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Akteure & Konzepte

Gespräche

Thomas Druyen, Professor für vergleichende Vermögenskultur

Für den Soziologen Thomas Druyen besteht der größte gesellschaftliche Beitrag eines Unternehmers in erster Linie darin, Arbeitsplätze zu schaffen. Echtes Mäzenatentum dagegen obliege eher einem Individuum – etwa einem erfolgreichen Unternehmer. Er plädiert dafür, nachhaltig die Reputation von Philanthropen zu verbessern, um die Bereitschaft zur Übernahme ethischer Verantwortung zu fördern. Gleichzeitig müsse es darum gehen, die Philanthropie selbst zu einer professionellen Kraft auszubauen und Untenehmertum und soziales Handeln anschlussfähig zu machen.

Interview in S&S Ausgabe 3 / 2008

S&S: Sehr geehrter Herr Professor Druyen, gibt es einen Unterschied zwischen Reichtum und Vermögen?

Druyen: Ohne Zweifel! Der Begriff des Reichtums sagt lediglich etwas über die Quantität des Besitzens. Vermögen dagegen ist schon seit Aristoteles ein Ausdruck von Qualität, weil neben die bloße Verfügungsgewalt der Wille tritt, Verantwortung zu übernehmen. Man vermag etwas zu tun. Seit Jahrhunderten versuchen in diesem Sinn Vermögende, ihrer gesellschaftlichen Positionierung gerecht zu werden. Da die Zahl der Reichen aber in aller Welt sehr schnell steigt, bekommt die Frage „Reichtum oder Vermögen?“ eine für uns alle enorme Bedeutung.

S&S: Und wodurch entsteht eine solche Vermögenskultur?

Druyen: Indem sich Reiche bewusst werden, dass sie nicht alleine leben und sich Vermögende zum Vorbild nehmen. Und Vermögende sind diejenigen, die ihre materielle Unabhängigkeit nutzen, um die gesellschaftliche Entwicklung bewusst mitzugestalten. In der Vermögenskultur gehen Macht und Weisheit eine Allianz ein, um gelingendes Leben nicht nur als Privileg zu benutzen. Also: Vermögenskultur ist die Förderung und Pflege von materiellen und immateriellen Werten, von Beziehungen und Netzwerken zum Schutze der individuellen, familiären und gesellschaftlichen Zukunftsfähigkeit.

S&S: Vermögenskultur bedarf entsprechender Kraftquellen: Wieviel privaten Reichtum, wie viele Milliardäre, wie viele Einkommensmillionäre gibt es denn in Deutschland?

Druyen: Dementsprechende Statistiken und Rankings sind bestenfalls Annäherungen. Unter Vorbehalt dieser Skepsis vermuten wir, dass es zurzeit in Deutschland ca. 130 Milliardäre und annähernd 820.000 Millionäre gibt.

S&S: Reichtum wird angehäuft; Stiften ist mit Loslassen verbunden – ein schwieriger Übergang?

Druyen: Alfred Herrhausen konstatierte treffsicher, dass unser Problem darin besteht, dass wir Gedanken nicht zu Ende denken. Dies gilt auch für die Frage des Stiftens und Loslassens. Wer beim Geben kalkuliert, dass er etwas verliert, spielt das falsche Spiel. Humanitäre, wissenschaftliche oder soziale Investitionen, die mit unternehmerischer und logistischer Vernunft eingesetzt werden, dienen immer auch der Gemeinschaft. Und jede Verbesserung der gesellschaftlichen Infrastruktur kommt legitimerweise auch den Initiatoren zugute.

S&S: Was bedeutet philanthropisches Engagement für die Vermögenden?

Druyen: Diese gute Frage wird in unserer Neidkultur leider allzu selten gestellt. Im Gegenteil: Selbst den Großzügigsten wird noch unterstellt, sie bedienten ihr schlechtes Gewissen. Selbst wenn dem so wäre, hätte ich Respekt vor denjenigen, die sich noch vom Gewissen leiten lassen. In unserer Forschung haben wir aber eindeutig festgestellt, dass philanthropisches Engagement auf jeden Fall Sinnstiftung bedeutet. Vor diesem Hintergrund bin ich der Überzeugung, dass wir in Zukunft eine große Zunahme moralischer Verantwortungsübernahme erleben werden.

S&S: Macht Stiften und Spenden sogar glücklich?

