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Akteure & Konzepte

Gespräche

Ise Bosche, Erbin und Philanthropin

Ihr Finanzvermögen sieht Ise Bosch als Arbeitsmaterial, um sich zielgerichtet und nachhaltig sozial zu engagieren.Wie bei ihrem Großvater Robert Bosch liege die Grundmotivation für ihre Arbeit in der Befriedigung, etwas wirklich Nützliches für die Gesellschaft zu erreichen. Die Stifterin und Philanthropin setzt sich insbesondere für Menschenrechte und die Stärkung von Frauen und Mädchen ein. Sie ist u.a. im Erbinnennetzwerk "Picunia" aktiv, so wie in der Dreilinden gGmbH, die sich der LSBTI-Menschenrechtsarbeit widmet.

Interview in S&S 6/2009 Foto: Andreas Katheder

S&S: Der Name Bosch hat einen sehr guten Klang – nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Welt der Philanthropie. Frau Bosch, zwischen Ihnen und dem 1942 verstorbenen Gründer der größten privaten Stiftung in Deutschland, Robert Bosch [vgl. S&S RS 5/2009], liegt eine enorme Altersspanne – sind Sie wirklich seine Enkelin?

Bosch: Stimmt, man sollte es nicht denken, aber mein Vater stammt aus der zweiten, späten Ehe Robert Boschs.

S&S: Sie haben ein großes Vermögen geerbt, wurden schon als Millionärin geboren. Ein solcher Reichtum hat sicher immer Vor- und Nachteile. Wie sind Sie in Ihrem Leben damit umgegangen?

Bosch: In der Familie bekamen wir Kinder nicht viel Konkretes von der Firma mit. Da ging es eher um die Stiftungen und ums Spenden. Wobei uns schon deutlich gemacht wurde, dass das Geld von der Firma kommt. Wie es „der Firma geht“ war so wichtig wie, sagen wir, die Gesundheit der Oma. Mir selber war es dann erst einmal wichtig, eigenes Geld zu verdienen, ich habe gejobbt für die ersten Reisen. Das geerbte Geld war für die Ausbildung da und für Spenden. Bis Ende Zwanzig sagte ich mir aber, das Erbe soll nicht im Vordergrund stehen, und habe ganz andere Sachen gemacht, Musik und Frauenpolitik.

S&S: Wann sind Sie zur aktiven Stifterin und Spenderin geworden? Was hat Sie bewogen, Ihr Vermögen für gemeinwohlorientierte Zwecke einzusetzen?

Bosch: Ich wurde von meinen US-amerikanischen Freundinnen überzeugt. Die sagten „put your money where your mouth is“ – Lass Taten sprechen – und engagiere dich mit den Mitteln, die dir zur Verfügung stehen. Und dieses Mittel war für mich vernünftig gegebenes Geld. Ab diesem Moment der Erkenntnis ist relativ egal, ob es aus einer Erbschaft stammt oder selbst erarbeitet ist. Ich musste nur lernen, was das heißt: „Vernünftig gegebenes Geld“ – Fokus, strategische Ausrichtung, auch Abgrenzung. Erstens kann ich nicht für alles zuständig sein, zweitens ist Spendenarbeit und Stiftungsarbeit erstaunlich komplex, so komplex wie unsere Welt eben. Insofern geht es mir um systemische Veränderung. Und da gibt es Erfolge meist nur, wenn man zielgerichtet arbeitet und sich wirklich einer Sache widmet.

S&S: Hat bei dieser Orientierung das Vorbild Ihres Großvaters Robert Bosch, das ja von umfassendem philanthropischem Engagement geprägt war, eine Rolle gespielt?

Bosch: Oh ja. Zunehmend, je mehr ich über ihn weiß. Und über mich. Er war ein echter schwäbischer Querkopf. Er hat das gesellschaftliche Ganze im Blick gehabt und war verzweifelt, wenn er mit seinen Anliegen nicht durchkam, zum Beispiel bei der deutsch-französischen Versöhnung nach dem Ersten Weltkrieg. Seine Einstellung als Unternehmer war liberal, heute würde man sagen „wertebasiert“. Ich propagiere ja auch gerne das Konzept vom „denkenden Menschen“. Vernunft ist schon eine gute Sache. Meinen Großvater brachte es auf die Formel „Gemeinnutz aus Eigennutz“. Ich finde das eine gut nachvollziehbare Darstellung, aber ich glaube nicht, dass der Eigennutz seine letztendliche Motivation war. Er wollte etwas für die Gesellschaft erreichen. Und so geht es mir auch: Meine Grundmotivation bei der Arbeit ist die Befriedigung, wenn ich etwas wirklich Nützliches erreichen konnte. Nicht für irgendwen, sondern für Menschen, deren Schicksal mir nahegeht, und für die Gerechtigkeit. Die Menschen sollen ähnlich gute Chancen haben im Leben.

