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Gespräche

ERZBISCHOF ROBERT ZOLLITSCH

Nach Einschätzung des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz stiften sehr viele Menschen aus dem Gefühl christlicher Verantwortung heraus, um langfristig Gutes zu tun und Werte zu fördern. Kirchliche Stiftungen sieht er als einen Baustein im großen Gebäude des kirchlichen Lebens. Im Interview mit Stiftung&Sponsoring spricht Erzbischof Robert Zollitsch über das Engagement von Stiftern als lebendige Zeugnis des Glaubens.

Foto: Deutsche Bischofskonferenz

S&S: Schätzungen des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen zufolge existieren in Deutschland etwa 30.000 kirchliche Stiftungen. Die beiden großen christlichen Kirchen stehen damit für einen überaus bedeutenden, aber bislang wenig bekannten Teil der deutschen Stiftungslandschaft. Hat die Kirche selbst einen Gesamtüberblick, wie viele kirchliche Stiftungen es tatsächlich gibt, welche gemeinnützigen Zwecke sie verfolgen und in welchem Umfang dies geschieht?

Zollitsch: Die Katholische Kirche in Deutschland ist vielfältig gegliedert. Neben den 27 Bistümern gibt es zahlreiche andere kirchliche Organisationen und Gemeinschaften mit rechtlicher Selbstständigkeit. Viele von diesen Organisationen, darunter Kirchengemeinden und Ordensgemeinschaften, haben kirchliche Stiftungen errichtet, um ihre Aufgaben vor allem im Bereich der Caritas, aber auch in Kunst und Kultur oder im schulischen Bereich wahrzunehmen. Aufgrund dieser Vielfalt der kirchlichen Stiftungslandschaft sind keine genauen Zahlen verfügbar. In zahlreichen Bistümern existieren aber Stiftungsregister, die gegenwärtig auch weiter ausgebaut werden.

S&S: In den letzten ungefähr 30 Jahren ist die Zahl der weltlichen Stiftungen so stark gestiegen, dass viele von einem „Stiftungsboom“ sprechen. Ist die Entwicklung der kirchlichen Stiftungen ähnlich verlaufen?

Zollitsch: Auch im Bereich kirchlicher Stiftungen verzeichnen wir – regional durchaus unterschiedlich – eine deutlich steigende Tendenz. Dabei erfreut sich vor allem das Modell der Dachstiftung zunehmender Beliebtheit. Unter ihr können auch kleinere Treuhandstiftungen errichtet und verwaltet werden, die einen wichtigen Beitrag zum kirchlichen Leben in der Fläche unseres Landes leisten.

S&S: Kirchliche Stiftungen werden sowohl von Kirchen als auch Privaten gegründet. Wie bewegen Sie Menschen zum Stiften? Betreibt die Kirche echtes “Fundraising” in diese Richtung, vielleicht auch Erbschaftsmarketing?

Zollitsch: Viele Stiftungen werden aufgrund privater Initiative vor Ort ins Leben gerufen. Menschen erkennen, dass es Handlungsbedarf gibt und ganz bestimmte kirchliche Aufgaben nur mit einem großen Maß an Eigeninitiative verwirklicht werden können. Natürlich betreibt die Kirche auch zunehmend professionelles Fundraising. Gerade bei uns im Erzbistum Freiburg haben wir dazu eine eigene Stelle im Ordinariat eingerichtet, die auch für unser Stiftungsmarketing zuständig ist.

S&S: Im Jahr 1990 wurden nach Aussagen der Deutschen Bischofskonferenz noch 293.000 Menschen durch die Taufe in die katholische Kirche aufgenommen. Zwanzig Jahre später sind es nur noch 170.000. Demgegenüber steht eine hohe Zahl von Kirchenaustritten: Im Jahre 2011 kehrten 126.000 Katholiken der Kirche den Rücken zu. Was bedeutet das Ihrer Meinung nach für die zukünftige Entwicklung der kirchlichen Stiftungslandschaft?

Zollitsch: Ich sehe keine Hinweise, dass die Zahl der Kirchenaustritte sich auf die Stiftungslandschaft auswirkt. Wer eine Stiftung gründet oder sich in einer kirchlichen Stiftung engagiert, gehört ja gerade zu jenen Katholiken, die sich ihrer Kirche in besonderer Weise verbunden fühlen.

