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Peter R. Ackermann, Vorstand der Kreuzberger Kinderstiftung und der Kreuzberger Kinderstiftung gAG

Peter R. Ackermann, Vorstand der Kreuzberger Kinderstiftung und der Kreuzberger Kinderstiftung gAG, gibt im Gespräch mit der S&S-Redaktion Aufschluss über die Förderung von Vorhaben freier Träger der Kinder- und Jugendhilfe im
Bereich der Bildung und Erziehung seiner Stiftung.

S&S: Lieber Herr Ackermann, wie kam es dazu, dass Sie vor 15 Jahren als Privatmann die Kreuzberger Kinderstiftung errichtet und mit einem verhältnismäßig hohen Kapital ausgestattet haben?

Ackermann: Ich hatte mich schon länger mit dem Gedanken an eine Stiftung getragen und wie bei den meisten Berufstätigen gab die Zäsur des 65. Geburtstages den äußeren Anlass dafür her. Mit dem Ausscheiden aus meiner Anwaltskanzlei, dem Erwerb und Umbau des späteren Stiftungshauses am Landwehrkanal in Berlin-Kreuzberg und der Übernahme des Vorstandsamts der Stiftung begann ein neuer Lebensabschnitt, von dem ich keinen Tag missen möchte. Sechzig Jahre lang hatte ich unverdientes Glück allein durch das Überleben in schwerer Zeit gehabt: Geboren auf der „richtigen“ Seite im Westen Berlins, mit Fünfzehn ein Vollstipendium für ein Auslandsschuljahr in San Francisco, viele Jahre aktiv in der freien Jugendarbeit, wunderbare Freundschaften, und dann in meinem Wunschberuf zur rechten Zeit in der richtigen Stadt. Dies waren Umstände und Privilegien, von denen ein Gleichaltriger, dessen Wiege in den Sektoren der späteren „Hauptstadt der DDR“ stand, vierzig Jahre lang nur hat träumen können. Dieses Glück sowie erfolgreiche Ausflüge ins Unternehmertum während meines langjährigen Aufenthalts in London haben den Grundstein für das Stiftungsvermögen gelegt.

S&S: Die Stiftungssatzung nennt als Zweck die Förderung von Vorhaben freier Träger der Kinder- und Jugendhilfe im Bereich der Bildung und Erziehung. Was war der Grund für diese Fokussierung?

Ackermann: Wie viele meiner Altersgenossen musste auch unsere Familie ohne den im Krieg gefallenen Vater zurechtkommen. Bei mir hat die Pfadfindergruppe einen Teil der Lücke gefüllt. Ich bin lange dabeigeblieben, habe später die Auslandsarbeit der Organisation koordiniert, eine Jugendbildungsstätte in Berlin-Wilmersdorf mitbegründet und mich politisch engagiert. Als Vorsitzender des Landesjugendrings Berlin und im Bundesjugendring konnte ich die Vielschichtigkeit der freien Jugendarbeit kennenlernen. Diese Erfahrungen haben bei der Stiftungsgründung Pate gestanden. Inzwischen waren allerdings die Anforderungen an außerschulische Bildungsvorhaben anspruchsvoller geworden, die staatlichen Förderungen hielten damit leider nicht Schritt. Für Jugendliche aus finanziell benachteiligten Familien, vor allem solchen, die es nur zum Haupt- oder Realschulabschluss brachten, war die Teilhabe an den Segnungen einer prosperierenden Gesellschaft und die Mitwirkung an meinungsbildenden Prozessen besonders heikel. Ich war und bin der Meinung, dass es in einem auf seine Köpfe angewiesenen Land ohne Bodenschätze oder natürliche Ressourcen nicht nur volkswirtschaftlich widersinnig ist, sondern es auch den Zusammenhalt der Gesellschaft gefährdet, wenn einem großen Teil jedes heranwachsenden Jahrgangs nicht ebensolche Bildungschancen eingeräumt werden, wie den geborenen oder besonders geförderten Eliten. Diese Überlegungen ziehen sich wie ein roter Faden durch unsere bisherige Stiftungsarbeit.

S&S: Haben Sie ein Beispiel?

Ackermann: Ja, etwa das zentrale Programm „Auslandsjahr für Mittelschüler“, mit dem inzwischen über 500 Jugendliche nach ihrem Mittleren Schulabschluss mithilfe unserer Stipendien interkulturelle Erfahrungen sammeln, Freunde auf der ganzen Welt finden und sich als junge Botschafter unseres Landes profilieren konnten.

