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Akteure & Konzepte

Gespräche

KLAUS-DIETER LEHMANN, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Im Gespräch mit dem scheidenden Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Klaus Dieter Lehmann, wird der Wandel in Stabilität, wie er für Stiftungen typisch ist, deutlich.

Interview in S&S Ausgabe 1/2008 Foto: Andrea Katheder

S&S: Sehr geehrter Herr Professor Lehmann, seit neun Jahren leiten Sie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die größte deutsche Kultureinrichtung mit 16 Museen, Bibliotheken und Archiven, darunter die weltbekannte Museumsinsel mit dem Pergamonmuseum. Wie haben Sie Ihre Aufgabe als Präsident gesehen und ausgefüllt?

Lehmann: Preußen hat uns mit seinen Sammlungen ein reiches kulturelles Erbe hinterlassen. Ihnen gerecht zu werden, bedeutet, es als lebendige Verpflichtung zu begreifen. Es geht nicht um eine glorreiche Vergangenheit, nicht darum, sich und das Land zu bespiegeln, sondern sich der Welt zu öffnen. Die Stiftung ist insofern ein Kristallisationskern für die eigene Identität, der die Dialogfähigkeit mit anderen Kulturen stärkt. Als pragmatischer Visionär habe ich deshalb die großen Bauvorhaben verstärkt betrieben, die Standorte profiliert und Bibliotheken, Archive und Museen zu einem gemeinsamen kulturellen Ensemble verknüpft.

S&S: Die so genannte Preußenstiftung ist die wohl bekannteste deutsche Stiftung, die größte Stiftung des öffentlichen Rechts, getragen von Bund und Ländern. Am 25. Juli 1957 wurde das Gesetz über ihre Errichtung beschlossen. War es damals eine glückliche Entscheidung, für die Übertragung der Kulturgüter des untergegangenen preußischen Staates die Rechtsform der Stiftung zu wählen?

Lehmann: Das Gesetz zur Errichtung der Stiftung war eine glückliche und vor allem weitsichtige Entscheidung. Es garantierte den Zusammenhalt der Sammlungen, es ermöglichte durch das Mitdenken der Wiedervereinigung die Trägerschaft des Bundes und aller Länder – im verfassungsrechtlich besten Sinn eine nationale Stiftung – und es schuf die Voraussetzungen für die Fortführung in die Moderne.

S&S: Die Überführung staatlicher Einrichtungen in die Stiftungsform wurde in den letzten Jahren populär. An Ihrem früheren Wirkungsort Frankfurt am Main ist die Johann Wolfgang von Goethe-Universität seit dem 1. Januar Stiftungshochschule und knüpft damit an ihre Tradition als erste deutsche Stiftungsuniversität an, als die sie 1914 von Frankfurter Bürgern gegründet wurde. Was muss nach Ihren Beobachtungen und Erfahrungen als Stiftungspräsident beachtet werden, damit solche Gründungen gelingen?

Lehmann: Hier werden Chancen eröffnet, die aber nicht Geschenke sind, sondern Aufgaben beinhalten, die die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung und eigenständiger Entscheidung erfordern. Stiftungen sollten weniger hoheitlich als partizipatorisch denken, sie sollten ihre Glaubwürdigkeit aus ihrer Unabhängigkeit ableiten und sie sollten eine offensive Strategie zur Gewinnung von zivilgesellschaftlichem Engagement betreiben.

S&S: Stiftungen gelten als bedeutende Einrichtungen, weil sie idealtypisch autonom sind. Nun ist oberstes Beschlussorgan Ihrer Stiftung der aus Vertretern des Bundes und der sechzehn Länder zusammengesetzte Stiftungsrat. Der Etat mit einem Volumen von gut einer viertel Mrd. € wird beim Betriebshaushalt zu 75 %, beim Investitionshaushalt zu 100 % vom Bund finanziert. Konnte dieser potenzielle Konflikt zwischen Selbstständigkeit der Stiftung und Fremdbestimmung durch die Finanziers überwunden werden und wie geschah das in der Praxis?

Lehmann: Der Präsident hat aufgrund der Stiftungsstruktur eine große Selbstständigkeit. Der Stiftungsrat ist zuständig für Grundsatzfragen; die Geschäfte und die Programmarbeit liegen beim Präsidenten. Je erfolgreicher die Arbeit ist, umso länger ist die Leine. Ich habe mich in meiner Amtszeit nie fremdbestimmt gefühlt, das Gesprächsklima in den Gremien war konstruktiv und offen.