S&S: Neben einigen wenigen kirchlichen Stiftungen wie etwa der evangelischen Stiftung Frauenkirche Dresden oder der katholischen Stiftung Geburtshaus Papst Benedikt XVI. ist das Wirken kirchlicher Stiftungen der breiten Öffentlichkeit eher unbekannt. Wäre mehr Transparenz nicht eine große Chance, um den Menschen das gute Wirken kirchlicher Stiftungen nahezubringen und sie dafür zu begeistern?

Zollitsch: Diese Transparenz existiert, aber sie besteht vor allem vor Ort, wo diese Stiftungen unmittelbar tätig sind. Jede Kirchengemeinde, auf deren Gebiet eine kirchliche Stiftung aktiv ist, weiß genau, welche Mittel dieser Stiftung zur Verfügung stehen und mit wie vielen Erträgen sie jährlich zu rechnen hat. Das Wissen darüber steht den interessierten Gläubigen zur Verfügung. Gerade auf der lokalen Ebene wird eine sehr gute Öffentlichkeitsarbeit gemacht. Ich sehe auch, dass die großen kirchlichen Stiftungen intensiv über ihre Arbeit berichten. Hier hat sich durch ein zeitgemäßes Marketing vieler kirchlicher Stiftungen einiges verbessert. Darüber hinaus werben eine Reihe von Diözesen sehr aktiv für den Stiftungsgedanken in der Kirche.

S&S: Die Ergebnisse einer Befragung von Stifterinnen und Stiftern hat vor ein paar Jahren die Vermutung nahe gelegt, dass gläubige Menschen eher dazu neigen zu stiften als solche, die sich nicht als gläubig bezeichnen. Welche Rolle spielt aus Ihrer Erfahrung der christliche Glaube bei der Entscheidung, zu stiften oder zu spenden?

Zollitsch: Wer stiftet, möchte einen aus seiner Perspektive wichtigen kirchlichen Stiftungszweck nachhaltig, also über die Zeit der eigenen Lebensspanne hinaus, verwirklichen. Tatsächlich sind sehr viele Stifterinnen und Stifter, übrigens auch im Bereich der nichtkirchlichen Stiftungen, religiös. Sie handeln aus dem Gefühl christlicher Verantwortung heraus und finden in der Form der Stiftung ein geeignetes Instrument, um langfristig Gutes zu tun und einen bestimmten Wertekanon zu fördern.

S&S: Kann man sogar sagen, dass sowohl besonders tragische als auch besonders glückliche Ereignisse und Lebensschicksale Menschen gleichermaßen zum Glauben als auch zum Stiften führen?

Zollitsch: Tragische und glückliche Ereignisse eines Menschen können in ihm den Glauben wecken – auch den Zweifel. In dieser Spannung lebt der Mensch und ist er seinem Glauben ausgesetzt. Dies kann durchaus Anlass sein, zu überlegen, wie man über den eigenen Tod hinaus Gutes tun kann.

S&S: Die Ursprünge des altruistischen Stiftungswesens sehen viele in der Entstehung der christlichen Lehre; tatsächlich findet sich in vielen alten Stiftungsurkunden “pro salute anima”, also eine Widmung für das eigene Seelenheil. Auch der Passauer Domprobst Heinrich ließ im 12. Jahrhundert in der von ihm gestifteten Kirche Ardagger auf sein Fenster schreiben: “Für dieses Bauwerk möge Gott meine Sünden heilen.” Meinen Sie, es gäbe ohne denGedanken der Sündentilgung und die Lehre vom Fegefeuer heute überhaupt so viele Stiftungen?

Zollitsch: Die heutigen Stiftungen werden zahlreich errichtet, weil Menschen etwas Gutes tun wollen und darin einen Sinn und die Förderung von Werten sehen. Mit Ihrer Interpretation wäre ich auch bei alten Stiftungen eher vorsichtig. Sehr oft handelte es sich um Formulierungen einer damaligen Konvention, die nicht unbedingt etwas über die wirklichen inneren Motive eines Stiftungshandelns aussagt. Positiv gewendet können wir sagen, dass der Wunsch nach Dauer ein Stiftungshandeln durchaus motiviert, auch der Wunsch, dass etwas über den eigenen Tod hinaus irdisch sichtbar bleibt.

