Akteure & Konzepte

Gespräche

GERRY SALOLE

Grenzüberschreitendes Spenden und Stiften stößt immer wieder an bürokratische Grenzen. So konnte sich die EU-Kommission bislang nicht auf einen Konsens verständigen, Auslandsförderungen durch eine europäische Rechtsform für Stiftungen, die Fundatio Europaea, zu erleichtern. Für das Statut einer Europäischen Stiftung setzt sich u.a. das European Foundation Centre (EFC) ein. Es wird getragen von 230 in Europa tätigen gemeinwohlorientierten Stiftungen. Gerry Salole, Geschäftsführer des EFC, berichtet im Gespräch, wie das EFC für die Belange von Stiftungen in Brüssel eintritt.

Gerry Salole

S&S: Das European Foundation Centre (EFC) feiert in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen. Wie hat sich die Arbeit des EFC im Laufe der Jahre verändert?

Salole: Grundlegende Veränderungen gab es eigentlich nicht: Wir kommen zusammen, wir tauschen Informationen aus, wir beschäftigen uns mit der weiteren Entwicklung und arbeiten an Strategien und Grundsätzen – entweder auf einem formalisierten Weg oder auch ad hoc. Was sich aber über die Zeit tatsächlich verändert hat, ist unsere Sichtweise auf Philanthropie. Nach 25 Jahren, in denen das EFC von sieben auf mehr als 230 Mitglieder angewachsen ist, wissen wir nun sehr genau um die Kraft und Energie, die Stiftungen haben, um ihre begrenzten Ressourcen am richtigen Ort, zur richtigen Zeit, auf die richtige Art und Weise und mit den richtigen Partnern einzusetzen. Damit Stiftungen das volle Potenzial dieser Kraft umsetzen können, müssen wir uns auf neue und sehr verschiedene Art und Weisen mit einem breiteren Spektrum von philanthropischen Akteuren, der Öffentlichkeit und politischen Entscheidungsträgern beschäftigen. Wir haben etwa unsere Arbeit im Bereich Politik verstärkt, indem wir die Entscheidungsträger in Brüssel noch mehr einbeziehen. Und wir bemühen uns auch darum, die Öffentlichkeit stärker anzusprechen und ihr zu zeigen, dass Philanthropie sie unmittelbar betrifft.

S&S: Das EFC wurde am 9. November 1989 gegründet – an dem Tag, an dem die Berliner Mauer fiel. Wie hat dies das EFC beeinflusst?

Salole: Wie wir alle wissen, hat der Fall der Mauer gewaltige Veränderungen mit sich gebracht – in Ost wie in West. Den Gründern des EFC war klar, dass der zerbröckelte Beton der Mauer und der daraus resultierende Wandel vom Kommunismus hin zur Demokratie nicht das Ende einer Geschichte war, sondern der Anfang des langen Weges für Europa hin zu einer echten Demokratie und Integration. Die Zivilgesellschaft musste im Zentrum dieses Prozesses stehen. Entsprechend hat sich das EFC in den ersten Jahren darauf fokussiert, den Dritten Sektor in Zentral- und Osteuropa aufzubauen und zu unterstützen. Diese Arbeit war maßgeblich für das, was das EFC heute ist: eine Organisation mit einer breiten Repräsentanz von philanthropischen Akteuren aus ganz Europa und den Nachbarstaaten. Ewa Kulik-Bielinska von der Stefan Batory Stiftung in Polen wurde in diesem Jahr zur Vorsitzenden des EFC ernannt. Damit wurde zum ersten Mal der Vorsitz mit einer Person aus Osteuropa besetzt, und – auch das sollte erwähnt werden – sie ist die erste Frau in dieser Funktion.

S&S: Wie sehen Sie die Partnerschaft zwischen europäischen Institutionen und der Zivilgesellschaft?

Salole: Damit Stiftungen die Veränderung hin zu wirklich strategischen, fast schon chirurgischen Interventionen fortführen, müssen wir unseren Blickwinkel und unsere Haltung, wenn es um die Zusammenarbeit mit politischen Entscheidern geht, grundlegend verändern. Wir müssen dafür sorgen, dass unser Einsatz ein integraler Bestandteil der täglichen Politik wird. Das ist zukünftig unsere größte Herausforderung. Es wäre unlogisch und kontraproduktiv, nicht zusammenzuarbeiten. Wir bemühen uns auch sehr um die großen internationalen Institutionen: So haben beispielsweise Stiftungen und die OECD vereinbart, einen Kommunikationskanal für den kontinuierlichen Dialog im Rahmen der OECD Public Governance und dem Territorial Development Directorate zu etablieren.