S&S: Gibt es daneben noch weitere Kernbereiche Ihrer Arbeit?

Ackermann: Alles, was bei uns geschieht, folgt den Leitmotiven Bildungsgerechtigkeit und Jugendpartizipation. Unsere acht fest Beschäftigten, dazu Jugendfreiwillige, Praktikanten und Praktikantinnen sowie unser Jugendrat arbeiten in vier zum Teil ineinandergreifenden Bereichen: Die finanzielle Förderung von Bildungsprojekten anderer Träger, die Vergabe von Einzelstipendien, eigene Projekte zur Förderung zivilgesellschaftlicher Entwicklung und politischer Bildung sowie die vielfältige Nutzung von Stiftungshaus und garten durch Kinder und Jugendgruppen.

S&S: Junge Menschen und damit die Zielgruppe als Fachleute für die eigenen Belange einzubeziehen, wird von Stiftungen immer intensiver diskutiert. Was ist die Aufgabe des Jugendrats?

Ackermann: Dem Jugendrat obliegt die ausschließliche Entscheidungsgewalt über Förderanträge. Dieses Prinzip übertragen wir inzwischen je nach Eignung auf alle unsere Projekte. Anders als bei Kuratorien, Beiräten oder auch Schülerparlamenten, die meist nur beratend mitwirken und deren Beschlüsse ebenso häufig am Veto der eigentlichen Machthaber scheitern, ist nach unserer Erfahrung die eigene Verantwortlichkeit und Entscheidungsbefugnis die wichtigste Triebfeder für jugendliches Engagement. Der Jugendrat entscheidet in gemeinsamen Vergabesitzungen über ca. 80 Anträge aus ganz Deutschland und vergibt Förderzusagen für etwa 100.000 € pro Jahr. Dazu gehören theaterpädagogische, der Völkerverständigung dienende, demokratie- und toleranzfördernde Projekte und solche, die Geflüchtete einbeziehen. Wir verlangen nicht nur sachbezogene und finanzielle Nachweise, sondern achten darauf, dass die jungen Teilnehmer in die Vorbereitung und Durchführung der geförderten Projekte einbezogen werden. Der Jugendrat selbst besteht überwiegend aus inzwischen 27 ehemaligen Stipendiaten. Er diskutiert und entscheidet überaus kompetent und streng.

S&S: Welche Programmansätze dienen der Völkerverständigung?

Ackermann: In unserem Stipendienprogramm „IKAROS“ begleiten wir mit intensiver Betreuung durch Paten und finanzieller Hilfe zum Lebensunterhalt etwa 40 bis 50 Berliner Jugendliche pro Jahr, die einen Schulabschluss auf dem zweiten Bildungsweg anstreben. Jungen Juristen und Juristinnen, überwiegend aus Afrika und Asien, ermöglichen wir durch ein Sechs-Monats-Stipendium das Studium der Menschenrechte im European Center for Constitutional and Human Rights in Berlin. Mit unserer Unterstützung begeben sich jeden Sommer junge Erwachsene mit speziellen Fragestellungen zu europäischen Entwicklungen auf mehrwöchige Europareisen. Jugendliche aus Berlin-Neukölln bewerben sich um ein Jahresstipendium zum Besuch einer berufsbildenden Schule im Ausland. Last, but not least steht das schon erwähnte, seit zehn Jahren bestehende Programm: Mittelschüler aus allen Bundesländern leben bei Familien im Ausland und gehen dort zur Schule. Gegenwärtig bereiten wir das Projekt „Lust auf Ausland“ vor, bei dem ehemalige Auslandsstipendiaten zunächst in Berlin und Brandenburg, später bundesweit, systematisch in neunte Mittelschulklassen gehen und Kurse darüber anbieten werden, welche Möglichkeiten und finanzielle Förderungen dieser Zielgruppe zur Verfügung stehen. So wollen wir dem beklagenswerten Zustand abhelfen, dass der angesprochene Kreis oft weder von der Schule, noch der Familie Anregungen und Kenntnisse darüber erhält, wie sich während oder nach der Schulzeit neue Lebenserfahrungen und interkulturelle Kompetenz durch Auslandsaufenthalte erwerben lassen und welche Möglichkeiten der Finanzierung es gibt.

S&S: Sicher geht die Stiftung noch weitere Wege zur Mitwirkung im demokratischen Staatswesen und zur Partizipation?

