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Akteure & Konzepte

Gespräche

HEINZ DÜRR, Unternehmer und Stifter

Er baute die Firma Dürr zum Weltmarktführer aus, führe den AEG-Konzern durch eine schwere Krise, führte die Deutsche Bahn als Unternehmen und war Stiftungskommisar der Carl-Zeiss-Stiftung. Doch beruflicher Erfolg allein vermag Heinz Dürr nicht zu beschreiben. Zusammen mit seiner Frau gründetet er die Heinz und Heide Dürr Stiftung und auch das Familienunternehmen stellt sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung.

Interview in Stiftung&Sponsoring 3/2006 Foto: Andrea Katheder

S&S: Sehr geehrter, lieber Herr Dürr, wann ist Ihnen der Begriff „Stiftung“ zum ersten Mal begegnet?

Dürr: Der Begriff Stiftung hat mich natürlich bei grundsätzlichen Überlegungen zu Gesellschaftssystemen interessiert. Konkret wurde es, als ich mich mit der Robert Bosch Stiftung beschäftigt habe. Mich hat an ihr fasziniert, wie sich – durch eine nach dem Geist und Willen des Unternehmers gebildete Organisation – geschäftlicher Erfolg in gemeinnützige Werke umsetzen lässt. Bosch hat sein Lebenswerk über seinen Tod hinaus gesichert und gleichzeitig in Bildung, Gesundheitsförderung, Völkerverständigung und andere zukunftsorientierte Aufgaben investiert. Er hat dabei die Stakeholder in ausgewogener Weise einbezogen.

S&S: Sie haben die Firma DÜRR zum Weltmarktführer von Lackieranlagen für die Automobilindustrie ausgebaut. Sie waren Chef der AEG und haben die Behörden Bundesbahn und Reichsbahn zur privatwirtschaftlich organisierten Deutschen Bahn AG entwickelt. Offensichtlich suchten Sie stets anspruchsvolle Aufgaben. Sie sind auch Stiften gegangen – wo sehen Sie dabei die Herausforderung bzw. was war Ihre Motivation?

Dürr: Unsere Überlegung ist, wir sind ein reiches Land, aber wir haben einen armen Staat. Deshalb müssen sich die Privaten viel mehr in gesellschaftliche Fragen einbringen als in der Zeit nach dem Krieg, als jeder selbst ums Überleben kämpfte. Aus dieser Motivation heraus habe ich mit meiner Frau zusammen eine Stiftung gegründet.

S&S: Welchen Zwecken widmet sich die Heinz und Heide Dürr Stiftung?

Dürr: Unsere Stiftung fördert: Die Wissenschaft und Forschung insbesondere auf dem Gebiet der Humangenetik und der Molekularbiologie; die Fürsorge, Betreuung und Erziehung junger sozialgefährdeter Menschen; die Volks- und Berufsbildung insbesondere im Bereich des Jugend- und Studentenaustauschs sowie die Kunst und Kultur im Bereich des deutschsprachigen Theaters.

S&S: Das Förderspektrum Ihrer Stiftung ist sehr breit angelegt. Wo liegen die Schwerpunkte; wo sind die Perspektiven?

Dürr: Die wichtigen Vorhaben, die unsere Stiftung finanziert, liegen einmal in der Humangenetik, wo nun wirklich bestimmend sein wird, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt. Aber genauso gilt das für die frühkindliche Erziehung, dem Schwerpunkt Nr. 2 unserer Stiftung. Hierzu hat meine Frau zu Recht bemerkt: Für so viele Dinge, für Segeln oder Mopedfahren, muss man einen Führerschein machen, aber beim Wichtigsten, der Kindererziehung, darf jeder tun, was er für richtig hält. Die aktuelle Diskussion um Gewalt in Schulen zeigt die Folgen.

S&S: Welche Projekte oder Initiativen fördert Ihre Stiftung momentan?

Dürr: Ein ganz wichtiges Thema ist, wie gesagt, die frühkindliche Erziehung. Hier haben wir das Thema Early Excellence aus Großbritannien übernommen und einen Pilotkindergarten, die Schillerstraße in Berlin, finanziert. Dieses Projekt ist so erfolgreich, dass wir inzwischen einen Verein „Zentrum für Kinder und ihre Familien“ gegründet haben, der in Deutschland zu dem Forum werden soll, in dem Konzepte einer qualitätsvollen, familien-orientierten Kleinkindpädagogik gefördert werden. Der Verein kann auch Mittel von Privatpersonen, Betrieben und anderen Stiftungen einwerben, die ein Beirat dann an ausgewählte Einrichtungen vergibt.

