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Akteure & Konzepte

Gespräche

Oskar Prinz v. Preußen, Herrenmeister des Johanniterordens

Bis ins Jahr 1099 reicht die Tradition des Johanniterordens zurück, deren doppelter Auftrag – "Dienst am Nächsten" und "Einstehen für den christlichen Glauben" – bis heute gilt. Eine feste Basis, die – so zuversichtlich Oskar Prinz v. Preußen – auch zukünftig dazu beitragen wird, die wechselnden gesellschaftlichen Anforderungen zu meistern.Neben dem steigenden Bedarf im Pflegebereich sieht er in der Jugendarbeite eine besonders wichtige Aufgabe für die Zukunft der Gesellschaft.

Interview in S&S Ausgabe 5 / 2008 Foto: Andrea Vogel

S&S: Herr Dr. v. Preußen, Sie sind der 37. Herrenmeister und damit das Oberhaupt und der gesetzliche Vertreter des evangelischen Johanniterordens. Was ist Ihre Aufgabe in dieser Position?

v. Preußen: Der Herrenmeister ist vergleichbar mit einem Aufsichtsratsvorsitzenden, zuständig nicht für das operative Geschäft, aber – als Teil des Kapitels, dem obersten Entscheidungsgremium – für die strategische Weichenstellung und die Kontrolle der einzelnen Werke des Ordens.

S&S: Was hat Sie bewogen, dieses Ehrenamt zu übernehmen?

v. Preußen: Nachdem mein Vater, der das Amt über 40 Jahre lang bekleidet hat, zurückgetreten war, trug man es mir an – und mit dem Vorbild meines Vaters konnte ich es nicht ablehnen.

S&S: Haben Sie denn jemals überlegt, einen anderen Weg einzuschlagen, nachdem seit 1693 ununterbrochen Hohenzollernprinzen Herrenmeister wurden?

v. Preußen: Die Geschichte des Ordens ist seit etwa 400 Jahren mit der Familie der Hohenzollern verknüpft. Jedoch ist keineswegs satzungsmäßig vorgeschrieben, dass nur ein Mitglied der Familie Herrenmeister werden kann. Wir wurden nicht darauf hin erzogen oder besonders ausgebildet; mein Weg war also nicht vorherbestimmt. Aus Traditionsgründen wurde mir das Amt angetragen, und Nein zu sagen, wenn man zur Wahl durch das Kapitel vorgeschlagen wird, ist schwierig.

S&S: Sie sind der Urenkel des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. Gehört die Unterstützung sozialer Anliegen zur Familientradition? Oder können Sie eine weitere persönliche Motivation festmachen?

v. Preußen: Traditionen sozialen Mitfühlens, wie sie auch in meiner Familie erkennbar sind, sind wichtig. Entscheidend ist jedoch immer, dass man sich selber mit den Inhalten, die die jeweilige soziale Organisation vorgibt, identifizieren kann. Die Familientradition mag dabei eine Rolle spielen, ausschlaggebend sind jedoch stets die persönlichen Überzeugungen.

S&S: Der „Ritterliche Orden St. Johannis vom Spital zu Jerusalem“ soll sich aus einer Laienbruderschaft entwickelt haben, die im 11. Jahrhundert ein von italienischen Kaufleuten gegründetes Hospital für arme und kranke Pilger betrieb. Können Sie uns die Grundlinien der Entwicklung beschreiben?

v. Preußen: Die Historie genau nachzuzeichnen würde den Rahmen sprengen. Entscheidend ist, dass der Orden seit seinem Ursprung im Jahre 1099 durch eine ausgesprochen wechselvolle Geschichte gegangen ist. Er war ansässig in Jerusalem, Zypern, Rhodos und Malta und hat sich im Laufe der Zeit grundlegend gewandelt. Mit einer Ausnahme: Der doppelte Ordensauftrag, einerseits der Dienst am Nächsten, am Not leidenden Menschen, andererseits das Einstehen für den christlichen Glauben, ist bis heute unverändert. Lediglich seine Ausprägung wird den Umständen und Bedürfnissen der jeweiligen Zeit angepasst.