Ackermann: Die Beteiligung der 18- bis 25-Jährigen bei Bundes-, Landes- und Europawahlen war lange unterdurchschnittlich. Deshalb haben wir in den ersten Monaten dieses Jahres in Zusammenarbeit mit dem Institut für internationale Politik und Wirtschaft „Haus Rissen“ in Hamburg, welches dieses Format entwickelt hat, sowie der Schwarzkopf-Stiftung „Junges Europa“ 80 Berliner Jugendliche ausgebildet, die vor wenigen Wochen als Wahlhelfer in vielen Berliner Wahllokalen eingesetzt waren. Es war unser gemeinsames Anliegen, den Anstoß zu ehrenamtlichem Engagement in demokratischen Prozessen zu geben und die Teilnehmer anzustiften, passionierte Europäer zu werden.

S&S: Welche Rolle spielt das Haus, welches ja auch das Logo schmückt, bei den Aktivitäten der Stiftung?

Ackermann: Während die Bereiche „Stipendien“ und „zivilgesellschaftliches Engagement“ weitgehend schreibtischgebunden sind, sorgt die offene Tür unseres denkmalgeschützten Stiftungshauses und Gartens für Veranstaltungen und Seminare anderer gemeinnütziger Organisationen, für Projekttage von Schulklassen, Kindergärten und Sportgruppen dafür, dass wir nie den Kontakt zu denen „die es angeht“ verlieren. Aus unserem eigenen kleinen Hafen am Landwehrkanal starten unsere Kanugruppen für Wochenend- und Ferienfahrten in die Havelseen. Jeden Dienstag trifft sich unser Kinderchor und auch der Gewürz- und Beerengarten erfreut sich großer Beliebtheit. Unser gerade nebenan entstehender Neubau für Veranstaltungen mit bis zu 80 Gästen, mit Büros und Konferenzräumen wird „Haus und Garten“ noch deutlich erweitern und soll auch ein Angebot für gemeinnützige Organisationen sein.

S&S: 2014 haben Sie der Kreuzberger Kinderstiftung eine gemeinnützige Aktiengesellschaft gleichen Namens zur Seite gestellt. Warum?

Ackermann: Aus zwei Gründen haben wir dieses Experiment gewagt: Wir versuchen, den Grundgedanken der Partizipation auf allen Ebenen unseres Handelns umzusetzen. Außerdem meinen wir, die Probleme der historisch gewachsenen klassischen Stiftung bürgerlichen Rechts in der Rechtsform der gAG besser lösen zu können. Vielleicht leisten wir auch einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Zivilgesellschaft im Allgemeinen und der Stiftungslandschaft im Besonderen, wenn wir zeigen können, in welchen bisher ungewohnten Organisationsformen gemeinnützige Arbeit gedeihen kann. „Flache Hierarchien“, „Teamarbeit“ und „Betroffenenbeteiligung“ sind allgegenwärtig. Wir haben das in der Stiftung zwar von Anfang an praktiziert, aber eben nicht institutionalisiert. Die Einführung des Jugendrats war ein erster, die Gründung der gAG ein weiterer, konsequenter Schritt in diese Richtung. Die Hauptversammlung der inzwischen 75 Aktionäre und Aktionärinnen, die Hälfte davon zwischen 18 und 40 Jahre alt, ist unser oberstes Entscheidungsgremium. Gerade hat sie aus ihrer Mitte einen neuen siebenköpfigen Aufsichtsrat gewählt, der nicht nur Aufsichts-, sondern vor allem Scharnierfunktion zwischen der Gesamtheit unserer „Mitglieder“ und dem Vorstand innehat. In der Hauptversammlung diskutieren und entscheiden – in etwa ausgewogenem Verhältnis – Frauen und Männer aus jedem Winkel unseres Landes, aus allen denkbaren Lebensläufen und Berufen stammend, empathisch und sachkundig über den Weg, den „ihr“ Unternehmen gehen soll. Der Aktionärskreis bildet einerseits die Gesellschaft ab, für die wir letztlich da sind, andererseits nimmt er auf unsere Inhalte maßgeblichen Einfluss. Entscheidungsprozesse laufen „von unten nach oben“ ab, wie es sich in einem demokratischen Gemeinwesen gehört.

S&S: Welche Vorteile sehen Sie, außer der Verwirklichung des Partizipationsgedankens, für die gAG gegenüber der „klassischen“ Stiftung?

