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Gespräche

MICHAEL HANSSLER

Seit ihrer Gründung ist die Gerda Henkel Stiftung mit ihren Programmen zur Wissenschaftsförderung europaweit tätig. Vorstand Michael Hanssler stellt u.a. das mit EU-Mitteln unterstützte Stipendienprogramm M4HUMAN vor, das Wissenschaftlern längere Auslandsaufenthalte ermöglicht. Doch die Stiftung fördert auch weit über Europa hinaus. Zu den Förderschwerpunkten zählen Zentralasien und "Middle East". Dabei konzentriere sich die Stiftung auf klar umrissene Projekte und konzipiere ihre Initiativen gemeinsam mit ihren lokalen Förderpartnern.

Michael Hanssler

S&S: Lieber Herr Hanssler, Sie sind sowohl Vorstandsvorsitzender der Gerda Henkel Stiftung als auch Mitglied im Vorstand des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. Der Verband richtet in Düsseldorf vom 15. bis 17. Mai den Deutschen StiftungsTag, Europas größten Stiftungskongress, aus. Wie wird das in der Landeshauptstadt gesehen?

Hanssler: Die Entscheidung für Düsseldorf als Gastgeberin des StiftungsTages 2013 hat bei den hiesigen Stiftungen ein überaus positives Echo ausgelöst. Sie haben sich inhaltlich und finanziell mit Feuereifer beteiligt. Nordrhein-Westfalen führte im vergangenen Jahr mit insgesamt 3.780 rechtsfähigen Stiftungen bürgerlichen Rechts und 126 Neugründungen die Liste der Länder mit den meisten Stiftungen an. Wir haben also das Glück, uns in einem stiftungsfreundlichen Umfeld zu bewegen.

S&S: Die Gerda Henkel Stiftung zählt zu den größten Stiftungen in Düsseldorf. Wie waren Sie und Ihr Haus im Vorfeld in die Organisation eingebunden?

Hanssler: Die Schmitz Stiftungen und wir sind im Zuge der Vorbereitungen etwas spontan in eine Koordinatorenrolle geraten, die wir jedoch gerne wahrgenommen haben. Besondere Unterstützung haben wir dabei durch den Bürgermeister der Landeshauptstadt, Friedrich Georg Conzen, und das Büro des Oberbürgermeisters in Person von Charlotte Beissel erhalten.

S&S: Das Tagungsmotto lautet: “Das Gemeinwesen von morgen stärken! Stiftungen in einer sich verändernden Welt”. Auf welche grundsätzlichen Fragen möchte der Bundesverband Deutscher Stiftungen als Veranstalter des StiftungsTages besonders aufmerksam machen?

Hanssler: Die Aufmerksamkeit soll auf zweierlei gelenkt werden: Zum einen auf den Aspekt der Veränderung: Ich halte es für unerlässlich, dass Stiftungen darüber nachdenken, wie sie den wachsenden antagonistischen Interessen in unserer Gesellschaft begegnen möchten – den Gegensätzen zwischen Jung und Alt, Arm und Reich, zwischen Menschen mit und ohne Zugang zu Bildung. Der zweite große Fragenkomplex gilt dem Gemeinwesen: Was sind die künftigen Keimzellen des gesellschaftlichen Miteinanders? Die Familie? Die Kirche? Der nachbarschaftliche Sozialraum? Oder doch der virtuelle Kontakt im Internet? Wie lässt sich das Vertrauensverhältnis des Bürgers zum Staat wieder stärken? Und wie steht er zur Idee der europäischen Integration?

S&S: Am 1. Januar vor 20 Jahren ist der Europäische Binnenmarkt in Kraft getreten; am 22. Februar hat Bundespräsident Joachim Gauck in einer viel beachteten Rede über “Perspektiven der europäischen Idee” gesprochen. Welche Bedeutung hat Europa in den Programmen der Gerda Henkel Stiftung?

