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Gespräche

PETER DAETZ

Seit 1991 stellt Peter Daetz seine Erfahrungen und weltweiten Vernetzungen, die er als führender Industriemanager im In- und Ausland gewinnen konnte, in den Dienst der Gemeinnützigkeit. Anliegen seiner Stiftung ist die Vermittlung interkulturellen Wissens als Basis für eine friedliche und erfolgreiche Kommunikation. Diese solle dazu beitragen, eine für die Zukunft unbedingt erforderliche Willkommenskultur zu entwickeln. Zu den Projekten zählen eine weltweit einzigartige internationale Kunstausstellung und das "Lichtensteiner Schulmodell".

Der Stifter Peter Daetz

S&S: Lieber Herr Daetz, wir sind uns im Mai 2004 erstmals begegnet, als ihnen der “Deutsche Stifterpreis” vom Bundesverband Deutscher Stiftungen verliehen wurde. Dabei hob der seinerzeitige Bundeskanzler Gerhard Schröder in seiner Festansprache ihr außerordentliches Engagement für die Gesellschaft hervor und der ehemalige Ministerpräsident Kurt Biedenkopf brachte in seiner Laudatio das Ungewöhnliche ihrer initiative zum Ausdruck. Er meinte, Sie und ihre Frau hätten sich selbst gestiftet. Was hat er damit gemeint?

Daetz: Ich vermute, dass er damit auf unsere Einstellung eingehen wollte, den letzten teil des Lebens ausschließlich für gemeinnützige Aufgaben einzusetzen. Nach einer soliden Grundausbildung und einer vielseitigen tätigkeit für die deutsche industrie haben wir das dabei erworbene Kapital, das aus den im in- und Ausland gesammelten Erfahrungen, den weltweiten Vernetzungen sowie dem gesparten Vermögen besteht, für gesellschaftsrelevante themen und Projekte eingesetzt.

S&S: Geboren und aufgewachsen sind Sie in Hamburg, ihr Berufsleben haben Sie zum größten teil im Dienste von Siemens verbracht, meist als Leiter von Auslandsniederlassungen. Was hat Sie nach Sachsen verschlagen?

Daetz: Unseren Entschluss, nur noch gemeinnützig für die Gesellschaft tätig zu sein, haben wir – meine Frau und ich – im Alter von 61 Jahren gefasst. Die Sächsische Staatsregierung hörte davon und bat mich im Herbst 1991, für drei große Landkreise in Sachsen die Wirtschaftsförderung aufzubauen. ich übernahm die Aufgabe für rund fünf Jahre. Dabei arbeitete ich erfolgreich mit Wirtschaft, Politik, Verwaltung und hochschulen, aber auch mit der sächsischen Bevölkerung zusammen, die ich aufgrund ihres Fleißes, ihrer Verlässlichkeit und ihrer innovationskraft schätzen lernen durfte. in der schwierigen Situation, gleich nach dem Mauerfall, konnte ich erneut viele wertvolle Erfahrungen sammeln.

S&S: Später, 1998, haben Sie und ihre Frau Marlene eine Stiftung gegründet. Was hat Sie dazu bewogen?

Daetz: Wir waren viele Jahre im Ausland aktiv, davon 17 Jahre durchgehend in asiatischen Ländern. Dabei haben wir immer wieder feststellen können, wie wichtig es für eine friedliche und auch erfolgreiche Kommunikation ist, zu wissen, wie die Menschen in anderen Ländern denken, welche traditionen und Glaubensformen und auch welche Erwartungen sie haben. Um diese wertvollen Erfahrungen den Menschen in Deutschland – vor allem der Jugend – näher zu bringen, haben wir mit der Gründung der Daetz-Stiftung den Zweck verbunden, interkulturelles Wissen zu vermitteln.

S&S: Welche besondere Idee verbindet sich mit dieser Stiftungsinitiative?

Daetz: Wir hatten uns gefragt, wie wir eindrucksvoll und erlebnisreich die Kulturen der Völker in ihrer Aussagekraft, Vielseitigkeit und Schönheit vermitteln können. Wir entschlossen uns, dies anhand der Holzbildhauerkunst aus fünf Kontinenten zu demonstrieren und ein geeignetes Ausstellungskonzept zu entwickeln.

S&S: Dafür haben Sie die Stadt Lichtenstein gewinnen können, gelegen zwischen Chemnitz und Zwickau in Sachsen.

Daetz: Im Lichtensteiner Schlosspalais auf fünf Stockwerken sowie in der großen Eingangshalle eines modernen Neubaus stellen wir gemeinsam rund 600 außergewöhnliche Exponate aus Ozeanien, Asien, Afrika, Europa und Nordamerika aus. Diese Kunstgegenstände wurden von meiner Frau und mir ab 1997 gezielt für diesen Zweck in Auftrag gegeben und erworben. Die Besucher erleben die für sie zum teil noch unbekannten Länder und Kulturen anhand der ausdrucksvollen holzbildhauerkunst. Über ein modernes Audioguide-System werden hintergründe erklärt und Geschichten erzählt. Die in ihrer Art wohl weltweit einmalige Ausstellung im “Daetz-Centrum Lichtenstein” wurde 2001 eröffnet.

