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SABINE KUNST

Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg steht in der Tradition der Preußischen Schlösserverwaltung, die eng mit der Geschichte der Preußischen Monarchie, dem Deutschen Kaiserreich und deren Repräsentationskultur verbunden ist. Die Erhaltung des einmaligen Ensembles aus über 150 historischen Gebäuden stelle – so Ministerin Sabine Kunst, Vorsitzende des Stiftungsrats – eine gewaltige Herausforderung dar. Von unschätzbarem Wert sei daher die umfangreiche Unterstützung durch Vereine und andere engagierte Partner.

Sabine Kunst, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg

S&S: Sehr geehrte Frau Kunst, Sie sind Vorsitzende des Stiftungsrats der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG). Die Stiftung ist historisch in besonderer Weise gewachsen – was hat sie sich zur Aufgabe gemacht?

Kunst: Die Entstehungs-, Nutzungs- und Entwicklungsgeschichte der Schlösser und Gärten in Berlin und Brandenburg – eine der größten und bedeutendsten Kulturlandschaften Deutschlands – ist untrennbar mit der Geschichte der Preußischen Monarchie, dem deutschen Kaiserreich und deren Repräsentationskultur verbunden. Mit dem Untergang der Monarchie 1918 wurde dieser inhaltliche Zusammenhang als Auftrag begriffen und 1927 die Preußische Schlösserverwaltung gegründet, in deren Tradition die Stiftung ihre Tätigkeit sieht. Es ist ihre Aufgabe, die erhalten gebliebenen Schlösser, Gärten und das dazu gehörige Inventar des ehemaligen preußischen Königs- bzw. Deutschen Kaiserhauses, deren Kernbestandteil zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, als kulturhistorisch einmaliges national bedeutsames Gesamtensemble zu bewahren und zu erschließen.

S&S: Was finden Sie an dieser Tätigkeit besonders spannend?

Kunst: Ich finde besonders spannend, an der Erhaltung dieses einmaligen Ensembles aus fast 400 Jahren preußischer Geschichte, Kunst und Architektur mitzuwirken. Unter dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm – dem großen Kurfürsten – wurde eine nicht zu weit entfernt von der Residenzstadt Berlin gelegene Dependance gesucht und mit dem wald- und wasserreichen „Eiland“ Potsdam gefunden. Alle Preußischen Könige hielten sich vornehmlich im Sommer in Potsdam auf und da sie in den seltensten Fällen den Schlossbau ihres Vorgängers nutzten, wurden neue Schlösser und Parkanlagen gebaut oder vorhandene Anlagen neu gestaltet und erweitert. So entstanden im späten 17. Jh. hier erste Verbindungen von Architektur und Landschaftskunst. Geprägt vom jeweiligen Zeitgeschmack, durch Respektbezeugungen an Verbündete, politische Ideen, freundschaftliche Beziehungen und verwandtschaftliche Bindungen vereinen sich heute holländische, französische, englische, russische und italienische Einflüsse. Nicht nur die Besucher aus aller Welt, auch wir selbst staunen über die Vielfalt, Größe und künstlerische Qualität dieser einzigartigen Kulturlandschaft. Für mich als Ministerin vereinen sich in der Stiftung zudem alle Bereiche meines politischen Wirkens: Zuvorderst die Bereiche Denkmalschutz und Denkmalpflege sowie Kulturgutschutz. Aber in der Stiftung betreiben wir auch Museen, ein Theater, beschäftigen uns mit Literatur und Bibliotheken. Im Bereich der Geistes-, aber auch Naturwissenschaften arbeitet die Stiftung mit den Universitäten und Hochschulen des Landes intensiv zusammen – ein Bereich, der mir für die Zukunft zunehmend interessant erscheint.



Schloss Sanssouci

S&S: Das Schloss Sanssouci ist eines der bekanntesten Denkmäler der Stiftung. Wie engagiert sie sich hier und was ist das Besondere an diesem Bauwerk?

