicht halten kann, und versuche, jeden einzelnen und seine Situation besser kennenzulernen. Nur so kann man gemein-
sam herausfinden, wie man eine Partnerschaft zu einer Win-win-Kooperation
ausbaut.

S&S: Mit zunehmenden Fundraising-Aktivitäten der Hochschulen und auch Organisationen aus anderen Bereichen wird die Konkurrenz um die „Futtertröge“ sicher immer schwieriger. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Radtke: Ich glaube, unser „Produkt“, die Bildung, ist so zukunftsfähig wie wenige. Wir können einem Förderer den direkten Zugang zu den besten Talenten und klügsten Köpfen unserer Region garantieren. Die Konkurrenz fürchten wir daher nicht. Im Gegenteil: Im Rahmen der Universitätsallianz Ruhr arbeiten wir schon auf vielen Feldern in Forschung und Lehre mit der Ruhr-Uni Bochum und der TU Dortmund zusammen und setzen auch für gezielte Projekte bereits auf
gemeinsames Fundraising.

S&S: Die Universität Duisburg-Essen gilt auch beim Thema Bildungsgerechtigkeit als Vorreiter. Wie setzt sich die Studierendenschaft der UDE zusammen?

Radtke: Wir haben sehr viele internationale Studierende und noch mehr Studierende mit Migrationshintergrund. Außerdem belegen Studien, dass wir mit rund 60 % einen der höchsten Anteile von sog. „Bildungsaufsteigern“ haben,
also von Studierenden, die als erste in ihrer Familie ein Studium aufnehmen. Daher müssen wir vielfältigen Bildungsbiographien Rechnung tragen. Diese Heterogenität unserer Studierenden betrachten wir als Chance und fördern die
produktive Vielfalt durch Maßnahmen des Diversity-Managements. Diversität wird sowohl als Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit als auch zur Exzellenz verstanden. Als Universität der Potenziale setzen wir uns dafür ein, dass alle Universitäts-
angehörigen ihre Fähigkeiten und Talente einbringen und weiterentwickeln können.

S&S: Ganz aktuell sind viele Universitäten mit dem Thema Hochschulzugang für Geflüchtete beschäftigt. Wie gehen Sie an Ihrer Universität mit studierwilligen Flüchtlingen um?

Radtke: Mit Blick auf die individuellen Hintergründe der Geflüchteten haben sich zielgruppenspezifische Angebote bewährt. Dazu gehört beispielsweise ein Gasthörerprogramm, bei dem Vorlesungen oder auch Deutschkurse
besucht werden können. Außerdem bieten wir unter anderem Förderunterricht für Schüler/-innen mit Migrationshintergrund, das Programm „Talentscouting“ sowie Beratungs- und Unterstützungsangebote an.

S&S: Eine letzte Frage: Warum sollten sich angehende Studierende für die Universität Duisburg-Essen und nicht für eine der vielleicht namhafteren Traditionsunis entscheiden?

Radtke: Weil wir „Offen im Denken“ sind. Dieser Leitspruch bedeutet für uns, dass wir in Möglichkeiten statt in Grenzen denken. Vielleicht können wir keine lange Tradition aufweisen, aber ohne starre Strukturen, die sich über Jahrhunderte gebildet haben, kann man manchmal auch freier agieren. Diese Jugendlichkeit und Offenheit zeichnet uns sicherlich in besonderem Maße aus. Aber auch die „hard facts“ kommen bei uns nicht zu kurz. Mit Blick auf ihre wissenschaftliche Leistungsstärke und auch ihre gesellschaftliche Aufgabe ist die UDE sehr gut aufgestellt. Das Leistungsniveau in der Forschung ist an beiden Campi der UDE und dem Universitätsklinikum in den letzten Jahren weiterhin
deutlich gestiegen. Dies belegen zum Beispiel der überdurchschnittliche Zuwachs im Wettbewerb eingeworbener Forschungsmittel, die Zahl und Qualität der Publikationen sowie die sich daraus ergebende Position in renommierten internationalen Rankings. Ein Erfolg, auf den wir an der UDE sehr stolz sind!

S&S: Herr Professor Radtke, haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch!

Ulrich Radtke im Gespräch: Von der Förderung kluger Köpfe profitieren alle


Zur Person

Prof. Dr. Ulrich Radtke (geb. 1955) studierte von 1974 bis 1980 Biologie, Geographie, Geschichte, Philosophie und Pädagogik an der Universität Düsseldorf. 1983 wurde er mit „summa cum laude“ promoviert. Für seine Habilitationsschrift verlieh ihm die Universität Düsseldorf den Uni-
versitätspreis für die beste Habilitation der Jahre 1987-1989. Prof. Radtke war von 1980 bis 1992 am Geographischen Institut der Universität Düsseldorf beschäftigt, 1992 wurde er Professor an der Technischen Hochschule Karlsruhe. Weitere Universitäten im In- und Ausland, darunter die Universität Zürich, bemühten sich in dieser Zeit, ihn an sich zu binden. 1993 folgte er dem Ruf auf eine Professur für Physische Geographie an die Universität zu Köln. Seit dem 1.4.2008 ist Radtke Rektor der Universität Duisburg-Essen, 2014 begann
seine zweite Amtszeit. Er ist seit 2016 Sprecher der Universitäten in der Hochschulrektorenkonferenz, ist Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften („LEOPOLDINA“), wurde 2012 vom Deutschen Fundraising Verband als „Fundraiser des
Jahres“ ausgezeichnet und erhielt jüngst die Auszeichnung als „Hochschulmanager des Jahres 2015“ des Centrums für Hochschulentwicklung und DIE ZEIT. Er ist verheiratet und hat vier Kinder

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