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Akteure & Konzepte

Gespräche

REINHARD FÜHRER, Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Gedenken und Frieden

Seit seiner Gründung kurz nach dem 1. Weltkrieg kümmert sich der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge darum, Kriegsgräber aufzufinden, zu sichern und zu pflegen sowie den Angehörigen zu Helfen. Diese Aufgaben - so Präsident Reinhard Führer - gelten bis heute nahezu unverändert.

Interview in S&S Ausgabe 5/2011 / Foto: Andrea Katheder

S&S: Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge existiert nunmehr seit 92 Jahren. Für welche Aufgaben steht er?

Führer: Der Volksbund entstand direkt nach dem Ersten Weltkrieg als Privatinitiative, oder besser, als Zusammenschluss verschiedener Privatinitiativen, die das Problem der deutschen Kriegsgräberfürsorge lösen wollten. Weit über zwei Millionen tote deutsche Soldaten lagen jenseits der Grenzen, ihre Gräber meist unzugänglich aus politischen oder auch praktischen Gründen. Die Angehörigen konnten sie nicht erreichen, wussten vielfach nicht einmal, wo diese lagen. Und wer und wie sollte man der Toten gedenken? Die neue Republik war anfangs innerlich zerrissen, man denke etwa an Spartakus-Aufstand, Kapp-Putsch, Freikorps und vieles andere. Geld war auch keines da. Der Staat hatte nicht die Kraft, die Aufgabe zu lösen. Eine Bürgerinitiative wie der Volksbund konnte helfen. Damals gesetzte Aufgaben – Kriegsgräber finden, sichern, in einen würdigen Zustand versetzen, Angehörige in allen Fragen der Gräberfürsorge unterstützen – gelten bis heute nahezu unverändert. Andere haben sich verändert oder sind hinzugekommen, in erster Linie die Jugend- und Bildungsarbeit. Seit nahezu 60 Jahren sind wir auf diesem Gebiet aktiv, und diese Arbeit folgt mehr denn je dem Anspruch, einen Beitrag zum Frieden in Europa und in der Welt zu leisten.

S&S: Was hat Sie bewegt, die führende Position des Präsidenten wahrzunehmen?

Führer: Soll ich es wirklich sagen? Es klingt möglicherweise enttäuschend: ich wurde gefragt – ich konnte etwas tun – ich sagte ja. Selbstverständlich war mir klar, dass der Volksbund nicht nur den Volkstrauertag gestaltet, mit dem Mitte November an die Kriegstoten und Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen erinnert wird, sondern eine sehr wichtige Aufgabe in unserer Gesellschaft wahrnimmt. Er arbeitet schließlich auch schon sehr lange im Staatsauftrag. Aber eines kam hinzu. im Laufe meiner Tätigkeit hatte ich so viele Begegnungen mit wunderbaren Menschen aus Deutschland und den ehemaligen Gegnerstaaten, mit alten Soldaten, mit Angehörigen von Kriegstoten, mit Politikern und Verwaltungsmitarbeitern, mit Zeitzeugen und Historikern, überhaupt mit Menschen unterschiedlichster Herkunft. im Grunde haben erst all diese Menschen mir gezeigt, wie notwendig – und wie großartig – diese besondere Friedensarbeit des Volksbun – des ist. Und es gibt auch einen privaten Grund. Mein älterer Bruder war als Soldat im Krieg, kam aber wieder heim. Meine Familie wurde aus dem Sudetenland vertrieben, aber wir hatten uns. Dafür bin ich bis heute dankbar. Und aus dieser Dankbarkeit ergibt sich dann schon das Gefühl der Verpflichtung gegenüber all den Familien, die ihre gefallenen oder umgebrachten Angehörigen betrauern. ihnen mit unserer Arbeit einen Ort der Trauer geben zu können, ist mir ganz wichtig.

S&S: Als eingetragener Verein wird der Volksbund ja ganz wesentlich von Mitgliedern getragen. Wie verändert sich der Mitgliederbestand?

Führer: Den Höhepunkt seines Mitgliederbestandes erreichte der Volksbund 1967 mit einer Zahl von fast 700.000. Danach allerdings begann eine kontinuierliche Abwärtsbewegung, heute zählen wir davon nur noch ein Viertel. In den 70er Jahren begann allerdings eine sehr aktive Mitglieder- und Spenderwerbung, so dass unsere Arbeit heute immer noch von über 400.000 Mitgliedern und Dauerspendern getragen wird. Es ist allerdings sehr schwer geworden, diese Zahl auch nur zu halten.

S&S: Hat diese absehbare Verkleinerung der Gemeinschaft den Volksbund vor zehn Jahren bewogen, die Stiftung Gedenken und Frieden [dazu S&S 6/2006, S. 24 f.] zu gründen?

