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ANJA LANGENBUCHER, Europa-Direktorin der Bill & Melinda Gates Foundation

Anja Langenbucher, Europa-Direktorin der Bill & Melinda Gates Foundation, im Gespräch mit der S&S-Redaktion über die Attraktivität der deutschen Hauptstadt für Stiftungen.

S&S: Mit der amerikanischen Bill & Melinda Gates Foundation, der ungarischen Open Society Foundation und dem britischen Wellcome Trust haben die größten und kapitalstärksten philanthropischen Organisationen der Welt jüngst Büros in Berlin eröffnet. Was macht die deutsche Hauptstadt so attraktiv für die Gates Foundation und Stiftungen generell?

Langenbucher: Wir haben im Oktober 2018 unser Büro in Berlin eröffnet. Neben dem Büro in London, das seit 2010 besteht, ist die Stiftung damit nun an zwei europäischen Standorten präsent. Berlin ist ein idealer Ort für unser neues Büro, weil die Stadt über eine einzigartige Forschungslandschaft und eine lebendige Zivilgesellschaft verfügt und für uns im Mittelpunkt Europas ist. Von Berlin aus möchten wir unsere Partnerschaften in Deutschland vertiefen und die Aktivitäten der Stiftung in ganz Kontinentaleuropa weiter ausbauen.

S&S: Glauben Sie, dass durch die Umzüge ein Domino-Effekt ausgelöst werden könnte, auch in Hinblick auf den Brexit oder die angespannte Situation, die in etlichen europäischen Ländern für Stiftungen herrscht?

Langenbucher: Für uns ist entscheidend, dass Deutschland einer der wichtigsten Akteure in dem weltweiten Kampf gegen Krankheiten und Armut ist. Die Bundesrepublik ist nicht nur zweitgrößte Geberin weltweit für Entwicklungszusammenarbeit, sondern auch Vorkämpferin für globale Gesundheit. In Berlin wird die europäische Politik maßgeblich mitgestaltet und damit kommt Deutschland eine besondere Verantwortung zu. Wir wollen mit der verstärkten Präsenz in Berlin dafür werben, dass Deutschland seine Stärken auch im Bereich der globalen Gesundheit noch besser einsetzt.

S&S: Beim Grand Challenges Meeting, das im Oktober erstmals in Berlin stattfand, wurde angekündigt, dass sich das Bundesforschungsministerium (BMBF) an der Grand Challenges Africa der Gates Foundation beteiligen wird, um afrikanische Wissenschaftler zu fördern, die zur Mutter-Kind-Gesundheit forschen. Was ist das Besondere an dieser Kooperation?

Langenbucher: Internationale Kooperation ist in Wissenschaft und Forschung ebenso zentral wie in anderen Bereichen. Denn es geht darum, große Herausforderungen zu meistern und die globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung zu erreichen. Es ist wirklich toll zu sehen, wie die neue Grand-Challenges-Initiative die Zusammenarbeit mit afrikanischen Forscherinnen und Forschern verstärkt.

S&S: Nun arbeitet die Gates Foundation nicht nur mit der WHO und Regierungen, sondern auch mit anderen NGOs und Vertretern der Zivilgesellschaft zusammen. Mit welchen Akteuren wollen Sie von Berlin aus stärker zusammenarbeiten, als dies bisher vom EU-Büro in London aus geschehen ist?

Langenbucher: Die Gates Stiftung hat die Zusammenarbeit mit der Bundesregierung und der Zivilgesellschaft in Deutschland über viele Jahre hinweg ausgebaut. Daran möchten wir anknüpfen. Mit unserem neuen Berlin-Büro können wir die Partnerschaften in Deutschland vertiefen und die Aktivitäten der Stiftung in ganz Kontinentaleuropa weiter ausbauen. Wir hoffen dabei verstärkt einen gesamteuropäischen Blickwinkel zu wählen und Synergien zwischen den verschiedenen europäischen Mitgliedsstaaten auszuloten. Das wird insbesondere in diesem Jahr sehr wichtig werden angesichts der europäischen Parlamentswahlen und den bevorstehenden Veränderungen in der Kommission.

