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Gespräche

HELMUT LINSSEN

Hauptaufgabe der RAG-Stiftung ist es, bis Ende 2018 möglichst viel Kapital anzusammeln, so Helmut Linssen, Finanzvorstand der RAG-Stiftung. Hieraus sollen die sogenannten Ewigkeitsaufgaben zur sozialverträglichen Beendigung des subventionierten Steinkohlenbergbaus erfüllt werden. Dazu zählen Grundwasserhaltung und Grundwasserreinigung an den Bergbaustandorten. "Endliche" Aufgaben wie die Regulierung von Bergbauschäden übernimmt die RAG. Die Stiftung erfülle damit ein gesellschaftspolitisches Anliegen. Generell sieht er Stiftungen als Ergänzung zu einer Grundförderung des Staates.

Helmut Linssen (Foto: M. Dahlhoff)

S&S: Die Ruhrkohle AG – kurz RAG – wurde 1968 als Gesamtgesellschaft des Ruhrbergbaus gegründet. Im Jahr 2007 wurde dann die RAG-Stiftung gegründet. Wie ist diese entstanden?

Linssen: Die Bergbaukrise seit dem Ende der 50er Jahre führte zu immer mehr Zechenschließungen. Deutsche Kohle war zu teuer und am Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig. 1968 wurden als Konsequenz daraus die Kohleaktivitäten gebündelt, um zu gewährleisten, dass die rentabelsten Zechen überleben können. Diese Bündelung war eine kluge Entscheidung, die später dazu geführt hat, dass mit Subventionen des Bundes und der beiden Kohleländer Nordrhein-Westfalen und Saarland die Produktion, an der viele Tausend Arbeitsplätze hingen, zunächst aufrecht erhalten und dann Stück für Stück zurückgeführt werden konnte. Das Wissen darum, dass aber auch die Subventionen nicht bis in alle Ewigkeit weiter gezahlt werden konnten, mündete dann 2007 in den Kohlekompromiss, in dem sich der Bund, die Länder, die RAG und die Gewerkschaften darauf verständigten, den Kohlebergbau zum 31.12.2018 auslaufen zu lassen. Das Wichtige daran war, dass der Ausstieg aus der Steinkohleförderung sozialverträglich geschehen sollte. Das ist bis heute auch eingehalten worden.

S&S: Welchen Aufgaben hat sich die RAG-Stiftung in Folge dieses Veränderungsprozesses verschrieben?

Linssen: Die RAG-Stiftung gewährleistet die sozialverträgliche Beendigung des subventionierten Steinkohlenbergbaus in Deutschland und finanziert ab 2019 die so genannten Ewigkeitsaufgaben. Dazu zählen die Grubenwasserhaltung, Poldermaßnahmen – das ist das Pumpen von Oberflächenwasser – und die Grundwasserreinigung an ehemaligen Bergbaustandorten. Die hierfür benötigten Mittel nehmen wir ein über Veräußerungserlöse von Anteilen an der Evonik Industries AG, Erträgen aus Beteiligungen sowie aus unserer Kapitalanlage. Die Regulierung von Bergschäden, also Schäden an Gebäuden oder Straßen, die auf bergbauliche Aktivitäten zurückzuführen sind, und die Pensionen der Bergleute trägt dagegen die RAG selbst. Dafür hat die RAG in ausreichendem Maße Rückstellungen gebildet.

S&S: Warum wurde die Unterscheidung getroffen, dass die weitere Bearbeitung der Wasserhaltung bei der Stiftung angesiedelt wird, während etwa die Bergbauschadensregulierungen bei der RAG selbst verbleiben?

Linssen: Die Aufgaben der RAG sind endlich, die der RAG-Stiftung nicht – daher heißen diese auch Ewigkeitsaufgaben. Mit der Gründung der RAG-Stiftung sollte vor allem der Steuerzahler entlastet werden. Kosten aus den Ewigkeitsaufgaben fallen an, solange an Ruhr und Saar Menschen leben. Und das wird vermutlich noch sehr lange der Fall sein. Wir haben also eine Aufgabe für die Ewigkeit.

S&S: Warum die Rechtsform Stiftung? Gab es Alternativen?