Druyen: Auch diese Vermutung ist eindeutig belegbar. Die meisten Formen des Gebens und Teilens haben positive psychologische Auswirkungen. Mehr noch: Sie können selbst zur Verlängerung des Lebens beitragen. Durch die bloße Anhäufung von Reichtum entsteht eine unstillbare Gier, das Rad immer weiter zu drehen. In der Praxis, sein Vermögen als Element einer allgemeinen Wertschöpfung zu begreifen, liegt die Quelle seelischer Zufriedenheit und die Rückversicherung, sich im menschlichen Zusammensein wegweisend eingebracht zu haben. Vermögend zu sein, heißt auch, mögen zu können. Diese Menschen erleben unwillkürlich Glück, da ihnen Zuneigung, Mitgefühl und Eingebundenheit widerfahren.

S&S: Sie haben einmal gesagt, die unternehmerische Leistung sei der Wegweiser für die Philanthropie. Können Sie uns diese Aussage erläutern?

Druyen: Trotz einer Zunahme philanthropischer Aktivitäten offenbart dieser Humanbereich strukturelle und professionelle Schwächen. Da es sich um einen Markt der Freiwilligkeit handelt, obliegt das Gutgemeinte meistens subjektiver Einschätzung. Das reicht nicht mehr. Sowohl die Unüberschaubarkeit unzähliger Stiftungsaufgaben als auch die meistenteils hemdsärmelige Geschäftsführung bewirken enorme Effizienzverluste. Gerade die Chance, ähnliche Stiftungs- oder Vereinsaktivitäten zu vernetzen, wird noch viel zu selten in Anspruch genommen. Die Philanthropie ist zwar ein Werkzeug privater Verantwortungsübernahme, aber ihre erfolgreiche Umsetzung bedarf einer unternehmerischen Kompetenz. Die sinnvollen Strukturen konstruktiver Geschäftstätigkeit müssen auch im Bereich der Gemeinnützigkeit und des Stiftungswesens verbindlich integriert werden. Hier schlafen ungeahnte Ressourcen, die mit zunehmender Professionalisierung zu einer wesentlichen Kompensation der nachlassenden Kräfte des Sozialstaates beitragen können.

S&S: Ist es denn dann sinnvoll, wenn schon Unternehmen sich als Ausdruck ihrer Corporate Social Responsibility mäzenatisch betätigen?

Druyen: Das muss im Einzelfall untersucht werden. Sicherlich war es in den letzten Jahren ein Trend, über CSR zu sprechen und hier und da auch aktiv zu werden. Vieles jedoch war, ohne jemand zu nahe treten zu wollen, Feigenblattspielerei. Wenn man das ernsthaft will, muss man sich zum Beispiel am Joint Venture von Danone und der Grameen Bank des Nobelpreisträgers Muhammad Yunus orientieren. Hier geht es um ein gemeinsames Sozialunternehmen, das keine Dividenden ausschüttet und zum Ziel hat, die Ernährung armer Familien in Bangladesch zu verbessern. CSR ist dann sinnvoll, wenn es seinen Zielen dient und nicht humane Ziele für andere Zwecke instrumentalisiert. Ich bezweifle allerdings, ob ein Unternehmen mäzenatisch sein kann; dies obliegt eher einem Individuum. Den größten Beitrag, den man unternehmerisch neben dem eigenen Erfolg leisten kann, ist für mich weiterhin die Schaffung von Arbeitsplätzen.

S&S: Der Großinvestor Warren Buffett schenkte der Gates Foundation 32 Mrd. US-$ [S&S 4/2006, S. 3]. Sie haben diesen Vorgang in Ihrem Buch „Goldkinder“ als „Beginn einer neuen Ära“ bezeichnet. Warum?

Druyen: Gates und Buffett haben eine neue Dimension der philanthropischen Verantwortung auf die Agenda gesetzt. Ihre Handlungen liegen oberhalb der Philosophie des Teilens. Wer 90 % seines Lebenswerkes humanistischen Zielen widmet, gibt auch ein klares Statement zum Sinn des Lebens ab. Ökonomie und Ethik werden anschlussfähig gemacht. Das ist spektakulär und zukunftsweisend. Ich weiß, dass auch dieses Handeln hinterfragt werden muss. Aber bitte mit Respekt und Achtung, denn Kritik allein hat überhaupt nichts Sinnstiftendes.