S&S: Der Stiftungssektor empfängt die neu hinzugezogenen Stiftungen mit offenen Armen, etwa in Form eines Arrival Programms des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. Wie erleben Sie das?

Langenbucher: Viele unserer Partner in Deutschland haben uns ermutigt, diesen Schritt nach Berlin zu gehen. Diese Unterstützung spüren wir hier jeden Tag. Der Bundesverband Deutscher Stiftungen ist eine Hilfe und es freut uns, so willkommen zu sein.

S&S: Was hat die Stiftung in der Zeit ihres Wirkens über sich und ihre Arbeit gelernt – auch im Hinblick auf Fehlschläge, die sie in Kauf genommen haben?

Langenbucher: Wir verstehen uns als eine lernende Institution. Natürlich achten wir stets darauf, unsere Ressourcen so einzusetzen, dass ein größtmöglicher Nutzen für alle Beteiligten entsteht, im Sinne des Aufbaus von „Public Goods“. Gleichzeitig sind wir uns darüber bewusst, dass eine einzelne Institution nie alle Antworten haben kann. In den ersten Jahren der Stiftungsarbeit haben wir uns zum Beispiel auf technische Lösungen für den Kampf gegen Armut und Krankheiten konzentriert. Heute investieren wir auch in die Stärkung von Systemen im Gesundheitsbereich. Nur so können Maßnahmen wie Impfprogramme nachhaltig Erfolg haben.

S&S: Bill Gates hat im „Annual Letter 2015“ gewettet, dass sich in den nächsten 15 Jahren das Leben armer Menschen schneller verbessern wird als je zuvor. Liegt diese Zuversicht allein an der rasanten Weiterentwicklung der Datentechnologie?

Langenbucher: Bill Gates bezeichnet sich selbst als einen ungeduldigen Optimisten. Dieses Selbstverständnis prägt auch die Arbeit unserer Stiftung. Die Weltgemeinschaft hat enorme Fortschritte gemacht. Im Jahr 1950 lebten drei Viertel der Menschen in extremer Armut – heute sind es 10 Prozent. Im Jahr 1990 starben jedes Jahr 12,7 Millionen Kinder unter fünf Jahren. In den vergangenen 25 Jahren haben wir diese Zahl halbiert. Es ist möglich, diese Erfolgsgeschichte fortzuschreiben. Um dies zu erreichen, sind wir auf das Engagement von Geberländern wie Deutschland angewiesen. Außerdem brauchen wir große Ideen und Innovationen. In Deutschland können diese großen Innovationen hervorgebracht werden. Dazu ist es wichtig, dass Wissenschaft und Privatwirtschaft eng zusammenarbeiten. Außerdem sollten wir dafür sorgen, dass die Investitionen in Forschung und Entwicklung in den Life Sciences steigen. Berlin könnte so zu einem internationalen Zentrum für globale Gesundheitsforschung werden und damit ein maßgeblicher Treiber für Fortschritt auf der Welt.

S&S: Haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

"Berlin ist ein idealer Ort für unser neues Büro"


Zur Person

Anja Langenbucher ist Direktorin des Europäischen Büros der Bill & Melinda Gates Foundation. In dieser Rolle leitet sie die Strategie, Überzeugungsarbeit, Regierungsbeziehungen und Kommunikationsakti vitäten in Europa. Mit ihrem Team baut sie strategische Beziehungen zu verschiedenen Interessengruppen in ganz Europa auf, darunter Regierungen, Institutionen der Zivilgesellschaft und Medien. Bevor sie 2011 zur Gates Foundation kam, arbeitete Anja Langenbucher für die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) in einer Reihe von Funktionen, darunter die Leitung des Programms für technische Hilfe der EBWE. Ihre Karriere begann Anja Langenbucher bei der Boston Consulting Group in München nach einer Promotion und dem Studium der Wirtschaftswissenschaften. (www.gatesfoundation.org)


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