Hanssler: Die Stiftung ist mit ihren Förderungen schon seit ihrer Gründung europaweit tätig. In den Jahren 2011 und 2012 haben wir ein internationales, von der Europäischen Kommission mit Mitteln aus dem 7. EU-Forschungsrahmenprogramm und dessen Marie Curie-Maßnahmen ko-finanziertes
Stipendienprogramm mit dem Namen M4HUMAN (Mobility for experienced researchers in historical humanities and Islamic studies) ausgeschrieben. Ziel ist es, Wissenschaftlern längere Forschungsaufenthalte im Ausland zu ermöglichen. Knapp hundert Forscherinnen und Forscher konnten in das Programm aufgenommen werden.

S&S: Der Bundespräsident hat eine europäische “Agora” als sein Wunschbild für Europa bezeichnet und “mehr Berichterstattung über und mehr Kommunikation mit Europa” gefordert. Ist die Wissenschaft, deren Förderung sich die Gerda Henkel Stiftung ja zur Aufgabe gemacht hat, anderen gesellschaftlichen Bereichen ein Stück voraus, weil es hier üblich ist, in internationalen Forschergruppen zu arbeiten und große Konferenzen zu besuchen?

Hanssler: Die Impulse, die aus dem Austausch mit Fachkollegen entstehen, sind für Forscher sicher unerlässlich. Es muss dabei nicht immer die Konferenz sein. Auch der virtuelle Raum spielt eine immer größere Rolle. Dies trifft auch für die Historischen Geisteswissenschaften zu, denen unsere Arbeit vor allem gilt. Hier entstehen Mischformen aus klassischen Tagungen, die mit Elementen aus dem Bereich Social Media angereichert werden. Uns interessieren diese Entwicklungen sehr.

S&S: Und wie unterstützen Sie konkret diesen Trend?

Hanssler: Die Stiftung hat bereits 2010 ein interaktives und multimediales Wissenschaftsportal mit dem Namen L.I.S.A. eingerichtet. Der Name erinnert an unsere Stifterin, Frau Lisa Maskell, hebt als Akronym aber auch die wesentlichen Möglichkeiten des Portals hervor: Lesen, Informieren, Schreiben, Austauschen. Die Stipendiaten unseres EU-Programms können hier ebenso eigene Beiträge einstellen und diskutieren wie die anderen Projektpartner der Stiftung und wie alle, die sich für geisteswissenschaftliche Forschung interessieren. Wenn Sie so wollen, ist L.I.S.A. eine ganz kleine Agora – mit 630 Autoren, 230.000 Besuchern und mehr als 600.000 Seitenaufrufen seit Freischaltung des Portals. Übrigens hatten wir in der Entwicklungsphase auch kurzzeitig “Agora” als Namen für das Portal erwogen.

S&S: Ihre Stiftung ist weit über Europa hinaus international tätig. Gab und gibt es hierbei Schwerpunkte?

Hanssler: Im Jahr 2001 hat die Gerda Henkel Stiftung ein Sonderprogramm zur Förderung des Historikernachwuchses in Russland, der Ukraine, Moldawien und Weißrussland ins Leben gerufen. 2004 folgte ein Programm zur Förderung von Wissenschaftlern, die sich auf die Region Zentralasien konzentrieren. Beide Programme waren auf zehn Jahre angelegt, so dass das erstgenannte Programm bereits in das Basisprogramm der Stiftung übergegangen ist und das Sonderprogramm Zentralasien in diesem Jahr letztmalig ausgeschrieben wird. Im vergangenen Jahr hat die Gerda Henkel Stiftung einen Förderschwerpunkt “Middle East” eingerichtet. Die Stiftung engagiert sich hier operativ für ausgewählte Initiativen in der Region.

S&S: Wie funktioniert eine Förderung in Zentralasien? Übernimmt eine Stiftung sich da nicht?

Hanssler: Unsere Absicht war es nie und kann es auch nicht sein, flächendeckend zu wirken. Wir konzentrieren unseren Einsatz von Fördermitteln auf klar umrissene Projekte und eng definierte inhaltliche Schwerpunkte. Beispielsweise unterhält die Stiftung innerhalb ihres Zentralasien-Engagements einen Förderschwerpunkt zur Umsetzung archäologischer und geschichtswissenschaftlicher Vorhaben in der Mongolei. Dies geschieht in enger und vertrauensvoller Zusammenarbeit mit der Mongolischen Akademie der Wissenschaften und dem Auswärtigen Amt.

