topad


Laura Haverkamp, Ashoka Deutschland und Norbert Kunz, Geschäftsführer der Social Impact gGmbH

Haben es folglich Social Entrepreneurs bei der Finanzierung ihrer Ideen schwerer als klassische Start-ups? Welcher Förderinstrumente bedienen sie sich? Das und noch mehr verraten Laura Haverkamp und Norbert Kunz der S&S-Redaktion.

S&S: Frau Haverkamp, Ashoka ist seit den 1980er-Jahren weltweit im Feld der Suche, Identifikation und Begleitung von Social Entrepreneurs tätig. Wie geht Ashoka dabei vor?

Haverkamp: Wir suchen in über 90 Ländern der Welt nach Menschen, die mit unternehmerischem Geist Lösungen entwickeln, um gesellschaftliche Probleme an ihrer Wurzel anzupacken. Wir sprechen von systemisch wirkenden Ansätzen. Unsere Leitfrage ist: Wenn dieser Ansatz verbreitet wird, kann das dazu führen, dass ein gesellschaftliches Problem verschwindet? Im Kern geht es um die beiden Themen Etablierung und Skalierung. Mit dem Programm „Ashoka Venture“ investieren wir in das Potenzial von Ideen und Menschen. Dabei ist uns bewusst, dass gesellschaftliche Veränderung ein Prozess ist und einen langen Atem benötigt. Deshalb nehmen wir Social Entrepreneurs nach einem intensiven Auswahlprozess als Ashoka Fellows auf Lebenszeit in das Netzwerk auf. Die Ashoka Fellows sind für uns Menschen, die positiven Wandel vorantreiben, die ihr kreatives Potenzial für soziale Innovationen einsetzen werden, heute und in Zukunft.

S&S: In Deutschland gibt es nur rund 70 Fellows. Sie sind einer von Ihnen, Herr Kunz. Was macht für Sie das Netzwerk aus?

Kunz: Das Ashoka Netzwerk ist ein „Lernnetzwerk“. Es ist unglaublich, wie viel Expertise in den unterschiedlichen Themenfeldern vorhanden ist und wie groß die Bereitschaft ist, Wissen und Erfahrungen zu teilen. Was für das Netzwerk der Fellows gilt, trifft gleichermaßen auch auf das Ashoka Support Netzwerk zu.

Haverkamp: Die Ashoka Fellowship entwickelt sich als Netzwerk stets weiter. Zentrale Säulen sind die Vermittlung umfangreicher Beratung und Begleitung sowie ein bis zu dreijähriges Lebenshaltungsstipendium. In unserer Arbeit mit den Fellows und ihren Mitstreiter_innen, Förderern und Netzwerkpartnern, fokussieren wir uns auf die Themen systemische Veränderung, Wirkungsorientierung, Verbreitungswege und Transfer, Führung, persönliche Entwicklung und Wellbeing.

S&S: Norbert Kunz ist einer der profiliertesten Sozialunternehmer in Deutschland. Was zeichnet ihn aus?

Haverkamp: Norbert ist das, was wir einen Serien-Social-Entrepreneur nennen: In seiner langen Laufbahn als Innovator für das Gemeinwohl hat er nie Halt gemacht, sondern Lösungen kontinuierlich weiterentwickelt, ausgebaut und vielfältige Partner einbezogen. Heute ist er Architekt von Förderstrukturen für gemeinwohlorientierte Gründer_innen in Deutschland – und gleichzeitig durch seine Erfahrung ein gefragter Experte für soziale Innovation in Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik. Die Social Impact Labs – um nur einen Teil zu nennen – bieten eine wichtige Infrastruktur für sozialunternehmerische Geschäftsideen.

S&S: Frau Haverkamp hat Sie gerade als „Architekten von Förderstrukturen“ für soziale Innovationen bezeichnet. Welche zentralen strukturellen Hemmnisse oder Einstiegshürden müssen weiterhin abgebaut werden?