S&S: Die Entscheidung des Bundestages über die Sanierung der Museumsinsel als UNESCO-Weltkulturerbe war vielleicht das wichtigste Ereignis Ihrer Amtszeit. Was ist der derzeitige Stand der Umsetzung?

Lehmann: Voraussetzung für die positive Entscheidung des Bundestages war der Masterplan von 1999 für die Museumsinsel, der die Häuser als Einheit auffasste und ein realistisches logistisches Vorgehen definierte. Fertig gestellt sind die Alte Nationalgalerie, das Bode-Museum, Ende 2008 das Neue Museum mit der Ägyptischen Sammlung und dem Museum für Vor- und Frühgeschichte. Das Pergamonmuseum befindet sich in der Ausführungsplanung, das Alte Museum wird ab 2012 restauriert. Außerdem beginnen die Arbeiten an dem neuen Eingangsgebäude von David Chipperfield.

S&S: Viele Ihrer Einrichtungen erfreuen sich der Unterstützung traditionsreicher und bedeutender Fördervereine. 2001 haben sich führende Wirtschaftsunternehmen zunächst für die Dauer von zehn Jahren im „Kuratorium Museumsinsel“ zusammengeschlossen. Wie ist es dazu gekommen und was wird hier geleistet?

Lehmann: Die Stiftungseinrichtungen haben eine lange mäzenatische Tradition, insbesondere durch jüdische Stifter und Mäzene. An diese Tradition knüpfen wir bewusst wieder an. Heute hat jede Einrichtung wieder einen Förderverein. In ihnen engagieren sich Privatleute und Unternehmen über uneigennützige Spenden und Sponsoring-Maßnahmen. Die Fördervereine sind ein Aktivposten für uns, nicht nur finanziell, sondern auch als Lobbyisten. Das Kuratorium Museumsinsel, ein Zusammenschluss von knapp zwanzig Unternehmen, widmet sich besonders dem Marketing der Museumsinsel als Europas größter Kulturbaustelle, der Realisierung von Ausstellungen und Medienauftritten. Diese private Initiative ist der Stiftung eine große Unterstützung. Wir nennen sie den Club der Edlen.

S&S: Gerade die Kunstschätze Ihres Hauses verdanken sich in nicht unerheblichem Maße dem Engagement jüdischer Bürger. Heute vertrauen wieder private Mäzene wie Heinz Berggruen, Erich Marx oder Friedrich Christian Flick der Stiftung ihre Sammlungen an, mitunter begleitet von öffentlicher Kritik. Wo sehen Sie die Chancen und Risiken dieser Zusammenarbeit?

Lehmann: Private Sammler sind unsere Partner. Unser Verhältnis wird in gut verhandelten Verträgen für beide Seiten transparent und legitim gefasst. Wichtig ist uns das unabhängige Arbeiten der eigenen Kuratoren und die definierten Nutzungsbedingungen. Bislang ist uns das nachweislich gelungen.

S&S: Ganz allgemein nachgefragt: Beobachten Sie eine zunehmende bürgerschaftliche Beteiligung? Und wo sehen Sie, nachdem eine weitgehende Individualisierung preußische Pflichterfüllung abgelöst hat, die Motivation für Engagement?

Lehmann: Die bürgerschaftliche Beteiligung wächst erfreulich. Die Motive sind heute Erlebnisfreude, Anerkennung, Selbstentfaltung und Freude an der Kunst, weniger Pflichtbewusstsein. Das ist eine positive Entwicklung, weil es eine emanzipatorische Entwicklung ist.

S&S: Wo sehen Sie vor diesem Hintergrund die Bedeutung und den Wert von Stiftungen?

Lehmann: Sie bilden den Kern eines lebendigen intensivierten Engagements, sie strahlen Aktivität und Begeisterung aus, sie vermitteln eine neue Befähigung zu bürgerschaftlichem Arbeiten. Sie haben dadurch eine gesellschaftspolitische Bedeutung. Und über die vollzogene finanzielle Gabe kommt es zu einer langfristigen Bindung an die übernommene Aufgabe. Stiftungen sind so Teil einer Gemeinschaft, auf die man sich verlassen kann.

S&S: Mit der Idee der Einrichtung des Humboldt-Forums auf dem der Museumsinsel gegenüber liegenden Schlossplatz haben Sie einen nachhaltigen kulturpolitischen Impuls gegeben. Hier sollen die außereuropäischen Sammlungen der Stiftung untergebracht werden, die derzeit noch in den Dahlemer Museen am Rande Berlins gezeigt werden. Was war die Leitidee und wo befindet sich die Debatte heute?