S&S: Können Forscher aus der Region Zentralasien sich direkt bei Ihnen um eine Förderung bemühen? Und was passiert, wenn ein Antrag bei Ihnen eingegangen ist?

Hanssler: Haben wir den Förderantrag samt Zeit- und Kostenplan erhalten, prüft die Geschäftsstelle diesen Antrag zunächst auf formale Vollständigkeit und inhaltliche Eignung. Alle Projektvorschläge, die diese erste Hürde überstehen, werden an einen Fachbeirat übermittelt, der zu jedem Antrag eine Förderempfehlung gibt oder eben die Ablehnung vorschlägt. Über die zur Förderung vorgeschlagenen Projekte befindet letztendlich das Kuratorium der Stiftung gemeinsam mit dem Vorstand.

S&S: Viele Stiftungen scheuen die Auslandsarbeit aus Sorge vor Veruntreuung der Mittel …

Hanssler: Letztendlich können natürlich auch Stiftungen Opfer kriminellen Handelns werden. Wir versuchen, dem in internationalen (und in deutschen) Projekten zu begegnen, indem wir uns zuvor eingehend über die antragstellenden Personen und Institutionen informieren. Die Förderpartner verpflichten sich, uns über die Verwendung der von der Stiftung zugesagten Mittel Rechenschaft zu geben, und wir behalten uns eine stichpunktartige Überprüfung der laufenden Arbeiten vor. Im Übrigen versuchen wir ständig, unsere Arbeit kritisch zu hinterfragen und das Ziel der Fördertätigkeit – die bestmögliche Unterstützung der Geisteswissenschaften im In- und Ausland – nie aus den Augen zu verlieren.

S&S: Welche neuen Initiativen zur Forschungsförderung im Ausland planen Sie?

Hanssler: Wir möchten unser Engagement außerhalb Europas und des angelsächsischen Sprachraums verstärken, u.a. in einzelnen asiatischen Ländern und Regionen. Darüber hinaus beobachten wir mit Besorgnis die Ereignisse in Mali und beteiligen uns beispielsweise an einer Initiative des Auswärtigen Amtes zur Restaurierung respektive Digitalisierung von Manuskripten aus Timbuktu.

S&S: Was würden Sie Stiftungen raten, die sich international ausrichten wollen? Worauf sollten sie achten?

Hanssler: Es steht uns sicher nicht zu, Ratschläge zu erteilen. Aber ich möchte doch gerne ermutigen: Denn oft kann man gerade in Regionen mit großem Entwicklungspotenzial besonders viel bewirken. Wichtig scheint mir dabei zum einen, dass Stiftungen den Partnern vor Ort Gehör schenken und ihre Angebote auf die Anforderungen der Zielregion abstimmen. Zum anderen sollten sie sich im Klaren darüber sein, dass Vorhaben im Ausland häufig einen höheren Verwaltungs- und Personalaufwand erfordern als Projekte vor der eigenen Haustür.

S&S: Welche Bedeutung hat die Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern?

Hanssler: Wir ziehen nicht mit fertigen Programmen in die Ferne, sondern halten es für zielführender, unsere Initiativen gemeinsam mit unseren Förderpartnern zu konzipieren. Im Rahmen des Sonderprogramms “Zentralasien” haben wir zu einem frühen Zeitpunkt eine internationale Konferenz ausgerichtet, auf der Institutsleiter von Akademien und Universitäten, aber auch Nachwuchswissenschaftler über Perspektiven für den zentralasiatischen Raum und Problemfelder der Forschung diskutiert haben. Ihre Befunde sind in das Programm eingeflossen. Unser Forschungsfeld “Konfliktforschung” durchlief sogar eine dreijährige Anlaufphase, bevor es mit Vertretern von Exzellenzclustern an den Universitäten in Konstanz und Frankfurt am Main sowie mit dem King‘s College in London zu einem Sonderprogramm “Sicherheit, Gesellschaft und Staat” weiterentwickelt wurde.