Kunz: Wir haben nach wie vor die Situation, dass auf der politischen Entscheidungsebene das Thema „soziale Innovation“ nicht den gleichen Stellenwert besitzt wie das Thema „technologische Innovation“. Es gibt vielfältige Fördermöglichkeiten für technologieorientierte Startups, aber so gut wie keine öffentlichen Förderinstrumente für Social Startups. Dies ist eigentlich widersinnig: Während klassische Startups die Erträge ihrer Entwicklung privatisieren, leisten Social Start-ups einen wichtigen Beitrag, um öffentliche Kosten zu reduzieren und den gesellschaftlichen Mehrwert zu steigern. Die Hemmnisse sind im Kopf. Nach wie vor gilt die Vorstellung, was der Wirtschaft gut tut, tut auch der Gesellschaft gut. Diese Vorstellung gilt weiter, obwohl wir tagtäglich feststellen können, dass diese Gleichung nicht aufgeht. Wäre es so, gäbe es keine Klimakrise, keine Armut, keine Wohnungsnot etc. Wir müssen die Einstellung im Kopf verändern und deutlich machen, dass wir gesellschaftliche Entwicklung nicht als einen Spin-off der wirtschaftlichen Entwicklung betrachten dürfen.

S&S: Haben es folglich Social Entrepreneurs bei der Finanzierung ihrer Ideen schwerer als klassische Start-ups? Welcher Förderinstrumente bedienen sie sich?

Haverkamp: Oft brauchen soziale Innovationen eine lange philanthropische Anfangsphase; das ist anders als bei klassischen Start-ups. Für die Herausforderungen der ersten Wachstumsfinanzierungen haben wir daher die Finanzierungsagentur für Social Entrepreneurship mitgegründet. Social Entrepreneurs bedienen sich ansonsten verschiedener Finanzierungsformen: Viele sind gemeinnützig und spendenfinanziert. Andere haben zum Beispiel den Staat als größten Kunden und agieren nah am öffentlichen Sektor. Wieder andere bauen hybride Modelle auf – ein profitables Modell subventioniert das gemeinnützige. Oder Social Entrepreneurs folgen den Prinzipien des Social Business, arbeiten profitabel und reinvestieren Gewinne.

Kunz: Interessanterweise haben es gemeinnützige Organisationen oft einfacher, Finanzierungpartner zu finden als die Social Start-ups in einer privatrechtlichen Form. Der Hintergrund hierfür ist, dass junge gemeinnützige Start-ups mit innovativen Ideen gute Partner für Stiftungen und CSR-Abteilungen sind. Die privatwirtschaftlichen Start-ups werden für Investoren erst interessant, wenn sie nicht nur den proof of concept, sondern auch den proof of market haben. Das erschwert den Zugang zu Startkapital.

S&S: Gibt es Themen oder auch Organisationsformen, die in Deutschland besonders stark vertreten sind? Gibt es Social Startup-Hotspots?

Haverkamp: Wir sehen in Deutschland viele Initiativen, die sich mit Bildungsgerechtigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe in all ihren Facetten auseinandersetzen. Bei uns, im Netzwerk von Ashoka Deutschland, sind unsere rund 70 Fellows daneben in vielfältigen Themen aktiv. Sozialunternehmer_innen bedienen sich diverser Organisationsformen – vom e.V. über die Stiftung zur (gemeinnützigen) GmbH bis hin zur AG. Aktuell gibt es ja auch wieder verstärkt Diskussionen über den Bedarf neuer, speziell auf Sozialunternehmer_innen zugeschnittenen Organisationsformen. Der Austausch über Social Entrepreneurship findet zunehmend bundesweit statt, nicht überraschend vor allem in Großstädten. Übrigens: Das Thema Social Entrepreneurship und die Förderung sozialer Innovation wurden im aktuellen Koalitionsvertrag auf Bundesebene prominent aufgenommen.

S&S: Herr Kunz, mit der Social Impact gGmbH bieten Sie auch Gründungsprogramme für spezielle Zielgruppen an, etwa für Menschen mit Fluchthintergrund oder für Arbeitslose. Was zeichnet diese Gründerpersönlichkeiten bzw. ihre Social Start-ups aus?

