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KLAUS MILKE, Gründer und Vorstandsvorsitzender von Germanwatch und Stiftung Zukunftsfähigkeit

Stiftungen sind Teil der Lösung der globalen Probleme“, so Klaus Milke im Gespräch mit der Redaktion von S&S. Für Stiftungen – nicht nur in Deutschland – sind die 17 Sustainable Development Goals (SDG) dabei Auftrag und Chance zugleich, ihre Nachhaltigkeit zu überprüfen und ihr Handeln neu zu justieren.

Klaus Milke

S&S: Herr Milke, schon in jungen Jahren mussten Sie das Unternehmen Ihres Vaters übernehmen und weiterführen. 1991 – ein Vierteljahrhundert später – haben sie Germanwatch zusammen mit Kollegen als Verein aufgebaut und leiten diesen als Vorstandsvorsitzender. Was hat Sie zu dieser Neuorientierung bewogen? Warum engagieren Sie sich speziell zu diesen Themen?

Milke: Mich hat schon früh die Frage nach globaler Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung umgetrieben, durchaus auch durch Kontakte mit Taizé und mit engagierten christlichen Bewegungen. Doch auch die frühe Erfahrung als junger Unternehmer hat mich gelehrt, dass es wichtig ist, Verantwortung zu übernehmen, Neues anzufangen und mutig etwas zu „unternehmen“.

S&S: Was verrät der Name von Germanwatch über die Vereinsarbeit? Was ist der Auftrag?

Milke: Germanwatch soll heißen, dass Deutschland für uns im Fokus steht. Insbesondere unsere Politik und Wirtschaft sollten ihre Weltverantwortung adäquat wahrnehmen. Durch „Hinsehen – Analyieren – Einmischen“ – so lautet unser Leitspruch – wollen wir da, wo es erforderlich ist, zu anderen und zukunftsfähigen Lösungen beitragen.

S&S: Wie sieht eine Zwischenbilanz nach über 25 Jahren aus? Was waren die größten Erfolge und Misserfolge dieser zivilgesellschaftlichen Initiative?

Milke: Die Zwischenbilanz ist gemischt. Positiv ist, dass wir dabei mitgewirkt haben, dass mit den sogenannten Sustainable Development Goals, die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung – kurz SDG – und dem Pariser Klimaabkommen neue internationale Leitplanken verabschiedet werden konnten. Sie machen alle Länder, also auch Deutschland, zu Entwicklungsländern. Negativ ist, dass alles viel zu langsam geht und inzwischen die Rechtspopulisten und Klimaleugner so stark geworden sind, wie wir es noch vor kurzer Zeit nicht für möglich gehalten haben.

S&S: Klimawandel, Umweltzerstörung und Artensterben schreiten derweil weltweit massiv voran. Wie sehen Sie den Zustand und Perspektive der Welt?

Milke: Ich bin zutiefst besorgt. Unsere Welt wird übernutzt und ist mit den heute 7,5 Millarden und in 2050 neun Milliarden Menschen nicht enkelfähig. Die Kreisläufe für Ernährung und Leben auf dem Planeten werden zunehmend zerstört. Die Gefahr wächst, dass dies zu noch mehr Konflikten und Kriegen, Wassernot und Bodenverlusten, und damit auch zu noch mehr Fluchtbewegungen weltweit führt.

S&S: Deutschland ist einer der Staaten, die das aktuelle UN-Klimaabkommen unterzeichnet und mittlerweile auch ratifiziert haben. Die USA haben es jüngst gekündigt. Zentrales Ziel der 195 Länder, die im Dezember 2015 in Paris verhandelt haben, war eine Begrenzung der Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit; angestrebt wird ein 1,5-Grad-Ziel. Um dies zu erreichen, wollte die Bundesregierung die CO2-Emissionen bis 2020 um 40 % im Vergleich zu 1980 reduzieren. Schon jetzt hat sie indes erklärt, dass die nationalen Klimaziele verfehlt werden. Was muss sich ändern?

