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Akteure & Konzepte

Gespräche

Horst Köhler, Bundespräsident

Die gesellschaftlichen Herausforderungen können nach Ansicht des Bundespräsidenten Horst Köhler nur im Zusammenwirken von Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gemeistert werden. Den Beitrag des Dritten Sektors sieht er vor allem darin, eine Kultur der Gemeinsamkeit zu schaffen, der sich alle zugehörig fühlen.

Interview in S&S Ausgabe 1 / 2009 Foto: Bundespräsidialamt

S&S: Herr Bundespräsident, Markt und Staat, das hat die Entwicklung der letzten Zeit doch gezeigt, stoßen an Grenzen ihrer Gestaltungsmöglichkeiten und ihrer Stabilität. Wird der Dritte Sektor in Zukunft, auch in einem globalen Maßstab, eine gestaltende Rolle übernehmen können?

Köhler: Auch in Zukunft wird gelten: Weder der Staat noch die Wirtschaft noch die Zivilgesellschaft können allein die Lösung für alle Herausforderungen bieten. Richtig – und gut – ist, dass in den vergangenen Jahren fast überall auf der Welt die Bedeutung des Dritten Sektors erkannt wurde. In immer mehr Ländern entwickeln sich zivilgesellschaftliche Institutionen und tragen ihrerseits zu einer guten Entwicklung bei – beispielsweise in Afrika oder Asien. Das ist sehr zu begrüßen, denn viele Probleme lassen sich nur mit einer starken Zivilgesellschaft überwinden. Andererseits warne ich vor Überfrachtung eines Sektors. Es geht immer um ein gutes Zusammenspiel aller Akteure.

S&S: In Ihrem Amt haben Sie sich von Anfang an den konkreten Herausforderungen gestellt, mit denen unsere Gesellschaft konfrontiert ist. Und Sie haben immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass vor allem bürgerschaftliches Engagement zu ihrer Lösung beitragen kann. Hat sich diese Erwartung erfüllt?

Köhler: Demokratie braucht Bürger, die von Herzen mitgehen. Engagierte Menschen schaffen Gemeinsamkeit und machen unsere Gesellschaft lebens- und liebenswerter. Hinzu kommt, dass wir vor Herausforderungen stehen, die wir nur gemeinsam bewältigen können. Ich denke beispielsweise an die Frage, wie Menschen, die zugewandert sind, besser integriert werden können. Oder wie wir es schaffen, die Pflege älterer Menschen würdig und gut zu gewährleisten. Und ich glaube, dass immer mehr Verantwortliche verstehen, dass es um die richtige Aufgabenteilung und eine wechselseitige Ergänzung geht – auch weil es in vielen Bereichen ohne Hauptamt kein Ehrenamt geben würde.

S&S: Welches Beispiel hat Sie besonders beeindruckt?

Köhler: Ich habe so viele beeindruckende Personen kennengelernt und so viele gute Projekte gesehen, dass es schwer ist, eines herauszuheben – Lehramtsstudenten, die Deutschunterricht geben für Kinder aus Familien, die zugewandert sind, ehrenamtliche Mediationsprojekte, Senioren, die Patenschaften für Grundschüler übernommen haben oder junge Menschen, die sich in der Hospizarbeit engagieren. Und die vielen guten Projekte, die Freiwilligenagenturen und Bürgerstiftungen initiiert haben, oder auch das Engagement von vielen Unternehmen – vom Bäckermeister bis zum Großkonzern. Da kann es keine abschließende Liste geben. Eines ist aber allen Beispielen gemeinsam: Es stehen immer engagierte Menschen dahinter, die sich mit viel Elan, Zeit und Ideen einbringen, und damit unserem Gemeinwesen und auch sich selbst etwas Gutes tun. Und eben oft auch sehr motivierte Hauptamtliche und Strukturen, die diese enorme Bereitschaft zum Engagement bestärken.

S&S: Sehr deutlich haben Sie die Eliten in unserem Lande ermutigt, der Gesellschaft mehr zurückzugeben und sie aufgefordert, sich daran zu messen, was sie für die Allgemeinheit bewirken. In den letzten Jahren war dann angesichts überzogener Vergütungen eher das Gegenteil zu beobachten: Ist Ihr Appell gescheitert?