Kunz: In der Tat unterstützen wir sowohl Social Start-ups als auch Gründer_innen aus benachteiligten Lebensverhältnissen. Auch wenn es sich jeweils um Gründungsunterstützung handelt, muss man doch die Unterschiede definieren, die sich auch in unserer Unterstützungspraxis widerspiegeln. Bei unseren Social Startups handelt es sich fast ausnahmslos um akademisch qualifizierte Gründer_innen. Sie hätten kein Problem, einen angemessen entlohnten Job zu finden. Sie sind mission-driven, d.h. sie sind getrieben, ein soziales Problem mit unternehmerischen Mitteln zu lösen. Unsere Teilnehmer_innen im Inclusive Entrepreneurship-Programm haben Probleme beim Zugang zum Ar beitsmarkt. Sie verfügen oft nicht über die entsprechenden Qualifikationsvoraussetzungen, um einen ordentlich und gut bezahlten, dauerhaften Job in einem Unternehmen zu finden. Für sie ist oftmals die Selbstständigkeit der einzige Weg, um eine finanzielle Unabhängigkeit zu erreichen und sich aus der Abhängigkeit von Sozialtransferleistungen zu befreien. Unsere Social Startups sind Innovator_innen. Die Teilnehmer_innen in den anderen Gründungsunterstützungsangeboten gründen meist in ganz herkömmlichen Unternehmensfeldern. Insofern unterscheiden sich die beiden Zielgruppen auch hinsichtlich der Gründungspersönlichkeiten. Menschen aus benachteiligten Lebensverhältnissen müssen befähigt und ermutigt werden, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Dies ist bei den Social Start-ups anders. Diese müssen eher geerdet werden, damit sie nicht zu schnell und überhastet gründen.

S&S: Um soziale Unternehmen auszubauen, brauchen Gründer_innen qualifizierte Mitarbeiter_innen. Lassen sich erfahrene Spitzenkräfte mit der Aussicht auf sinnstiftende Karrieren gewinnen? Oder liegt hier vielleicht eine der größten Herausforderung der Branche?

Haverkamp: Es ist erfrischend zu sehen, dass immer mehr Menschen nach Jobs mit klarem gesellschaftlichen Mehrwert suchen – und zwar hauptberuflich. Da verändern sich viele Lebens- und Karrierewege. Das ist super. Gleichzeitig gilt: Auch Social Entrepreneurs müssen um die besten Kräfte werben und Rahmenbedingungen schaffen, sie zu halten.

Kunz: Ich glaube, jeder Mensch wünscht sich eine sinnstiftende Karriere und die meisten Führungskräfte aus klassischen Unternehmen sind in Bezug auf die Wirkung ihres Handelns unzufrieden. Und weil die Arbeit nicht sonderlich zufriedenstellend ist, wird sie besonders gut bezahlt. Mithin müssten soziale Unternehmen nicht nur sinnstiftende Karrieren anbieten können, sondern auch eine – aus der Perspektive der Führungskraft – adäquate Bezahlung. Hieran scheitert der Übergang häufig. Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Führungskräfte aus der Wirtschaft den sozialen Sektor professionalisieren würden. Ich glaube, es ist wirkungsvoller, wenn die Akteure aus dem sozialen Sektor sich auf die Entwicklung ihrer eigenen Leistungsfähigkeit konzentrieren.

S&S: In welchen Bereichen können Stiftungen ein Vorbild für Social Entrepreneurs sein?

Haverkamp: Stiftungen blicken z. B. durch Verbände und Netzwerke auf einen ganz anderen Organisationsgrad als Social Entrepreneurs. Wir erleben gerade mit dem noch jungen SEND e.V., der Social Entrepreneurs bundesweit vertritt, wie kraftvoll eine gebündelte Stimme sein kann.

Kunz: Stiftungen und Entrepreneure symbolisieren unterschiedliche Welten. Stiftungen sind in der Regel mit einem bestimmten Vermögen ausgestattet, welches sie erhalten müssen. Dies ist der oberste Grundsatz der Stiftungsarbeit. Sie sind bestandssichernd. Entrepreneure tra gen zur Veränderung bei. Im Schumpeterschen Sinn leisten sie eine kreative Zerstörung. Insofern sollten wir weniger über Vorbild-, sondern über die Kooperationswirkung sprechen. Stiftungen verfü gen häufig über eine großartige Reputation und exklusive Zugänge zu Entscheidungsträgern. Stiftungen könnten aktiv mithelfen, die Entwicklungsbedingungen von Social Start-ups zu verbessern. Darüber hinaus beschäftigen Stiftungen Expert_innen in den Bereichen Werbung und Öffentlichkeitsarbeit. Auch hier könnten sie ganz konkret operativ Unterstützung leisten.