Kunst: Sanssouci ist in der Tat ein weltweit bekanntes Schloss, eine Marke. Mit diesem Status und Bekanntheitsgrad
ist es salopp gesagt fast nicht notwendig, sich hierfür außerordentlich zu engagieren. Natürlich wird das Bauwerk besonders gehegt, gepflegt und in seiner originalen Substanz erhalten. Viele Besucher kommen nach Potsdam, um Schloss Sanssouci zu sehen. Das überlastet dieses kleine Denkmal. Deshalb hat sich die Stiftung auch zur Aufgabe gemacht, andere Museumsschlösser stärker in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken. 2012 beispielsweise haben wir das Neue Palais mit einem großen Ausstellungsprojekt aus Anlass des 300. Geburtstages von Friedrich dem Großen in den Mittelpunkt der Stiftungsaktivitäten gestellt.

S&S: Kann man sagen, wie vielen Denkmälern sich die Stiftung insgesamt widmet?

Kunst: Die Stiftung hat einen klaren Auftrag zur Erhaltung der ihr übertragenen Preußischen Schlösser und Gärten. In diesem Rahmen betreut sie über 30 Museumsschlösser, insgesamt rund 150 historische Gebäude nebst Inventar und über 750 ha Parkanlagen in Berlin und Brandenburg. Dies ist eine gewaltige Herausforderung. Hinzu kommt die räumliche Dimension der Aufgabe. Natürlich sind unter den Anlagen auch viele kleine unbekanntere Denkmäler. So gibt es in den Parks viele historische Wirtschaftsgebäude, Verwalter- und Gartenhäuser, kleine Tempel oder Grotten, die es mit ebenso viel Engagement zu erhalten gilt. Auch einige der Museumsschlösser stehen nicht so sehr im Fokus der Touristen, wie z.B. das Jagdschloss Stern in Potsdam, das älteste der erhaltenen Hohenzollernschlösser.

S&S: Welches der laufenden Projekte steht derzeit im Mittelpunkt der Stiftungsarbeit?

Kunst: Im Fokus stehen derzeit 35 Gebäude bzw. Gartenbereiche, die seit 2008 über ein zehnjähriges Sonderinvestitionsprogramm im Umfang von rund 155 Mio. € saniert werden. Diese Mittel werden vom Bund und den Ländern Berlin und Brandenburg zusätzlich über die jährlichen Finanzierungsbeiträge für den Stiftungsbetrieb zur Verfügung gestellt. Wichtige Denkmäler, wie das Schloss Cecilienhof, Charlottenburg oder Babelsberg erhalten erstmals eine Hüllen- oder Grundsanierung. Darüber hinaus wird über das Programm einiges für die Verbesserung der Besucherbetreuung getan. Ein Novum – und damit sticht es vielleicht aus den anderen Projekten heraus – ist, dass die Stiftung erstmals seit 100 Jahren einen völlig neuen Gebäudekomplex errichtet. Unmittelbar angrenzend an den Park von Sanssouci errichten wir einen Neubau zur Unterbringung wichtiger Stiftungsfunktionen, wie die Restaurierungswerkstätten, Plankammer und Bibliothek, das Dokumentationszentrum und Archiv. Ein weiterer Neubau für das zentrale Depot wird ab dem kommenden Jahr im Zentrum der Stadt entstehen. Beide Einrichtungen
dienen dem besseren Schutz der einzigartigen Kulturgüter der Stiftung. Gleichzeitig ermöglicht es uns, Abläufe und Wege zu optimieren und jahrzehntelange Umnutzungen von historisch wertvollen Räumen aufzugeben.

S&S: Wo wird die Arbeit der Stiftung für den Bürger sichtbar, wie bezieht sie sie mit ein?