Köhler: Zunächst ist zu fragen, was eigentlich eine Elite ausmacht – sicherlich nicht allein Gehalt und Besitz. Ich glaube, dass die meisten Menschen ihrer Verantwortung für unser Gemeinwesen auch über das Zahlen von Steuern hinaus gerecht werden. Nachdenklich stimmt mich, dass gerade diejenigen überproportional viel geben, die nicht mit materiellen Gütern reich gesegnet sind. Einerseits ist das ein gutes Zeichen, denn es zeigt, wie stark der Solidargedanke in der Mitte unserer Gesellschaft verankert ist. Andererseits ist es gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wichtig, dass jeder die Verantwortung trägt, die er übernehmen kann. Und die breiteren Schultern können nun mal mehr tragen als die schmalen – das steht auch hinter dem Satz „Eigentum verpflichtet“. Wohlstand bringt eine besondere Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft mit sich, denn letztlich beruht jeder noch so verdiente wirtschaftliche Erfolg immer auch auf Leistungen anderer.

S&S: Im Rahmen der Feier zum 60-jährigen Bestehen des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen überreichten Sie dem Unternehmer Michael Otto [S&S 6/2008, S. 6 ff.] die Medaille für Verdienste um das Stiftungswesen. Warum sind solche Vorbilder wichtig?

Köhler: Michael Otto ist ein Mann, der viel für unser Land bewirkt hat – und zwar nicht nur als Unternehmer, sondern auch als Stifter und Mäzen. Mit Tatkraft, Ideen und nicht zuletzt auch mit ansehnlichen Spendenbeträgen hat er einen nachhaltigen Beitrag für unser Gemeinwesen in Deutschland und über unsere Grenzen hinaus geleistet. Das ist ein großes, facettenreiches Werk. Es geht hier aber beileibe nicht nur um sein finanzielles Engagement. Vor allem geht es um das Bekenntnis, das aus diesem Engagement spricht: Das ist mein Land, hier fühle ich mich zugehörig und dafür tue ich etwas. Unsere freiheitliche Gesellschaft braucht solche gemeinwohlorientierten Anstifter, auch als Vorbilder.

S&S: Sie gelten als überzeugter Förderer der Stiftungsidee. Worin sehen Sie die besonderen Möglichkeiten von Stiftungen und ihre besonderen Herausforderungen in der näheren Zukunft?

Köhler: Stiftungen sind unabhängig und können auch einmal im positiven Sinne widerspenstig sein. Ihre Zwecke sind so vielfältig wie unser Land, sie kümmern sich oft um Themen fernab des gesellschaftlichen Mainstreams. Und sie wirken nachhaltig, wobei man ehrlicherweise dazu sagen muss, dass dies alles erst ab einem gewissen Kapitalvolumen wirklich gesichert ist. Ein ausreichendes Stiftungskapital aufzubauen, ist für die meisten Stiftungen eine große Herausforderung. Das wird gelegentlich bei der Freude über die große Zahl von Neugründungen von Stiftungen übersehen. Hier wäre es oft besser, wenn sich mehrere Stifter zusammentäten, um einen gemeinsamen Kapitalstock aufzubauen.

S&S: Bürgerstiftungen haben Ihre besondere Aufmerksamkeit und Unterstützung gefunden; sie sind als Bewegung noch jung und wurden lange wegen ihres regelmäßig kleinen Anfangskapitals belächelt. Stellvertretend für alle haben Sie das zehnjährige Jubiläum der Bürgerstiftung Wismar gefeiert. Wo sehen Sie den besonderen Wert dieser Initiativen?

Köhler: Bürgerstiftungen stärken das Verantwortungsgefühl für das eigene, manchmal auch schwierige Umfeld, und sie stiften auf diese Weise Gemeinschaft. Das ist vielleicht das Wichtigste, denn für das Funktionieren unserer Gesellschaft brauchen wir eine Kultur der Gemeinsamkeit, der sich alle zugehörig fühlen. So bewegen Bürgerstiftungen viel mehr, als ihr oft geringer Kapitalstock vermuten lässt. Und das in den unterschiedlichsten Bereichen: generationenübergreifende Projekte, Integration, Bildung, Natur und Umwelt oder Kultur. Dank ihrer guten Arbeit, ihrer Verwurzelung in den Kommunen und nicht zuletzt wegen ihrer Transparenz können die Bürgerstiftungen auch beim Kapital ein rasantes Wachstum verzeichnen. Mir wurde berichtet, dass jetzt die erste Bürgerstiftung dank eines großzügigen Vermächtnisses die 10-Millionen-Euro-Grenze übersprungen hat. Aber wie gesagt: Geld ist nicht alles, sondern viel mehr zählen Gemeinschaft und Vielfalt.

