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Akteure & Konzepte

Gespräche

Thomas Jorberg, Vorstandssprecher der GLS Bank

Agieren Stiftungen in der aktuellen Finanzlage adäquat? Ist die Flucht in Aktien, Immobilien oder Gold der richtige Weg? Im Interview mit der S&S-Redaktion gibt Thomas Jorberg seine Einschätzung zur aktuellen Situation am Finanzmarkt sowie neue Denkanstöße für Stiftungen.

Thomas Jorberg

S&S: Herr Jorberg, Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt. Was bedeutet Geld für Sie?

Jorberg: Geld ist das Mittel, mit dem ich handeln kann. Ich muss es dorthin bringen, wo es gebraucht wird. Besonders wichtig ist, dass Geld immer für den Menschen da ist, nicht andersherum.

S&S: GLS – Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken – ein ungewöhnlicher Name für eine Einrichtung der Kreditwirtschaft. Welche Idee steckt dahinter?

Jorberg: Ohne Frage mag der Name auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen – aber bei näherer Betrachtung macht er Sinn. Er verdeutlicht, dass es unterschiedliche Geldqualitäten gibt. Eigentlich sind es drei Kategorien, die sich durchaus unterschiedlich interpretieren lassen. Ich sehe zunächst das Bankmäßige: Einlagen, sichere Kredite und Zahlungsverkehr. Dann haben wir das „Leihgeld“, mit dem Dinge möglich gemacht werden können. Es sind Beteiligungen, über die auch Risiko übernommen wird. Und dann haben wir
das Stiften und Schenken. Diese beiden letzten Qualitäten – die Eigenkapitalseite des Gewerblichen und des Gemeinnützigen – machen die Besonderheit des Unternehmens GLS aus.

S&S: Fing nicht alles mit dem Schenken an? Die GLS Treuhand wurde bereits 1961 gegründet, lange vor der Bankgründung 1974.

Jorberg: In der Tat: Die GLS ist ja aus einer Stiftung, der GLS Treuhand, heraus entstanden.

S&S: Aber keiner richtigen Stiftung …

Jorberg: … Nicht in einem juristischen Sinne: Die GLS Treuhand ist ein gemeinnütziger Verein. Schon bei der Gründung ging es darum, ehrenamtliche Projekte zu fördern. Die Eigentätigkeit war immer sehr gering; die GLS Treuhand ist vielmehr ein Vermittler zwischen Menschen, die Geld schenken wollten und gemeinnützig ausgerichteten Initiativen, die Finanzierung benötigten. Die Gemeinnützigkeit ist gewissermaßen eine Dachverbandsgemeinnützigkeit. Und das Konzept ist erfolgreich: Die Stifterinnen und Stifter stehen in einem Umfeld, das zu ihnen passt. Ein Vermögen von über 105 Mio. € wird aktuell unter dem Dach der Treuhand verwaltet, Förderungen von 10 Mio. € wurden im letzten Jahr vergeben – für innovative, sozial und ökologisch sinnvolle Projekte. Fast 1 Million € ging davon nach Nepal.Treuhänderisch geführte Themenstiftungen fördern in den
Bereichen, die ihren Stiftern wichtig sind. Die Zukunftsstiftung Landwirtschaft stellte etwa 1 Mio. € für ökologische Saatgutforschung bereit.

S&S: Wie ist es denn seinerzeit überhaupt dazu gekommen, diese Agentur fürs Schenken ins Leben zu rufen?

Jorberg: Die Idee hatte Wilhelm Ernst Barkhoff, Anwalt und Notar. Er war eher zufällig von einer Elterninitiative angefragt worden, die Finanzierung der ersten Waldorfschule im Ruhrgebiet nach dem Krieg zu begleiten. Daraus entwickelte sich die Vorstellung, Geld dort anzulegen, wo es im Sinne der Anleger nützlich ist. Man wollte die Verantwortung nicht am Bankschalter abgeben. Letztlich war es aber ein ganzer Kreis von Engagierten, der mitgeholfen hat, die Idee umzusetzen.Hervorheben möchte ich den Industriellen Alfred Rexroth,
der einen erheblichen Teil seines unternehmerischen Vermögens auf die
damals noch Gemeinnützige Treuhandstelle genannte Einrichtung übertrug und so die wesentliche Grundlage für die weitere Entwicklung eines neuen, anthroposophischen Bankwesens schuf. Als dann die Nachfrage nach Krediten und entsprechenden Dienstleistungen aufkam, entstand konsequenterweise die GLS Bank als erste sozial-ökologische Universalbank der Welt.

