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Gespräche

MICHAEL SUCCOW

Michael Succow setzt sich mit seiner Stiftung und ihrem Partner-Netzwerk für eine naturnahe, nachhaltige Landnutzung und eine radikale Energiewende ein. Bei neuen Umwelttechnologien sei zu prüfen, ob diese wirklich beim "Erhalten und Haushalten" helfen. Gefördert werden sollten innovative Technologien mit Modellcharakter, wie zum Beispiel die von der Stiftung angestoßene Forschung zur "nassen" Bewirtschaftung von Mooren und die Entwicklung eines Heizkraftwerks für diese Biomasse. Für solche Projekte sei Technologieförderung unabdingbar.

S&S: Professor Succow, der Leitgedanke Ihrer 1997 gegründeten Naturschutzstiftung lautet “Erhalten und Haushalten”. Bezugnehmend auf den Titel dieser Ausgabe: Wie funktioniert das?

Succow: “Erhalten” bezieht sich auf den Schutz noch vorhandener intakter Landschaften und Ökosysteme. Deshalb fördern wir weltweit die Einrichtung von Naturschutzgebieten und lassen auf unseren Stiftungsflächen “Wildnisinseln” entstehen, wo sich die Natur ganz nach ihren eigenen Gesetzen entfalten kann und dadurch auch selten gewordene Tier- und Pflanzenarten Lebensraum haben. Ohne Nutzung der Natur können wir aber nicht leben – deshalb müssen wir “haushalten”, also sorgsam mit den begrenzten Ressourcen unserer Erde umgehen. Meine Stiftung setzt sich daher für eine nachhaltige Landnutzung ein. Am besten funktioniert beides in Biosphärenreservaten: das Erhalten in streng geschützten Kernzonen, das Haushalten in den umliegenden Pufferzonen – naturnahe Landwirtschaft, “sanfter” Tourismus, Vermarktung und Vertrieb lokaler Produkte sind hier die Schlagworte.


Michael Succow im Bollwinfließ – einer Kulturlandschaft, die dank des Bibers wieder zur Naturlandschaft geworden ist
Foto: Michael Succow Stiftung

S&S: Die Michael Succow Stiftung hat kürzlich ihren Stiftungszweck um “Wissenschaft und Bildung” sowie die “Beförderung einer natur- und sozialverträglichen Landwirtschaft” erweitert. Aus welchen Gründen?

Succow: Für die Arbeit unserer Stiftung war die enge Zusammenarbeit mit der Universität Greifswald, aber auch mit anderen Universitäten im In- und Ausland, von Anfang an von großer Bedeutung. Dazu gehört die Einbindung von Studenten und Doktoranden in Stiftungsprojekte – über Praktika, Exkursionen, Betreuung von Diplomarbeiten und Dissertationen –, ebenso wie die Förderung von Nachwuchswissenschaftlern und die Umweltbildung, etwa über Naturerlebnispfade auf unseren stiftungseigenen Flächen. Nicht zuletzt funktioniert Naturschutz nur, wenn gut ausgebildete Fachkräfte und engagierte Ehrenamtliche zusammenarbeiten. Dem tragen wir mit dem neuen Stiftungszweck Rechnung. Landwirtschaft ist ein Thema, das meiner Meinung nach immer drängender wird. Die naturfeindliche Agrarindustrie breitet sich aus, Wasser-, Luft- und Bodenqualität werden dadurch beeinträchtigt. Wir brauchen eine Landwirt-schaft, die gute Lebensqualität für Mensch und Tier schafft, gewachsene Kulturlandschaften erhält und im Einklang mit der Natur Arbeitsplätze und Verdienstmöglichkeiten für Menschen bietet – gerade auch in strukturschwachen Räumen. Mit der “Greifswalder Agrarinitiative” engagiert sich die Michael Succow Stiftung auch in diesem Bereich.

S&S: Ihre Stiftung macht sich in mehr als einem Dutzend Ländern und Regionen für den Umweltschutz stark – von Deutschland über Zentralasien bis nach Ostafrika. Welche politischen und sozialen Transformationsprozesse, wie sie zum Beispiel in ehemals totalitär regierten Staaten zu beobachten sind, begünstigen den Umweltschutz?