S&S: Robert Bosch war vor allem sehr pro-europäisch, eine zu seiner durch nationale Gedanken geprägten Zeit ungewöhnliche und neue Orientierung, dennoch – oder eben deswegen – auch richtungweisend. Sie engagieren sich heute besonders für Menschenrechte und die Stärkung von Mädchen und Frauen weltweit. Wo sehen Sie Parallelen zwischen Ihnen und Ihrem Großvater?

Bosch: Nun, wir sind beide im Menschenrechtsbereich aktiv geworden. Er nannte das „Menschenwürde“. Beide teilen wir die Überzeugung, dass Demokratie ein Prozess ist, bei dem strukturelle Themen sehr wichtig, wenn auch die schwierigsten sind. Ein Beispiel: Mein Großvater hatte bei seiner Lehrstelle Pech gehabt und nie fertig studiert. Daher rührt auch sein Einsatz für die Volksbildung, für Bildungschancen für Benachteiligte. Chancengleichheit verstand er von innen heraus. Ich bin privilegiert aufgewachsen, habe eine sehr gute Ausbildung bekommen und auch gelernt, selbstbewusst aufzutreten. Ich erkenne, dass das für Mädchen und Frauen leider nicht die Norm ist, auch heutzutage nicht. Ich wäre dem Großvater gerne begegnet, obwohl ich als Frau da sicher keinen leichten Stand gehabt hätte. Man hatte ja große Angst vor ihm, und mit seiner Rolle als extremer Patriarch hätte er sich wohl kaum auseinandersetzen wollen. Welche Ungerechtigkeiten ihn wohl heute am meisten beschäftigen würden? Vielleicht die Ausbeutung von Arbeitern im Rahmen der Globalisierung, der Neoliberalismus, die Chicagoer Schule als Verfälschung „seines“ Liberalismus Naumann’scher Prägung. Frauenrechte waren zu Zeiten meines Großvaters eine recht neue Forderung, ich befürchte, damit war er überfordert, auch wenn er Demokrat war. Heute haben wir eine andere Zeit, niemand ist hier doch noch ernsthaft am Patriarchat interessiert, im Sinne einer aktiven Entmündigung von Frauen.

S&S: Inwiefern unterscheidet sich denn das Bild und Selbstverständnis eines Stifters von dem einer Stifterin?

Bosch: Alles hierzu in einem Satz muss eine Pauschalisierung sein. Manche Stifterinnen erben von ihrem vorher gestorbenen Gatten und stiften zu seinem Gedenken. Frauen, die diese Bindung des Geldes nicht haben, sind eher teamorientiert, für sie sind Gemeinschaftsstiftungen und Bürgerstiftungen interessant. Viele Untersuchungen zeigen, dass Frauen sich das Geldgeben sehr gründlich überlegen, eher vorsichtig mit kleinen Summen anfangen und wenig Interesse an einem „großen Wurf“ haben. Das Ganze soll in sich stimmig und nachhaltig sein, da ist der Beratungsbedarf groß und der Prozess braucht seine Zeit. Frauen fragen auch mehr nach einer nachhaltigen Geldanlage.

S&S: Sie sind aktiv in dem von Ihnen mit gegründeten Erbinnennetzwerk Pecunia, wo Erbinnen, die mindesten eine halbe Mio. € besitzen, gemeinsam über ihre Rolle als reiche Frauen reflektieren. Warum brauchen Frauen ein Netzwerk, um sich über diese Themen auszutauschen?

Bosch: Sagen Sie mal „reiche Erbin“ – das klingt anders als „reicher Erbe“, oder? Die Vorurteile, mit denen wir so konfrontiert sind, sind schon speziell. Das ist einer der Gründe. Ein anderer ist: Viele von uns gehören nicht zur „High Society“, in unserem Umfeld sind wenige Reiche. Viele finden hier zum ersten Mal „Peers“ außerhalb der eigenen Familie. Der Austausch tut einfach gut. Und: Ohne Männer können wir hübsch sachlich arbeiten, es gibt wenig Selbstdarstellerinnen. Das ist eindeutig anders als in gemischten Zusammenhängen.