S&S: Wie wichtig sind eigene internationale Erfahrungen? Sie selbst waren mehrere Jahre im Ausland tätig, bevor Sie nach Düsseldorf kamen.

Hanssler: Eine gewisse Offenheit für die Perspektive anderer ist wahrscheinlich nicht von Nachteil. Ein Auslandsaufenthalt mag dabei hilfreich sein. Doch kommt einer vertrauensvollen Zusammenarbeit mit qualifizierten lokalen Kooperationspartnern die entscheidende Bedeutung zu.

S&S: Ihre Karriere hat sich im Stiftungswesen entwickelt, wie auch bei anderen Vorstandskollegen ihrer Generation. Früher sind Stiftungsvorstände und -geschäftsführer häufig von außen, etwa aus der Politik, besetzt worden. Ein personeller Austausch zwischen den Stiftungen war eher die Ausnahme. Denken Stiftungsgremien bei der Besetzung von Führungspositionen um?

Hanssler: Die parteinahen Stiftungen besetzen mehrheitlich wohl immer noch politisch. Die privaten Stiftungen haben ihre Suchprozesse professionalisiert, und die fachliche Qualifikation und persönliche Eignung stehen inzwischen im Mittelpunkt der Anforderungsprofile.

S&S: Welche Qualifikationen sind besonders wichtig?

Hanssler: Ich glaube, dass soziale Kompetenz entscheidend ist für Erfolg oder Misserfolg. Fast alles andere ist erlernbar. Angesichts der Turbulenzen auf den globalen Finanzmärkten sollten im Stiftungswesen tätige Führungskräfte heute jedoch ein profundes finanzielles Fachwissen mitbringen. Für alle ökonomischen Entscheidungen sollte stets gelten: Vergiss nie, dass es anderer Leute Geld ist, mit dem du umgehst, nicht das eigene.

S&S: Das Kurswertvermögen der Gerda Henkel Stiftung betrug Ende letzten Jahres 498,6 Mio. €. Das ist die höchste Summe seit Bestehen der Stiftung. Was ist Ihr Geheimnis?

Hanssler: Es gibt keins. Der Erfolg ist in erster Linie den Mitarbeitern und dem Management der Henkel AG & Co. KGaA zu verdanken, da mehr als zwei Drittel unserer Investments in der Henkel-Aktie liegen. Zudem hat die Stiftung einen höchst kompetenten Finanzausschuss, dem der Anlageerfolg im “freien” Vermögen maßgeblich zu verdanken ist.

S&S: Von der derzeitigen Niedrigzinsphase sind Sie also nicht betroffen?

Hanssler: Kaum. Wir haben frühzeitig versucht, auf diese Entwicklung zu reagieren und waren bisher mit einer sehr offensiven Anlagestrategie auch in Niedrigzinsphasen erfolgreich. Da die Gerda Henkel Stiftung in ihren Finanzanlagen überdurchschnittlich viele Aktien hält, wird uns allerdings ein – sicher irgendwann bevorstehender – Börsencrash härter treffen als Stiftungen mit einer sehr konservativen Anlagestrategie. Aber ein langfristiger Anlagehorizont, wie er für Stiftungen typisch ist, hilft uns, Schwankungen zu ertragen.

S&S: Herzlichen Dank für das Gespräch.

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Zur Person

Dr. Michael Hanssler wurde am 8. Januar 1961 in Regensburg geboren. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne. Nach dem Studium der Geschichtswissenschaften und Anglistik absolvierte er 1990 ein Berufspraktikum bei der BMW AG. Von 1991 bis 1994 war er als Referent im Bildungszentrum der Bayerischen Arbeitgeberverbände, von 1994 bis 1997 bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt tätig. Von 1997 bis 2003 arbeitete er als Executive Director des Stiftungsverbundes Bellagio Forum for Sustainable Development in Genf. 2003 wurde er Vorsitzender des Vorstands der Gerda Henkel Stiftung. Seit 2005 engagiert sich Hanssler ehrenamtlich im Bundesverband Deutscher Stiftungen, leitete dort u.a. die Arbeitskreise “Internationales” sowie “Wissenschaft und Forschung” und wurde 2011 in den Vorstand gewählt.

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