Milke: Sich Ziele zu setzen, die dann doch gerissen werden, reicht nicht aus. Es muss eben auch die richtigen und ambitionierten Maßnahmen geben, um glaubwürdig die Ziele zu erreichen. Jetzt geht es darum, für 2019 ein Klimaschutzgesetz auf den Weg zu bringen, das möglichst für alle Sektoren – Strom, Wärme, Verkehr, Landwirtschaft – CO2-Preise festlegt. Dann werden wir auch den so notwendigen Kohleausstieg hinbekommen. Dies erwartet die Welt von Deutschland.

S&S: Nun hat sich im März dieses Jahres nach fast sechsmonatiger Sondierung eine „neue“ Regierung aus CDU, CSU und SPD gebildet. Umweltschutz und Nachhaltigkeit haben in den Verhandlungen zur Wiederauflage der Großen Koalition keine beherrschende Rolle gespielt. Was sind Ihre Forderungen an die neue Bundesregierung?

Milke: Im Grunde sind es zwei Hauptbotschaften: Die Bundesregierung sollte zunächst als Maßstab für alles politische Handeln die Umsetzung der 2030-Agenda mit den 17 SDG und des Pariser Klimaabkommens ansetzen und entsprechende Maßnahmen verabschieden. Zum zweiten sollte sie beherzigen, dass nur die Verwirklichung der Menschenrechte und der Menschenwürde für alle die Leitschnur sein kann. Die Grundbotschaft der SDG „Leave No One Behind“ kann enorm helfen, den einfachen nationalistischen Abschottungsängsten etwas entgegenzusetzen.

S&S: In der Tat zeigen die SDG auf, wie eine globale Umgestaltung erfolgen kann, um wirksame Antworten auf die großen Menschheits- und Zukunftsfragen wie Frieden, Umweltschutz, Ernährung oder sozialer Gesundheit zu geben. Wirtschaft und Zivilgesellschaft haben erklärt, ihren Beitrag zu leisten. Gerade Stiftungen verstehen sich als Akteure, Gestalter und Treiber der Bewegung [vgl. S&S-Sonderausgabe 2012 „Stiftungen und Klimawandel“, S. 12 ff.] und haben die Stiftungsplattform „Foundations 20“ ins Leben gerufen, mit der sie anlässlich des G20-Gipfels im Sommer 2017 in Hamburg hervorgetreten sind. Sie sind Sprecher der Initiative. Wie ist es dazu gekommen, wer ist heute dabei und wo sehen Sie das Potenzial von „F20“?

Milke: Stiftungen, die ja alle eigentlich der Ewigkeit und dem Gemeinwohl verpflichtet sind, können Teile der Lösung der globalen Probleme sein. Durch Berücksichtigung in ihrem operativen Tun, bei ihrer Kapitalanlage und bei einer neuen transformativen Kooperation mit anderen tragen sie zur Umsetzung der 2030 Agenda und des Paris Abkommens bei. Dies war der Leitgedanke bei der Begründung von „Foundations 20“, der internationalen G20-Stiftungsplattform vor gleich zwei Jahren. Heute sind annähernd 50 Stiftungen dabei, vor allem aus den G20-Ländern, auch solche aus den großen Schwellenlän dern wie China, Indien und Brasilien und auch Stiftungen, die nicht schon ausdrücklich Umwelt- oder Klimastiftungen sind, wie die BMW-Foundation Herbert Quandt, die Robert-Bosch-Stiftung oder die ZEIT-Stiftung.

S&S: Der nächste G20-Gipfel beginnt am 30.11.2018 in Buenos Aires, in Argentinien. Was streben die F20 an?

Milke: Unter dem Leitgedanken „Shifting the Trillions – Our Contribution for a Just Transition“ steht bei F20 für 2018 der Gerechtigkeitsaspekt im Vordergrund, aber auch die Notwendigkeit, dass ausreichend Finanzen für Klimaschutz und die Umsetzung der globalen Nachhaltigkeitsziele benötigt werden. Gleichzeitig heißt das „Our Contribution“ auch, dass die Stiftungen selbst etwas beisteuern sollten und dies auch können.

S&S: Die Stiftung Neue Energie der GLS Treuhand hat sich im Rahmen einer Ausschreibung dazu entschieden, 400.000 € an Germanwatch zu vergeben. Ist die Förderung in diesem Zusammenhang zu sehen?