S&S: Wie stark ist das Interesse der EU-Parlamentarier am Stiftungssektor?

Salole: Im Jahr 2010 haben wir dazu eine Umfrage unter Mitgliedern des Europäischen Parlaments gemacht. Einige Parlamentarier waren in ihrem Bereich bereits gemeinsam mit Stiftungen aktiv, wie etwa bei den Themen Umwelt und Kultur. Andere wollten gern mehr erfahren. Und es gab natürlich auch diejenigen, die gar keinen oder nur wenig Kontakt zu Stiftungen hatten.

S&S: Wie setzt sich das EFC für die Belange von Stiftungen in Brüssel ein?

Salole: Das EFC fungiert als die Stimme von Stiftungen in verschiedenen Foren und Netzwerken. Durch unsere Strategieabteilung und andere Netzwerke zu diversen Themen sind wir zu den Punkten, an denen unsere Mitglieder arbeiten, kontinuierlich mit den Mitgliedern des Europäischen Parlaments und anderen Entscheidungsträgern in Kontakt. Unsere Strategieabteilung arbeitet zudem eng mit Partnern zusammen, um das Wohlergehen unseres Sektors zu überprüfen – dazu gehört es, Lücken, Gefahren und Möglichkeiten zu identifizieren, um die Wirkung der Philanthropie im Sinne eines größeren sozialen Wandels zu verstärken. Zu drängenden Themen stellen wir Expertenbeiträge zur Verfügung, die dann in den Institutionen verteilt werden. Und es hat für uns oberste Priorität, mehr Raum für den Dialog mit den europäischen Institutionen zu schaffen, sowohl über das Internet als auch über andere Kommunikationskanäle. Unsere jährlich stattfindende “EuroPhilanthropics” bringt politische und philanthropische Entscheidungsträger zusammen, um die drängenden Probleme unserer Zeit zu diskutieren und neue Wege der Zusammenarbeit zu finden. Unsere neue Diskussionsreihe “Policy Par Lá” ist eine anregende und bisweilen provokative Politikserie, die Einblicke in Themen gewährt und die Teilnehmer auffordert, sich an der lebhaften Diskussion bezüglich schwieriger Fragen zu beteiligen. “Inter-Act” bietet eine Plattform zur Zusammenarbeit mit Partnern, um Fragestellungen, die die Menschen und Gesellschaften in Europa beschäftigen, besser zu verstehen und dafür bereits jetzt Lösungen zu erarbeiten. Durch die Nutzung dieser verschiedenen Kanäle stellen wir sicher, dass die Stimme von Stiftungen bei den politischen Entscheidungsträgern Gehör findet; gleichzeitig bekommen wir dadurch auch ein besseres Verständnis für die Themen und politischen Aspekte, die sie unmittelbar betreffen. Mit dem Philanthropy House haben wir einen offenen Ort der Begegnung geschaffen, an dem sich alle Akteure der Philanthropie, ihre Partner, politische Entscheidungsträger und die interessierte Öffentlichkeit zum Erfahrungsaustausch und Dialog treffen können – virtuell und physisch. Mit dem Philanthropy House und der guten Arbeit unserer Mitglieder und Partner sind wir nun fest in Brüssel verortet. Dadurch wird es uns möglich, die Sichtbarkeit von Stiftungen zu erhöhen und ihnen in Europas politischem und legislativem Zentrum eine Stimme zu geben. Das EFC und seine Partner kreieren Web-Blogs und sind Gastgeber von Debatten, Filmvorführungen, Ausstellungen, Diskussionen und anderen Veranstaltungen, um zum einen die bisweilen doch recht große Kluft zwischen zivilgesellschaftlichen Organisationen und den europäischen Institutionen und zum anderen zwischen diesen und der allgemeinen Öffentlichkeit zu überbrücken.

S&S: Migration war eines der Themen bei der EuroPhilanthropics 2014. Was stand noch auf der Agenda und was ist Ihrer Meinung nach das wichtigste Ergebnis?