S&S: Sie selbst sind der GLS über fast 40 Jahre beruflich verbunden. Was hat Sie inspiriert? Wollten Sie nie etwas anderes machen?

Jorberg: An sich hat mich der Zufall nach Bochum geführt. Wilhelm Ernst Barkhoff hat mich motiviert. Und so habe ich mein Studium aufgeschoben und wurde der erste Banklehrling der GLS. Die Tätigkeit bei dieser speziellen Bank hat mich fasziniert und bis heute nicht losgelassen. Mit Geld lässt sich die Gesellschaft gestalten, und hier nicht nur anhand ökonomischer, sondern auch ökologischer, sozialer und kultureller Kriterien. Ich wollte dann nichts anderes mehr machen. Der
Beruf des Bankers hat mit allen Lebensbereichen zu tun. Und ermöglicht ein Handeln mit Blick in die Zukunft: Neue Energien, Formen von Mobilität, soziales Zusammenwirken, Gesundheit, Bildung und Entwicklung. Es muss sich manches verändern …

S&S: Stiftungen wollen mit der Anlage ihres Vermögens möglichst hohe Erträge erzielen, um ihre satzungsmäßigen Zwecke so umfassend wie möglich realisieren zu können. In der anhaltenden Flaute an den Finanzmärkten stellt dies eine große Herausforderung für viele Verantwortliche dar. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Jorberg: Nüchtern betrachtet: Jedes Geschäftsmodell, das auf Kapitaldeckung und Kapitalerträgen basiert, verliert nach und nach seine Grundlage. Das gilt für die kapital-basierte Altersabsicherung ebenso wie für Kapitalstiftungen. Die Situation an den Finanzmärken hat sich dauerhaft geändert.

S&S: Warum?

Jorberg: Weil es keine Leistung mehr bedeutet, sicheres Geld zur Verfügung zu stellen. Vermögensanlage und Verschuldung werden immer noch getrennt gesehen. Aber es sind die zwei Seiten einer Medaille. Vermögensanlage auf
der einen bedeutet immer Verschuldung auf der anderen Seite. Gläubiger und Schuldner korrespondieren miteinander. Derzeit will kaum noch jemand seine Schulden kräftig ausweiten. Durch Mangel an Schuldnern entstehen die niedrigen Zinsen. Vordergründig gilt die EZB als Treiber des niedrigen Zinssatzes, des Trends zum Negativzins. In Wirklichkeit aber erhöht sie nur das ohnehin bestehende Überangebot an Kapital. Wir haben schlichtweg viel zu viel Geld im Markt. Unser Finanzsystem konnte mit Knappheit umgehen. Dafür wurde es geschaffen. Jetzt ist es nicht mehr leistungsfähig, denn Knappheit des Geldes gibt es nicht mehr. Das System bringt das Geld nicht mehr dorthin, wo es gebraucht wird.Und daher erodiert auch das Modell der Kapitalstiftung,
schleichend, aber nachhaltig.

S&S: Haben wir nur eine Durststrecke? Wird es wieder auskömmliche Zinsen geben?

Jorberg: Nein. Wer anderes sagt, steckt den Kopf in den Sand. Oder er verfährt nach dem Prinzip des „Last man Standing“: Wer am längsten stehenbleibt, den rettet der Staat. Systembedingt wird immer kapitalintensiver gewirtschaftet. Wir produzieren mehr als wir verbrauchen. Damit häuft sich
immer mehr Geld auf. Damit fehlt es zunehmend an einem Anreiz, Zinsen zu
zahlen. Geld wird weniger wert, das zeigt sich heute vor allem durch
Vermögensinflation, also steigende Preise, unter anderem bei Aktien, Immobilien
etc.