Milke: Germanwatch wird mithilfe dieser Unterstützung in den nächsten dreieinhalb Jahren intensiv zum Thema CO2-Bepreisung arbeiten und so zusammen mit anderen dafür sorgen, dass das G20-Mitglied Deutschland wie alle anderen Staaten in diesem Club der Starken einen kraftvollen Beitrag leistet. Das ist nämlich die andere Seite des „Our Contribution“. Durch CO2-Bepreisung wird ja auch Geld eingenommen, das zur Finanzierung der SDG-Umsetzung und für den Klimaschutz genutzt werden kann.

S&S: Und in der praktischen Arbeit vor Ort? Was müssen Stiftungen und Vereine tun, um ihren Beitrag zur Verwirklichung der Ziele zu leisten?

Milke: Die Umsetzung der SDG muss auf allen Ebenen angegangen werden, eben auch auf der lokalen. Sie können ihre Tätigkeit nachhaltig ausrichten und als Themenan wälte auftreten. Da liegt auch bei Stiftungen ein großes Potenzial. Das ist der Lackmustest, ob es wirklich ernst gemeint ist mit der Transformation im Zusammenwirken auf internationaler Ebene.

S&S: Helfen auch Instrumente wie Mission und Impact Investing hier weiter?

Milke: Auf jeden Fall, denn das ist genau die Verknüpfung, die wir brauchen. Wie wird das Geld der Stiftungen eingesetzt und angelegt, damit es auf der einen Seite dem Stiftungszweck entspricht und ihn jedenfalls nicht konterkariert und auf der anderen Seite wirklich gesellschaftliche Entwicklung im Sinne der SDG fördert?

S&S: Zukunftsfähig werden, also! Schon 1997 errichteten Sie eine rechtsfähige Stiftung, die diese Vision im Namen trägt, die Stiftung Zukunftsfähigkeit. Was war der Anlass? Was ist der Zweck?

Milke: Einerseits wollte ich einen Teil des Verkaufserlöses des mittelständischen Familienunternehmens so nutzen, dass die Zukunft von Germanwatch dauerhafter abgesichert ist. Andererseits schwingt in dem Namen das Generalthema „Nachhaltige Entwicklung“ und „Zukunftstauglichkeit“ mit, das uns durch die historische UN-Weltkonferenz von Rio 1992 zu Umwelt und Entwicklung aufgegeben wurde.

S&S: Das Dotationsvermögen der Stiftung entstammt Ihrem Privatvermögen sowie dem einiger Ihrer Familienmitglieder. Aber es gibt auch den Ruf an Dritte zur Mitwirkung und Zustiftung. Was haben wir hier vor uns: Eine „Familienstiftung“ oder eine „Gemeinschaftsstiftung“?

Milke: Wir sind heute mit insgesamt 30 Zustiftungen schon eine Art BürgerInnenstiftung oder Gemeinschaftsstiftung. Engagiert sind nicht nur Familienmitglieder. Ich habe lediglich den Anfang gesetzt.

S&S: In welchem Verhältnis stehen Stiftung Zukunftsfähigkeit und Germanwatch? Wie unterscheiden sich die beiden Organisationen?

Milke: Es ist bemerkenswert, dass insbesondere international Stiftungen anders, nämlich neutraler und weniger kämpferisch wahrgenommen werden als Nichtregierungsorganisationen, obwohl ja beide Akteure der Zivilgesellschaft sind. Unsere Stiftung lädt am Rande der großen Klimakonferenzen nahezu regelmäßig und erfolgreich Klimaverhandler zu einem „Special Dinner“„ über Tabuthemen ein. Das würde über eine NGO so nicht gelingen. Bei uns sind beide, Germanwatch und Stiftung Zukunftsfähigkeit zwei Seiten derselben Medaille, was auch durch personelle Überschneidungen deutlich wird.

S&S: Und welche Rolle spielt die 2014 in der Treuhänderschaft der Stiftung Zukunftsfähigkeit errichtete Germanwatch-Stiftung?

Milke: Es gibt Menschen, die wollen ganz direkt Germanwatch dauerhaft fördern und suchen dazu einen verlässlichen und auch inhaltlich kompatiblen Partner. Mit der Übernahme dieser Aufgabe zeigen wir, dass wir gerne treuhänderisch Zweckvermögen wie diese verwalten wollen und dies auch können.