S&S: Ihre Stiftung tritt in der Rechtsform der GmbH auf – ein schwäbischer Weg, wenn man an die Robert Bosch Stiftung GmbH, die Mahle Stiftung GmbH oder die Breuninger Stiftung GmbH denkt. Welche Vorteile sehen Sie darin?

Dürr: Eine GmbH kann, auch in der Gemeinnützigkeit, unternehmerischer geführt werden als die starrer ausgestaltete Stiftung. Es finden weniger Bürokratie und weniger Bevormundung durch staatliche Aufsichtsbehörden statt. Die Stiftung in der Rechtsform der GmbH kann zudem, allerdings nur unter Nachzahlung aller ersparten Steuern, die sich aufgrund der Gemeinnützigkeit ergeben haben, zurückgedreht werden. Wenn das also meine Nachkommen, die in die Gesellschafterrechte ihrer Eltern eintreten, wollen, na dann ja.

S&S: Als Theater- und Kulturliebhaber haben Sie viele Jahre in der Position des Vorstandsvorsitzenden des Vereins der Freunde und Förderer des Deutschen Theaters und der Kammerspiele e.V. insbesondere die Berliner Theaterlandschaft ideell und materiell unterstützt. Was war Ihnen hierbei das wichtigste Anliegen?

Dürr: Ich halte das Sprechtheater für eine sehr wichtige kulturelle Einrichtung, denn hier können Themen in ganz anderer Art und Weise aufgearbeitet werden als das im Kino oder im Fernsehen möglich ist. Im Theater setze ich mich mit Menschen auseinander, mit Themen, die Menschen betreffen. Dieser Reiz hat selbst den Kaufmann Matthias Hartmann ins Regiefach wechseln lassen.

S&S: Wie können Sie als Unternehmer, vom Stern im Juli 2003 als „Allzweck-Waffe“ gegen Krisen bezeichnet, kulturellen Einrichtungen beistehen und helfen?

Dürr: Das geht zunächst über meine Stiftung, die kulturelle Einrichtungen finanziell unterstützt. Hier gilt die Erkenntnis des vor 20 Jahren verstorbenen Joseph Beuys: „Der Kulturbegriff ist das Wirtschaftsprinzip und umgekehrt.“ Aber ich habe mich auch immer wieder mit persönlichem Rat eingemischt. Auf Anregung der früheren Berliner Kultursenatorin Christa Thoben habe ich etwa einen Controller der AEG für das Deutsche Theater eingesetzt. Zu meiner freudigen Überraschung waren die Künstler und Mitarbeiter von betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten zu überzeugen.

S&S: Im Jahr 1997 stifteten Sie den „Heinz-Dürr-Stückepreis“. Er ist mit 50.000 € dotiert und wird alle zwei Jahre verliehen. Welche Leistungen wollen Sie damit auszeichnen und was soll der Preis bewirken?

Dürr: Zunächst schrieben wir den Preis aus und erhielten jedes Mal an die zweihundert Einsendungen, mit denen sich die Jury auseinander zu setzen hatte. Wir haben inzwischen unser Verfahren geändert und geben heute Stipendien an ausgewählte Autoren, damit sie ihre Stücke in Verbindung mit dem Theater – derzeit vor allem mit dem Deutschen Theater in Berlin – entwickeln können. Das ist innovativer und qualitätsvoller.

S&S: Sie haben einmal gesagt: „Je größer das Unternehmen, desto größer die gesellschaftliche Bedeutung“. Wie wichtig war Ihnen das gesellschaftliche Engagement, neudeutsch das Corporate Citizenship, der von Ihnen geführten Betriebe?

Dürr: Ich habe ein Unternehmen immer als „Gesellschaftliche Veranstaltung“ gesehen und das war natürlich auch wichtig für die Firma DÜRR.

S&S: In welchen Bereichen engagiert sich die DÜRR AG, ein börsennotierter Konzern mit einem Jahresumsatz von 1,4 Mrd. €, dessen Aufsichtsratsvorsitzender Sie sind?

