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ANDREAS PINKWART, Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen

„Die Digitalisierung erfasst und durchdringt alles, was Stiftungen tun“, so Prof. Dr. Andreas Pinkwart, Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen, im Gespräch mit der Redaktion von S&S.

Andreas Pinkwart

S&S: Sehr geehrter Herr Professor Pinkwart, stehen wir vor einer digitalen Revolution?

Pinkwart: Tatsächlich befinden wir uns bereits mitten in der zweiten digitalen Revolution. Nachdem wir in den letzten Jahrzehnten weitgehend das Weltwissen von analog auf digital umgestellt haben, geht es jetzt um den nächsten Entwicklungsschritt. Chancen und Herausforderungen begegnen uns dabei in allen Lebensbereichen. Es gilt der Dreiklang: Alles, was vernetzt werden kann, wird vernetzt, alles was digitalisiert werden kann, wird digital, alles was automatisiert werden kann, wird automatisiert. Insofern können wir abschätzen, was sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren verändern wird.

S&S: Welche Start-Ups haben Sie in letzter Zeit persönlich beeindruckt?

Pinkwart: Mit Streetscooter und e.GO Mobile aus Aachen sind mir junge Unternehmen aufgefallen, die als Ausgründungen aus der RWTH Aachen die Mobilität verändern. Und dies nicht nur im Bereich der Elektromobilität. Durch die Neuentwicklung des Elektrobusses wird das autonome Fahren und damit der öffentliche Personennahverkehr neu gedacht. Beeindruckt hat mich auch IOX LAB. Das Sieger-Start-up des letztjährigen GRÜNDERPREISES NRW entwickelt seit 2015 intelligente und vernetzte Produkte aus dem Bereich Internet of Things und beeindruckt mich nicht zuletzt mit Düsseldorfs erstem menschenähnlichem Roboter – vollständig erschaffen aus einem 3D-Drucker.

S&S: Zu den im Zusammenhang mit der Digitalisierung oftmals geäußerten Befürchtungen gehört die Vorstellung, dass Roboter und Algorithmen in großer Zahl Arbeitsplätze verschwinden lassen. Wie müssen die beruflichen Handlungsfähigkeiten bzw. die Kompetenzen von (älter werdenden) Beschäftigten nachhaltig gestärkt werden?

Pinkwart: Die Digitalisierung eröffnet zahlreiche Chancen, nicht nur im Blick auf unsere Demografie. Von der Kita bis zum Pflegeheim: Vielfach beklagen wir einen Personalengpass und damit auch einen schlechten Service. In dem Maße, in dem die Digitalisierung Prozesse vereinfacht, können freiwerdende Ressourcen für eine Verbesserung der Qualität eingesetzt werden. Nicht nur in der Medizin, sondern auch im Handel, in der Bildung und in anderen Bereichen würde uns dies bereichern. Schließlich muss die Digitalisierung dem Menschen dienen und nicht umgekehrt. Zukünftig werden sich Berufsbilder und Kompetenzen der Arbeitnehmer wandeln. Hierzu müssen wir die kommunikativen, kreativen und sozialen Kompetenzen ebenso stärken wie die analytischen Fähigkeiten der Beschäftigten.

S&S: Sind wir als Gesellschaft auf die anstehen den digitalen Veränderungen vorbereitet? Braucht es eine systematische Vermittlung von medientechnischen, -pädagogischen und -ethischen Kompetenzen, gerade auch für diejenigen Bevölkerungsgruppen, die nicht zu den „Digital Natives“ ge hören?

Pinkwart: Nicht nur im Bildungsbereich, sondern auch im gesellschaftlichen Diskurs hinken wir noch weit hinterher. Die digitale Veränderung muss nicht nur Gegenstand in den Schulen und Hochschulen sein, sondern auch im Alltag diskutiert werden. Dabei sollten nicht nur die so genannten „Digital Natives“ den Ton angeben, – vielmehr müssen alle Bevölkerungsteile mit eingebunden werden – auch und gerade die ältere Generation.