Succow: In politischen Umbruchsituationen bieten sich häufig günstige Zeitfenster für den Naturschutz: Oft gibt es noch vom Menschen unbeeinträchtigte Ökosysteme und engagierte Naturschützer haben erstmals die Möglichkeit, sich in politische Entscheidungsprozesse einzubringen. Mit unserer Erfahrung können wir dazu beitragen, dass einzigartige Landschaften dauerhaft geschützt werden.

S&S: Wie treffen Sie die Entscheidung, wo Sie sich engagieren?

Succow: Die Michael Succow Stiftung hat inzwischen ein großes Netzwerk von Partnern: Naturschützer, Forschungsinstitutionen und Universitäten, Behörden und Nichtregierungsorganisationen. Oft werden wir um Unterstützung angefragt, häufig werden auch bestehende Projekte fortgeführt oder erweitert. An Ideen mangelt es nie – wir entscheiden dann gemeinsam mit Kooperationspartnern und unseren Mitarbeitern, wo und wie wir unsere Kompetenz am besten einbringen können.


Energie aus dem Moor – im Heizkraftwerk Malchin sorgt getrocknete Biomasse für Wärme und Heißwasser
Foto: Michael Succow Stiftung

S&S: Ihnen begegnen auf Ihren Reisen sicherlich enorme kulturelle Unterschiede, was den Umgang der Menschen mit Natur und Umwelt angeht. Vereinfacht gefragt: Ist Umweltschutz Mentalitätssache?

Succow: Das denke ich nicht. Ich erlebe in allen Ländern, wie wichtig den Menschen ihre Heimat und damit auch eine intakte Natur ist, wie stolz sie auf typische Landschaften, lokale Produkte und die heimischen Tier- und Pflanzenarten sind. Unterschiedlich ist eher, ob Umweltzerstörung hingenommen wird oder ob Menschen sich aktiv dagegen wehren und sich für den Schutz ihrer Umwelt einsetzen – das hat allerdings weniger mit Mentalität als mit den politischen und sozialen Rahmenbedingungen zu tun. Wer in Armut lebt und keinen Zugang zu Bildung hat oder erfährt, dass Engagement unterdrückt wird, hat einfach weniger Möglichkeiten zum Umweltschutz. Gerade dort ist dann Unterstützung besonders wichtig. Natürlich gibt es auch Hindernisse wie Korruption oder bürokratische Hürden, die Naturschutz erschweren. Da darf man sich nicht entmutigen lassen und muss hartnäckig bleiben!

S&S: Die Michael Succow Stiftung arbeitet eng mit anderen NGOs und Institutionen wie der UNESCO, deren Biosphärenreservatprogramm sie umsetzt, aber auch mit staatlichen Einrichtungen wie dem Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) zusammen. Inwiefern gibt es einen Wandel, was die Herangehensweise an ökologische Projekte innerhalb der Entwicklungszusammenarbeit angeht?

Succow: In der Entwicklungszusammenarbeit bemerke ich in der Tat ein Umdenken: Zunehmend wird erkannt, dass Wirtschaft und Naturschutz keine Gegensätze sind, sondern im Gegenteil der Erhalt der Natur und ihrer Ressourcen Voraussetzung für wirtschaftliche Entwicklung ist. Darüber bin ich sehr froh! Biosphärenreservate werden nun auch vom BMZ als Weg angesehen, eine Region ganzheitlich zu stärken. Beim Thema Landnutzung ist dabei allerdings noch einiges zu tun – statt Agrarkonzerne zu stärken, muss in der Entwicklungszusammenarbeit bilateral wie auf EU-Ebene die kleinbäuerliche, naturnahe Landwirtschaft gefördert werden.

S&S: Der Titel des UNESCO-Programms lautet “Man and Biosphere”. Wie werden die lokalen Bevölkerungen in dieses Konzept integriert, etwa in Äthiopien, wo der Tanasee dank Ihrer Arbeit kürzlich in das Weltnetz der Biosphärenreservate aufgenommen wurde?

Succow: Die lokale Bevölkerung ist von Anfang an in die Planung und Konzeption eines Biosphärenreservats eingebunden. Nur so kann die Umsetzung gelingen, die Akzeptanz der Bevölkerung ist unabdingbar! Im Vorfeld gibt es zahlreiche, auch interaktive, Informations- und Bildungsangebote. Und dann ist die Bevölkerung natürlich für die Umsetzung wichtig: sowohl um die Einhaltung von Naturschutzvorschriften sicherzustellen, als auch bei der naturnahen Nutzung in den sog. “Pufferzonen” durch Erzeugung und Vermarktung lokaler Produkte, “sanften” Tourismus und nachhaltige Landwirtschaft.