S&S: Hat das Stiften auch heute (noch) eine theologische Bedeutung, mit anderen Worten: Gilt die Zusage noch, dass Stiften und Spenden – ganz im Sinne des “pro salute anima” – die Seele rettet?

Zollitsch: Nein!

S&S: In der säkularen Stiftungswelt wurde immer wieder die Frage nach der Legitimität von Stiftungen diskutiert. Kritiker sehen Stiftungen als undemokratische, intransparente Gebilde, die in erster Linie dem Stifter ein Denkmal setzen und der “Herrschaft aus dem Grab” dienen. Gibt es in der Kirche vergleichbare Diskussionen um die Legitimität von Stiftungen?

Zollitsch: Im kirchlichen Bereich begegnen die Argumente so nicht, auch aufgrund der ungebrochenen Stiftungstradition. Kirchliche Stiftungen sind meist vor sehr langer Zeit oder von einer großen Gruppe von Menschen gemeinsam errichtet worden. Ihre Verwaltung geschieht durch Menschen, die kein persönliches Interesse an solchen Stiftungen haben, die also mit solchen Stiftungen weder Steuern sparen noch von solchen Stiftungen ein persönliches Einkommen erwarten. Für uns besteht die Herausforderung eher darin, Stiftern zu vermitteln, dass sie mit ihrem Engagement einen gestalterischen Beitrag zum Wirken der Kirche und der Verkündigung des Evangeliums leisten können.

S&S: Im Jahr 2009 hat der Arbeitskreis Kirchen des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen “Grundsätze guter kirchlicher Stiftungspraxis” verabschiedet. Die Evangelische Kirche und die Deutsche Bischofskonferenz haben sich dem angeschlossen. Wenn diese Grundsätze explizit Verhaltensmaximen aufstellen, wie die “Orientierung am Stifterwillen” oder die “Erfüllung gesetzlicher Auskunftspflichten”, suggeriert dies beim unbefangenen Leser, dass dies (noch) nicht für alle kirchlichen Stiftungen selbstverständlich ist. Glauben Sie, dass die Grundsätze tatsächlich einen “wunden Punkt” treffen?

Zollitsch: Die Grundsätze treffen keinen wunden Punkt, sondern sie stellen fest, was zum Standard einer guten Stiftungsverwaltung gehören soll. Sowohl weltliche als auch kirchliche Stiftungen haben sich in den letzten Jahren auf den Weg hin zu einer Verwaltung von Stiftungen gemacht, wie die Grundsätze sie nach heutiger Auffassung beschreiben. Dies bedeutet für so manche ältere Stiftung einen Kulturwechsel, der nicht von gleich auf jetzt erfolgt.

Das Gespräch führte Erich Steinsdörfer.
Das vollständige Interview ist in Stiftung&Sponsoring 6/2012 erschienen.

Interview als kostenfreier PDF-Download

Zur Person

Erzbischof Dr. Robert Zollitsch kam am 9. August 1938 in Philippsdorf (Filipovo, im damaligen Jugoslawien) zur Welt. Nach Flucht und Vertreibung gelangte die Familie 1946 nach Oberschüpf im Landkreis Tauberbischofsheim (Erzdiözese Freiburg). Von 1960 bis 1964 studierte Zollitsch Theologie und Philosophie als Priesteramtskandidat in Freiburg i. Br. sowie München
und absolvierte die pastoral-praktische Ausbildung im Priesterseminar St. Peter im Schwarzwald. Er wurde am 1965 in Freiburg zum Priester geweiht. 2003 ernannte Papst Johannes Paul II. ihn zum Erzbischof von Freiburg. Im selben Jahr wurde er zum Bischof geweiht und in sein Amt als 14. Erzbischof von Freiburg eingeführt. Seit 2008 ist Zollitsch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. 2010 erfolgte die Berufung zum Mitglied des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisierung durch Papst Benedikt XVI.

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