S&S: Die räumliche und zeitliche Flexibilisierung von Arbeit durch die Digitalisierung ist einerseits Chance für Betriebe und Beschäftigte, etwa bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, andererseits sind Informationsflut und ständige Erreichbarkeit potenzielle gesundheitliche Risiken. Wie wird die Arbeit der Zukunft aussehen? Braucht es hier eine politische Regulierung?

Pinkwart: Bevor wir über Regulierung sprechen, sollten wir erst einmal die Chancen der Digitalisierung ergreifen. Innerhalb des sich anschließenden Lernprozesses müssen wir stets die Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mitdenken. Gerade beim Thema Arbeitszeiten beschränken wir uns im Moment im Hinblick auf die Digitalisierung eher zu sehr, statt im Interesse der Beschäftigten flexible Formen wirksam werden zu lassen. Sicherlich sollten wir Regeln haben, die uns vor Überforderung schützen. Auf der anderen Seite müssen wir uns aber auch fragen, ob andere Regelungen nicht besser wären im Sinne der verbesserten Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Belastung, wie sie mancher beklagt, hat häufig auch etwas mit schlechten Prozessen der Digitalisierung und unzureichender Kompetenzvermittlung im Umgang mit den neuen Medien zu tun. Aktuell befinden wir uns in einer Übergangsphase von analog zu digital. Das fordert natürlich in ganz besonderer Weise heraus. Je schneller wir uns auf die Digitalisierung einlassen, desto schneller können wir auch insgesamt Prozesse vereinfachen und damit die Überforderung senken.

S&S: Bleiben wir noch kurz beim Thema Regulierung: Noch nie war die meinungsbildende Öffentlichkeit pluraler und zerfaserter, in Teilen sicherlich auch emotionaler. Die Politik versucht, mit dem Netzdurchsetzungsgesetz auf Hetze im Netz zu reagieren. Sie sieht sich aber mit Problemen konfrontiert, z. B. hinsichtlich der juristischen Kompetenzen in den Löschzentren der Betreiber oder der Instrumentalisierbarkeit des Gesetzes. Welche Schritte müssen von Politik und Wirtschaft noch getan werden? Wie (frei) wer den sich die Diskurse der digitalen Gesellschaft in Zukunft entwickeln?

Pinkwart: Hier sollte man sicherlich nicht überreagieren und zu stark regulieren. Wichtig ist der gesellschaftliche Diskurs über den verantwortungsvollen Umgang mit den Medien. Die Eigenverantwortung ist gesetzlichen Regelungen zunächst vorzuziehen. Denn die Meinungsfreiheit ist entscheidend für einen demokratischen Rechtsstaat und darf nicht eingeschränkt werden. Erst recht nicht durch private Unternehmen, welche vermeintlich versuchen, die Freiheit des Einzelnen sicherzustellen. Grundsätzlich gilt es zu beantworten, ob der Bund für die Regulierung von Telemedien im Umgang mit rechtswidrigen Inhalten seine Gesetzgebungszuständigkeit überschreitet.

S&S: Damit zusammenhängend: Wie kann der digitale Raum als Ort gesellschaftlichen Engagements genutzt und gefördert werden? Welche Rolle können Stiftungen dabei spielen?

Pinkwart: In unserer Gesellschaft ist die Digitalisierung nicht nur mit Chancen, sondern auch mit Vorbehalten und Ängsten verbunden. Als vergleichsweise neutrale Plattformen können Stiftungen dabei helfen, Wissen und Kompetenzen zu vermitteln. In dem sie frühzeitig Themen identifizieren und mutig vorantreiben – etwa zur digitalen Bildung – können sie zudem eine Pionierfunktion einnehmen.

S&S: Viele Anforderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, etwa das Vorhandensein von technischen Infrastrukturen, IT-Sicherheitsstandards oder der erwähnte Erwerb von Kompetenzen, gelten für eine Vielzahl von privaten und staatlichen Akteuren, auch für Stiftungen. Wo sehen Sie den größten Lernbedarf in Sachen Digitalisierung für Stiftungen? Gibt es einen „Digital Divide“ in der durchaus sehr heterogenen Stiftungswelt?