Dürr: In der Firma DÜRR gibt es seit 30 Jahren die Veranstaltungsreihe „Kultur erlebt“. Fünf bis sechs mal im Jahr laden meine Frau und der Betriebsratsvorsitzende Kulturschaffende aus den Bereichen Konzert, Musical, Theater und Kabarett ins Unternehmen ein. Der Betriebsrat organisiert die Veranstaltungen, die Firma trägt alle Kosten. Wir haben auch schon Künstler eingeladen, ihre Metallarbeiten im Unternehmen durchzuführen. Einmal fragte ein Künstler um Erlaubnis, seine Plastiken in der Werkshalle herzustellen. Ich habe ihm das unter der Bedingung zugesagt, dass er im Blaumann kommt – und morgens um sieben Uhr, wie die Arbeiter auch. Einige Wochen später, der Bildhauer hatte sich an die Regeln gehalten, fragte ich einen Meister nach seiner Meinung dazu. Der sagte mir, der Künstler mache das gleiche wie die anderen in der Halle, er schweiße, säge und niete – aber mit viel mehr Spaß. Und da habe ich geantwortet, dass auch die gute Arbeit ein Kunstwerk sei und genauso Spaß machen sollte. Dieser erlebte Dialog, die Kunst in der Fabrik, fördert den Gedankenaustausch, das gegenseitige Verständnis und stärkt den Teamgeist.

S&S: Welche Schwierigkeiten sind Ihnen als gesellschaftlich engagiertem Unternehmer bislang begegnet?

Dürr: Die Schwierigkeiten ergeben sich aus einer Grundeinstellung in unserer Gesellschaft, der eigentlich der Neid zugrunde liegt. Als wir z. B. den „Heinz-Dürr-Stückepreis“ stifteten, hat bei der Pressekonferenz ein Journalist gesagt: „Sie machen das doch nur, um Steuern zu sparen“. Da hat der gute Mann sicher vergessen, dass wir in Deutschland immer noch keine 100 % Steuern bezahlen.

S&S: Bis Ende 2003 waren Sie Stiftungskommissar bei der Carl-Zeiss-Stiftung. Die Stiftung ist der Prototyp der nicht gemeinnützigen Unternehmensträgerstiftung, die unter ihrem organisatorischen Dach die beiden weltweit tätigen Stiftungsunternehmen Carl Zeiss und Schott Glas vereinigt. Welche Aufgaben haben Sie an diesem Amt gereizt?

Dürr: Beide Unternehmen sind technologisch in vielen Gebieten Weltmarktführer. Da hat es mich natürlich gereizt, die Führungsaufgabe zu übernehmen.

S&S: Worin sahen Sie Ihren größten Erfolg als Stiftungskommissar?

Dürr: Das war sicher die Änderung des Stiftungsstatuts von 1896, der Krönung des Lebenswerks von Ernst Abbe. Sie hat dazu geführt, dass die beiden Unternehmen Carl Zeiss und Schott Glas als Aktiengesellschaften unter dem Dach der Carl Zeiss Stiftung geführt werden können. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden beide Unternehmen praktisch wie Einzelunternehmen geführt. Sie hatten gerade im internationalen Geschäft große Schwierigkeiten, diesen Status den Kunden und Lieferanten rüber zu bringen. Die Probleme dieser Revision waren immens. Immerhin war nach dem Statut jeder Beschäftigte in den Stiftungsbetrieben anfechtungsberechtigt. Und es hat sich sogar ein Verein gegründet, um das Erbe von Ernst Abbe zu hüten. Letztlich kam es nach § 118 des Statuts darauf an, ob sich die rechtlichen, technischen oder ökonomischen Umstände wesentlich verändert hatten. Dass das der Fall war, hat das Oberlandesgericht Stuttgart dann auch festgestellt. Die Streitigkeiten wurden dennoch bis zum Bundesverfassungsgericht durchgefochten. Aber heute sind alle dankbar über die Entflechtung, denn beide Unternehmen entwickeln sich prächtig. Und Ernst Abbe hätte das auch gewollt. Genau das habe ich auf einer Betriebsversammlung gesagt – und hinzugefügt, wenn er könnte, würde er es uns sagen. In diesem Moment klingelte ein Handy. Alle waren sich sicher: Das musste der Stifter gewesen sein.

S&S: Am 1. Dezember 2003 wurde Ihnen das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland vom Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, überreicht. Wowereit betonte in seiner Rede: „Es gibt zahlreiche Unternehmer, Manager oder Wirtschaftslenker, die ganz und ausschließlich in ihrem Beruf aufgehen. Es gibt andere, die sich darüber hinaus noch für viele weitere Dinge engagieren; die sich in ihrer Umgebung umsehen und überlegen, was verbessert werden könnte; die immer wieder Neues anschieben.“ Welche Bedeutung hatte die Ehrung für Sie?

Dürr: Ich habe mich natürlich gefreut, das große Verdienstkreuz zu bekommen, aber das war nicht der Anreiz für meinen Einsatz bei den verschiedenen Aufgaben. Gefreut hat mich, dass ich den Verdienstorden des Landes Berlin bekommen habe – und das als Schwabe.