Ackermann: Die gAG ist deutlich flexibler und kann dadurch gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen besser begegnen. Die klassische Stiftung beruht satzungsgebunden auf der Säule „Kapital“, während doch eigentlich der Mensch im Mittelpunkt stehen sollte. Bei der gAG ist die Verfassung nicht „in Stein gemeißelt“, sondern kann mit qualifizierter Mehrheit neu entstehenden Aufgaben angepasst werden. Ihr Kapital ist nicht „ewigkeitsgebunden“. Alle ihr zufließenden Mittel können – und, wegen der zeitnahen Verwendungspflicht, müssen – unmittelbar dem gemeinnützigen Zweck zugeführt werden. Die Besetzung des Vorstands ist wichtige Pflicht des Aufsichtsrats, so dass die Nachfolgeregelung nicht auf die in klassischen Stiftungen häufig auftretenden Probleme trifft. Für die Aktiengesellschaft hat der Gesetzgeber außerdem die strengsten Transparenz- und Öffentlichkeitsvorschriften vorgesehen, die es für Körperschaften gibt, während sich auch große Stiftungen bei der freiwilligen Veröffentlichung von Mittelherkunft und -verwendung nicht selten zurückhalten. In der gAG findet durch den Aufsichtsrat, die Aktionärsversammlung und die Öffentlichkeit eine lückenlose Kontrolle statt; einer ohnehin meist nur formalen Staatsaufsicht bedarf es deshalb nicht.

S&S: Wie funktioniert die von Ihnen beschriebene Mitwirkung in der Praxis?

Ackermann: Durch rege Kommunikation mit dem Vorstand und dem Aufsichtsrat, auf unseren monatlichen Treffen im Stiftungshaus am Kamin, wo wir die eigenen Projekte und allgemein interessierende Themen mit Jugendlichen diskutieren, durch Anregungen, praktische Mitarbeit und natürlich auch durch finanzielle Unterstützung. Nur zwei Beispiele: Das Projekt „Erstwahlhelfer“ wurde durch zwei Aktionäre an uns herangetragen, von denen einer die Projektleitung übernahm und der andere ehrenamtlich tätig wurde. Eine für das Fernsehen arbeitende Aktionärin vermittelte gerade unseren Hafen am Kanal als Drehort für eine Serie, was zu einer ordentlichen Spende für unsere Kanugruppe „Spreebären“ führte. Es gibt viel zu tun: Jeder weiß es, viele tragen etwas bei. Die Stiftungs-AG ist eben tatsächlich „ihre“. Gelegentlich sehe ich hochgezogene Augenbrauen, wenn ich die Wörter „Aktie“ und „Eigentum“ in einem Atemzug mit „Stiftung“ verwende. Wie schön wäre es, wenn unser Experiment jedem Einwand so leicht begegnen könnte wie hier, nämlich unter Hinweis auf das grundgesetzliche Gebot: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“

S&S: Welche Erwartungen haben Sie für sich persönlich und für die Kreuzberger Kinderstiftung?

Ackermann: Dass es beiden weiter gut geht. Ich bin gesund, verbringe den größten Teil meiner Zeit mit jungen Menschen und bin mit der wunderbaren Frau an meiner Seite glücklich. Sie ist eine wesentliche, aktive Impulsgeberin für das Unternehmen, dem ich solange ehrenamtlich dienen will, wie unser Aufsichtsrat es mir gestattet. Für die Stiftungs-AG habe ich die Erwartung, dass sie nie statisch wird, sondern dass alle Verantwortlichen phantasievoll und verantwortungsbewusst für einen ständigen Erneuerungsprozess sorgen und dass unsere Freunde und Unterstützer nicht darin nachlassen, die dafür nötigen Mittel bereitzustellen.

S&S: Besten Dank für das Gespräch.

"Die es angeht selbst entscheiden lassen"


Zur Person

Peter Rolf Ackermann, verheiratet, geboren 1939 in Berlin, Studium der Rechtswissenschaft in Berlin, München und Göttingen, Entwicklungshilfetätigkeit in Westafrika, 1968 Leitung des Landesjugendrings Berlin und Rechtsanwalt in eigener, überwiegend wirtschaftsrechtlich ausgerichteter Kanzlei. 1984 Gründung einer Softwarefirma in London und Leitung ihrer Niederlassungen in Europa und den USA. Nach dem Mauerfall bis 2004 Rechtsanwalt mit Schwerpunkt internationale Schiedsverfahren. 2015 Erhalt des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse.


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