Kunst: Sichtbar wird die Stiftungsarbeit wahrscheinlich am besten, wenn sie unsichtbar bleibt, wenn wie selbstverständlich alles gepflegt ist, grünt und blüht, glitzert und leuchtet, wenn Besucherbetreuung als „Rundumsorglospaket“ funktioniert. Daneben wird Stiftungsarbeit dann sichtbar, wenn gebaut und saniert wird und natürlich auch, wenn es Einschränkungen gibt. Zudem gibt es in unserer Stiftung sehr viele schöne Beispiele dafür, wie sich Bürger insbesondere über Initiativen und Vereine in der Betreuung und Belebung unserer Häuser oder der Pflege von Gartenanlagen für die Stiftung engagieren. Zuerst ist hier der Verein der Freunde der Preußischen Schlösser und Gärten zu nennen, dessen Mitglieder sich seit 30 Jahren des Erwerbes von Kunstwerken, Restaurierungen und Sanierungen für die Preußischen Schlösser und Gärten annehmen. Ein anderes Beispiel ist das gewaltige bürgerschaftliche Engagement bei der Sanierung des Belvedere auf dem Pfingstberg in den 90er Jahren bis 2005. Dies ist zuallererst dem unermüdlichen Einsatz des Fördervereins Pfingstberg e.V. zu verdanken, der sich seit 1989 für das verfallene Bauwerk einsetzte, das Gebäude in das Bewusstsein der Öffentlichkeit brachte und den Anstoß für großzügige namhafte Spenden zur Wiederherstellung gab. Bis heute betreibt der Förderverein das Ensemble für die Stiftung. Hier könnte ich viele weitere Beispiele der umfangreichen Unterstützung von Fördervereinen nennen, ohne die die Stiftung ihre Arbeit lange nicht so tatkräftig bewältigen könnte.

S&S: Sie haben mit www.schloessergaerten.de eine eigene KinderInternetseite und adressieren damit eine ganz andere Zielgruppe als die klassischen Museumsbesucher. Was ist das Ziel und wie sprechen Sie sonst noch Kinder und Familien an?

Kunst: Kinder finden hier ein Angebot vor, das das Medium Internet konsequent für ihre Altersgruppe umdenkt. Sie erfahren viel Wissenswertes über preußisches Kulturerbe und deutsche Geschichte und können sich auf einen Schlossbesuch mit Familie oder Schulklasse vorbereiten. Eine Besonderheit ist dabei die Möglichkeit enger Vernetzungen zwischen Internet-Erfahrungen und Erfahrungen vor Ort – in Ausstellungen, in den Schlössern und Gärten, in den Kinder-Werkstätten und Programmen der SPSG. Diese Angebote reichen von regelmäßigen Familienführungen, über Ferienworkshops bis hin zu Geburtstags-, Kinder- und Familienfesten. Hinzu kommen ergänzend Angebote für Schüler, wie thematische Führungen und Projekte in der Museumswerkstatt. Unter dem Titel “Ein Tag in Potsdam” wird Schulklassen aus dem ganzen Land Brandenburg in einem Kooperationsprojekt mit dem Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte und der Ostdeutschen Sparkassenstiftung ein Tag in Potsdam ermöglicht. Schulklassen können hier wohlvorbereitet mit Begleitmaterial einen Bus nach Potsdam chartern und mit museumpädagogischen Angeboten im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte und in den Einrichtungen der SPSG Vergangenheit anschaulich erleben – ein historisches Mittagsmahl inklusive. Das Projekt gehört mittlerweile in vielen Brandenburger Schulen zum festen Bestandteil des Geschichtsunterrichts und ist im siebten Jahr ausgesprochen erfolgreich.


Sabine Kunst (Foto: Björn Bernat)

S&S: Wie sehen Sie die Bedeutung von Engagement im öffentlichen Raum?

Kunst: Unsere öffentlich-rechtlichen Kulturstiftungen im Land Brandenburg leben von neuen Ideen und Anregungen, brauchen engagierte Partner in der Verwirklichung eigener Ziele oder ein unabhängiges Feedback zur eigenen Arbeit. Auch bei der SPSG ist die Bedeutung des Engagements von Bürgern nicht zu unterschätzen, denn sie leisten u.a. Unterstützung in Bereichen, die vielleicht gerade nicht so im Fokus stehen, bringen andere Erfahrungen ein, initiieren Projekte und helfen so, die Vielzahl der Aufgaben der Stiftung zu meistern. Ein Beispiel macht dies anschaulich: Die Mühlenvereinigung Berlin-Brandenburg betreibt die Historische Mühle unweit des Schlosses Sanssouci. Das Know-how, das diese Vereinigung in dieses spezielle Bauwerk mit einbringt, ist von unschätzbarem Wert für die Stiftung, liegt doch der Fokus eher in der Erhaltung und Darstellung der Repräsentationsgeschichte der Hohenzollern.