S&S: Welcher Aspekt der Rolle als wohlhabende Erbin wird im Netzwerk besonders häufig aufgegriffen?

Bosch: Viele von uns sind es überdrüssig, für dumm verkauft zu werden. Da ist ein großes Misstrauen gegenüber Banken und auch vielen Beratern. Eine Rolle spielen außerdem Themen wie Partnerschaft und Kinder – wie und wann will ich wie viel vererben?

S&S: Sie sind ja schon lange als Stifterin und Spenderin aktiv und bewegen sich in einem Umfeld zahlreicher Gleichgesinnter. Haben Sie den Eindruck, dass die Rolle der Frau als Philanthropin sich im Laufe der Zeit verändert hat?

Bosch: Da ist viel passiert. Frauen haben sich mit dem Geld sehr bedeckt gehalten, und es gibt ja immer noch gute Gründe hierfür. Aber immer mehr wagen sich auch in die Öffentlichkeit. Im Pecunia-Netzwerk war ich längere Zeit eine der wenigen, die für Interviews zur Verfügung stand – jetzt sind es schon etliche.

S&S: Ganz in dem Sinne Ihrer Vision vom vernünftig gegebenen Geld plädieren Sie in Ihrem Buch „Besser spenden!“ [vgl. Kurz-Rezension in S&S 2/2008, S. 46] für strategisches, langfristig ausgerichtetes Geben mit klaren Prioritäten. Als Basis der Entscheidung für solches Engagement empfehlen Sie die Besinnung auf ein bestimmtes Thema, das einem am Herzen liegt. Nun spenden viele Menschen aus spontaner Betroffenheit oder bedenken viele Einrichtungen mit kleineren Summen – warum soll das schlechter sein?

Bosch: Viele betreiben das Spenden mehr nebenher, reaktiv, und glauben häufig selbst nicht so recht an die Wirkung. Und dabei kommt heraus, dass die meisten von uns nicht so viel spenden, wie sie könnten oder auch selbst es gerne täten, wenn sie wirklich motiviert wären. Die Erfahrung zeigt: Wer näher dran ist am Geschehen, bleibt auch eher dabei und tut, was er oder sie kann. Kleinere Organisationen und Projekte können zudem nicht so breit werben. Sie sind darauf angewiesen, dass einige Spender und Spenderinnen, die die Anliegen gut verstehen, gezielt und längerfristig spenden.

S&S: Alexander Glück schreibt in seinem jüngst erschienenen Buch „Die verkaufte Verantwortung“ [vgl. in diesem Heft S. 29] ganz in Ihrem Sinne, dass man vor allem bewusst spenden solle, und wirft der Fundraising-Branche u.a. die Entmündigung und emotionale Ausbeutung der Spender vor. Wie kann sich ein spendenbereiter Mensch vor geschicktem Spendenmarketing schützen? Was empfehlen Sie?

Bosch: Ich persönlich reagiere nicht auf breite Spendenwerbung. Mir fallen bei der Zeitungslektüre oder im Internet Organisationen auf, die ich interessant finde. Auf die gehe ich aktiv zu. Was ich dann an Informationen bekomme und wie ich sie erhalte, sagt mir schon etwas über die Arbeitsweise dort.

S&S: Warum ist „richtiges Spenden“ so schwer? Man will doch mit dem eigenen Geld etwas Nützliches tun – warum gibt es so viele Fallstricke?

Bosch: So schwer ist es gar nicht, und von „Fallstricken“ würde ich nicht reden. Gute Arbeit geschieht an allen Ecken und Enden, und überall fehlt Geld. Vorsicht gilt aber bei allzu emotionalen Anfragen – ob aus dem Bekanntenkreis oder über die Medien. Natürlich gibt es Notlagen, aber eine Organisation kann es sich nicht leisten, aus der Not heraus zu agieren. Genauso wenig wie eine Firma.

S&S: Die gerade erschienene Studie „Regenbogen-Philanthropie!“ [vgl. Kurz-Rezension in diesem Heft, S. 53 f.] der Dreilinden gGmbH, an deren Gründung Sie auch beteiligt waren, macht deutlich, dass sich nur sehr wenige Stiftungen in Deutschland dem LSBTI-Thema, also der lesbisch-schwulen, bi-, trans- und intersexuellen Menschenrechtsarbeit im globalen Süden und Osten widmen. In der Konkurrenz der Spendenziele steht dieses Thema hinten an. Wie können solche untergeförderten Themen gegen die beliebteren Spendenzwecke attraktiver werden?