S&S: Immer mehr Menschen und Unternehmen in Deutschland engagieren sich in Stiftungen. Sie haben selbst mit vielen Stiftern gesprochen. Was erklärt Ihrer Erfahrung nach diese zunehmende Bereitschaft zum Stiften?

Köhler: Einen Satz habe ich immer wieder gehört. Er lautet: „Ich habe eine Stiftung gegründet, weil ich etwas zurückgeben wollte.“ Und das haben mir Unternehmer, die hohe dreistellige Millionenbeträge aus ihrem Privatvermögen in eine Stiftung eingebracht haben, genauso gesagt wie Bürgerstifter, die nur sehr wenig Geld geben konnten. Andere Menschen teilhaben zu lassen, sich um das Gemeinwesen zu kümmern, das gehört für viele Menschen zum persönlichen Glück dazu.

S&S: Angesichts der Finanzkrise sind viele Menschen beunruhigt und verunsichert; teilweise wurde viel Geld verloren. Kehrt sich vor diesem Hintergrund der Trend um, stehen wir vor einem Ende zivilgesellschaftlichen Engagements? Bedroht diese Krise unser Gemeinwesen?

Köhler: Ich glaube, dass diese Krise unser Gemeinwesen auch stärken kann, weil die Menschen sehen, wie begrenzt irdische Güter sind. Worum es doch letztlich geht, sind Werte, menschliche Nähe, Anerkennung. Natürlich hat die Finanzkrise bedrohliche Auswirkungen für die Arbeit einiger Stiftungen. Aber so, wie es im Moment aussieht, haben wir in Deutschland zum Glück bei den Stiftungen noch keine extremen Verluste zu beklagen.

S&S: In der Finanzkrise könnte vielleicht auch eine Chance für gemeinnützige Aktivitäten gesehen werden. Wie sehen Sie die Rolle nachhaltigen bürgerschaftlichen Engagements in unruhigen Zeiten?

Köhler: Krisenzeiten sind immer auch Zeiten der Selbstvergewisserung: Was gibt uns Halt, was gibt uns Heimat? Wo gehöre ich hin? Das sind wichtige Fragen in unserer globalisierten Welt. Ich bin davon überzeugt, dass jetzt noch mehr Menschen erkennen, wie viel es wert ist, das eigene Umfeld mitzugestalten. Darin liegt eine Chance, aus der Krise letztlich gestärkt hervorzugehen. Es kommen schwierige Zeiten, aber es liegt vor allem an uns selbst, wie wir diesen Schwierigkeiten begegnen. Eines hat die Finanzkrise ganz deutlich gezeigt: wie wichtig Vertrauen ist – nicht nur auf den Finanzmärkten, sondern auch als gesellschaftliche Ressource. Denn nur wer vertraut, wer sich geborgen fühlt, ist wirklich offen für Neues und in der Lage, sich für andere einzusetzen. Das ist ein sich selbst verstärkender Prozess, denn das Gefühl, eine Heimat zu haben, beflügelt Engagement, und das Engagement wiederum schafft Gemeinschaft und Heimat.

S&S: Stiftungen und Stiftungsbereitschaft leben von Rechtssicherheit und vom Vertrauen in stabile Rahmenbedingungen, die der Staat setzt. Was ist zu tun, damit das gegenseitige Vertrauen wächst und gesichert werden kann?

Köhler: Transparenz, Offenheit, einen gemeinsamen Nenner, eine gemeinsame Sprache haben – das sind alles wichtige Bausteine, um eine Vertrauensbasis zu schaffen und zu stärken. Und das gilt natürlich auch für jede Form des Miteinanders in einer Gesellschaft. Stiftungen sollten transparent machen, was sie tun. Auch hier sind übrigens die Bürgerstiftungen vorbildlich. Das stärkt das Vertrauen der Gemeinschaft, die sie ja schließlich steuerlich begünstigt. Außerdem wirken Vorbilder am besten, wenn erkennbar ist, was sie tun. Auch hier gelten die Gesetze des Marktes: wer hat die besten Ideen, die innovativsten Konzepte, die wirklich erfolgreichen Projekte? In unserem Land geschieht viel mehr Gutes, als wir oft wahrnehmen. Ich weiß von Stiftungen mit wirklich großen Vermögen, die nicht einmal im Internet zu finden sind. Das ist zwar lobenswert bescheiden von den Stiftern, aber es animiert andere nicht unbedingt, diesem Beispiel zu folgen.