S&S: Die Stiftung Zukunftsfähigkeit ist Alleingesellschafterin der atmosfair gGmbH [dazu schon S&S 1.2006, S. 28]. Was ist die Aufgabe von atmosfair?

Milke: „atmosfair“ war zunächst ein Forschungsprojekt, das Germanwatch zusammen mit dem Bundesumweltministerium als Angebot für klimafreundlicheres Fliegen entwickelt hatte. Die Stiftung Zukunftsfähigkeit gründete im Jahre 2005 dann die atmosfair gGmbH, um für Privatpersonen, aber auch für Firmen und politische Instanzen, wie die Bundesregierung, eine dauerhafte und sehr konkrete Handlungsmöglichkeit zum Klimaschutz zu schaffen. Das Prinzip ist einfach: Das durch Flugreisen entstehende CO2 wird durch in gleicher Höhe CO2-einsparende Ausgleichsprojekte in Entwicklungsländern kompensiert, die ohne die entsprechende freiwillige Zahlung an atmosfair nicht existieren würden.

S&S: Kompensieren auch die Stiftung Zukunftsfähigkeit und Germanwatch die durch sie verursachten Klimaschäden durch Zahlungen an atmosfair? Und erhöhen so ihre Verwaltungskosten?

Milke: Ja, das tun wir und gleichzeitig haben wir die Festlegung, dass im Inland grundsätzlich nicht geflogen wird. Es muss ja auch um CO2-Vermeidung gehen. Wir erhöhen durch Zahlungen an atmosfair zwar auf der einen Seite unsere Reise- und Verwaltungskosten, auf der anderen Seite bitten wir unsere Förderer bei Projekten aber auch immer, die atmosfair-Zahlungen in den Zuwendungen gleich mit vorzusehen.

S&S: Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit weltweit sind Ziele, die nur auf lange Sicht und mit viel Einsatz erreicht werden können. Sie selbst setzen sich in den vorgestellten, miteinander verknüpften Organisationen seit über 25 Jahren dafür ein. Woher nehmen Sie Ihre Zuversicht und Motivation?

Milke: Meine Zuversicht – ganz im Sinne von Hanns Dieter Hüsch – nehme ich aus der Gewissheit, dass an vielen Stellen dieses Globus Menschen ganz ähnlich und bisweilen unter viel härteren Bedingungen – Stichwort „Shrinking Space“ – engagiert um Zukunftsfähigkeit bemüht sind. Mit einer ganzen Menge davon stehe ich in direktem Austausch. Und das macht Mut und motiviert!

S&S: Und schließlich: Wie nachhaltig leben Sie (privat)?

Milke: Da kann ich als Hintergrund nur das aktuelle Buch „Vier fürs Klima“ von Petra Pinzler und Günther Wessel empfehlen. Wir – und da zähle ich auch dazu – leben alle in einer sehr widersprüchlichen Konsum-Welt und müssen immer wieder einen enkelfähigen persönlichen Weg suchen. Ein Solardach allein, wie bei uns zu Hause auf dem Dach, reicht da nicht aus.

S&S: Vielen Dank für das Gespräch.

Klaus Milke: "Stiftungen sind Teil der Lösung globaler Probleme"


Zur Person

Diplom-Kaufmann Klaus Milke, geboren am 26.8.1950 in Soest als drittes von vier Kindern in einer Zementunternehmer-Familie, selbst 2 Kinder, 3 Enkel, ist entwicklungs- und umweltpolitischer Berater und lebt heute in Hamburg. Er ist Mitbegründer des Germanwatch e. V,, hier seit 1991 Mitglied des Vorstands und seit 2005 Vorstandsvorsitzender. Darüber hinaus ist er Gründungsstifter und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Zukunftsfähigkeit, Mitglied im Integritätsbeirat und Gesellschaftervertreter bei der atmosfair gGmbH. Er wirkt zudem u. a. im Kuratorium des Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, im Leitungskreis des Sustainable Development Solution Networks (SDSN) Germany, im Lenkungskreis Wissenschaftsplattform Nachhaltigkeit 2030 und ist Sprecher der internationalen G20-Stiftungsplattform „Foundations 20 (F20)“. Seit 2014 ist er zudem Internationaler Botschafter der Stadt Bonn.


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