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Akteure & Konzepte

Gespräche

RUTH CORNELSEN, Stifterin und Unternehmerin

Ruth Cornelsen konzentriert das Betätigungsfeld der von ihr gegründeten Cornelsen Kulturstiftung bewusst auf das Segment "Denkmalschutz" im regionalen Umfeld, um Wirksam fördern zu können. Dabei ermuntert sie z.B. bei der Restaurierung öffemtlicher Denkmäler den Staat zur Mitwirkung - mit positiver Resonanz.

Interview in Stiftung&Sponsoring 3/2007 Foto: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten

S&S: Frau Cornelsen, Sie haben 1996 die Cornelsen Kulturstiftung errichtet und mit einem Stiftungsvermögen von 13,5 Mio. € dotiert. Was waren Ihre Motive?

Cornelsen: Zum 50-jährigen Jubiläum des Cornelsen Verlages für Bildungsmedien wollte ich persönlich ein öffentlichkeitswirksames Zeichen setzen, das zugleich eine Homage ist an den verstorbenen Firmengründer, Verleger und Stifter Franz Cornelsen.

S&S: Die Zwecksetzung der Cornelsen Kulturstiftung ist vergleichsweise eng gefasst und sieht allein die Förderung des Denkmalschutzes in Berlin und Brandenburg vor. Was hat sie zu dieser Fokussierung bewogen?

Cornelsen: Der Name Cornelsen Kulturstiftung weckt vielfältige Begehrlichkeiten, denn Kultur ist ein weites Feld. Um Antragsfluten zu vermeiden und meinem Anliegen „Denkmalpflege“ gerecht zu werden, beschränkt sich die Satzung bewusst auf dieses eine Segment der Kultur, obgleich man die Satzung einer gemeinnützigen Stiftung – wegen des größeren Handlungsspielraums, den man sich häufig wünscht – zumeist möglichst weit fasst. Ich sehe aber trotz dieser deutlichen Eingrenzung auf den Bereich Denkmalpflege ein auf Dauer reiches, langfristig Not leidendes und der Hilfe bedürfendes Betätigungsfeld. Hinzu kommt folgende Überlegung: In allen Satzungen von gemeinnützigen Stiftungen steht sinngemäß: „Sollte der Satzungszweck erfüllt sein, fällt das Stiftungsvermögen gemeinnützigen Organisationen oder Zwecken zu.“ Denkmalpflege allerdings ist eine Aufgabe, die nie beendet sein kann, und für einen Stifter ist es eine angenehme Vorstellung, dass sein genuines Anliegen dauerhaft erfüllt werden wird – weit über das eigene Leben hinaus. Auch das Gefühl, wenigstens ein paar sichtbare Spuren zu hinterlassen, tut gut. Die Begrenzung der Mittelvergabe auf Berlin und Brandenburg – dort möglichst im Bereich Potsdam – ergibt sich aus praktischen Aspekten: Hier lebe ich und kann mich erfreuen an den von der Cornelsen Kulturstiftung wieder hergestellten kunsthistorischen Objekten. Hinzu kommt, dass alles, was wir auch im näheren Umfeld optisch wieder erfahrbar machen, auch Berlin zum Leuchten bringt und das kulturhistorische Gedächtnis wieder lebendig macht. Wichtig ist mir schließlich, die jährlichen Erträge en bloc in größere Projekte zu investieren und nicht in kleiner Münze auf 16 Bundesländer zu verstreuen. Damit bewirkt man nichts….

S&S: Sie haben immer wieder deutlich gemacht, dass Sie den Staat bei Förderungen in die Pflicht nehmen und deshalb die Vollfinanzierung von Restaurierungen öffentlicher Denkmäler ablehnen. Was hat Sie zu diesem Grundsatz gebracht und wie ist die Resonanz der Politik?

Cornelsen: Die Cornelsen Kulturstiftung ist kein Lückenbüßer! Vielmehr wollen wir den Bund und die Länder Berlin und Brandenburg ermutigen, Projekte aufzugreifen, die man ohne unsere zuverlässige finanzielle Hilfe nie angefasst hätte. Dieses „Anstiften“ gehört zum Stiften. Die Resonanz in Bund und Ländern darauf ist positiv.