Linssen: Nein, es gab damals nur die Überlegung, ob man eine öffentlich-rechtliche oder eine bürgerlich-rechtliche Stiftung errichten sollte. Es ist damals bewusst der Weg gewählt worden, diese Stiftung bürgerlich-rechtlich und mit unternehmerischer Verantwortung zu gründen, weil es Aufgabe der Stiftung ist, bis zum Ende des Jahres 2018 möglichst viel Kapital anzusammeln. Aus dem Kapitalstock sollen schließlich – nach heutiger Schätzung – Kosten für Ewigkeitsaufgaben in Höhe von rund 220 Mio. € pro Jahr übernommen werden. Und diese erhöhen sich dann inflationsbedingt von Jahr zu Jahr. Insofern sind wir auf einem sehr guten Weg. Die RAG-Stiftung nimmt schon heute jährlich mehr ein, als sie in den Jahren ab 2019 für die Ewigkeitsaufgaben ausgeben muss.


Im Gespräch: Erich Steinsdörfer (li.) und Helmut Linssen (Foto: M. Dahlhoff)

S&S: Vor diesem Hintergrund ist die Stiftung so aufgestellt, dass die öffentliche Hand durch Mitgliedschaft in den Gremien der Stiftung auch weiterhin Verantwortung mitträgt, richtig?

Linssen: Es waren der Bund, NRW und das Saarland sowie die Gewerkschaft IG BCE, die den sozialverträglichen Ausstiegsbeschluss gemeinsam gefasst haben. Die Stiftung hat ein Kuratorium, das den Vorstand kontrolliert. Wir haben fünf geborene Mitglieder in diesem Aufsichtsgremium: den Bundeswirtschaftsminister, den Bundesfinanzminister, die Ministerpräsidentinnen der beiden Kohleländer und den Vorsitzenden der Gewerkschaft IG BCE. Darüber hinaus gibt es derzeit acht gekorene Mitglieder, die satzungsgemäß von den drei Hauptbeteiligten benannt werden.

S&S: Über die bereits beschriebenen Aufgaben hinaus haben Sie sich einen breiteren Zweckbereich gegeben. Wie weit ist dieser?

Linssen: Unsere Hauptaufgabe ist es, Kapital anzusammeln, um aus den Erträgen der Kapitalanlage die Finanzierung der Ewigkeitsaufgaben zu übernehmen. Das ist auch so in unserer Satzung verankert. Darüber hinaus haben wir die Möglichkeit, Projekte in Bildung, Wissenschaft und Kultur in den Steinkohleregionen an Ruhr und Saar zu fördern, die im Zusammenhang mit dem Steinkohlenbergbau stehen. Auch das ist eine unserer satzungsgemäßen Aufgaben.

S&S: Die RAG-Stiftung engagiert sich im Initiativkreis Ruhr, um die Entwicklung des Ruhrgebiets und dessen Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, und unterstützt das Bildungsprogramm TalentMetropole Ruhr. Was fördert sie darüber hinaus?

Linssen: Das Bildungsprojekt TalentMetropole Ruhr ist eine von vielen Förderaktivitäten. Bis 2013 haben wir 1,5 Mio. € pro Jahr für Projekte eingesetzt. 2014 werden wir aufgrund des gestiegenen Bedarfs erstmals 4,5 Mio. € aufwenden. Wir fördern sehr systematisch und arbeiten u.a. mit dem Initiativkreis Ruhr zusammen, einem Zusammenschluss von 67 großen Unternehmen im Ruhrgebiet. Durch unser Engagement beim Bildungsprojekt TalentMetropole Ruhr und im Programm Get Ready unterstützen wir beispielsweise Schüler und Schulabbrecher dabei, Ausbildungsreife und einen Ausbildungsplatz zu erlangen. Die RAG hat sich über Jahrzehnte in der Ausbildung – gerade auch von jungen Menschen mit weniger guten Startbedingungen – engagiert. Wir möchten dieses Engagement gerne aufgreifen, weil uns die Ausbildung junger Menschen an Ruhr und Saar besonders am Herzen liegt. Im wissenschaftlichen Bereich fördern wir unter anderem die Technische Fachhochschule Georg Agricola in Bochum. Wir haben hier eine Stiftungsprofessur für Geoingenieurwesen und Nachbergbau eingerichtet. Im kulturellen Bereich unterstützen wir, um nur ein Beispiel zu nennen, die Ausstellung „Das Erbe“ im Saarland, die auf 250 Jahre Bergbau in der Region zurückblickt und die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Bergleute sowie die Bedeutung des Bergbaus für die industrielle Entwicklung des Saarlandes zeigt.