S&S: Ihre Stiftung wird als Ausdruck der Willkommenskultur eines weltoffenen Sachsens gelobt. Wie ist dieses image entstanden?

Daetz: Im Laufe der Zeit zeichnete sich für uns immer deutlicher ab, dass es aufgrund der zunehmenden Globalisierungs- und Migrationsprozesse für die Arbeitswelt, aber besonders für die Jugend, immer wichtiger wird, neben Fachwissen auch die Fähigkeit zu besitzen, interkulturell kommunizieren zu können. in Anlehnung an die Empfehlungen der Kultusministerkonferenz hat die Daetz-Stiftung 2005 damit begonnen, mit sechs Fachlehrern Unterrichtsmodule zu einer entsprechenden Vermittlung von interkulturellem Wissen zu entwickeln und umzusetzen. Wir kooperieren dazu mit den Sächsischen Ministerien für Kultus, für Wissenschaft und Kunst und des inneren, aber auch mit Botschaften in Berlin und der rotarischen Organisation. Wir verstehen uns als teil der von den Vereinten Nationen ausgerufenen Bildungsoffensive für nachhaltige Entwicklung (BNE) und erhielten bereits drei Mal in Folge hierfür eine entsprechende Anerkennung über die deutsche UNESCO-Organisation.

S&S: Wie kommt diese initiative an?

Daetz: Das “Lichtensteiner Schulmodell” wurde mittlerweile von ca. 15.000 Schülerinnen und Schülern sowie von über 800 Lehrkräften in ihren Schulen in Sachsen und Hessen erlebt. Mit den Unterrichtsmodulen zu indien, der Türkei, China, Polen, Tschechien, Russland und zum Kontinent Afrika entwickeln wir in den Schulen, in der Verwaltung und nun auch für Studierende an hochschulen ein lebhaftes, ernsthaftes interesse für die Lebensformen und Denkweisen anderer Völker. Darüber hinaus bringen wir mit Wanderausstellungen, Kulturveranstaltungen und Benefizkonzerten unserer Bevölkerung die Besonderheiten und Schönheiten anderer Kulturen näher. Hiermit führen wir die teilnehmer an die Länder mit ihren vielseitigen Facetten heran und schließen sie dabei für die Belange anderer Völker auf. Mit unseren Konzepten, die im Allgemeinen sehr gut angenommen werden, wollen wir einen Beitrag dafür leisten, dass sich Menschen, unabhängig welcher Kultur sie angehören, zunehmend mit Hochachtung und Respekt auf Augenhöhe begegnen. Je mehr wir gerade die Jugend für dieses so wichtige Thema sensibilisieren, umso größer ist die Chance, die für die Zukunft unbedingt erforderliche Willkommenskultur in unserem Land zu entwickeln, denn die Schüler und Studierenden von heute sind unsere Gesellschaft von morgen.

S&S: Als Vorsitzender des Kuratoriums führen Sie die Stiftung von Anfang an und sind auch voll ins Tagesgeschäft einbezogen. Welche Herausforderungen stellen sich ihnen derzeit und welche Lösungsansätze verfolgen Sie?

Daetz: ihre Frage beinhaltet wohl zwei Themen: Zum einen die der zukünftigen Leitung der Stiftung und zum anderen, wie die zunehmend wachsenden Programme nachhaltig finanziert werden können. Wie vielen anderen Stiftern, die ein gewisses Alter erreichen, stellt sich auch bei mir zunehmend die Frage, wer das Engagement für die gemeinnützigen ideen und Programme fortsetzen wird. In Kürze werden wir eine international erfahrene Kraft einstellen, die in den kommenden zwei Jahren schrittweise die Leitung der Stiftung übernimmt. Bis 2015 werde ich noch die Position des Kuratoriumsvorsitzenden innehaben. Dann möchte ich mit 85 Jahren die weitere Entwicklung der Stiftung in jüngere Hände legen.

S&S: Haben Sie denn schon für das zweite Thema, nämlich die finanzielle Leistungsfähigkeit der Stiftung, eine Lösung gefunden?

Daetz: In der Daetz-Stiftung haben wir die Situation, dass sie sich aus ihren vorhandenen Mitteln bei den ständig steigenden herausforderungen keinen größeren Personalapparat leisten kann. Bisher stützen wir uns in unserem Stiftungsteam zum großen Teil auf freie Mitarbeiter, die sich erfreulicherweise mit großer Begeisterung und innovativer Kraft für die Erarbeitung und Umsetzung unserer Konzepte einsetzen. Es wird aber erforderlich werden, auch weitere Festangestellte zu beschäftigen. Die Finanzierung erfolgt bisher weitgehend über Drittmittel. In diesem Zusammenhang ist es ein wichtiges Ziel, Zustifter zu finden, die sich mit dem Stiftungszweck der Daetz-Stiftung identifizieren können.