S&S: Wie können Vermögende überzeugt werden, sich für gemeinnützige Zwecke zu engagieren? Wie können sie erreicht werden?

Druyen: Indem man sich erst einmal mit Ihnen beschäftigt. Indem deutsche Minister darauf verzichten, aus niederen, populistischen Gründen Erfolgreiche grundsätzlich zu verunglimpfen. Indem man Ihnen Projekte vorstellt, die langfristig und wirksam sind, um der Gesellschaft einen Dienst zu erweisen. Indem man beweist, dass auch Geschenke als Investitionen behandelt werden können. Indem man lernt, Reiche und Vermögende sensibel auseinanderzuhalten.

S&S: Ist der Appell an den Vermögenden erfolgversprechend, aus dem Ertrag seiner Lebensleistung an die Gesellschaft zurückzugeben?

Druyen: Schauen Sie sich weltweit die Liste der Philanthropen an: Es scheint zu funktionieren. Nun wird es darum gehen, die Philanthropie selbst zu einer professionellen Kraft auszubauen. Die Losung heißt „Sozialunternehmertum“. Man muss mit gutem Handeln auch Geld verdienen können und gleichzeitig ethische Verantwortung übernehmen. In dem Maße, wie uns dieser globale Umbau der Ökonomie gelingt, werden wir auch wieder Gerechtigkeit erzeugen können. Vermögende spielen in dieser Hinsicht eine entscheidende Rolle. Nicht die Beschränkung des Vermögens ist der Weg, sondern die Herstellung intelligenter Anschlussfähigkeit.

S&S: Es wird in Deutschland weithin beklagt, dass öffentliche Ineffizienz zur Kapitalflucht motiviert. Welche Impulse könnten dagegen wirken?

Druyen: Als Soziologe weiß ich, dass je direkter die Demokratie wirkt, umso stärker der Zusammenhang von Steuer und Gegenleistung wahrgenommen wird. Ebenso liegt es sozialpsychologisch auf der Hand, dass gefühlte Unsicherheiten und Ungerechtigkeiten in jedem Milieu zumindest zu gedanklichen Spielereien führen. Trotzdem ist die Gemengelage wesentlich komplizierter. Auf jeden Fall bedarf unsere Steuergesetzgebung einer neuen Form der Klarheit und Nachvollziehbarkeit. Dabei sollte auch der Aspekt des internationalen Steuerwettbewerbs nicht außer Acht gelassen werden. Grundsätzlich muss in einer Zivilgesellschaft das Bewusstsein für die Notwendigkeit und Konstruktivität von Steuern viel umfassender vermittelt werden.

S&S: Die LGT, für die Sie beratend tätig sind, war jüngst Gegenstand der öffentlichen Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit Verdachtsfällen auf Steuerhinterziehung in Deutschland. Ist es von Ihrem vermögenskulturellen Ansatz her legitim, Gelegenheiten für Steuerflucht zu schaffen?

Druyen: Wir übersehen allzu leicht, dass zum Beispiel in der Schweiz und Liechtenstein die Finanz- und Steuerautonomie historische und kulturelle Wurzeln besitzt, die mit einer anderen Vorstellung von Selbstbestimmung und Privatsphäre zusammenhängen. Deshalb ist es falsch und politisch unkorrekt, einen stereotypen Generalverdacht auszusprechen. Es geht nun darum, unter Akzeptanz der jeweiligen Souveränität zu kooperativen Lösungen zu kommen. Der vermögenskulturelle Ansatz bezieht sich auf das Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen und der sollte ohne Zweifel im Rahmen der jeweiligen Rechtsprechung handeln.

S&S: Auch das Gemeinnützigkeitsrecht ist bei allen Modifizierungsansätzen der letzten Jahre immer noch von staatlichem Misstrauen gegen bürgerschaftliches Engagement und innovative, sozialunternehmerische Lösungen geprägt. Wo sehen Sie hier Änderungsbedarf?