S&S: Wie ist das Verhältnis von öffentlichem und privatem Engagement bei der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg?

Kunst: Das private Engagement von Vereinen oder anderen Partnern zur Betreuung einzelner Bauwerke oder Gartenflächen ist ein großer Gewinn für die Stiftungsarbeit und von unschätzbarem Wert. Zudem zeigt das Engagement vieler Potsdamer Bürger, dass sie sich mit ihrer Welterbestätte identifizieren, dass sie stolz sind in ihrer Umgebung zu leben und zu wirken. Ohne dieses private Engagement wäre es für die Stiftung deutlich schwieriger, diese Aufgaben zu bewältigen. Dieses Engagement ist monetär nicht darzustellen. Das private finanzielle Engagement liegt gemessen am Gesamtetat bei durchschnittlich rund 2 % pro Jahr.

S&S: Es wird oft diskutiert, dass der private Einsatz für das Gemeinwohl als Lückenbüßer für fehlende öffentliche Mittel dient. Was ist Ihre Meinung dazu?

Kunst: Das ist, meiner Ansicht nach, immer eine Frage der Betrachtung. Die Bereitschaft sich freiwillig zu engagieren, hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Demografische, aber auch andere Veränderungen führen dazu, dass bürgerschaftliches Engagement an Bedeutung gewinnt. Es gibt Felder im Kulturbereich, die sich fast ausschließlich aufgrund ehrenamtlicher Arbeit entwickeln, ohne dass eine staatliche Förderung vorgesehen ist. Für solche Initiativen sieht das Land seine Rolle eher im Anbieten einer Plattform für den fachlichen Austausch und die Vernetzung. In den Bereichen der Denkmalpflege erreichen private Initiativen darüber hinaus sogar oft, dass sich die öffentliche Hand gleichermaßen mit engagiert. So führten und führen private Initiativen dazu, dass zum Beispiel Restaurierungsmaßnahmen im Marmorpalais im Neuen Garten, im Schloss Paretz oder im Park von Sanssouci umgesetzt wurden. Das genannte Zahlenverhältnis des privaten finanziellen Engagements auf der einen Seite und der öffentlichen wie eigenen Finanzierung auf der anderen Seite zeigt, dass hier alle Seiten dazu beitragen, dass die Stiftung ihren Auftrag zur Erhaltung unseres Kulturerbes erfüllen kann. Dies soll auch in Zukunft so bleiben. Ich kann mir zum Beispiel vorstellen, dass sich private Initiativen noch mehr mit der Stiftung verbünden, um gemeinsam und zielgerichteter Projekte voranzubringen.

Das Gespräch führte Erich Steinsdörfer.

Interview als kostenfreier PDF-Download

Zur Person

Prof. Dr.-Ing. Dr. Sabine Kunst, geb. am 30.12.1954 in Wesselburen (Schleswig-Holstein), parteilos, verheiratet, drei Kinder. Nach dem Studium der Biologie, Politologie und des Wasserbauwesens an der Universität Hannover 1982 Promotion in Ingenieurwesen und 1990 in Politologie. Abschließend verschiedene leitende Funktionen an der Universität Hannover, u.a. als Director of International Affairs und Vizepräsidentin für Lehre, Studium und Weiterbildung. Von 2007 bis 2011 Präsidentin der Universität Potsdam und von 2010 bis 2011 – als erste Frau überhaupt – des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), der größten Organisation für den weltweiten Austausch von Forschern und Studierenden. Im Rahmen des internationalen Engagements der Hochschullehrerin und Wissenschaftlerin Aufenthalte in einer Vielzahl von Ländern, zum Beispiel für die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Bolivien und Peru, später in Mexiko; längere Forschungsaufenthalte in Kapstadt. Seit 2008 Engagement für die in Gründung befindliche Deutsch-Türkische Universität. 2010 Auszeichnung als Hochschulmanagerin des Jahres. Am 23. Februar 2011 Ernennung zur Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur in Brandenburg.

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