Führer: Das war in der Tat ein wichtiges Motiv. Das erfreuliche Wachstum unserer Förderstiftung mit einem derzeitigen Stiftungsvermögen rund 15 Mio. € hat bewirkt, dass sie zum Beispiel im vergangenen Jahr die Arbeit des Volksbundes mit 500.000 € unterstützen konnte. Wir hatten auch erkannt, dass es großzügige Förderer gibt, die ihr gesamtes Geld nicht, wie es so schön heißt, zeitnah verwendet sehen wollen. Sie wollen meist schon zu Lebzeiten, verbunden mit dem eigenen Namen, etwas über ihren eigenen Tod Hinausreichendes bewirken. Sie wollen auch ihre Vermögensverhältnisse in Ordnung bringen. Gerade die älteren bewegt – durchaus in doppeltem Sinne – der Wunsch nach Frieden.

S&S: Wo findet die Stiftung ihre Förderer?

Führer: Derzeit noch hauptsächlich bei den Mitgliedern, den Förderern des Volksbundes selbst. Wir sind aber dabei, den Kreis auszuweiten.

S&S: Stiftungen zeichnen sich ja durch die Kapitalbindung aus. Der Verein setzt mehr auf Mitgliedsbeiträge und Spenden. Eine Stiftung kann der Organisation also durchaus Mittel entziehen, die direkt eingesetzt werden könnten. Das gilt natürlich besonders in der Aufbauphase. Gab es mit diesem Argument Widerstände im Volksbund gegen die Stiftungserrichtung – und bestehen sie noch?

Führer: Natürlich gab es Bedenken, aber eine Spende an den Volksbund und eine Zustiftung in den Kapitalstock der Stiftung sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Allein der Förderer entscheidet darüber und nicht wir selbst. Jede Zustiftung bewirkt früher oder später, dass der Volksbund mit Regelmäßigkeit die Mittel erhält, die ihm als Spende sonst variabel für die sofortige Verwendung zugeflossen wären. Und ab einem gewissen Punkt reicht der Ertrag aus der Zustiftung über die Spende hinaus. Mit einer Modellrechnung versuchen wir daher, Mitglieder zu einer größeren Zustiftung zu bewegen, die wir dann als immerwährenden Förderbeitrag bezeichnen. Natürlich braucht man einen längeren Atem. Aber dafür kann man besser planen als mit Spenden in ständig schwankender Höhe.

S&S: Wie werden die Aktivitäten von Volksbund und Stiftung abgegrenzt? Ist etwa geklärt, welche Zuwendungen an den Volksbund und welche an die Stiftung gehen?

Führer: Wie gesagt: Die Förderer entscheiden und wir nehmen keinen Einfluss auf diese Entscheidung. Wir informieren die Förderer des Volksbundes in unseren Medien über die Stiftung und ihre Entwicklung und bieten die Möglichkeit der Zustiftung an. Wenn der Volksbund kurzfristig Geld braucht, ist es uns natürlich lieber, das Geld kommt als Spende. Aber die interessenten an der Stiftung werden nicht einseitig beraten.

S&S: Und wie wird die Regionalorganisation eingebunden?

Führer: Wir haben die Möglichkeit eröffnet, zweckgebundene Zustiftungen vorzusehen, aus denen regional verankerte Volksbundprojekte unterstützt werden können. Das ist für unsere Landesverbände attraktiv – und noch deutlich ausbaufähig. Ein ganz besonderes Projekt ist das Grabfeld für Stifter auf dem bekannten Waldfriedhof Heerstraße in Berlin. Ein ansehnlicher Teil der Zinsen aus dem gestifteten Kapital kommt der Stiftung direkt und damit dem Volksbund zugute, der Rest dient im wesentlichen der Sicherung der Grabpflege auf der Gemeinschaftsgrabstätte unter Berücksichtigung der Vorgaben der Abgabenordnung. inzwischen haben über 30 Förderer in Verbindung mit einer solchen Auflage gestiftet.

S&S: Eine integrierte Fundraisinglösung also. Gibt es weitere instrumente, mit denen die Stiftung diesen Ansatz umsetzt?

Führer: Der Volksbund, ich sagte es, bewirbt die Stiftung in seinen Medien und auch in Mailings, allerdings eher zurückhaltend. Die Stiftung selbst ist aktiv auf der Suche nach neuen Stiftern, macht Öffentlichkeitsarbeit unter anderem ganz erfolgreich mit kostenlosen Anzeigen und auf Stiftungstagen. Selbstverständlich gibt es eine Homepage. Und in ihrem Angebot als Gemeinschaftsstiftung sind verschiedene Wege der Unterstützung, etwa die Möglichkeit der Gründung einer Unterstiftung, eröffnet. Über die Förderung von Projekten in ganz Deutschland tut die Stiftung Gedenken und Frieden nicht nur Gutes, sondern erhöht auch ihren Bekanntheitsgrad. ihre Projekte müssen allerdings auch immer mit einer Beteiligung der regionalen Volksbundgliederungen verbunden sein. Bei der Suche nach Kooperatio nen erhält der Volksbund von der Stiftung Unterstützung. Als professionell bundesweit und international operierende Organisation wirft der Volksbund dabei ein Argument in die Waagschale, das andere Stiftungen meist nicht haben.