Pinkwart: Alles, was Stiftungen auf der organisatorischen Ebene betreiben, wird von der Digitalisierung er fasst und durchdrungen. Sie müssen sich demnach fra – gen, was sie zukünftig bei einer steigenden Nutzung digitaler Geräte oder Prozessen anders oder auch besser machen können. Andererseits werden auch die inhalt lichen Aufgaben von Stiftungen von der Digitalisierung in besonderer Weise beeinflusst. Dabei steht fest: Nicht jede Stiftung kann alles machen. Am Ende wird man sich auf thematische Schwerpunkte konzentrieren müssen. Damit kann eine komplementäre Wirkung entfaltet werden.

S&S: Aus welchen Best-Practice-Beispielen, vielleicht auch aus der Start-up-Szene, können Stiftungen lernen, zum Beispiel was andere Möglichkeiten der Beteiligung von Projektpartnern, Ehrenamtlichen und Zielgruppen angeht?

Pinkwart: Im Sinne des Open-Innovation-Ansatzes – gemeint ist hier die Öffnung des Innovationsprozesses von Organisationen – können Stiftungen lernen, sich strategischen Verbundpartnern zuzuwenden. Dabei ermöglichen gerade die Zusammenarbeit mit Hochschulen und die internationale Öffnung vielfältige neue Perspektiven für Stiftungen.

S&S: Um noch einmal auf den digitalen Diskurs zurückzukommen – inwiefern ist der Status der Gemeinnützigkeit von Stiftungen in der Kommunikation über Social Media ein Vertrauensvorteil?

Pinkwart: Durch den Status der Gemeinnützigkeit wird Stiftungen möglicherweise ein höheres Maß an Neutralität beigemessen. Im Kern geht es um die Legitimität ihrer Arbeit, die sie sich immer wieder neu, auch durch hohe Qualitätsstandards und das gebotene Maß an Neutralität, verdienen müssen.

S&S: Ein großes Thema für Stiftungen ist die Digitalisierung der Bildung. So bieten digitale Medien neue, niedrigschwellige sowie chancengerecht gestaltete Möglichkeiten der Vermittlung durch adaptive Lernsoftware und „Game Based Learning“. In welchen weiteren Förderbereichen sehen Sie Einsatzmöglichkeiten von digitalen Lösungen?

Pinkwart: Wie bei der Bildung spielt die Digitalisierung in nahezu allen Lebensbereichen eine wachsende Rolle. Insofern ergeben sich auch in anderen Themenfeldern, wie der Umwelt und Wissenschaft, Gesundheit und Sport, Kunst und Kultur, Religion und Kirche oder Internationales, vielfältige Chancen für die Nutzung digitaler Lösungen.

S&S: Haben Sie eigentlich eine persönliche Digital-DetoxStrategie?

Pinkwart: Ich habe eine flexible Strategie der digitalen Entgiftung. Dadurch bekomme ich meinen Kopf immer wieder frei.

S&S: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Andreas Pinkwart: "Die Digitalisierung erfasst und durchdringt alles, was Stiftungen tun"


Zur Person

Prof. Dr. Andreas Pinkwart (FDP) ist seit dem 30.6.2017 Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen. Nach einer Ausbildung zum Bankkaufmann studierte er bis 1987 Volks- und Betriebswirtschaftslehre in Münster und Bonn, wo er 1991 promovierte. Im Anschluss leitete er das Büro des Vorsitzenden der FDP Bundestagsfraktion, Dr. Hermann Otto Solms, bevor er seine wissenschaftliche Laufbahn mit Professuren in Düsseldorf und Siegen fortsetzte. 2002 wurde er Mitglied des Deutschen Bundestags und Landesvorsitzender der FDP in Nordrhein-Westfalen. Von 2005 bis 2010 war er als Minister für Innovation, Wissenschaft, Forschung und Technologie sowie Stellvertretender Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen tätig. 2011 erfolgte der Wechsel zurück in die Wissenschaft. Bis Juni 2017 war Prof. Pinkwart Rektor der HHL Leipzig Graduate School of Management und Lehrstuhlinhaber für Innovationsmanagement und Entrepreneurship.


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