S&S: Nun haben Stiftungen die gesetzliche oder satzungsmäßige Pflicht, ihr Grundstockvermögen – bestenfalls real – zu erhalten, um tatsächlich auf lange Sicht nachhaltig wirken zu können.

Jorberg: Die Stiftungen bewegen sich in einem Rahmen, der zu einer Zeit erdacht wurde, in der es andere Umstände gab und der zu diesem Zeitpunkt sicher auch sinnvoll war. Wenn sich aber die Rahmenbedingungen verändern, müssen auch die Konzepte neu gedacht werden. Das gilt natürlich auch für die rechtlichen Grundlagen. Es ist noch nicht ganz angekommen, dass diese Aufgabe ansteht. Aber sie steht an.

S&S: Welches Stiftungsmodell stellen Sie sich für die Zukunft vor?

Jorberg: Auf längere Sicht kann ich mir mehrere Arten von Stiftungen vorstellen. Zunächst halte ich die direkte Einbringung von Unternehmen in Stiftungen für sinnvoll und damit einen Transfer von Gewinnen in die Gemeinnützigkeit.
Dann sehe ich ein Modell, das ich Generatorstiftung nennen möchte. Ich habe sie auch nach dem allgemeinen Sprachgebrauch häufig Verbrauchsstiftung genannt. Allerdings sind mit dem Begriff Widerstände verbunden. Die Stiftungsvertreter gehen hier an die Decke, weil sie gleich Existenzängste bekommen. Aber in der Sache ist der Weg in den Verbrauch notwendig, und das im Kern aus zwei Gründen: Erstens lässt sich aus Kapitalerträgen keine Stiftungstätigkeit mehr
finanzieren – das ist die Notseite. Zweitens bekommt die Entsorgungsfunktion der Stiftung für zuviel existierendes Kapital in Zukunft einen ganz anderen Stellenwert. Sie hat dafür Sorge zu tragen, dass das Kapital dort ankommt, wo es
benötigt wird. Und dort wo Stiftungsgeld rentierlich angelegt werden soll, wird es nicht mehr gebraucht. Es wird aber dringend gebraucht in dem eigentlichen Stiftungskern, der Zwecksetzung. Und ich möchte jeden Stifter, Vorstand und Geschäftsführer ermuntern, die Tätigkeit seiner Stiftung so zu intensivieren und zu kommunizieren, dass sie eine dauerhafte Anziehungskraft auf weitere Stifter hat, die sich dann neu engagieren. Stiftungsvermögen wird dann nicht mehr aus seiner Anlage, sondern aus neuem Zufluss generiert. Die richtige Form muss im
Einzelfall und ganz generell gefunden werden.

S&S: Auch wenn Verbrauchselemente jetzt vom Gesetzgeber ausdrücklich für zulässig erklärt wurden: Zum Verbrauch bestimmtes Stiftungsvermögen ist
steuerlich jedenfalls weniger begünstigt.

Jorberg: Das sollte geradewegs umgekehrt werden. Verbrauchsvermögen muss steuerlich bessergestellt werden. Letztlich geht es doch darum, dass mit dem eingebrachten Geld gemeinnützige Zwecke verfolgt werden.

S&S: Noch müssen sich die Stiftungen ja an die Vorgaben halten. Sehen Sie eine Zwischenlösung?

Jorberg: Die weithin empfohlene Suche nach alternati-ven, renditestarken Investitionsmöglichkeiten halte ich für irreführend. Der Kauf von Aktien, Immobilien oder Gold bedient nur die Inflation. Wenn ein Gebäude in einiger Zeit
doppelt so viel wert ist, ist gleichzeitig das Geld die Hälfte wert. Das derzeitige Finanzsystem ist einfach nicht mehr leistungsfähig. Auch die Banken werden sich verändern. Die ausufernde und weiter fortschreitende Regulatorik geht eine Symbiose mit der Digitalisierung ein und wird ein standardisiertes, automatisiertes Bankgeschäft hervorbringen. Im Wettbewerb mit stark sinkenden Margen überleben die effizientesten Teilnehmer. Zurück zur Frage: Wenn also das Geld schon keine Rendite bringt und der Verbrauch aus formalen Gründen nicht in Betracht kommt, sollte es wenigstens vernünftig, d. h. zweckbezogen angelegt werden. Zweckbezug, Langfristigkeit und Risiko – das macht jedenfalls Sinn. Das ist die Qualität von Geldanlage, die noch gebraucht wird.