Druyen: Es fehlt offensichtlich an einem zivilgesellschaftlichen Bewusstsein. Die Bürger können und wollen mehr zur Gestaltung ihres Landes beitragen, als dies offenbar gewünscht wird. Der lange Prozess der Individualisierung hat dazu geführt, dass die klassischen Parteien die vielfältigen Lebensvorstellungen und die unterschiedlichen Generationenbedürfnisse nur unzureichend abdecken. Hinzu kommt die rasante Entwicklung der Technologie, die vor allem über das Internet zu ganz neuen Formen der Vernetzung und Artikulation geführt haben. Im Zuge dieses Wandels sind auch die humanitären, sozialunternehmerischen und philanthropischen Bemühungen enorm gewachsen. Diesem Reservoir von Energie und Willen sollte man nun eine neue Plattform widmen, die im Gemeinnützigkeitsrecht zu verankern ist. Philanthropisches Handeln muss gefördert und erleichtert werden. Um dies zu ermöglichen, spielt der gesamte Bereich des Fundraising eine entscheidende Rolle. Steuerliches Entgegenkommen bei allen genannten Aktivitäten ist eine unumgängliche Voraussetzung.

S&S: Woran fehlt es sonst am Stiftungsstandort Deutschland?

Druyen: Wenn man einer Vermögenskultur wirklich zur Durchsetzung verhelfen will, müssen wir nachhaltig an der Reputation der Philanthropen arbeiten. Selbst gönnerhaftes und bescheidenes Handeln wird noch mit Argwohn betrachtet. Wir sollten endlich in Betracht ziehen, dass auch erfolgreiche Leute gut sein können.

S&S: Sie sind in der Stiftung Dialog der Generationen engagiert – Was ist deren Anliegen und was kann die Stiftung besonders gut?

Druyen: Die Stiftung kümmert sich seit Jahren um die Verbesserung unseres Altersbildes. Im Vordergrund steht die Intention, das Verhältnis der Generationen im positiven Sinne durch faktische Kenntnisse der gegenseitigen Abhängigkeit zu erleichtern und bewusst zu machen. Idealerweise sollte zwischen den Generationen ein bewusster Transfer von Vermögen und Wissen stattfinden. Um diesen Prozess attraktiv und transparent zu machen, unterstützen wir universitäre Forschungsinstitute. Sie schaffen eine systematische Grundlage, um die Bedeutung philanthropischer und vermögenskultureller Aktivitäten für die Gesellschaft klar zu machen. In der Vergangenheit konnten wir dazu beitragen, die großartige Altersentwicklung als eine bisher einmalige, positive Errungenschaft zu begreifen. Nun geht es darum, viele Kräfte zu vereinigen, um der kleiner werdenden Zahl unserer Kinder eine gerechte und perspektivische Zukunft zu ermöglichen. Sicherlich sind wir ganz gut in der Vernetzung, aber es bleibt viel zu tun. Wir müssen alle erkennen, dass uns eine friedliche Gesellschaft nicht geschenkt wird, sondern jeder über den Alltag hinaus einen weiteren Beitrag leisten muss.

S&S: Herr Professor Druyen, herzlichen Dank für das Gespräch.

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Zur Person

Prof. Dr. Thomas Druyen lehrt seit seiner Habilitation im Jahre 2004 am Institut für Soziologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und ist dort Direktor des 2006 gegründeten Forums für Vermögensforschung; seit 2007 hält er den Lehrstuhl für vergleichende Vermögenskultur an der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien. Geboren am 02.07.1957 in Süchteln, katholisch, verheiratet. Nach dem Studium von Rechtswissenschaft, Soziologie, Publizistik, Philologie und Anthropologie in Münster 1988 Magister Artium und 1990 Promotion zum Dr. phil. Anschließend Projektarbeit für humanitäre Organisationen u.a. für Tschernobyl-Opfer und ein Aids-Vorsorge-Programm der Vereinten Nationen. Von 1994 bis 1999 assistierte er Prof. Dr. Ervin Laslo beim Aufbau des Club of Budapest. Von 2000 bis 2004 war Druyen Vorstand der Schweizerischen Peter Ustinov Stiftung [S&S 4/2007, S. 11] und ist seit 2001 Kuratoriumspräsident der Stiftung für den Dialog der Generationen, zu deren Gründungsstiftern er gehört. Fast zwanzig Jahre arbeitete er auch als Berater sowie in führenden Positionen vor allem im Bereich der Unternehmenskommunikation- und kultur bei Banken, Institutionen und Stiftungen, zuletzt von 2003 bis 2007 bei der LGT Deutschland, der Privatbank der Fürstenfamilie von Liechtenstein. Seit 2005 ist er auch Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung Kloster Steinfeld. Letzte Publikation: Goldkinder – Die Welt des Vermögens, Murmann Verlag, Hamburg 2007 [s. Rezension in S&S 6/2007, S. 44].

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