S&S: Wie hängen Ritterschaft und Johanniterorden zusammen? Wie lassen sich Aufbau und Zusammenspiel skizzieren? Welche Dimension hat der Johanniterorden heute erreicht?

v. Preußen: Den Kern des Johanniterordens und seiner Werke bildet die Ritterschaft mit ihren etwa 4.000 ehrenamtlichen Mitgliedern. Eine moderne Organisation, die sich im Bereich Gesundheits- und Pflegewesen bewegt, kann jedoch auf professionelle Unterstützung von außen nicht verzichten. So werden die 61 Altenpflegeeinrichtungen, 15 Krankenhäuser und die Johanniter-Unfall-Hilfe ganz wesentlich von hauptamtlichen Mitarbeitern getragen. Insgesamt sind für den Johanniterorden über 57.000 hauptund ehrenamtliche Beschäftigte tätig. Weitere 1,5 Mio. fördernde Mitglieder leisten jährlich ihren Beitrag zu unserer Arbeit.

S&S: Wie kann man Johanniter werden?

v. Preußen: Man kann sich nicht bewerben; es handelt sich auch nicht um einen Verein, in den man eintreten kann. Vielmehr wird man angesprochen, ob man sich für die Ziele des Ordens interessiert und für sie einstehen kann. Zwei Bürgen begleiten einen in den Johanniterorden hinein, wo dann über die Aufnahme entschieden wird.

S&S: Ist ein Ritterorden in dem säkularen Sozialstaat der Gegenwart überhaupt zeitgemäß?

v. Preußen: Er ist heute sogar notwendiger denn je. In Zeiten eines zunehmenden Säkularismus ist es wichtig, dass es Organisationen gibt, die christliche Werte nicht nur als Motto an ihre Einrichtungen schreiben, sondern deren Mitarbeiter sie auch leben und so dem Patienten ein Mehr an Zuwendung bieten als es vielleicht bei privatwirtschaftlich organisierten Einrichtungen möglich ist.

S&S: Glauben Sie, dass der Ritterorden auch in Zukunft Bestand haben wird und dass seine altertümlich anmutenden Rituale dabei eine entscheidende Rolle spielen? Was sind die Gründe für die Beständigkeit des Ordens?

v. Preußen: Ein wesentlicher Grund ist die feste Basis in Gestalt des bereits erwähnten doppelten Ordensauftrags, die immer wieder zeitgemäß so gestaltet werden konnte, dass der gesellschaftliche Bedarf auch gedeckt wird. Und weil dieser Auftrag seit Ordensgründung nicht geändert werden musste, bin ich zuversichtlich, dass wir auch künftig erfolgreich bestehen werden. Hinsichtlich der angesprochenen altertümlichen Symbole glaube ich, dass etwa durch das Tragen eines Mantels oder den jährlichen Ritterschlag an die Fundamente erinnert wird, die diesen Symbolen zugrunde liegen. Solange diese Fundamente fortbestehen, ist es schön, Zeichen zu haben, die sie nach außen sichtbar machen.

S&S: Welches Leitbild prägt die Arbeit des Ordens?

v. Preußen: Nach wie vor ist es das christliche Leit- und Glaubensbild, unter dem all unsere Werke und Einrichtungen stehen. Die Mitarbeiter wissen, dass sie für eine christlich geprägte Organisation tätig sind; dies findet spürbar in einem Mehr an Pflegezuwendung für die uns Anvertrauten seinen Ausdruck.

S&S: Gibt es weiteren Mehrwert, den die Krankenhäuser und Altenpflegeeinrichtungen des Johanniterordens gegenüber dem anderer Träger erbringen?

v. Preußen: Als gemeinnützigen Träger zeichnet uns aus, dass wir unsere Arbeit – anders als beispielsweise eine Aktiengesellschaft – nicht gewinnmaximierend verrichten müssen. Erwirtschaftet eine unserer Einrichtungen Gewinne, so werden aus diesen Geldern beispielsweise Pastorenstellen geschaffen, deren Inhaber in den Einrichtungen ihren diakonischen und seelsorgerischen Dienst verrichten. Auch dadurch gewinnen die Patienten das Gefühl, es gibt ein „etwas Mehr“ an Zuwendung, das sie andernorts nicht bekämen.