S&S: Ihre drei Töchter haben sich für die Firma, die immer noch überwiegend im Familienbesitz steht, nie erwärmen können. Ihr Wunsch ist, dass DÜRR weiterhin DÜRR bleibt. Haben Sie schon über eine Lösung der Nachfolgefrage über ein Stiftungsmodell nachgedacht?

Dürr: Meine Stiftung hält heute gut 4 % an der Firma. Wie es weitergeht, muss man noch sehen, aber den Namen DÜRR auch weiterhin in der Firma zu vertreten, das ist für mich schon wichtig.

S&S: Kann die Verbesserung der rechtlichen und steuerlichen Rahmenbedingungen mithelfen, dass Stiften, Spenden und Sponsoring in Deutschland attraktiver wird?

Dürr: Steuerlich kann hier sicher noch einiges bewegt werden, aber im Wesentlichen geht es darum, dass die richtige Geisteshaltung in Deutschland greift. Hierfür gibt es allerdings sehr ermutigende Zeichen, denn jedes Jahr werden viele Stiftungen gegründet. Erst im letzten Jahr, so war in S&S zu lesen, sind 880 neue Stiftungen hinzugekommen. Mehr als ein Drittel aller heute bestehenden Stiftungen wurden seit dem Jahre 2000 errichtet – das ist schon eine beeindruckende Entwicklung. Und dabei sind Stiftungsgesellschaften wie die Heinz und Heide Dürr Stiftung gar nicht mitgezählt.

S&S: Wie denken Sie über Forderungen, den Pflichtteilsergänzungsanspruch zugunsten von Zuwendungen des Erblassers an gemeinnützige Stiftungen aufzuheben?

Dürr: Wer eine Stiftung gründet, hat sich etwas dabei gedacht. Er will nicht, dass sie zehn Jahre lang dem Risiko ausgesetzt ist, Stiftungsvermögen oder andere Zuwendungen wieder herausgeben zu müssen. Und genau das sieht heute ein Pflichtteilsrecht vor, wie es international einmalig ist. Schenkungen über zehn Lebensjahre und Nachlässe sind zur Hälfte durch praktisch unentziehbare Pflichtteilsrechte von Ehegatten, Lebenspartnern und Kindern gebunden. Diese Regelung widerspricht der Testierfreiheit und der Pflicht des Staates, das gemeine Wohl zu fördern. Und sie dient, wie wohl vor über hundert Jahren vom BGB-Gesetzgeber vorgestellt, auch nur selten der Versorgung der Angehörigen, denn bei größeren, zum Stiften geeigneten Vermögen, geht der Pflichtteil weit darüber hinaus. Der Gesetzgeber sollte so bald wie möglich Zuwendungen an gemeinnützige Stiftungen vom Pflichtteilsrecht ausnehmen. Nur eine kleine Ergänzung des § 2330 BGB ist dafür nötig. Damit wird dann sichergestellt, dass der Wille des Stifters, Gutes zu tun, auch vollständig vollzogen werden kann.

S&S: Sie haben in den letzten Jahren immer wieder betont, dass Sie das „Schaffe“ nicht lassen können. Welche Pläne hat der Unternehmer und Stifter Heinz Dürr?

Dürr: Ich werde mich weiter um das Unternehmen DÜRR, aber auch um die Heinz und Heide Dürr Stiftung kümmern. Hier ist viel zu tun, hier sind Ideen weiterzutragen. Das macht mir auch in meinem Alter viel Spaß.

S&S: Herr Dürr, wir danken für das Gespräch.

Zum Interview

Zur Person

Heinz Dürr, am 16.07.1933 in Stuttgart geboren, ist verheiratet mit Heide Dürr und hat drei Töchter. Dem Abitur und einer praktischen Ausbildung als Stahlbauschlosser folgte ein Studium an der TU Stuttgart. 1957 bis 1980 operativ tätig in der Firma Otto Dürr – heute DÜRR AG – zuletzt als zeichnungsberechtigter Geschäftsführer; heute Aufsichtsratsvorsitzender. 1980 bis 1990 Vorsitzender des Vorstandes der AEG AG; 1986 bis 1990 Mitglied des Vorstands der Daimler Benz AG; 1991 bis 1997 Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Bundesbahn und der Deutschen Reichsbahn bzw. ab 1994 der Deutschen Bahn AG; dann bis 1999 deren Aufsichtsratsvorsitzender. 1999 bis 2003 Stiftungskommissar der Carl Zeiss Stiftung. Vielfältige Ehrungen und Ehrenämter u. a. als Vorsitzender des Kuratoriums der Heinz und Heide Dürr Stiftung GmbH oder als Stiftungsrat der Stiftung Verum und der Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung.

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