Bosch: Gute Frage – komplexe Frage. Das kann ich leider nicht ohne Fachchinesisch. Häufig geht es um das „framing“. So sind LSBTI-Themen als „mainstream“ der Menschenrechtsthematik darzustellen. Die progressiv eingestellte Bevölkerung ist dafür, aber die Institutionen haben diese Integration noch nicht vollzogen. Es gibt in anderen Ländern positive Beispiele, gelungene Förderungen – die müssen wir ins Land bringen. Und dabei den Kosten-Nutzen-Effekt klarstellen: Hier ist mit wenig Geld viel zu erreichen, im Vergleich etwa zur klassischen Entwicklungshilfe. Und für jede Anspruchsgruppe die Argumente anbieten, die sie versteht. Das wäre bei der Wirtschaft: Jede deutsche Firma möchte ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch im Ausland sicher wissen. Was macht der Daimler-Manager in Singapur? Dort droht lebenslange Haft für Sex zwischen Männern. LSBTIMenschenrechte können Daimler nicht egal sein.

S&S: Sie haben einige Jahre in den USA verbracht und das dortige Verständnis von Philanthropie kennengelernt. Welche Unterschiede zur Situation in Deutschland sehen Sie?

Bosch: Der Weg zur Geldbörse ist eindeutig kürzer. „Writing a check“ scheint wesentlich attraktiver zu sein als einen Überweisungsträger auszufüllen. Und es wird gerne gefeiert. Hierzulande kommt es vor, dass unsere Stiftung zum Feiern einlädt und keiner hat Zeit. Dort werden Sie aber auch wirklich hartnäckig um Spenden angegangen, kein Vergleich. Wirklich neidisch bin ich auf die Transparenz im gemeinnützigen Sektor. Wir wissen nicht, welche Summen Deutschlands Stiftungen im Jahr für ihre Arbeit wirklich ausgeben – wie sollen wir da einen Überblick bekommen, was geschieht?

S&S: Die Rockefeller-Foundation führt sogar eigene Lehrgänge für Philanthropen durch, an denen auch Sie teilgenommen haben. Welche neuen Erkenntnisse konnten Sie dort gewinnen?

Bosch: Wir haben dort an sehr langen Arbeitstagen Präsentationen von höchstem Niveau gehört und diskutiert – in Townships in Südafrika, in New York, bei lokalen und internationalen Organisationen. Wir mussten selbst präsentieren. Ich habe gelernt, was wirkliche Qualität bei gemeinnütziger Arbeit sein kann.

S&S: Welche Zukunftspläne haben Sie für Ihr Vermögen?

Bosch: Mein Finanzvermögen ist mein Arbeitsmaterial, das möchte ich weiterhin vergnügt sozial investieren. Wichtiger aber ist, wirklich nachhaltig und ganzheitlich zu arbeiten. Da sehe ich einen weiten Weg vor mir. Wenn ich es richtig mache, wird alles immer besser, je mehr ich lerne.

S&S: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Zum Interview

Zur Person

Ise Bosch, geboren in Stuttgart, lebt heute in Hamburg. Sie spendet seit vielen Jahren für die weltweite Durchsetzung der Menschenrechte, ist Initiatorin des International Fund for Sexual Minorities der Astraea Lesbian Action Foundation in New York [www. astraeafoundation.org] und war an der Gründung des Pecunia Erbinnen-Netzwerks [www.pecunia-erbinnen.net] beteiligt. Bei der von ihr mit gegründeten filia.die frauenstiftung [www.filiafrauenstiftung.de] ist sie Mitglied des Vorstands, weiterhin Gründerin und Gesellschafterin der Dreilinden gGmbH – Gesellschaft für gemeinnütziges Privatkapital [www.dreilinden.org]. Sie ist außerdem Mitglied des Anlageausschusses der sozialökologisch ausgerichteten GLS-Bank [www.gls.de] und des ökologischen Beirats der oeco capital lebensversicherung [www.oeco-capital. de], des LBGT-Beirats bei Human Rights Watch und des Stiftungsrates der Berghof Stiftung sowie Autorin des Ratgebers „Besser spenden!“ [www.besser-spenden.de].

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