S&S: Trotz des nicht unerheblichen Vermögens haben Sie die Stiftung nicht rechtsfähig ausgestaltet, sondern in die treuhänderische Verwaltung des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft gegeben. War diese Entscheidung durch Ihre Erfahrungen mit der Stiftungsaufsicht motiviert?

Cornelsen: Die Stiftungsaufsicht in Berlin und NordrheinWestfalen – nur dort habe ich Erfahrungen sammeln können oder müssen – verstand sich in den achtziger und frühen neunziger Jahren nicht als Dienstleister, sondern ausschließlich als Aufsichtsbehörde. Ein Stifter ist ein mündiger Bürger, der nicht beaufsichtigt werden will und werden muss. Daraus habe ich Konsequenzen gezogen und fühle mich mit der so genannten unselbstständigen Stiftung unter dem Dach des Stifterverbandes tatsächlich selbstständig und habe dort überdies Gesprächspartner „auf Augenhöhe“.

S&S: Was sind die weiteren Fördergrundsätze der Cornelsen Kulturstiftung und wer entscheidet letztlich über die Anträge?

Cornelsen: Mein Fördergrundsatz ist, wie gesagt: die Stiftungserträge nicht in kleiner Münze verstreuen! Zweimal jährlich befindet ein hochkarätiger Beirat, der sich zu meinem Glück seit zehn Jahren nicht verändert hat, über vorliegende Anträge. Da wir ja nur vor Ort fördern – Berlin und Brandenburg – wissen mindestens die Kunsthistoriker im Beirat, welche Projekte kunsthistorische Kleinode sind, deren Substanzerhaltung drängt.

S&S: Welches Stiftungsprojekt hat Ihnen persönlich am meisten Freude gemacht?

Cornelsen: Derzeit erfreut mich die Restaurierung der Originaltapeten aus der Zeit der Königin Luise in Schloss Paretz/Ketzin besonders nachhaltig. Paretz ist übrigens ein besonderes Beispiel für Public Private Partnership. Mein Angebot, alle noch vorhandenen Tapeten aus der Sommerresidenz der Königin Luise restaurieren zu lassen, war unabdingbar verknüpft mit der strikten Auflage, die ehemalige Sommerresidenz wieder so herzustellen, wie sie zur Zeit der Königin Luise ausgesehen hat. Das wunderbare Ergebnis dieser Partnerschaft von Cornelsen Kulturstiftung und dem Land Brandenburg sollte man besichtigen. Es lohnt sich! Auch die Dorfbewohner sind ebenso aufgeblüht, wie sich die Infrastruktur entwickelt hat.

S&S: Der Name Cornelsen wird weithin mit dem von Ihrem am 31.10.1989 verstorbenen Ehemann Franz im Jahre 1946 gegründeten Cornelsen Verlag in Verbindung gebracht, einem der führenden deutschen Verlage für Bildungsmedien. Aber auch drei gemeinnützige Stiftungen sind noch von ihm gegründet worden. Sind Sie so freundlich, uns diese Stiftungen und ihre Zwecke kurz vorzustellen?

Cornelsen: Die Cornelsen Stiftung Lehren und Lernen – auch sie angesiedelt beim Stifterverband – widmet sich der Bildungsökonomie, der Integration von Migrantenkindern in Schulen. Überdies wurde u. a. eine umfangreiche Delphi-Studie in Auftrag gegeben, um den Einfluss digitaler Medien auf die Unterrichtspraxis zu erforschen. Weitere laufende Projekte dienen der Sprachförderung und Kompetenzentwicklung. Alle zwei Jahre wird der Cornelsen Förderpreis „Zukunft Schule“ – Schirmherr ist Günther Jauch – verliehen. Auch die Franz und Ruth Cornelsen Stiftung und die Gemeinnützige Stiftung Bielefeld engagieren sich im Bildungsbereich.

S&S: Geleitet wird die Cornelsen Verlagsgruppe von der Cornelsen Verlagsholding, die die Gruppe als internationaler Bildungsdienstleiter ausrichtet und die Tochterunternehmen strategisch führt. Sie sind als Vorstand der Franz Cornelsen Stiftung die Chefin von mehr als 2.000 Beschäftigten und verantworten ein Verlagsprogramm, das 18.000 Titel aus rund 50 Fachrichtungen umfasst, davon jährlich 2.500 Neuerscheinungen. Welche Auswirkungen hat diese unternehmerische Tätigkeit auf die Arbeit der Cornelsen-Stiftungen?