Salole: Intention dieser Veranstaltungsreihe ist es, eine Plattform zu schaffen, auf der Akteure des Dritten Sektors und EU-Politiker die zentralen Herausforderungen Europas diskutieren und Wege identifizieren, wie NPOs einen Beitrag leisten können in dieser Zeit des Wandels, in der viele grundlegende Denkmodelle und Muster neu bewertet werden müssen oder durch das Engagement von Bürgern neu gestaltet werden. Neben dem Fokusthema Migration haben wir auch beleuchtet, wie die Philanthropie am besten auf die Jugendarbeitslosigkeit reagieren und wie sie Europa bei der Umsetzung des Traums einer echten Kreislaufwirtschaft unterstützen kann. Sich diesen umfassenden Themen während einer zweitägigen Veranstaltung zu widmen, hat zwar zu einer gewissen Besorgnis geführt, aber auch zu einem gemeinsamen Optimismus, neue Wege zu finden, mit denen diese Themen adressiert werden können. Dabei stand im Fokus, sich auf die Vorteile eines präventiven, statt eines kurativen Ansatzes zu konzentrieren und den Nährboden für einen sozialen Wandel in einem gemeinschaftlichen Markt zu bieten, der die Zweiteilung zwischen “privat” und “öffentlich” vermeidet.

S&S: Die Welt scheint immer kleiner zu werden; grenzüberschreitende Kooperationen werden auch in der Philanthropie immer wichtiger. Was sind Ihre Erfahrungen?

Salole: Das wachsende Interesse und auch die Notwendigkeit grenzüberschreitender Zusammenarbeit hat tatsächlich zu neuen Partnerschaften und neuen Wegen der Kooperation geführt: Stiftungen ändern die Art und Weise, wie sie arbeiten, und nutzen verschiedene Ressourcen und Netzwerke, um gemeinsam mit Partnern die vordringlichen Themen unserer Zeit effektiver in Angriff zu nehmen. Das EFC unterstützt diese Entwicklung durch viele verschiedene Aktivitäten. Im Fokus steht dabei natürlich das European Foundation Statute, denn dieses würde internationale Stiftungsarbeit um so vieles einfacher machen.

S&S: Was ist das wichtigste Ziel des European Foundation Statute und wie würde es die grenzüberschreitende Zusammenarbeit fördern?

Salole: Derzeit haben Stiftungen mit vielen gesetzlichen Hürden zu kämpfen, wenn sie in Europa grenzüberschreitend tätig werden wollen. Das European Foundation Statute bietet Stiftungen eine einfache, kosteneffektive Lösung, um staatenübergreifend zu fördern sowie um Gemeingüter jenen Gemeinden und Bürgern zukommen zu lassen, die bedürftig sind. Das Statute fokussiert sich auf die Bürger und zielt auf eine Verbesserung der Möglichkeiten des öffentlichen Raums ab, um sich europaweit zu entwickeln und zu wachsen. Wie Sie wissen, konnten die Vertreter der 28 EU-Mitgliedstaaten am 19. November in Brüssel keinen Konsens zum Thema European Foundation Statute erreichen – eine verpasste Chance und ein herber Rückschlag für Stiftungen, Gemeinden und Bürger vor Ort. Nun müssen die neue EU-Kommission und das Präsidentschaftstrio des Rats der Europäischen Union (Italien, Litauen, Luxemburg) darüber entscheiden, ob die Initiative im Gesetzgebungsprozess 2015 bleibt oder ob ein neuer Ansatz verfolgt wird.

S&S: Sie haben wieder und wieder betont, dass Stiftungen ihre Rechenschaftspflicht und die Transparenz ihrer Arbeit verbessern müssen. Warum ist das Ihrer Meinung nach so wichtig? Wie kann die Stiftungsarbeit für Außenstehende noch transparenter gemacht werden?