Lehmann: Unser Zusammenleben ist eine kulturelle Leistung. Ein Weltort für Kunst und Kultur in der Mitte Berlins könnte so etwas wie Kompetenz im Weltverständnis ermöglichen. Dafür stehen Wilhelm von Humboldt als Ideengeber für die humanistische Bildungslandschaft Europas mit der Museumsinsel und Alexander von Humboldt als Ideengeber für die Offenheit und Gleichwertigkeit für die außereuropäischen Kulturen mit dem Humboldt-Forum auf dem Schlossplatz. Die Rekonstruktion des 1950 gesprengten Stadtschlosses ist beschlossen. Jetzt sind die Baumeister am Zuge. Es wird derzeit ein zweistufiger Architektenwettbewerb durchgeführt. Aus den Einsendungen wird eine Jury dreißig Vorschläge auswählen, deren Bewerber zu einem zweiten Durchgang eingeladen werden. Ende November soll die Architekturgestalt stehen. 2010 ist Baubeginn; mit der Fertigstellung wird 2013 gerechnet. Parallel sammelt der private Förderverein Berliner Schloss 80 Mio. €, um die historischen Fassaden wiederherzustellen.

S&S: Immer wieder haben Sie sich mit der heiklen Frage der Kriegsverluste, der so genannten „Beutekunst“ auseinandergesetzt, ein Thema, das Sie als einer der Verhandlungsführer der Bundesregierung mit den Staaten der ehemaligen Sowjetunion im Detail kennen. Hat sich Ihr Einsatz für die Restitution deutschen Kulturgutes in den vergangenen Jahren gelohnt?

Lehmann: Beutekunstverhandlungern sind wegen der damit verbundenen Kriegsgräuel ein sehr emotional besetztes Thema. Es benötigt deshalb Geduld und Sensibilität. Immerhin haben wir inzwischen Zugang zu den Geheimdepots und gestalten gemeinsame Ausstellungen mit Russland. Aber es ist unser geistiges Tagebuch, für dessen Rückkehr wir uns nachhaltig einsetzen müssen.

S&S: Zum 1. März werden Sie die Amtsgeschäfte an den Prähistoriker Hermann Parzinger übergeben. Was werden seine vordringlichsten Aufgaben sein?

Lehmann: Sicher die Vollendung des Humboldt-Forums, aber auch die Profilierung des Kulturforums als Platz für die Moderne. Forschung und Erhalt der Sammlungen werden ebenfalls oben auf der Agenda stehen.

S&S: Sie vollenden in diesen Tagen das 68. Lebensjahr – und wenden sich neuen Aufgaben zu. Am 1. April werden Sie Präsident des Goethe-Instituts. Wo sehen Sie die Brücke zu Ihrer bisherigen Tätigkeit und wo Ihre Ziele in dieser neuen Position von nationalem Rang?

Lehmann: Die Förderung der deutschen Sprache als Kulturträger ist mir ein wichtiges Anliegen, aber auch die Vernetzung des Goethe-Instituts mit den Potenzialen der großen kulturellen Einrichtungen, zu denen ich einen guten Zugang habe. Von den Weltregionen werden wohl Asien mit der dynamischen Entwicklung und Afrika als „vergessener Kontinent“ besondere Aufmerksamkeit benötigen.

S&S: Herr Präsident, herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute für die kommenden Monate.

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Zur Person

Prof. Dr. h.c. Klaus-Dieter Lehmann ist seit dem 01.02.1999 Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin. Geboren am 29.02.1940 in Breslau, evangelisch, verheiratet, zwei Kinder. Nach dem Studium 1967 Diplom in Mathematik und Physik, 1970 Staatsexamen in Bibliothekswissenschaft. Ab 1973 Direktor an der Stadt- und Universitätsbibliothek in Frankfurt am Main, ab 1977 Leitender Bibliotheksdirektor. 1988-1999 Generaldirektor der Deutschen Bibliothek. Nach der Wiedervereinigung Zusammenführung der beiden Nationalbibliotheken in Frankfurt am Main und Leipzig unter Beibehaltung beider Standorte zur heutigen Deutschen Nationalbibliothek. Seit 2002 Vizepräsident des Goethe-Instituts, am 11.09.2007 Wahl zu dessen Präsidenten in der Nachfolge von Jutta Limbach. Mitglied zahlreicher nationaler und internationaler Gremien, darunter des Kuratoriums der Bertelsmann Stiftung. Verschiedene Honorarprofessuren und Auszeichnungen.

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