S&S: Die Johanniter arbeiten eng zusammen mit den Organisationen anderer Glaubensrichtungen, wie beispielsweise den Maltesern. Wie vereinbart sich Glaubenstreue mit ökumenischer Kooperation?

v. Preußen: Speziell mit den Maltesern verbinden uns gemeinsame Wurzeln einer einheitlichen Organisation, die sich erst später – etwa durch die Reformation – in die verschiedenen Strömungen aufteilte. Beide Organisationen empfinden stark diese gemeinsamen Wurzeln und die Verpflichtung, den Mitmenschen zu helfen, und da macht es Sinn, dass man auf möglichst vielen Feldern und im Rahmen dessen, was die jeweilige Konfession und Kirche erlaubt, gemeinsam gestaltet und kooperiert. Die Johanniter-UnfallHilfe hat auch mit dem englischen Order of St. John ein Abkommen zur gemeinsamen Auslands- und Katastrophenhilfe geschlossen. Überhaupt ist der Johanniterorden ein tätiges Mitglied der sogenannten Allianz, in der alle offiziell anerkannten protestantischen Johanniterorden weltweit zusammengeschlossen sind, so die Johanniter in Schweden, den Niederlanden und Großbritannien. Zu unserem Orden gehört traditionell und aus historischen Gründen eine sehr starke französische Genossenschaft, eine schweizerische, eine österreichische, eine ungarische und eine finnische. Und wir haben sehr starke Subkommenden, also Untergliederungen, in Nord- und Südamerika, im südlichen Afrika und neuerdings auch in Australien. Wir bemühen uns um eine grenzübergreifende Kooperation, da es letztlich darauf ankommt, möglichst effizient zu helfen.

S&S: Vor kurzem wurde die gemeinnützige „JohanniterStiftung“ gegründet. Deren Zweck ist die unmittelbare Förderung des Wohlfahrtswesens, die Krankenversorgung und Altenpflege sowie die Betreuung geistig, seelisch oder sozial Schwacher. Was hat den Orden zur Gründung der Stiftung bewogen?

v. Preußen: Alle Organisationen, auch gemeinnützige, spüren, dass die Zeiten wirtschaftlich immer schwieriger werden. Noch vor einigen Jahren wurden Kosten, die im Gesundheitswesen anfielen, von staatlichen Kassen übernommen. Heute fließt weniger Geld aus der öffentlichen Hand; es muss daher andernorts erwirtschaftet und gesammelt werden. Damit die Projekte und Einrichtungen der Johanniter langfristig und nachhaltig finanziert werden können, wurde die Stiftung gegründet. Sicher wird es lange dauern, bis ein stabiles Fundament geschaffen ist, aber wir sind zuversichtlich, dass wir es über die Jahre langsam aufbauen können.

S&S: Was sind die Angebote der Stiftung für die Menschen? Wie bringen Sie deren Botschaften unters Volk? Finden sie zufriedenstellendes Interesse, vor allem auf Fördererseite?

v. Preußen: Die Palette an Hilfe und Dienstleistungen, die unter dem achtspitzigen Kreuz angeboten wird, ist sehr breit. Sie reicht von der Altenpflege über den Betrieb von Krankenhäusern, Hospizarbeit oder Jugendarbeit bis hin zu Gesundheits- und Sozialstationen weltweit. Daher können wir auf potenzielle Stifter mit maßgeschneiderten Programmen zugehen, denn nicht jeder hat dieselben Unterstützungsschwerpunkte. Dem einen mag die Altenpflege besonders am Herzen liegen, dem anderen die Jugendarbeit oder die Katastrophenhilfe. Sie alle können sich als Stifter in die Arbeit der Johanniter einbringen, entweder als Zustifter oder mit einer eigenen Namensstiftung, wenn die Bereitschaft besteht, größere Geldbeträge zu stiften.

S&S: Hat sich die Gründung der Stiftung heute schon gelohnt? Konnte sie die Ordensarbeit schon positiv verändern?

v. Preußen: Die Stiftung verändert unsere Arbeit kontinuierlich in kleinen Schritten. Von Beginn an konnten wir gezielt bestimmte Projekte fördern, die wir ohne sie nicht hätten fördern können, wie beispielsweise die Einrichtung von Demenzgärten in einigen unserer Altenheime. Es sind kleine Projekte, aber für die Bewohner und ihre Familien sind sie außerordentlich wichtig. Ein weiteres Beispiel sind die mittlerweile fast flächendeckenden zweiwöchigen Zeltlager für behinderte Jugendliche. Sie sind ein großer Erfolg, bedürfen aber auch einer Grundfinanzierung. Hier hilft die Stiftung gezielt und punktuell.