S&S: Sie sind Finanzvorstand der RAG-Stiftung. Können Sie uns schildern, auf welchen Säulen das aktuelle Kapitalanlageportfolio basiert?

Linssen: Die Stiftung verfügt zurzeit über ein Vermögen von rund 13 Mrd. €. Dieses setzt sich zusammen aus unserer rund 68.%-igen Beteiligung am Spezialchemiekonzern Evonik mit einem Wert von derzeit circa 9 Mrd. €. Außerdem gehören der Stiftung 30 % am Immobilienkonzern Vivawest im Wert von rund 1 Mrd. €. Unsere Kapitalanlagen liegen bei einer Größenordnung von circa 3 Mrd. €. Wir haben jedes Jahr etwa 350 Mio. € an Erträgen aus unserem Vermögen neu anzulegen. Dabei investiert die Stiftung zunehmend global in verschiedene Anlageklassen. Nach der Anpassung unserer Kapitalanlagerichtlinie Ende 2013 werden wir künftig auch verstärkt in die gewerbliche Wirtschaft investieren. Auf lange Sicht streben wir für das Stiftungsvermögen ein breit diversifiziertes globales Portfolio an, das uns eine stabile Rendite bei überschaubarem Risiko garantiert.

S&S: Sie sprechen Änderungen an der Kapitalanlagerichtlinie an, die 2008 und somit in der letzten Finanzkrise festgelegt wurde. In der Zwischenzeit ist viel passiert und die andauernd niedrigen Zinsen werfen nicht mehr das ab, was an durchschnittlichem Ertrag geplant war. Wie haben Sie darauf reagiert?

Linssen: Wir haben das Problem vieler Stiftungen. Denn eine sehr konservative Anlagepolitik reicht für die heutigen Verhältnisse nicht mehr aus. Für uns war es daher naheliegend, mehr in Immobilien, Infrastrukturinvestments und Unternehmensbeteiligungen, das so genannte Private Equity-Geschäft, zu gehen – aber immer unter strenger Beachtung von Risikobudgets.

S&S: Der Anteil an Evonik soll verringert werden. Aus welchen Gründen soll dies geschehen?
Linssen: Sicherlich bringt Evonik für die Stiftung gute Erträge. Aber die Beteiligung stellt auch ein gewisses Konzentrationsrisiko dar. Deshalb werden wir – ganz im Einklang mit unserer Satzung – diesen Anteil im Laufe der Zeit weiter verringern. Wir haben durch den Börsengang des Unternehmens, der im letzten Frühjahr gelungen ist, jederzeit die Möglichkeit, am Aktienmarkt tätig zu werden. Aber wir haben keine Eile, zumal wir Anfang Juni sehr erfolgreich eine Umtauschanleihe auf Evonik-Aktien begeben haben, die uns 600 Mio. € eingebracht hat. Dieses Geld werden wir jetzt einmal neu anlegen. Hier schauen wir uns nach Möglichkeiten um, von denen es zahlreiche gibt.

S&S: Bei der Mehrzahl der Stiftungen in Deutschland, die allerdings einen gemeinnützigen Hintergrund haben, kommen einige Anlageklassen nicht in Betracht, wie eben Private Equity. Sehen Sie es als Nachteil oder als Vorteil, diesen Status der Gemeinnützigkeit nicht zu haben?

Linssen: Wenn Sie ein unternehmerisches Ziel wie die RAG-Stiftung verfolgen, ist es sicherlich ein großer Vorteil, dass unsere Stiftungskonstruktion so ist, wie sie ist.

S&S: Fühlen Sie sich eher zum Stiftungs- oder zum Unternehmenssektor zugehörig, oder lässt sich das gar nicht eindeutig zuordnen?