Salole: Ohne Verantwortlichkeit und Transparenz sind wir kein legitimer und seriöser Akteur in der Gesellschaft. Dabei hilft es aber niemandem, wenn einfach große Informationsmengen zur Stiftungsarbeit zugänglich gemacht werden. Vielmehr muss glaubwürdig über die Arbeit Rechenschaft abgelegt werden. Zu diesem Zweck haben wir die “Principles of Good Practice” erlassen. Außerdem bieten wir Stiftungen fortwährend die Möglichkeit, durch Veranstaltungen, Publikationen und Weiterbildungsmaßnahmen die Themen Verantwortlichkeit und Transparenz zu adressieren. Mit dem Philanthropy House öffnen wir unsere Türen für alle, die ein Gefühl dafür bekommen möchten, was Stiftungen eigentlich machen und wie sie arbeiten. Verantwortlichkeit und Transparenz sind die Eckpfeiler von Vertrauen – und Vertrauen wiederum ist der Dreh- und Angelpunkt für die Wirksamkeit unserer Arbeit. Wenn man uns nicht vertraut und wenn wir uns selbst nicht vertrauen, können wir unsere Arbeit nicht machen. Es ist dieses grundlegende Vertrauen, das es auch unseren Partnern und Begünstigten ermöglicht zu verstehen, dass es Zeiten beschränkter Transparenz gibt – zum Beispiel wenn eine volle Offenlegung der Arbeit oder den Begünstigten Schaden zufügen könnte, etwa wenn es um die Förderung gewisser Länder oder Themen geht. Wir behalten diese Themen im Blick, einschließlich besorgniserregender Aspekte wie zum Beispiel Regularien, die aus Bestrebungen gegen die Finanzierung von Terrorismus entstehen, die aber gleichzeitig Einfluss haben auf Nonprofit-Organisationen sowie das Stiftungsrecht in Europa und weltweit.

S&S: Ein großer Teil der Mitgliedsbeiträge des EFC kommt nicht aus Europa, sondern aus den USA. Welche Rolle spielen US-amerikanische Stiftungen für die Arbeit des EFC und warum engagieren sich amerikanische Stiftungen für das europäische Stiftungswesen?

Salole: Von Anfang an hat das EFC jenen amerikanischen Stiftungen, die nach Möglichkeiten des Ausbaus der philanthropischen Infrastruktur suchen, den Zugang zu Europa ermöglicht. US-amerikanische Stiftungen können mithilfe des EFC verstehen, was in Europa passiert, wie Europa funktioniert und wie dies wiederum die internationale Agenda beeinflusst – und wie sie wirkungsvoll und zeitnah agieren können. US-Stiftungen haben festgestellt, dass es vorteilhaft ist, in die Stärkung der Leistungsfähigkeit der europäischen Zivilgesellschaft und in eine themenbezogene Interessenvertretung zu investieren, da dies eine Möglichkeit ist, gemeinsame Ideen und Positionen weiterzuentwickeln. Sie schauen auch nach Europa, um Partner für globale Themen zu finden.

S&S: Was sind die Ziele des EFC für die nächsten Jahre?

Salole: Im nächsten Jahr wollen wir uns einen neuen Strategieplan geben. Natürlich wird das Gebiet der Politik und die Arbeit unserer verschiedenen thematischen Netzwerke im Mittelpunkt stehen. Diese beiden Gebiete bilden sich als das Herzstück unserer Ausrichtung heraus und es wird Veranstaltungen, Weiterbildungen und andere Informationskanäle geben, um dies zu unterstützen. Wie schon gesagt, müssen Stiftungen und Politik noch deutlich enger zusammenarbeiten und den kontinuierlichen Dialog suchen, um gemeinsame und sich ergänzende Ansätze zu finden und konkrete gemeinschaftliche Aktivitäten zu unternehmen. Nur so können wir in Europa einen echten Unterschied machen. Unsere thematischen Netzwerke verdeutlichen die Gesinnung des EFC bezüglich gemeinsamer Zielsetzungen und Zusammenarbeit. Diesen Wissens- und Erfahrungsaustausch planen wir noch weiter voranzutreiben und ein noch größeres Publikum anzusprechen.

S&S: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Dr. Stefan Stolte.

Interview als kostenfreier PDF-Download

Zur Person

Gerry Salole, geboren am 15. Dezember 1954 in Addis Abeba, verheiratet, zwei Kinder. Studium der Sozialanthropologie und Afrikanischen Geschichte an der University of London; Promotion in Philosophie an der University of Manchester. Seit 2005 Geschäftsführer des European Foundation Centre (EFC). Zuvor tätig als Repräsentant des südafrikanischen Büros der Ford Stiftung in Johannesburg, als Leiter des Bereiches Programmdokumentation und Kommunikation der Bernard van Leer Stiftung in Den Haag, für die Save the Children Federation (USA) in Äthiopien und Zimbabwe sowie Redd Barna (Norwegische Sektion von Save the Children), OXFAM UK und UNHCR in Äthiopien. Vorsitzender von TrustAfrica, einer unabhängigen Stiftung, die 2006 in Dakar, Senegal, zur Förderung des Friedens, der wirtschaftliche Entwicklung und sozialen Gerechtigkeit auf dem afrikanischen Kontinent gegründet wurde.

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