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Akteure & Konzepte

Gespräche

Reinhold Messner, Extrembergsteiger, Museumsleiter und Stifter

Seinen "15. Achttausender" nennt Reinhold Messner sein gegen Widerstände durchgesetztes Museum, das aus fünf Standorten besteht und kulturelle, religiöse und ökologische Themen behandelt. Der letzte Teil des Projekts, in dem die unterschiedlichen Bergvölker und ihre Altagskultur im Mittelpunkt stehen, wird 2010 fertiggestellt. Für die armen Bergvölker, insbesondere im Himalaja, engagiert sich Messner mit seiner Messner Mountain Foundation in sozialen und Bildungsprojekten, die er selbst plant und leitet.

Gespräch in S&S 5/2009 Foto: Arne Schultz

S&S: Herr Messner, seit Jahrzehnten überraschen Sie mit Ihren vielfältigen und oft unvereinbar erscheinenden Aktivitäten die Öffentlichkeit. Sie haben in Ihrem Leben nach dem Leitsatz „Ich bin, was ich tue“ immer wieder Neues ausprobiert. Wo liegen heute Ihre Prioritäten?

Messner: Im kulturellen und sozialen Bereich: Bis 2010 will ich das fünfteilige Messner Mountain Museum (MMM) abschließen, meinen „15. Achttausender“. Außerdem möchte ich mich zukünftig mehr meiner Stiftung, der Messner Mountain Foundation (MMF), widmen.

S&S: Also auch eine in gewissem Sinne sportliche Herausforderung. Der Sport, insbesondere das extreme Bergsteigen, spielt eine bedeutende Rolle in Ihrem Leben. Sie haben eine ganze Reihe von Grenzüberschreitungen und Rekorden durchgeführt. Was waren die Beweggründe, die Sie als Sportsmann motiviert haben?

Messner: Als selbstbestimmter Mensch habe ich ein Leben der Extreme leben wollen und gelebt: In Eigenverantwortung als Felskletterer, Höhenbergsteiger, Grenzgänger und Museumsgestalter – und jetzt auch als Helfer für die Menschen hoch oben in den Bergen.

S&S: Diese Haltung spiegelt sich auch in einem wichtigen Beitrag Ihrer bergsteigerischen Aktivitäten: Der Abkehr vom Expeditionsstil im Himalaya und damit einer konsequenten Hinwendung zum Alpinstil und Individualismus. So haben Sie bedeutende Touren allein oder mit nur einem Begleiter durchgeführt. Wird dieser nicht unumstrittene Weg sich auch in Ihrem neuen Film zeigen, der von der Tragödie um den Bergtod Ihres Bruders im Himalaya handelt?

Messner: Ja, in dem Spielfilm „Nanga Parbat“, an dem ich zur Zeit mit Joseph Vilsmaier arbeite, zeigen wir die verschiedenen Stile beim Bergsteigen. Heroismus und Individualismus treffen aufeinander und die Sache muss eskalieren. Ich bin eben ein selbstbestimmter Mensch und habe Probleme mit jeder Form von Sektiererei oder Heldenmenschentum.

S&S: Sind Sie deswegen in Bergsportverbänden kein aktives Mitglied? Schließen sich Ihre Individualität und die Teilnahme am Vereinsleben gegenseitig aus?

Messner: Mehr noch: Ingroups brauchen Feindbilder. Als Individualist eigne ich mich insofern als Feindbild und Wirtspflanze zugleich. Doch trotz meiner Abkehr von der Vereinsmeierei will ich soziale Verantwortung übernehmen und helfen, wo ich kann.

S&S: Sie haben kürzlich betont, dass der Deutsche Alpenverein e.V. (DAV), der weltweit größte Bergsportverband, seinen Mitgliedern nicht genug Partizipationsmöglichkeiten einräume. Wo liegen Ihrer Meinung nach die Defizite in der Organisation des deutschen Bergsports?

Messner: Dem DAV gehören weder die Alpen noch die Bergsteiger. Natürlich würde er gern den „Bergsport“ kontrollieren. Ich aber lasse mich nicht instrumentalisieren. Mein Bergsteigen ist anarchistisch und dem DAV suspekt. Was soll´s – sowohl das MMM als auch die MMF sind erfolgreicher als alle gleichgelagerten Aktivitäten des DAV. Dabei bin ich ganz allein: als Autor, als Investor und als Stifter.

S&S: Mit Ihrem Messner Mountain Museum hier auf Burg Sigmundskron bei Bozen werben Sie für einen verantwortungsbewussten Umgang des Menschen mit der Bergwelt. Welche Idee liegt Ihrem Museumsprojekt zugrunde – und was hat Sie dazu bewogen?