Cornelsen: Der Cornelsen Verlagsholding obliegt, wie Sie sagen, die strategische Führung der gesamten Verlagsgruppe. Darüber hinaus bin ich alleiniger Vorstand der Franz Cornelsen Stiftung, die als Unternehmensstiftung Mehrheitsgesellschafterin der Gruppe ist. Der Vorteil für das Unternehmen – und damit letztlich für alle Mitarbeiter – ist der, dass die Gewinne nicht an die Familie ausgeschüttet werden, sondern sie verbleiben in der Franz Cornelsen Stiftung zur Reinvestition in die Unternehmensgruppe. Das ermöglicht Wachstum, dient der Stabilität der Gruppe und damit der Sicherheit der Arbeitsplätze.

S&S: Empfehlen Sie auch anderen Familienunternehmen, eine oder mehrere Stiftungen in die Nachfolgeregelung einzubeziehen?

Cornelsen: Familienstiftungen unterliegen alle 30 Jahre einer fiktiven Erbschaftssteuer. Das ist für Unternehmen ein enormer Aderlass. Neue Weichenstellungen in diese Richtung sollte man derzeit nicht vornehmen, sondern die Neuregelung der Unternehmens- und der Erbschaftsteuer abwarten.

S&S: Derzeit wird auf Bundesebene eine erneute Verbesserung der steuerlichen Rahmenbedingungen für gemeinnütziges Handeln diskutiert. Was empfehlen Sie der Politik, damit es zu einer wirklichen Stärkung bürgerschaftlichen Engagements kommt?

Cornelsen: Man sollte unbedingt die steuerlichen Freibeträge für Spender und Stifter wesentlich erhöhen, damit auch Stiftungsneugründungen eine bessere finanzielle Ausstattung erhalten. Derzeit ist es irreführend, vom „Stiftungsboom“ zu reden. Die Neugründungen haben oft eine sehr schwache Ausstattung – eben wegen der geringen steuerlichen Freibeträge.

S&S: Welche Projekte stehen als Nächstes auf der Förderagenda der Cornelsen Kulturstiftung?

Cornelsen: Ein lange gewünschtes großes Projekt ist jetzt endlich auf gutem Wege: Die Restaurierung von Schloss Schönhausen in Pankow, das viele Jahrhunderte bis zur Wende im Zentrum der Geschichte und später der Politik stand. Als zunächst schlichtes Barockschloss wurde es angemessen umgebaut zum lebenslangen Wohnsitz von Elisabeth Christine, der Frau Friedrich des Großen. 1949 wurde es Amtsitz des ersten Präsidenten der DDR und diente später als repräsentatives Gästehaus. Dort tagte schließlich der „Runde Tisch“ zur Zeit der Wende. Auch die Verhandlungen über die Wiedervereinigung, die Zwei-plus-Vier-Gespräche, fanden dort statt. Als Museum wird das Schloss ab 2009 epochenübergreifend die wechselvolle Geschichte des Gebäudes widerspiegeln. Seit 1999 habe ich versucht, die Aufmerksamkeit des Senats von Berlin auf dieses geschichtsträchtige Kleinod zu lenken und habe zunächst 1 Mio. DM, später 1 Mio. € geboten als Beitrag der Cornelsen Kulturstiftung zur Restaurierung – um so zu verhindern, dass das Schloss über den Liegenschaftsfonds des Landes Berlin veräußert wird, um eventuell irgendwann als weiteres 3-Sterne-Hotel genutzt zu werden. Nun endlich ist es unter dem Dach der Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg und bleibt so der Nachwelt erhalten. Dafür bin ich sehr dankbar.

S&S: Frau Cornelsen, viel Erfolg und herzlichen Dank für das Gespräch.

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Zur Person

Ruth Cornelsen ist seit dem Tod ihres Mannes Vorstand der Franz Cornelsen Stiftung und Geschäftsführerin der Cornelsen Verlagsholding. Geboren in Lüdenscheid (Westfalen), verwitwet, eine Tochter. Ausgezeichnet u.a. 2001 mit der silbernen Halbkugel des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, 2002 mit dem Verdienstorden des Landes Berlin, 2003 mit dem Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, 2006 mit der Richard-Merton-Ehrennadel des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft. 2007 erhält sie den Verdienstorden des Landes Brandenburg.
www.cornelsen.de/cornelsen_com/de/stiftungen/index.html

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