S&S: Durch das Gesetz zur weiteren Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements hat der Staat 2007 deutliche Verbesserungen vorgesehen. Was kann nun von Stiftungen und anderen gemeinnützigen Einrichtungen erwartet werden? Köhler: In der Tat, die rechtlichen Rahmenbedingungen sind verbessert worden, vor allem für Stiftungen. Und im Gegenzug sollte der gemeinnützige Sektor noch transparenter werden. Vertrauen beruht auf Gegenseitigkeit. Die Novelle des Gemeinnützigkeitsrechts hat aber auch die Grenzen staatlicher Förderung aufgezeigt. Denn letztlich wird die Motivation, sich zu engagieren, doch viel mehr aus dem Gefühl gespeist, sich zugehörig zu fühlen und mit anderen Menschen etwas bewegen zu können, als aus erhöhten steuerlichen Freibeträgen. Insofern ist das eine Frage unserer bürgerschaftlichen Kultur, bei der wir alle gefordert sind.

S&S: Nicht nur zu Hause muss etwas getan werden. Sie versuchen oft, auf die Missstände in anderen Teilen der Welt aufmerksam zu machen. So oft wie keiner Ihrer Amtsvorgänger haben Sie Afrika besucht und eine „Partnerschaft auf Augenhöhe“ angemahnt. Warum engagieren Sie sich gerade für diesen Teil der Welt? Wo sehen Sie die größten Herausforderungen?

Köhler: Schon in meiner Antrittsrede habe ich gesagt, dass sich die Menschlichkeit unserer Welt am Schicksal Afrikas entscheidet und dass es eine Frage unserer Selbstachtung in Europa ist, dass wir uns dort wirklich engagieren. In Afrika leben rund eine Milliarde Menschen, viele von ihnen in existenzieller Armut. Wir dürfen da nicht wegsehen, wenn wir unsere Vorstellung von Humanität ernst nehmen. Zudem verfügt Afrika auch wirtschaftlich über ein riesiges Potenzial. Uns muss noch stärker zu Bewusstsein kommen, dass unser eigenes Schicksal auf vielfältige Weise mit dem Afrikas verknüpft ist, von Flüchtlingsströmen bis hin zum Klimawandel. Übrigens: Wir können von den Afrikanern vieles lernen, Lebensfreude und Kreativität zum Beispiel und nicht zuletzt Gemeinsinn.

S&S: Im Mai dieses Jahres steht die Neuwahl des Bundespräsidenten an. Was haben Sie sich für eine mögliche weitere Amtszeit für die Stärkung der Zivilgesellschaft vorgenommen?

Köhler: Wenn ich wiedergewählt werden sollte, dann werde ich weiterhin versuchen, viel unterwegs zu sein, um das Engagement der Menschen zu würdigen. „Danke“ zu sagen, das ist mir wichtig. Da gibt es im Kleinen große Persönlichkeiten, die viel bewegen für die Gemeinschaft.

S&S: Sie selbst sind auch Stifter. Im Jahre 2006 gründeten Sie gemeinsam mit Ihrer Gemahlin die „Eva Luise und Horst Köhler Stiftung“. Was hat Sie dazu bewogen, diese Stiftung zu gründen und worin besteht ihr Zweck?

Köhler: Mit Hilfe der Stiftung wollen wir uns für die etwa vier Millionen Menschen einsetzen, die in Deutschland von Chronischen Seltenen Erkrankungen betroffen sind. Meine Frau engagiert sich auch sehr für die Allianz Chronischer Seltener Erkrankungen ACHSE. Die Betroffenen haben große Probleme, auch weil sie häufig durch das Raster des Sozialund Gesundheitssystems fallen. Eine besondere Herausforderung ist der lange Weg von der Erkrankung zur Diagnose und der Mangel an Wissen über diese Krankheiten und ihre Heilung. Hier setzt die Stiftung an, indem sie Projekte zur Verbesserung der Forschung und Therapie von seltenen Erkrankungen in Deutschland fördert.

S&S: Herr Bundespräsident, haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch.

Zum Interview

Zur Person

Prof. Dr. Horst Köhler, evangelisch, geboren am 22.4.1943 im polnischen Skierbieszów als siebtes von acht Kindern, verheiratet, zwei Kinder. 1976 Eintritt in den öffentlichen Dienst, zuletzt von 1990 bis 1993 Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen. Anschließend Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, von 1998 bis 2000 Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London und bis 2004 Geschäftsführender Direktor des Internationalen Währungsfonds in Washington. Seit 1.7.2004 Bundespräsident.

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