S&S: Sie haben sich ja der Stadt Lichtenstein gegenüber verpflichtet, einen größeren teil der Exponate, die in der Dauerausstellung stehen, aber Eigentum der Stiftung sind, 2075 an die Stadt zu übereignen. Was geschieht dann mit ihrer Stiftung?

Daetz: Das ist zwar noch sehr lange hin, aber ich gehe davon aus, dass die Stiftung ihren Stiftungszweck dann mit noch sehr viel mehr Erfahrung als heute, mit den jetzigen und weiteren Programmen – vielleicht auch mit neuen zukunftsorientierten Ausstellungen – erfolgreich weiter verfolgen wird. Das Vermögen der Stiftung sollte dann jedoch durch Zustiftungen über den Sachbestand hinaus gewachsen sein und aus einer auskömmlichen Kapitalbasis bestehen. Deren Erträge müssten eine nachhaltige Programmarbeit ermöglichen, die das Verständnis zwischen den Menschen aus verschiedenartigen Ländern auch weiterhin fördert.

S&S: Wünschen Sie sich über die Zusammenarbeit mit der Stadt hinaus noch andere Kooperationen?

Daetz: Die Kooperation mit der Stadt Lichtenstein bezieht sich weitgehend nur auf die Aktivitäten innerhalb der Dauerausstellung. Für die zukunftsorientierten vielseitigen Bildungs- und Veranstaltungsprogramme der Stiftung würden wir gerne mit anderen Stiftungen und gemeinnützigen Organisationen oder auch mit engagierten Privatpersonen zusammenarbeiten. Natürlich sind wir sehr daran interessiert, Menschen kennenzulernen, die sich für philanthropische und zukunftsorientierte Ideen und Projekte persönlich und auch als Zustifter einbringen möchten. Unsere Stiftungssatzung erlaubt uns darüber hinaus, treuhänderisch für andere nichtrechtsfähige Stiftungen tätig zu sein. Sollte der eine oder andere also gerne eine eigene Stiftung mit eigenem Namen gründen, aber den Stiftungszweck nicht mühsam im täglichen Geschäft selbst umsetzen und verwalten wollen, kann er sich treuhänderisch unter den Schirm der Daetz-Stiftung stellen. Gerne würde ich mich mit entsprechenden interessenten austauschen.

S&S: Die Daetz-Stiftung gibt es “erst” seit 14 Jahren. in dieser Zeit hat sie jedoch bereits viel geschafft und geschaffen. Gibt es ein Projekt, das ihnen besonders am Herzen liegt?

Daetz: Ja, das “Lichtensteiner Modell”, weil es mit seinen Bildungsprogrammen eine besonders nachhaltige Qualität aufweist und weil es ein pragmatisches interkulturelles Sensibilisierungskonzept für unsere Jugend und damit für unsere Gesellschaft von morgen darstellt.

S&S: Zuletzt: Welche Ziele haben Sie sich für die nächsten Jahre gesteckt? Was möchten Sie noch erreichen?

Daetz: Mit weiteren Kooperationspartnern, mit engagierten Personen, mit Zustiftern und als eine Art Holding für andere Stiftungen die bestehenden und weitere Bildungs- und Veranstaltungsprogramme gestalten, ausbauen und international umzusetzen.

Das Gespräch führte Dr. Christoph Mecking.
Das Interview ist in Stiftung&Sponsoring 1/2013 erschienen.

Interview als kostenfreier PDF-Download

Zur Person

Peter Daetz, geb. am 19. September 1930 und aufgewachsen in Hamburg, verheiratet, zwei Kinder und sieben Enkel. Nach Studium der Elektrotechnik und mehrjähriger tätigkeit in der mittelständischen Industrie seit 1960 Anstellung bei der Siemens AG, zunächst als Vertriebsingenieur in Düsseldorf, später in verschiedenen Führungspositionen im Ausland, u.a. in Indonesien, Malaysia, dem Iran und Japan. 1982 bis 1991 Direktor der Siemens AG und Geschäftsführer der Siemens Audiologischen Technik Gmbh, Erlangen. 1991 Geschäftsführer der Kommunalen Wirtschaftsentwicklungs- und Fortbildungszentrum Gmbh Mittelsachsen (W.F.Z.), ein Jahr später Aufsichtsratsvorsitzender des von ihm initiierten Förderzentrums Mittelsachsen für Produktentwicklung und Existenzgründungen im sächsischen Flöha. 1998 Gründung des internationalen Kulturzentrums Lichtenstein zusammen mit der Stadt Lichtenstein; bis 2002 Geschäftsführer der Betreibergesellschaft Daetz-Centrum Lichtenstein Gmbh; 1998 Gründung und Übernahme des Kuratoriumsvorsitzes der Daetz-Stiftung. 1990 Verleihung des Bundesverdienstkreuzes, 2001 des Verdienstordens des Freistaates Sachsen, 2004 des Deutschen Stifterpreises des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen sowie 2005 der Ehrenbürgerschaft der Stadt Lichtenstein.

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