S&S: Inzwischen beteiligt sich der Orden auch an anderen Stiftungsinitiativen und hat etwa gemeinsam mit der Kirchenprovinz Sachsen die Evangelische Johannes-Schulstiftung gegründet. Was sind die Beweggründe?

v. Preußen: Einerseits verfolgen wir das Ziel, uns verstärkt um die Jugendhilfe zu kümmern. Ein Schwerpunkt hierbei soll sein, im Bereich der Schulen tätig zu werden. Seit der Wiedervereinigung unterstützen einige Genossenschaften des Ordens ganz gezielt zum Beispiel Gymnasien in Hoyerswerda und anderen Orten; wir haben erkannt, dass daran ein großer Bedarf besteht. Parallel dazu ist die Evangelische Schulstiftung sehr erfolgreich darin, neue Schulen zu gründen, natürlich auch vor einem konfessionellen Hintergrund. Und wenn wir uns zusammentun, bringt sie ihre pädagogische und wirtschaftliche Erfahrung und wir unser Engagement für den Menschen vor Ort ein.

S&S: Der Orden zog erst 2001 nach Berlin. 2007 eröffnete er im Problembezirk Friedrichshain den Jugendclub „Insel“, wo benachteiligte Jugendliche aufgefangen werden. Sind derartige Projekte auch andernorts geplant, und verliert man nicht manchmal den Mut angesichts der Vielzahl der Probleme?

v. Preußen: Natürlich kann auch der Johanniterorden nicht an jeder Stelle flächendeckend tätig werden, so dass er alle Probleme alleine löst. Aber wenn man sich durch die Größe der Aufgabe abschrecken lässt, finden auch die bestgemeinten Initiativen gar nicht erst statt. Und das ist es, was wir in unserer Gesellschaft vermeiden sollten. Und darum unterstützen wir immer wieder sehr individuelle Projekte. Der Jugendclub entsprang der Initiative eines vor Ort ansässigen Pastors, von dem wir sehen, dass der Stein, den er ins Wasser geworfen hat, mittlerweile unendliche Kreise zieht, weil die Einrichtungen „Arche“ und „Insel“ besonders gut angenommen werden und stets überfüllt sind mit Kindern, die so von der Straße geholt werden. Und ich bin sicher, dass solche Beispiele auch in anderen Städten Schule machen werden. Auch hier unterstützt die Stiftung. Das kann im jeweiligen Falle, muss aber nicht notwendigerweise unter Mitwirkung der Johanniter geschehen. Schön wäre es, wenn sich das Prinzip „Insel“ und „Arche“ herumspräche, und sich solche Projekte auch an anderen Brennpunkten etablieren könnten.

S&S: Wie wird sich der Orden künftig wandeln, um sich den Gegebenheiten der Zeit anzupassen?

v. Preußen: Der Orden muss auch künftig in die Gesellschaft hineinhorchen, um zu sehen, wo die echten Bedürfnisse bestehen, ohne sich dem jeweiligen Zeitgeist anzupassen. Es ist zwar gut und wichtig, wenn der Orden bestimmte Prinzipien hochhält, die andere Institutionen im Laufe der Zeit abgelegt haben. Aber er muss immer in der Lage sein, auf die gesellschaftlichen Bedürfnisse der Gesellschaft in seinen Werken und Einrichtungen zu reagieren.

S&S: Wo sehen Sie persönlich die Schwerpunkte Ihrer zukünftigen Arbeit?

v. Preußen: Eine Frage, die gerade bei einem Großprojekt aufkam, war die wichtige Gratwanderung zwischen zentraler und dezentraler Aufgabenverteilung im Orden, die uns auch weiterhin begleiten wird. Aber wir haben die Weichen richtig gestellt. Inhaltlich halte ich die Jugendarbeit zur Gestaltung der Zukunft unserer Gesellschaft für eine besonders wichtige Aufgabe, auch wenn uns die Pflege immer mehr in Anspruch nimmt. Und wir müssen als Johanniterorden international so aufgestellt sein, dass wir grenzüberschreitend mit unseren Strukturen möglichst effizient helfen können.

S&S: Herr Dr. v. Preußen, vielen Dank für das Gespräch.

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Zur Person

S.K.H. Dr. phil. Oskar Prinz v. Preußen, geboren am 06.05.1959 in Bonn, ist ein Urenkel von Kaiser Wilhelm II, der jüngere Sohn von Wilhelm-Karl Prinz v. Preußen und Armgard von Veltheim. Er hat in Berlin und Oxford Geschichte studiert und ist seit 1992 mit Auguste Zimmermann von Siefart verheiratet, mit der er zwei Söhne und eine Tochter hat. Seit 1999 amtiert er als 37. Herrenmeister des Johanniterordens; im Hauptberuf ist er Partner einer Medienberatungs und -beteiligungsgesellschaft. Informationen zu den Johannitern und ihrer Stiftung: www.stiftung.johanniter.de

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