Messner: Mit 65 will ich mein Erbe einbringen. Und ich tue es dort, wo ich groß geworden bin, wo ich alles gelernt habe. So gebe ich zurück, was ich vom Berg als Erfahrung bekommen habe. Dabei geht es nicht um Materielles, sondern auch um mein Wissen, meine Erfahrungen, und die Geschichten, welche aus den Begegnungen zwischen Mensch und Berg entstehen.

S&S: In welcher Form ist das Museum organisiert und wie wird es finanziert?

Messner: Das MMM betreibt eine GmbH, arbeitet ohne Subventionen, hat fünf Standorte, etwa 20 Angestellte und einen Sponsor: Reinhold Messner. Nicht den DAV.

S&S: Bei der Konzeption Ihres Museumsprojekts sind Sie auf Widerstände in der Bevölkerung und Kritik in den Medien gestoßen. Worum ging es bei diesem Streit?

Messner: Eine lokale Zeitung – „Dolomiten“ –, mit der ich mich nie gemein gemacht habe, hat eine Fast-Monopolstellung in Südtirol und boykottiert alles, was ich mache. Sie wollte mein MMM versenken – fast wäre das auch gelungen.

S&S: Welche Herausforderungen haben sich bei der Organisation des Projekts noch ergeben und wie sind Sie diesen Schwierigkeiten begegnet?

Messner: Ich habe wie immer konsequent meinen Weg verfolgt. An Widerständen kann man ja auch wachsen. Ich habe viel dabei gelernt. Das MMM wurde zu einem der schwierigsten Projekte meines Lebens und macht jetzt, da es gelungen ist, umso mehr Spaß.

S&S: Was ist jetzt der aktuelle Entwicklungsstand des Projekts?

Messner: Das MMM besteht aus dem zentralen Teil Firmian auf Schloss Sigmundskron und vier weiteren Standorten, in denen Einzelthemen behandelt werden. In meinem Schloss Juval mache ich auf den Mythos Berg, seine religiöse und kulturelle Dimension aufmerksam; in einem alten Fort auf dem Monte Rite zeige ich in einem angesichts seiner Lage wirklichen „Museum in den Wolken“ die Erschließungsgeschichte im Felsgebirge der Dolomiten; in Sulden am Ortler geht es – unterirdisch – um Gletscher und das – inzwischen durch Umwelteinflüsse bedrohte – „ewige Eis“. In Ripa auf Schloss Bruneck im Pustertal, das im nächsten Jahr der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, sollen die unterschiedlichen Bergvölker und ihre Alltagskultur im Mittelpunkt einer interaktiven Auseinandersetzung stehen.

S&S: Ihr Engagement als Politiker im Europäischen Parlament haben Sie beendet, weil Sie dort nicht so aktiv mitgestalten konnten, wie Sie es sich gewünscht hätten. Wie schätzen Sie die EU-Politik in Hinblick auf Umweltthemen aktuell ein?

Messner: Die EU ist vorbildlich in Friedensdemokratie und Umweltpolitik. Mit dem Lissabon-Vertrag gibt es einen weiteren Qualitätssprung. Europa ist nur in der Vereinigung – als Europäische Union – stark.

S&S: Wahrscheinlich wissen Sie diese Entwicklung besonders in Südtirol zu schätzen. Was würden Sie den EUPolitikern in Hinblick auf aktuelle Herausforderungen im Naturschutz heute raten?

Messner: Energie- und Umweltfragen gilt es parallel zu behandeln. Europa muss weltweit die Führung in der Umweltpolitik und Friedenssicherung behaupten.

S&S: Ihre Vision für den Alpenraum sieht eine von Infrastrukturen freie Naturlandschaft in Kombination mit Ökolandwirtschaft vor. Wie kann dieser Zukunftstraum verwirklicht werden?

Messner: Es gilt, in den Alpen die Selbstversorgungslandwirtschaft wiederzubeleben und mit dem Tourismus zu verzahnen. Das garantiert Nachhaltigkeit. Ich betreibe drei Bergbauernhöfe in Südtirol – Yak & Yeti in Sulden, 1.950 m; Oberortl, 800 m; Unterostl, 600 m – und zeige, wie es geht.

S&S: Mit Ihrer Stiftung, der Messner Mountain Foundation, übernehmen Sie soziale Verantwortung für die Ärmsten der armen Bergvölker des Himalajas, der Anden und anderer Bergregionen, um ihnen das Überleben zu sichern und ihnen den Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Warum haben Sie sich für dieses Engagement und warum für die Form der Stiftung entschieden?

Messner: Die Einheimischen im pakistanischen Diamirtal (Kaschmir) haben mir 1970 das Leben gerettet, nachdem mir zusammen mit meinem Bruder Günter die erste Überschreitung des Nanga Parbat gelungen war. In Nepal, Bhutan, Peru und Tibet habe ich insgesamt etwa zehn Jahre meines Lebens verbracht. Ich verdanke den Bergvölkern so viel. Jetzt gebe ich etwas davon zurück.