S&S: Und andersherum: Was kann der gemeinnützige Sektor, konkret Stiftungen, von den Strategien und Denkweisen von Social Entrepreneurs lernen?

Haverkamp: Norbert hat es gerade schon angesprochen: Stiftungen und Social Entrepreneurs ergänzen sich oftmals sehr gut: Sozialunternehmerische Initiativen, die in vielen Bereichen die Freiheit haben, neue Wege zu gehen, treffen auf etablierte Organisationen und Netzwerke mit entsprechenden Handlungsspielräumen. Wir werben dafür, dass beide Seiten diese Synergien noch stärker nutzen. Im Rahmen langfristiger Partnerschaften kann über direkte Projektförderung hinaus auch eine indirekte Wirkung und die Kooperation verschiedener Initiativen ermöglicht werden.

Kunz: Der gemeinnützige Sektor kann sehr viel von den Methoden zur Entwicklung sozialer Geschäftsmodelle lernen. Schließlich steht auch der gemeinnützige Sektor vor neuen und großen Herausforderungen, z.B. angesichts des demografischen Wandels, der Digitalisierung der Lebenswelten, des Klimawandels sowie der zunehmenden Diversifizierung der Lebenswelten. Wirkliches Entrepreneurship lebt von der Bereitschaft zur Veränderung und weniger von langfristiger Planungssicherheit. Es wäre schön, wenn fördernde Stiftungen diese Agilität befördern würden.

S&S: Auch wenn es vermutlich schwer fällt, sich auf ein Beispiel zu begrenzen: Welcher Gründer hat Sie zuletzt begeistert?

Haverkamp: Aus dem Bauch heraus fällt mit ein britischer Ashoka Fellow ein, Mark Swift von den Wellbeing Enterprises. Er beeindruckt mich, weil er – typisch Social Entrepreneur – Dinge wirkungsvoll zusammenbringt. Mark erweitert unser Verständnis von Gesundheitsfürsorge und richtet den Behandlungsfokus auf menschliche Komponenten, wie Zuwendung, Gemeinschaft, Miteinander. Seine Wellbeing Officer verschreiben nicht nur Arznei, sondern auch den Besuch beim Yogazentrum und das Engagement in der Gemeinde. Daneben hilft er Gemeinschaften, ihre Wellbeing-Ressourcen zu kartieren und durch Forschung zu zeigen, wie wirkungsvoll die Stärkung von Gemeinschaft ist.

Kunz: Aus unserer aktuellen Kohorte imponiert mir das Projekt ichó am meisten. Auf Basis der persönlichen Betroffenheit in der Kommunikation mit der eigenen Großmutter, hat das Gründungsteam einen interaktiven Therapieball für demenzkranke Menschen entwickelt.

S&S: Herzlichen Dank für das Gespräch.

"Gesellschaftliche Entwicklung ist kein Spin-off der wirtschaftlichen Entwicklung"


Zur Person

Laura Haverkamp, Jahrgang 1984, studierte Publizistik, Mandarin und Public Policy in Berlin und engagierte sich unter anderem bei der globalen Studierendenorganisation AIESEC, bevor sie 2011 nach vier Jahren in der Kommunikationsberatung beim globalen Netzwerk Ashoka – Innovators for the Public einstieg. Sie ist Mitglied des Think Tank 30 der Deutschen Gesellschaft Club of Rome und lebt mit ihrer Familie in Hamburg. lhaverkamp@ashoka.org, www.ashoka.org/de

Norbert Kunz ist einer der profiliertesten Sozialunternehmer in Deutschland. Seit über 20 Jahren berät und unterstützt er Existenzgründer und hat als Mitbegründer verschiedener Organisationen maßgeblich an der Entwicklung sozialer Innovationen mitgewirkt. Seit eini gen Jahren konzentriert sich der Geschäftsführer der gemeinnützigen Social Impact GmbH auf den Aufbau einer Infrastruktur für soziale Innovationen und auf die Unterstützung von Social Startups. Für sein Engagement wurde er u. a. als Ashoka-Fellow, von der Schwab Foundation als Social Entrepreneur des Jahres 2010 oder mit dem Sustainable Entrepreneurship Award mehrfach ausgezeichnet. Zudem ist er Träger des Bundesverdienstkreuzes. kunz@socialimpact.eu, www.socialimpact.eu


Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies nutzen. Weitere Informationen

Verstanden