S&S: Welche Möglichkeiten der Unterstützung und Mitsprache gibt es für Förderer und Stifter?

Führer: Der Mitsprache eines Jeden in Form von Anregungen und konkreten Projektvorschlägen sind keine Grenzen gesetzt. Und es gibt auch eine rege Kommunikation. Ob aus den Erträgen einer Zustiftung konkreter Fördererwünsche aus dem Gesamtportfolio unserer Aufgaben erfüllt werden können, hängt auch von deren Höhe ab. Bei Kleinstbeträgen könnten wir den Aufwand für die notwendigen Nachweise der Zweckbindungen nicht tragen. Das wird akzeptiert. Mitsprache geschieht selbstverständlich auch über unser Kuratorium, das allerdings nicht von den Zustiftern gewählt, sondern vom Volksbund berufen wird.

S&S: Der Volksbund wird mit Tod und Krieg in Verbindung gebracht. Bestehen dennoch Chancen für die Kooperation mit Unternehmen oder Sponsoring-Aktivitäten?

Führer: Wenn ich sehe, wie sich das in letzter Zeit entwickelt, so kann ich mich nur freuen, dass der Volksbund und seine Stiftung eben nicht so einseitig abgestempelt werden. Unsere jahrzehntelange Arbeit für Versöhnung und Frieden trägt längst Früchte. So haben wir am 1. September in Kassel in einem schönen Parkgelände sechzehn von Sponsoren aus der Wirtschaft bezahlte Ginkgo-Bäume gepflanzt und zwei Bänke aufgestellt, als Zeichen gegen das Vergessen und für die Hoffnung auf Frieden, die alle Menschen einen sollte.

S&S: Seit Jahren bietet der Volksbund informationen über eine weitere schwierige Thematik an, die als eher unangenehm empfunden und daher gerne vermieden wird: Sterben und Vererben. Welche Bedeutung hat die testamentarische Zuwendung für die Mittelbeschaffung von Volksbund und Stiftung?

Führer: Die Bedeutung der Erbschaften und Vermächtnisse ist für Volksbund und Stiftung gleichermaßen sehr hoch. Aber erst einmal muss ich etwas richtig stellen. Das Thema ist für sehr viele Menschen überhaupt nicht unangenehm! im Gegenteil, sie wollen es angehen und im Wissen darum, dass das Erbrecht Fallstricke auf – weist und immer noch die meisten der viel zu wenigen Testamente in Deutschland Formfehler aufweisen, alles richtig machen. Der Volksbund hat mit inzwischen schon über 1.000 Informationsveranstaltungen gemeinsam mit den Referenten – alles Fachleute! – sicher messbar dazu beigetragen, dass der Informationsstand der Bevölkerung verbessert wurde. Die Einnahmen von jährlich zwischen 4,5 und 7 Mio. € sind für den Volksbund außerordentlich bedeutsam. Und auch das Stiftungskapital hat zum Beispiel dank einer Zustiftung in Höhe von 1,6 Mio. €, die ein Stifter aus seiner Erbschaft einbrachte, einen Sprung nach oben gemacht.

S&S: Was sind ihre Wünsche für die Zukunft von Verein und Stiftung?

Führer: Der Volksbund, der es durchaus nicht leicht hat, möge viele neue Förderer finden, Menschen, denen das Schicksal der Opfer von Krieg und Gewalt eben nicht egal ist und die sich mit uns für den Frieden einsetzen möchten. Mein größter Wunsch für die Stiftung ist, dass die deutsche Bundesregierung in einer außerordentlichen, aber einmaligen Anstrengung soviel in die Stiftung einlegt, dass aus den Zinsen wenigstens die Kosten für die künftige Erhaltung und Pflege der deutschen Kriegsgräberstätten bestritten werden könnten. Alles andere könnte der Volksbund sicher aus eigener Kraft bewältigen.

S&S: Herzlichen Dank für das Gespräch

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Zur Person

Reinhard Führer, geboren am 22.11.1945 im österreichischen Gaweinstal ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder. Der studierte Nachrichtentechniker und Betriebswirt ist seit 1971 Mitglied der CDU und war von 1975 bis 2001 Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin, seit 1991 dessen Vizepräsident und von 1999 bis 2001 dessen Präsident. Von März 2001 bis zu seiner Wahl zum Präsidenten des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge im November 2002 war er Vorsitzender des Landesverbandes Berlin. Bis zu seiner Pensionierung war Führer hauptberuflich als Geschäftsführer des Krankenheimes Tempelhof in Berlin tätig.

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