S&S: Ich würde gerne mit Ihnen über Umweltschutz in Deutschland sprechen. Als stellvertretender Umweltminister der sich auflösenden DDR gelang Ihnen der Coup, dass 5.000 km² – 4,5 Prozent des Staatsgebietes – unter Naturschutz gestellt wurden. Gibt es (noch) ein Ost-West Gefälle, was die Ökobilanz angeht?

Succow: Es gibt insgesamt sehr große Unterschiede zwischen den Bundesländern. In ganz Deutschland liegt der Anteil von Naturschutzgebieten an der Fläche laut dem Bundesamt für Naturschutz 2012 bei 3,8 Prozent, wobei auch Hamburg, Bremen und Nordrhein-Westfalen neben den ostdeutschen Bundesländern führend sind. Man kann also nicht von einem reinen Ost-West-Gefälle sprechen, aber einige westdeutsche Bundesländer haben doch großen Nachholbedarf.

S&S: Sie sprechen sich für eine “radikale” Energiewende und eine flächendeckende Biolandwirtschaft ohne Massentierhaltung aus. Wie sollten Energie- und Agrarwende in Deutschland Ihrer Meinung nach aussehen?

Succow: Wir müssen wegkommen von den fossilen Energien – eine andere Möglichkeit gibt es gar nicht. Bei der Umsetzung ist es allerdings wichtig, auch auf den Naturschutz zu achten und zum Beispiel für große Windkraftanlagen wenn möglich bereits versiegelte Flächen zu nutzen. In Bezug auf Landwirtschaft muss die Politik – auf allen Ebenen, von der EU bis zur Landesebene – die Rahmenbedingungen schaffen, damit die Umstellung gelingt. Ein langwieriger, schrittweiser Prozess, der nur gelingen kann, wenn alle Beteiligten eingebunden werden; vor allem natürlich die Landwirte selbst, aber auch die Verbraucher. Nur mit einer naturnahen Land- wirtschaft können auch zukünftige Generationen weiter auf und von unserer Erde leben!

S&S: Eine gezielte Technologieförderung durch den Staat, aber auch durch große Stiftungen, um die Umwelt mit ressourceneffizienten Produkten, Technologien und Prozessen zu entlasten, gewinnt immer mehr an Bedeutung. Welche Auswahlkriterien halten Sie hier für sinnvoll?

Succow: Wichtig ist, dass die Technik tatsächlich zum Umweltschutz beiträgt und uns beim “Erhalten und Haushalten” unterstützt. Gefördert werden sollten Technologien und Produkte, die innovativ sind und Modellcharakter haben, also auch in größerem Maßstab anwendbar sind. Gemeinsam mit der Universität Greifswald und anderen Partnern hat die Michael Succow Stiftung zum Beispiel die Forschung im Bereich Paludikultur entscheidend angestoßen, also die “nasse” Bewirtschaftung von Mooren. Damit die Modellversuche auf weitere Standorte ausgeweitet und Verfahren verbessert werden können, ist aber weitere Förderung nötig. Um Wissenschaft, Politik, Naturschutz und Praxis dafür besser zu vernetzen, haben wir das Greifswald Moor Centrum mitgegründet.

S&S: Wo finden sich Beispiele für gelungene Technologieförderung?

Succow: Da fällt mir gleich das neue Heizwerk in der kleinen Stadt Malchin in Mecklenburg-Vorpommern ein. Dort betreibt die Agrotherm GmbH das weltweit erste Heizwerk für Biomasse aus nassen Mooren. Seggenrieder, Rohrglanzgras und Schilfröhrichte werden auf den nassen Flächen der Umgebung geerntet und dienen im getrockneten Ballen als Brennstoff. 650 Haushalte, eine Schule und der örtliche Kindergarten werden so aus diesem erneuerbaren und regionalen Rohstoff mit Wärme und Heißwasser versorgt. Voraussetzung dafür waren zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen zum Potenzial der Paludikultur. Für die Umsetzung von Projekten wie diesem ist die Technologieförderung unabdingbar!