S&S: Verantwortliche in Stiftungen tun sich aber schwer, ins Risiko zu gehen. Sie sehen sich als vorsichtige Treuhänder fremden Geldes und haben Sorge vor
Einwänden der Behörden und eigener Haftung.

Jorberg: Die Treuhandfunktion der Stiftungsverwalter bezieht sich doch nicht auf die Form, sondern auf die inhaltliche Intention des Stifters und der
Allgemeinheit. Die Form, die den Zweck nicht mehr erfüllen kann, darf nicht als das Maß aller Dinge verstanden werden. Das kann nicht im Sinne der Stiftungsidee sein. Risiken im wohlverstandenen Sinne der Verwirklichung der Satzungszwecke einzugehen darf nicht als Spekulation missverstanden werden.

S&S:Und schließlich: Welche Begegnung mit einem Stifter
hat Sie besonders beeindruckt?

Jorberg: Da gibt es viele: Von Wilhelm Ernst Barkhoff und Alfred Rexroth sprach ich schon – beide beeindruckende Persönlichkeiten. Aus jüngerer Zeit nenne ich den Lotterie-Unternehmer Norman Faber. Angesprochen von Steven Sloane,
dem Generalmusikdirektor der Bochumer Symphoniker, hat er großzügig und ohne den Wunsch nach Öffentlichkeit den Grundstock gelegt für die Stiftung Bochumer Symphonie, die von der GLS Bank treuhänderisch verwaltet wird, und den Bau eines Musikhauses für Bochum ermöglicht. Auch im Zusammenhang mit der Gründung der Stiftung Neue Energie hatten wir engagierte Mitstreiter wie Alfred Ritter oder Rolf Gerling. Diese Stiftung wurde 1997 anlässlich des Stromnetzkaufes in Schönau im Schwarzwald gegründet, übrigens als erste unter dem Dach der GLS Treuhand. Sie übernahm die Durchführung der Spendenkampagne „Ich bin ein Störfall“. Unter dem Eindruck der Katastrophe in Tschernobyl hatten sich Bürger entschlossen, für eine Stromversorgung ohne Atomstrom einzutreten und – gegen den Widerstand des damaligen Netzbetreibers – ein eigenes Energieversorgungsunternehmen zu gründen. Dies ist nach langen Kämpfen durch die Elektrizitätswerke Schönau gelungen. Die Stiftung hatte dabei eine absolute Schlüsselfunktion. Ohne sie wäre das nicht gegangen.

S&S: Vielen Dank für das Gespräch!

Gespräch mit Thomas Jorberg: Wir brauchen die Generatorstiftung


Zur Person

Thomas Jorberg, geboren 1957 in Rothenburg ob der Tauber, verheiratet, zwei Kinder. 1977 erster Auszubildender der GLS Bank; nach der Lehre zum Bankkaufmann Studium der Wirtschaftswissenschaften und der Betriebswirtschaftslehre an der Universität Hohenheim und der Ruhr-Universität
Bochum. Seit 1986 erneut bei der GLS Bank tätig, seit 1993 als Mitglied und seit 2003 als Sprecher des Vorstandes. Seit 1995 auch Vorstandsmitglied der GLS Beteiligung AG und seit 2003 der GLS Energie AG. Aufsichtsratsvorsitzender der Netzkauf EWS Schönau eG seit 2005 und der Hannoverschen Kassen seit 2009. Mitglied im Board der Global Alliance for Banking on Values, einem internationalen Bündnis sozial-ökologisch ausgerichteter Banken. Seit 2007 Vorstand der Stiftung Bochumer Symphonie; Mitglied im Hochschulrat der Ruhr-Universität Bochum und Referent. Ausgezeichnet mit dem Stromrebellen-Preis
2002, dem future Award 2009, dem B.A.U.M.-Umweltpreis 2010 und dem Deutschen FairnessPreis 2011.

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