S&S: Aus welchem Grund haben Sie sich als italienischer Staatsbürger dafür entschieden, Ihre Stiftung in Deutschland zu gründen?

Messner: Mein Arbeitsbereich ist Europa. In Deutschland finde ich die bestmögliche Infrastruktur und Organisationsform für meine Arbeit vor.

S&S: Mit welchen Förderaktivitäten befasst sich die Messner Mountain Foundation aktuell?

Messner: Wir haben am Nanga Parbat zwei Schulen (Tato und Ser), drei Rasthäuser (Diamirtal), eine Krankenstation (Rupal) und vier Bauernhäuser nach Lawinenkatastrophen gebaut. Zur Zeit arbeite ich an einem Schulprojekt in Hushe (Baltistan) und will in Nepal helfen. Eine der von mir unterstützten Schulen bietet 50 Kindern Raum, liegt auf einer Höhe von etwa 2.590 Metern und ist die erste Schule im Diamirtal. Die nächste Schule liegt zwölf Stunden zu Fuß entfernt, ein unüberwindbares Hindernis. Ein Lehrer wird für die nächsten fünf Jahre bezahlt. Der frühere Präsident Musharraf hat mir noch die Garantie gegeben, dass der pakistanische Staat danach die Verantwortung für diese Schule übernehmen wird.

S&S: Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, den Menschen, die in den Bergen leben, Zukunft zu schenken. In welchem Umfang engagieren Sie sich persönlich aktiv bei der Stiftungsarbeit?

Messner: Gemeinsam mit einem Zustifter habe ich das Stiftungskapital eingebracht. Ich entwickle alle Pläne, begleite die Durchführung der Projekte und bringe weitere Gelder ein. 95 % unserer Erträge fließen an die Bergvölker.

S&S: Auch für einen Individualisten wie Sie ist es also wichtig, sich für das Gemeinwohl zu engagieren und bleibende Werte zu schaffen?

Messner: Und wie! Individualismus und soziale Verantwortung widersprechen sich nicht. Ich helfe gern, wenn ich weiß, dass meine Hilfe hilft. Deshalb leiste ich Hilfe zur Selbsthilfe.

S&S: Sie wurden vielfach für Ihre Leistungen ausgezeichnet, unter anderem im Jahr 2008 mit dem internationalen B.A.U.M. – Sonderpreis für Ihren kontinuierlichen Einsatz im Umwelt- und Naturschutz und Ihr soziales Engagement. Was bedeutet eine solche Auszeichnung für Ihre Arbeit und Sie persönlich?

Messner: Mit 65 wird man hier und dort, dann und wann auch ausgezeichnet. Ich bin dankbar dafür und hoffe, damit nicht weitere Neidgefühle zu schüren.

S&S: Sie halten als Experte im Umgang mit sportlichen und mentalen Herausforderungen auch Motivationsvorträge in führenden Unternehmen. Wie schaffen Sie es, dass Ihre eigenen körperlichen und geistigen Kräfte fit bleiben, was ist Ihre Motivation?

Messner: Ich klettere immer noch und einmal im Jahr mache ich eine Expedition. Alles aber auf dem Niveau eines älteren Herrn; die Sturm-und-Drang-Jahre sind vorbei. Alles zu seiner Zeit – mein kultureller und sozialer Einsatz sind mir heute genauso wichtig wie vor Jahren der Mount Everest, der Südpol oder die Gobi-Durchquerung.

S&S: Herzlichen Dank für das Gespräch.

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Messner Mountain Foundation


Zur Person

Reinhold Messner, geb. 17.9.1944 in Brixen / Südtirol, vier Kinder, gehört seit 40 Jahren zu den erfolgreichsten Bergsteigern der Welt. Er lebt heute mit seiner Familie in Meran sowie auf dem historischen Schloss Juval in Südtirol. Er entwickelt das Messner Mountain Museum MMM an inzwischen fünf Standorten. In 2003 gründete er in München die Messner Mountain Foundation, die weltweit Bergvölker unterstützt. Nach dem Studium der Vermessungskunde an der Universität Padua war er kurzzeitig als Lehrer tätig und ging dann vollständig zum Bergsteigen über, womit er schon als Fünfjähriger gemeinsam mit dem Vater begonnen hatte. Er ist der erste Mensch, der alle 14 Achttausender und die jeweils höchsten Berge der sieben Kontinente erfolgreich bestieg. Reinhold Messner hat seit 1969 über hundert Gebirge und Wüsten weltweit bereist, zahlreiche mit Auszeichnungen versehene Bücher geschrieben, Artikel publiziert und Vorträge auf der ganzen Welt gehalten. Von 1999 bis 2004 war er Abgeordneter der italienischen Grünen im Europäischen Parlament und setzte sich vor allem für eine konstruktive, pragmatische Umweltpolitik ein, wobei ihm Nachhaltigkeit und Klimaschutz große Anliegen waren.

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