Linssen: Wenn Sie diese Unterscheidung vornehmen wollen, ist es sicherlich mit Blick auf die Finanzierung der Ewigkeitsaufgaben unsere Hauptaufgabe, unternehmerisch tätig zu sein. Erst wenn die Erfüllung dieser Aufgabe gewährleistet ist, können wir auch Projekte in Bildung, Wissenschaft und Kultur fördern. Darauf haben auch die Länder und der Bund ein Augenmerk, da sie für die Ewigkeitsaufgaben haften, falls die RAG-Stiftung die finanziellen Mittel nicht zur Verfügung stellen kann. Aber ich kann Sie beruhigen: Diesen Fall sehe ich nicht.

S&S: Haben Sie denn ein Förderbudget für Bildung, Wissenschaft und Kultur, das Sie nicht überschreiten dürfen?

Linssen: Die Ausgaben für diese Bereiche werden jährlich über das Budget, das vom Kuratorium zu genehmigen ist, festgelegt. Das Budget für 2014 liegt bei 4,5 Mio. € – Tendenz steigend.

S&S: Die RAG-Stiftung ist eine der größten Stiftungen Deutschlands. Wie sehen Sie die Rolle und Einflussmöglichkeiten großer Stiftungen in unserer Gesellschaft?

Linssen: Es gibt sicherlich Stiftungen, die größere Volumina bewältigen, wobei wir langsam in eine zunehmend bedeutendere Rolle auf diesem Gebiet hineinwachsen. Die Förderanfragen sind natürlich enorm. Aber wir haben den genannten, engen Stiftungszweck, weswegen wir Förderanfragen oft ablehnen müssen. Doch auch die Finanzierung der Ewigkeitsaufgaben ist eine gesellschaftspolitisch sehr relevante Aufgabe. Grundsätzlich wollen wir die Regionen, die mit dem Steinkohlenbergbau nach dem Krieg enorm zum Aufstieg der Bundesrepublik beigetragen haben, über unsere Förderung beim erforderlichen Wandel unterstützen.

S&S: Was können Stiftungen aus Ihrer Sicht leisten, was Politik und Wirtschaft nicht leisten können?

Linssen: Ich freue mich sehr darüber, dass wir diese doch enorme Zunahme an Stiftungsgründungen in den letzten Jahren verzeichnet haben und dass die Stifter je nach ihrer Intention im sozialen, kulturellen und gesellschaftspolitischen Engagement deutliche Akzente setzen. Damit stoßen sie in Lücken, die die staatlichen Organisationen oftmals nicht füllen können, und bereichern die Gesellschaft in besonderem Maße.

S&S: Was bedeutet das für die Politik?

Linssen: Ich meine, dass sich die Politik nicht auf freiwilliges Engagement verlassen darf, wo sie selbst Aufgaben nicht in ausreichendem Maße erfüllen kann. Die Leistungen der Stiftungen sollten als Ergänzung zu einer Grundförderung des Staates in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen gesehen werden, denn nur so wird auch die Gesellschaft reicher.

S&S: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Erich Steinsdörfer.

Interview als kostenfreier PDF-Download

Zur Person

Dr. Helmut Linssen, geboren am 21. Juni 1942 in Krefeld, verheiratet, eine Tochter, fünf Enkelkinder. Gelernter Groß- und Außenhandelskaufmann, promovierter Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler und mittelständischer Unternehmer. Seit 1972 Mitglied der CDU und Inhaber zahlreicher politischer Ämter, u.a. 30 Jahre Mitglied des Landtags NRW, Generalsekretär der NRW-CDU, von 1990 bis 1999 Vorsitzender der Landtagsfraktion, von 2000 bis 2005 Vorsitzender des Ausschusses für Wirtschaft, Mittelstand und Technologie und 1. Vizepräsident des Landtags von NRW, von 2005 bis 2010 Finanzminister des Landes NRW. Von 2008 bis 2010 und wieder seit 1. Dezember 2012 Mitglied des Aufsichtsrats der RAG AG und der RAG Deutsche Steinkohle AG sowie seit Mitte 2013 Aufsichtsratsvorsitzender des Immobilienunternehmens Vivawest GmbH. Am 1. Dezember 2012 Bestellung zum Vorstand der RAG-Stiftung.

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