S&S: Wie wichtig sind zum Beispiel die Tourismus- und Gesundheitsindustrie für die Großschutzgebiete in Deutschland, etwa im Biosphärenreservat Schaalsee zwischen Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, das kürzlich sein 25-jähriges Jubiläum feierte?

Succow: Ich würde es eher umgekehrt formulieren: Die Tourismus- und Gesundheitsindustrie hat erkannt, wie wichtig eine intakte Natur ist – und profitiert von den Großschutzgebieten, die Touristen anziehen. Gerade an der Ostseeküste findet da ein Umdenken statt, weg von “Bettenburgen” und hin zu einem naturnahen Tourismus. Biosphärenreservate wie das am Schaalsee bieten dafür ideale Bedingungen: unmittelbares Naturerlebnis, Ruhe und Erholung – aber auch die erforderliche Infrastruktur mit Besucherzentren, Themenwegen, Angebote für “Aktivurlauber” wie Paddler oder Fahrradfahrer und so weiter. Das funktioniert nur über die enge Zusammenarbeit von Naturschutz und Tourismusanbietern.

S&S: Vor kurzem hat der Unternehmer Dieter Mennekes 300 ha seines Privatwaldes der Natur überlassen, um dort “Urwald von morgen” entstehen zu lassen. Sie bezeichneten den Akt als revolutionär. Glauben Sie, dass viele Privatpersonen seinem Beispiel folgen werden?

Succow: Dieter Mennekes wird beispielhaft noch ein zweites Waldgebiet in Brandenburg, das er von der BVVG (Bodenverwertungs- und Bodenverwaltungs GmbH) erworben hat, “der Natur übergeben”. Einige weitere Großwaldbesitzer sind bereit, seinem Beispiel zu folgen. Nicht nur beim staatlichen Waldbesitz, sondern auch bei Privatwaldbesitzern sollte dieser Ansatz “Schule machen” – ich hoffe sehr, dass der Wert von Wildnis von vielen weiteren Menschen erkannt wird.

S&S: Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Welches ist Ihr liebster Urwald?

Succow: Das ist der “Faule Ort” im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin in Ostbrandenburg. Ein altes Naturschutzgebiet und seit 1990 zum Totalreservat erklärt. Dort sind uralte Bäume, die stärksten Buchen, Bergahorne, Winter- und Sommerlinden, die ich in einem Wald kenne. Dazu mächtige Quellmoore von über acht Meter Mächtigkeit!

S&S: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Erich Steinsdörfer. Es erschien in Stiftung&Sponsoring Ausgabe 5/2015.

Interview als kostenfreier PDF-Download

Zur Person

Prof. em. Dr. Michael Succow, geboren am 21.4.1941, Studium und Promotion im Fach Biologie; 1981 Habilitation an der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften der DDR; 1987 Ernennung zum Professor; 1992 Berufung zum Universitätsprofessor an die Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, wo er als Direktor das Botanische Institut zu einer interdisziplinären Lehr- und Forschungs-einrichtung ausbaute und den Studiengang Landschaftsökologie und Naturschutz entwickelte. Erfolgreiche For-schungstätigkeit im In- und Ausland, insb. zum Schutz bzw. zur nachhaltigen Nutzung von Ökosystemen in Transformationsländern des Ostens, der Mongolei und China. Michael Succow initiierte zahlreiche Naturschutz-großprojekte, u.a. UNESCO-Weltnaturerbe-Gebiete in Kamtschatka und der Kaukasus-Region, Biosphären-reservate in Kirgisistan, Kasachstan und Usbekistan sowie Nationalparks in der Mongolei, in Georgien und Russland. Als stellvertretender Umweltminister brachte Michael Succow in der Wendezeit mit einem engagier-ten Mitarbeiter-Team das Nationalparkprogramm der DDR auf den Weg. 1997 erhielt er den Alternativen Nobelpreis der Right Livelihood Award Foundation in Stockholm. Das Preisgeld bildete den finanziellen Grund-stock der Michael Succow Stiftung zum Schutz der Natur, die seit 1999 Naturschutzprojekte im In- und Aus-land durchführt. Michael Succow ist Mitglied in zahlrei-chen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Gremien und berät auf Landes- und Bundesebene in Fragen von Naturschutz-, Landnutzungs- und Klimarelevanz.

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